Während der ersten ein oder zwei Meilen Fußmarsches hatte ich das Gefühl verfolgt zu werden. Aber es war sicher nur meine Einbildungskraft. Meine Nerven lagen blank, die Dunkelheit machte mir zu schaffen. Missouri machte mir zu schaffen. Das war hier nicht die verdammte Wildnis, es gab im Umkreis von hunderten von Meilen nichts anderes als seit Generationen gezähmtes Farmland, aber ich war in der Stadt aufgewachsen. Das Weite, Offene machte mich so nervös wie einen Präriehund, der sich zu weit von seinem Bau entfernt hatte und über sich die Raubvögel kreisen spürte.
Nach fünf weiteren Meilen - der Himmel im Osten färbte sich bereits anthrazitgrau - wurde mir schließlich klar, dass ich gerade dabei war, mir ganz gewaltige Schwierigkeiten einzuhandeln.
Zwar hatte das Weiße Konzil Justins Tod letztendlich als Akt der Selbstverteidigung gewertet, dennoch hatten sie mich mit dem Bann des Damokles belegt: Was hieß, dass ich die kommenden Jahre unter der Aufsicht des Wächters McCoy stand, und keinen einzigen Schritt tun durfte, der nicht von ihm abgesegnet worden war.
Der alte Schotte stand üblicherweise im wahrsten Sinne des Wortes mit den Hühnern auf und verlangte von mir dasselbe. Wenn ich sofort kehrt machte, könnte ich es noch schaffen, wieder zurück zu sein, bevor er festgestellt hatte, dass ich verschwunden war.
Es wäre vernünftig umzukehren. Aber ich war nicht vernünftig. Ich verließ statt dessen die Straße, um parallel zu ihr in den Maisfeldern weiter zu laufen, von wo man mich von der Straße aus nicht sehen konnte.
Fünf Minuten später begann es zu regnen. Gerade noch rechtzeitig genug kam ich auf die Idee, die Plastiktüte, in der Bob versteckt gewesen war, über meine Tasche zu ziehen, damit der Regen, der das Leinen bereits durchdrungen hatte, nicht auch noch meine Klamotten darin nass machte. Gegen alles andere konnte ich nichts ausrichten. Meine Jeansjacke war nicht dazu gemacht Regen abzuhalten. Das feine Nieseln wurde immer dichter und die Maisstauden, deren Blätter mich beim Gehen ständig streiften, taten ihr Übriges, um mich in kurzer Zeit bis auf die Haut zu durchnässen.
Gegen Mittag hielt ich an, um die Hotdogs auszupacken und drei der Würstchen zu essen. Es kostete mich einige Überwindung, die anderen wieder wegzustecken, denn die letzte anständige Mahlzeit hatte ich gestern Mittag gehabt. Das Abendessen zählte nicht, da ich ja selbiges vor einigen Stunden wieder auf dem Fußboden meines Schlafzimmers verteilt hatte.
Ich wünschte ich hätte die Pause nutzen können, um mich hinzusetzen. Meine Beine taten vom ungewohnt langen Laufen auf dem unebenen Untergrund weh, aber die nassen Lehmbrocken zwischen dem Mais sahen nicht wirklich einladend aus.
Denk positiv, Harry, ermahnte ich mich, Der Regen ist dein Freund, dein Verbündeter. Fließendes Wasser erschwerte jeden Zauber oder machte ihn sogar unmöglich: Und das war auch der einzige Grund, aus dem McCoy mich nicht bereits wieder eingesackt hatte.
Am späten Nachmittag war ich dann so weit - so verdammt müde, hungrig, nass und durchfroren - dass ich am liebsten vor Erschöpfung, Selbstmitleid, Wut auf meine eigene Dummheit und die Ungerechtigkeit der Welt allgemein zu heulen angefangen hätte.
Ich wollte ein normales Leben! Hätte ich die Wahl, ich würde sofort mit jedem anderem in meinem Alter tauschen. Was gäbe ich darum, dass das Schlimmste, worüber ich mir den Kopf zerbrechen müsste, wäre wie ich es schaffe, dass eine der Cheerleader endlich mit mir ausginge.
Was gäbe ich darum, dass mein schlimmster Alptraum der wäre, nackt vor der ganzen Klasse an der Tafel zu stehen und die Rechenaufgabe nicht lösen zu können.
Und
was verdammt noch mal gäbe ich darum, dass die schlimmste Bedrohung,
die ich mir vorstellen kann, die wäre, dass der Schulhoftyrann aus
der Klasse über mir meine neue Jacke abziehen wollte.
All
diejenigen, die sich vorstellten, wie toll es doch wäre an meiner
Stelle zu sein, die sich danach sehnten, die Fähigkeit zu haben
Feuerbälle zu verschießen, sich unsichtbar zu machen, magische
Wesen zu rufen und zu bannen, die wussten nicht, wie hoch der Preis
dafür war!
Irgendwann blieb ich stehen um die verbliebenen drei Würstchen zu essen, hatte danach aber immer noch Hunger. Trotz besseren Wissens pflücke ich einen der Maiskolben und schälte ihn aus seinen Blättern. Natürlich war er noch unreif und ungenießbar. Ich warf ihn fort, ging weiter. Nicht um an irgendein Ziel zu kommen, sondern einfach aus purer Sturheit. Und deswegen, weil wenn ich stehen blieb, das Wasser in der Pfütze unter mir sich bis zu den Knöcheln sammelte.
Was für ein Teufel hatte mich bloß geritten, als ich auf die hirnverbrannte Idee gekommen war, abzuhauen? Ich hätte umkehren sollen, als es noch möglich gewesen war. Jetzt hatte McCoy auf der Suche nach mir sicherlich bereits die ganze Gegend abgefahren, war mit jeder verstrichenen Stunde verärgerter geworden. Vielleicht hatte er bereits die anderen Wächter informiert und sie waren gemeinsam auf der Suche nach mir. Ich spürte, wie es mich trotz des Regens heiß überlief: Wenn mich einer dieser Fanatiker wie Donald Morgan fand, musste ich mir um eine irgendwie geartete Strafe keine Sorge mehr machen, denn das hier würde dann die letzte Dummheit sein, die ich jemals begangen hatte.
Während ich weiter durch Matsch und Pfützen stampfte, gestand ich mir ein, dass ich einfach Schiss hatte, umzukehren. Ich atmete einige Male tief ein, bevor ich mich durch die Dutzend Reihen Mais, die mich von der Straße trennten, kämpfte. Dort blieb ich wie der sprichwörtliche begossene Pudel stehen und starrte auf das Muster, das entstand als der Regen den Dreck von meinen Schuhen spülte und auf dem Asphalt verteilte.
"Ich bin nicht feige!", murmelte ich, und überquerte die Straße, um mich auf der anderen Seite daran zu machen, die selbe Strecke zurückzugehen, „Abgrundtief dämlich vielleicht, aber nicht feige."
Das, was mir nun wirklich die Tränen in die Augen trieb war der Gedanke, dass alle Mühe, die es mich gekostet hatte bis hierher zu kommen, völlig umsonst gewesen war.
Gott, ich war so müde. Was würde ich darum geben, nur eine Nacht wieder ordentlich durchschlafen zu können! Ein Königreich für traumlosen Schlaf und ein Bett. Ein trockenes, warmes, weiches Bett. Bilder erschienen vor meinem inneren Auge als ich zurück ging: Elaine und ich auf einem Haufen Decken vor dem Kamin, das Spiel des Feuerscheins auf der Rundung ihrer bloßen Schulter, ihrer Brust -
Flammen.
Elaine.
Ich hatte das Haus so gründlich niedergebrannt, dass man nicht einmal mehr Überreste von ihr gefunden hatte.
Ich spürte wie sich die Würstchen Richtung Speiseröhre drängten und übergab mich in den Straßengraben. Als ich Motorengeräusch hörte, drehte ich mich um und streckte den Daumen raus. Eine silberne Chevrolet Corvette wurde langsamer, der Fahrer, eine Frau, starrte in meine Richtung, gab wieder Gas. Ich konnte es ihr nicht wirklich verübeln.
In der folgenden Stunde kamen zwei weitere Autos die jedoch nicht einmal langsamer wurden.
Es waren keine Trucks unterwegs, bei denen die Chance mitgenommen zu werden am größten war. Die fuhren auf dem Highway und nicht auf einer beschissenen Landstraße wie dieser.
Als ich ein weiteres Fahrzeug hinter mir hörte, machte ich mir nicht mehr die Mühe den Daumen rauszustrecken, doch als es nah genug war, erkannte ich das Motorgeräusch eines Pickups. Ich wirbelte herum, stolperte unwillkürlich einige Schritte rückwärts. Doch es war nicht McCoys 37er Ford, sondern ein fabrikneuer Dodge mit grüner Plane über der Ladefläche. Er hielt neben mir und der Fahrer langte über den Beifahrersitz um die Tür zu öffnen.
"Steig ein, Junge!", brüllte er über das Trommeln des Regens auf der Karosserie hinweg.
Das ließ ich mir ganz sicher nicht zwei Mal sagen. Ich war neben ihn geklettert, kaum dass er das letzte Wort ausgesprochen hatte und versuchte so wenig wie möglich vollzutropfen oder mit meinen schlammigen Schuhen zu berühren. Der Fahrer war ein Mitvierziger mit rundlichem Gesicht, kurzgeschorenem grauem Haar, Schnäuzer und runder Brille mit Drahtgestell. Er wäre gut als Double von Präsident Roosevelt durchgegangen.
"Ich bin Charles", stellte er sich vor.
"Harry", antworte ich zähneklappernd.
"Wo willst du hin, Harry?"
"Dahin, wo's trocken ist und die Sonne scheint. Und es diese bunten Drinks mit Papierschirmchen gibt. Sandstrand wäre auch cool."
Meine Antwort erntete ein schmales Lächeln. Als ich angeschnallt war, gab Charles Gas und warf mir während des Fahrens prüfende Blicke zu.
"Von zu Hause abgehauen, hm?", bemerkte er.
"Ich bin volljährig", behauptete ich und fuhr mir dabei mit den Fingern durchs tropfende Haar um mein Gesicht zu verdecken, da ich wusste, dass ich ein verdammt schlechter Lügner war.
Aus den Augenwinkeln sah ich, dass er mich von oben bis unten musterte und konnte seine Gedanken fast hören: Groß und dürr, scharfe Züge, dunkle Augen, dunkle Haare, Habichtnase.
Nichts verriet, ob Charles mir die zwei zugedichteten Jahre abnahm. Er wies mit dem Daumen hinter sich.
"Da muss irgendwo eine Decke liegen."
"Danke."
"Ich fahre Richtung Dexter."
"Äh, okay. Das ist okay für mich", entgegnete ich lahm.
Keine Ahnung, warum ich ihm nicht einfach sagte, dass er mich bei der Farm rauslassen sollte. Vielleicht um mir alle Möglichkeiten offen zu lassen. Ich könnte ja immer noch Stop! rufen, wenn wir da waren und kein Morgan oder anderer Wächter mit gezücktem Schwert und Schaum vor dem Mund in Sichtweite herumstand.
Ich fand die Decke im vollgepackten Stauraum hinter den Sitzen unter einem Haufen vergilbter Prospekte für Farmerbedarf. Mein barmherziger Samariter hatte die Heizung bis zum Anschlag hochgedreht, die Scheiben begannen bereits zu beschlagen. Ich zog die Plastiktüte von meiner Tasche, versuchte nach einem frischen Shirt zu angeln und gleichzeitig Bobs Schädel außer Sicht zu halten. Dann schälte ich mich aus meiner triefenden Jacke und dem nicht weniger nassen T-Shirt um das trockene anzuziehen.
Als ich meinen Kopf aus dem Halsausschnitt steckte, sah ich die vor Schreck geweiteten Augen des Fahrers im Rückspiegel, der auf meinen bloßen Oberkörper starrte. Ich zerrte den Stoff hastig über meine feuchte Haut und zog mir die Decke eng um die Schultern. Nach knapp vier Wochen sah ich natürlich nicht annähernd mehr so schlimm aus wie an dem Tag, als die Wächter mich aus den Trümmern gefischt hatten, aber die Spuren waren noch sichtbar: Hauptsächlich mittlerweile schwefelgelb verfärbte Blutergüsse mit violettbraunen Rändern, die sich farblich mit der rosigen Haut, die sich über den Brandwunden gebildet hatte, bissen.
Charles schwieg und ich hoffte, dass er nicht dabei war zu überlegen, mich einfach bei der nächsten Polizeistation abzuliefern. He, das könnte lustig werden: "Die Verletzungen, Officer? Oh, die stammen von einem Dämon und meinem Ziehvater, den ich getötet habe, bevor er selbiges mit mir machen konnte. Ich versichere Ihnen, Sir, mein jetziger Vormund misshandelt mich nicht. Er wird mich nur buchstäblich einen Kopf kürzer machen, falls sich herausstellen sollte, dass ich ein unwiederbringlich verdorbener Schwarzmagier bin."
Ich verbarg mein verzerrtes Grinsen hinter einer Hand und hustete, doch Charles schien meine Grimasse nicht gesehen zu haben. Er starrte mit geistesabwesendem Blick in den Regen hinaus. Ich hatte ihn gerade als einen dieser seltenen Menschen eingeschätzt, die sich in Gesellschaft anderer nicht gezwungen sahen Konversation zu betreiben, weil die Stille sie störte, da streckte er die Hand aus, um das Radio anzuschalten. Irgendein Countrysänger ließ sich passender Weise über schlammige Reifen aus, bevor seine Stimme in lautem Pfeifen und Rauschen unterging. Charles drehte das Radio mit einer Grimasse ab und ich konnte mich gerade noch zusammenreißen um mich nicht zu entschuldigen.
Mea culpa. Magier und Technik kamen einfach nicht miteinander aus. Je moderner und komplexer die Elektronik, um so sicherer war es, dass sie in der Nähe von einem wie mir versagte.
Ich schloss die Augen, versuchte Zenmeister-mäßig gelassen zu bleiben und mir keine Sorgen um McCoys Empfang zu machen, damit um Himmels Willen nicht auch noch die Heizung auf die Idee kam, den Geist aufzugeben. Vielleicht könnte ich den größten Ärger noch einmal abwenden, da ich freiwillig zurück kam.
Mit dieser tröstlichen Vorstellung schlief ich schließlich ein.
