Das Holpern und langsamer Werden des Fahrzeugs weckte mich.
Ich versuchte den Schlaf aus den verklebten Augen zu blinzeln und sah mich um. Wir hielten unter dem Vordach einer Tankstelle. Der Regen war so dicht geworden, dass außer den Zapfsäulen, den Gebäuden und einigen Baumkronen daneben nichts zu erkennen war. Selbst die Straße, von der wir gekommen waren, lag unsichtbar hinter dem Wasserschleier.
"Wo sind wir?", erkundigte ich mich.
"Knappe zwanzig Meilen vor Grisham."
Eine Information, mit der ich überhaupt nichts anfangen konnte. Ich kannte gerade mal Hog Hollow und den Namen des benachbarten Ortes, da sich dort die Schule befand, auf die zu gehen ich das Glück haben würde, wenn die Ferien vorbei waren.
"Wie lange habe ich denn geschlafen?"
"Ungefähr eine Stunde." Charles zog den Schlüssel aus der Zündung, schnallte sich ab und griff nach seiner Jacke. "Ich muss tanken und will eine Kleinigkeit essen. Wie sieht's mit dir aus?"
"Ich zieh' mich um", verkündete ich und stieg steifbeinig aus dem Wagen.
Mein Kopf fühlte sich an wie mit Stahlwatte ausgestopft und in meinem Mund war ein Geschmack, als wäre darin etwas Kleines, Pelziges verwest.
Eine Stunde, verdammt. Das hieß, ich war von Hog Hollow wieder genauso weit - oder sogar noch weiter - entfernt wie ich es gewesen war, bevor ich mich hatte mitnehmen lassen. Großartig. Mit dem Entschluss meinem Fahrer nicht zu sagen, dass er mich bei der Farm rauslassen sollte, hatte ich zu meiner Liste der Fehlentscheidungen des Tages eine weitere, rekordverdächtig dämliche hinzugefügt.
Die Toiletten befanden sich auf der Rückseite des Gebäudes. Als ich den Waschraum betrat, verharrte ich mitten im Schritt. Auf der Farm gab es keine Spiegel, die - wie jeder Magier wusste - Pforten für ungebetene Gäste waren und auch anderweitig zweckentfremdet werden konnten. Die Spiegel hier erfüllten die ihnen zugedachte Aufgabe und zeigten mir, dass Bob wieder einmal recht gehabt hatte: Ich sah scheiße aus. In beiden Augen waren vor einiger Zeit Äderchen geplatzt, das Weiße war immer noch blutunterlaufen, und die Ringe unter meinen Augen wirkten so dunkel als hätte mir jemand draufgeschlagen. Meine Gesichtshaut wirkte straff und wächsern, und mein Blick ... Ich sah fort.
Zwar konnte ich mir trockene Shorts, Jeans und Socken anziehen, aber meine Turnschuhe waren leider die einzigen Paar Schuhe, die ich besaß. Nass waren sie ohnehin, also spülte ich den Schlamm im Waschbecken ab und versuchte sie mit Klopapier so trocken wie möglich zu bekommen. Dann kam ich auf die Idee nachzusehen, wie viel Geld ich hatte und durchwühlte meine Hosentaschen.
Nicht ganz fünf Dollar. Wow, damit wäre ich ja weit gekommen.
Als ich den Waschraum verließ sah ich Charles im Verkaufsraum verschwinden und folgte ihm. Er und der übergewichtige Tankstellenwart schienen sich zu kennen, sie begrüßten sich und begannen ein Gespräch über Fräsen und Weideschlepper.
Als ich zu dem Münzfernsprecher in der Ecke ging, konnte ich die Blicke der beiden in meinem Rücken spüren.
Ich ließ es bestimmt fünf Minuten klingeln. Erfolglos.
Es gab nur zwei Möglichkeiten: Entweder war McCoy dabei die Tiere zu füttern oder sonst wo auf der Farm unterwegs, wo er das Telefon nicht hörte. Oder er fuhr auf der Suche nach mir die Gegend ab. Ich bevorzugte ganz eindeutig die erste Option.
Charles saß im hinteren Teil des Raumes an einem der Tische und hatte vor sich einen Teller mit irgendetwas Gulasch-ähnlichem stehen, das unglaublich gut roch und meinen leeren Magen protestierend knurren ließ. Die Tafel über dem Tresen zeigte, dass es noch andere warme Gerichte zur Auswahl gab, leider jedoch auch, dass ich mir keines von denen leisten konnte. Ich schwankte also in der Wahl zwischen meinem Lieblingsschokoriegel und einem der Hefegebäckteilchen. Schließlich entschied ich mich für letzteres: Mehr Masse für das selbe Geld. Wenn ich noch genügend fürs Telefonieren übrig behalten wollte, reichte der Rest der Münzen gerade noch für einen Kaffee. Immerhin etwas Warmes.
Ich nahm meinen Teller und Becher um Charles Gesellschaft zu leisten, als plötzlich etwas Graues in Kniehöhe auf mich zugeschossen kam. Ich fuhr vor Schreck einen Schritt zurück und goss mir dabei prompt heißen Kaffee über die Hand. Das haarige Etwas wurde einige Zentimeter vor meinem Oberschenkel von einer langen Plastikschnur gestoppt, das hysterische Bellen endete in einem Würgen, Knurren und wurde erneut zum schrillen Bellen. Das Vieh schnappte nach meinen Beinen, aber die improvisierte Leine reichte zum Glück nicht bis dahin wo ich stand.
"Skipper! Bist du völlig irre?! Aus! Aus, du verrückter Köter!"
Der Tankwart kam hastig hinter der Theke hervorgewatschelt, packte die Leine und zog den kläffenden Hund zu sich wie ein Angler einen zappelnden Hai beim Hochseefischen. Schließlich bekam er ihn am Halsband zu packen und schob das tobende Tier zur Hintertür, wo er es in den angrenzenden Raum sperrte.
"Tut mir leid," entschuldigte er sich schnaufend, "So hat er sich noch nie aufgeführt! Ich weiß wirklich nicht, was in ihn gefahren ist. Wahrscheinlich wird er jetzt echt langsam alt und wunderlich."
"Ist schon okay", murmelte ich, setzte mich auf die freie Bank und leckte mir den Kaffee vom Handrücken. Es tat weh. Nicht die Verbrühung, sondern dass alle Tiere so auf mich reagierten. McCoy hatte zwar prophezeit, dass sich das mit der Zeit geben würde, aber das war mir momentan kein wirklicher Trost.
Der Kaffee schmeckte nach Chlor und war so bitter, dass ich ihn selbst mit fünf Löffeln Zucker kaum trinken konnte. Dazu passend hatte das Gebäck die Konsistenz von saccharindurchtränkter Pappe. Ich hätte doch den Schokoriegel kaufen sollen. Heute war wirklich der Tag der Fehlentscheidungen.
"Niemanden erreicht?", fragt Charles.
Ich hob fragend den Kopf. Charles wies mit seiner Gabel Richtung Telefon.
"Ach so. Nein." Ich ließ das Waterloo des Bäckereihandwerks liegen und nutzte den Rest des Kaffees um mir am Becher die Hände zu wärmen, anstatt mir damit die Magenschleimhäute zu verätzen. "Danke, dass Sie mich mitgenommen haben. Ich bleibe hier und warte, bis ich abgeholt werde."
Charles antwortete nicht sofort, er aß gewissenhaft die letzten Bissen seines Gulaschs und wischte die Soße mit einem Stück Brot vom Teller. Ich bemühte mich nicht draufzustarren und zu sabbern.
"Bist du sicher?", erkundigte Charles sich schließlich.
"Ja. Und danke noch mal."
Er nickte, stand auf und zog seine Jacke an.
"Jerry", verabschiedete er sich von dem Tankwart.
"Willst du noch 'nen Kaffee?", fragte mich dieser als er zum Tisch kam und die leeren Teller einsammelte, "Geht auf Kosten des Hauses. Immerhin hast du deinen fast wegen des dummen Köters verschüttet."
Ich zögerte und war tatsächlich in Versuchung das Angebot anzunehmen - wenn man den Becher halb voll Zucker machte, konnte man das Zeug fast trinken. Als ich dann doch dankend ablehnte, öffnete sich die Tür und Charles kam zurück.
"Was vergessen?", erkundigte sich Jerry.
"Nein. Die Schnürung der Plane ist gerissen, und ich bekomme sie alleine nicht mehr vernünftig fest. Hilft du mir?", fragte er mich.
"Klar."
Das schuldete ich ihm wohl. Ich rutschte aus der Bank um aufzustehen und ihm zu folgen.
Der Pickup stand mit dem Hinterteil noch unter dem Dach der Tankstelle, Charles hatte wohl erst im letzten Moment gemerkt dass etwas nicht stimmte, und war noch mal zurückgesetzt. Die halb angehobene Plane über der Ladefläche gab die Sicht frei auf irgendein landwirtschaftliches Gerät - Fräse, Egge, was auch immer. Charles trat um den Transporter herum.
"Du kannst das Seil hier straff halten damit ich es auf der anderen festzurren kann", bemerkte er, "Oder, halt - warte... " Er kramte im Werkzeugkasten auf der Ladefläche und beförderte unter einem großen Schraubschlüssel einen zusammengerollten Spanngurt zutage. "Hier."
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er ihn mir zuwerfen würde und war zu langsam um den Gurt aufzufangen.
"Sorry", murmelte Charles.
"Schon okay."
Ich schob meine Tasche auf den Rücken um mich zu bücken und den Gurt aufzuheben. Aus den Augenwinkeln sah ich noch eine Bewegung, bevor heftiger Schmerz in meinem Kopf explodierte und die Welt schwarz wurde.
