Wenn ich gefragt worden wäre, was ich am ehesten hätte loswerden wollen, ich hätte Schwierigkeiten gehabt mich zu entscheiden zwischen der Übelkeit, dem pochenden Schmerz in meinem Schädel oder der Kälte.
Obwohl letzteres wirklich ein Anwärter auf Platz 1 war. Meine Zähne klapperten so heftig, dass das Geräusch fast das Rauschen in meinem Kopf übertönte.
Nein, Moment - das Rauschen war nicht in meinem Kopf, es stammte von Wasser. Glaubte ich. Stöhnend tastete ich nach meinem Nacken und fand eine taubeneigroße Beule in der Höhe meines Haaransatzes.
"Es tut mir leid", erklärte eine brüske Stimme nicht weit von mir entfernt.
Ich öffnete die Augen und blinzelte in den Lichtkreis einer Campinglampe. Ich lag auf einer Art Pritsche und neben mir auf einem Schemel saß Theodor Roosevelt.
Es dauerte einige Sekunden, bis meine Erinnerungen wieder kamen.
Hog Hollow. Alptraum. Abgehauen. Trampen. Tankstelle. Teddy hieß in Wahrheit Charles und hatte mir eins übergebraten. Und jetzt entschuldigte er sich dafür.
Ich starrte den Mann ungläubig an, er musterte mich mit abweisendem Blick und hielt mir ein zusammengefaltetes, nasses Tuch hin.
"Hier, für deinen Kopf."
"Danke, mir ist schon kalt genug", lehnte ich ab.
Er zuckte mit den Achseln und legte das Tuch zurück.
"Wie du willst."
Ich setze mich auf, vorsichtig, da mir erstens schwindelig und übel war, und zweites weil sich nicht viel Platz über mir befand, da über der Pritsche, auf der ich gelegen hatte, eine weitere verlief.
Als ich meine Füße auf den Boden schwang, wurde die Bewegung von einem metallenen Rasseln begleitet. Ich sah hinab: Um meinen linken Knöchel lag eine Fußschelle, von der aus eine Kette irgendwo ins Dunkle lief.
"Erklären Sie mir, was das soll?", krächzte ich.
"Du bist ein Magier", stellte Charles fest, "Du trägst das Zeichen des Bösen." Er steckte eine Hand in die Jackentasche und zog eine Kette mit einem großen silbernen Pentagramm-Anhänger hervor. Unwillkürlich griff ich an meinen Hals, taste nach dem fehlenden Gewicht unter dem Ausschnitt meines T-Shirts.
"Geben Sie es mir zurück!", herrschte ich ihn an und sprang auf.
Das hieß, ich versuchte es. Die abrupte Bewegung zündete ein Feuerwerk hinter meinen Augen, ich griff nach der Pritsche und kämpfte mit tiefen Atemzügen gegen die Schwärze, die den bunten Farben folgte.
Charles war ebenfalls aufgestanden.
"Ganz bestimmt nicht!" Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, dass er meinen Anhänger zurück in seine Tasche gleiten ließ. "Das allein wäre nur ein schwacher Hinweis gewesen - immerhin gibt es heutzutage genügend Narren, die dieses Symbol tragen ohne zu wissen, was es damit auf sich hat. Aber dann war da noch die Sache mit dem Radio. Und dem Hund." Charles starrte mich an, schien darauf zu warten, dass ich etwas abstritt oder bestätigte, aber den Gefallen tat ich ihm nicht. Er streckte kampflustig das Kinn vor und verkündete: "Exodus, Kapitel 22, Vers 18: Für jene, die Magie anwenden soll der Tod die Strafe sein."
"Ziemlich freie Übersetzung, oder? In der King James-Ausgabe steht nur etwas von Hexen."
Jepp. Mein Mundwerk war wieder auf Autopilot.
Charles bückte sich mit versteinertem Gesicht, ohne mich aus den Augen zu lassen, griff neben den Campingstuhl und richtete sich mit einer Schrotflinte in den Händen wieder auf.
Er wird nicht schießen!, stammelte mein Verstand, Hätte er mich töten wollen, wäre dazu ausreichend Gelegenheit gewesen!
Aber was glauben Sie, wie schnell vernünftige Überlegungen sich in Nichts auflösen, wenn man in die Mündungsöffnungen einer zwölfkalibrigen Winchester sieht. Als Charles anlegte und entsicherte, dachte ich nicht mehr, sondern reagierte instinktiv.
Stellen Sie sich vor, Sie wollen einen Baseball auf ihren Gegner werfen - etwas Kleines, Hartes, Schnelles - und in dem Moment, in dem Sie werfen, spüren Sie, dass Sie stattdessen einen Medizinball-großen, nassen Schwamm loslassen. So erging es mir. Anstelle des Minizyklons, der meinen Gegner wie eine Vogelscheuche gegen die nächstbeste Wand geschleudert hätte, zerrte lediglich ein eisigen Luftzug an seiner Kleidung.
"Damit," stieß Charles hervor, und sein Gesicht war eine Maske grimmiger Genugtuung, "hast du gerade jeden Zweifel ausgeräumt und dich selbst überführt!"
"Und?", hörte ich mich sagen, "Darf ich mir jetzt aussuchen, ob ich erschossen, gesteinigt oder verbrannt werde?"
Charles' Mund verzog sich zu einem schmalen Strich. Er nahm die Waffe herunter, sicherte sie.
"Wir werden dich nicht töten", erklärte er, und ich hätte schwören können, dass ein flüchtiges Lächeln über seine Züge huschte, "Gott hat uns in seiner Gnade andere Wege und Mittel gezeigt, um die Menschheit vor jemandem wie dir zu schützen."
Damit klemmte er sich die Schrotflinte unter den Arm, klappte den Stuhl zusammen und ging.
Immerhin hatte er die Lampe da gelassen.
Ich schlang die Arme frierend um den Oberkörper und nahm meine Umgebung in Augenschein. Viel gab es nicht zu sehen: Der Raum war leer, die Einrichtung bestand lediglich aus einigen robusten Regalbrettern, die ich erst für Pritschen gehalten hatte. Sie waren bestimmt drei Zoll dick und breit genug um darauf aufrecht stehende Fässer zu lagern. Ich hatte den Eindruck, dass sie die gesamte Länge des Raumes einnahmen, konnte mir aber nicht sicher sein. Der Schein der Lampe reichte nicht bis zum anderen Ende der Hütte, und meine Fußfessel gestattete es mir nicht bis zur Tür, neben der die Lampe stand, zu gehen.
Wo von Moos und Algen grüngefärbte Stücke Putz von der Wand geblättert waren, zeigten sich die nackten, feuchten Steine einer Feldsteinmauer. Der Boden bestand aus vom Alter dunklen Balken, zwischen denen mehrere Zoll breite Lücken gelassen worden waren. Selbst wenn ich den Fluss darunter nicht hören, oder das Spritzwasser nicht hätte sehen können, hätte ich ihn gespürt. Die Wassermassen zerrten an meinem Unterbewusstsein und meinen Sinnen, wie etwas Schwarzes, Kaltes, Lebloses.
Auf manchen wirklich alten Farmen wie Hog Hollow gab es Eiskeller, in denen Nahrungsmittel schon lange vor der Erfindung von Kühlschränken frisch gehalten worden waren. Auf Höfen, über deren Gelände Bäche oder Flüsse verliefen, hatte man statt dessen weniger aufwändige aber ebenso effektive Quellhäuser errichtet. Wie dieses.
Ich war in einem gottverdammten Kühlschrank eingesperrt, der den selben Effekt hatte, wie der Regen draußen: Das fließende Wasser um mich herum machte es mir unmöglich Magie zu benutzen. Eines der alten Schwergewichte des Konzils hätte das vielleicht nicht behindert, mich schon. He, ich war sechzehn.
Ich ging zurück zum Regal, auf dem ich aufgewacht war, setzte mich und stützte den Kopf in die Hände. Wenn der Tag nicht noch schlimmer wurde, lag das allein daran, dass er bald zu Ende war.
Kaum das ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte ich Schritte. Der Riegel draußen an der Tür wurde umgelegt. Nicht Charles, sondern eine Frau kam herein; In der Linken hielt sie eine Taschenlampe, in der Rechten die Schrotflinte und einen tropfenden Regenschirm. Sie war um die Vierzig, mit Bluejeans und Holzfällerhemd bekleidet, ihr blonder Zopf hing unter einer roten Baseballkappe hervor. Sie stellte den Schirm an die Wand und hob die Waffe an ihre Hüfte. Jemand der keine Ahnung vom Schießen hatte, hätte vielleicht auf mich gezielt, um die Drohung wirkungsvoller zu machen. Der Frau hingegen schien klar, dass dies nicht nötig war - auf die Entfernung wäre jeder Schuss ein Treffer. Sie musterte mich mit undeutbarem Gesichtsausdruck.
"Du bleibst genau da sitzen, Junge, und rührst dich nicht", verlangte sie, vergewisserte sich, dass ich ihren Worten Folge leisten würde und trat dann an die Wand neben die Tür, um den Eingang frei zu geben.
"Komm rein, Joseph, langsam."
Der Angesprochene trat zögernd über die Schwelle. Er hielt ein Bündel mit beiden Armen an seine Brust gepresst, um seine rechte Armbeuge hing ein Picknickkorb.
"Komm schon."
Die Frau zielte zwar mit der Waffe in meine Richtung, aber ihre Aufmerksamkeit galt ihrem Begleiter. Der Mann trat zögernd einen kleinen Schritt weiter vor und geriet in den Lichtkreis der Campinglampe. Er war vielleicht Mitte, Ende fünfzig, etwas übergewichtig und hatte schulterlanges Haar, dass zusammen mit einem struppigen Vollbart sein rundliches Gesicht einrahmte. Regennasse Strähnen klebten ihm an Stirn und Wagen. Sein Mund stand offen und sein Blick huschte panisch durch den Raum.
"Joseph, komm rein", forderte die Frau ihn zum dritten Mal auf.
Der Mann gab ein langgezogenes Stöhnen von sich, tat jedoch wie ihm geheißen.
"Gut", lobte sie ihn, "Jetzt legst du alles hier hin und - "
Bevor sie zu ende sprechen konnte, hatte ihr Begleiter Bündel und Korb fallen gelassen, sich umgedreht und war mit einem wimmernden Laut zur Tür hinausgerannt. Von draußen erklang ein Poltern, ein Platschen und ein erstickter Schrei.
Ein Zucken lief über das Gesicht der Frau. Mit einem Tritt beförderte sie das Bündel in meine Richtung, schob den Korb etwas weniger rabiat, doch ebenfalls mit dem Fuß hinterher, bevor sie die Flinte sinken ließ, den Schirm packte und ihrem Begleiter nacheilte.
"Joseph!"
Die Tür fiel krachend zu, der Riegel wurde vorgelegt. Der Mann stieß einige unartikulierte, klagende Schreie und dann ein langgezogenes wütendes Heulen aus. Das dicke Holz der Tür und das Rauschen von Fluss und Regen verschluckte die Stimme der Frau und ließ mich kein einziges ihrer Worte verstehen.
Ich stand auf um zu sehen, was sie gebracht hatten. Das Bündel stellte sich als Schlafsack und als meine Tasche heraus. Ich wühlte letztere durch: Meine Kleidung war noch da, auch die nasse in der Plastiktüte. Das Einzige was fehlte, war Bobs Schädel.
Verdammt, verdammt, verdammt! Sie hatten ihn sicherlich nicht als Deko bei sich im Wohnzimmer auf den Kaminsims gestellt.
Mechanisch entledigte ich mich meiner Schuhe und Socken, schnürte den Schlafsack auseinander und breitete ihn auf der Pritsche aus um hineinzukriechen. Es war einer dieser Modelle mit doppeltem Reißverschluss, so das ich ihn trotz der verdammten Kette an meinem Bein schließen konnte. Dann fiel mir der andere Gegenstand ein, den mir die Frau und ihr Begleiter gebracht hatten. Ich befreite einen Arm aus dem Schlafsack, drehte mich auf den Bauch und zog den Korb zu mir heran. Sein Inhalt bestand aus einer Thermosflasche mit Kaffee, einer Tupperdose mit Eintopf und Campingbesteck aus Plastik. Ich zog den Deckel von der Schüssel: Chilli con Carne, noch heiß.
Den Verschluss mit einem Arm von der Thermosflasche zu schrauben gestaltete sich etwas mühsam, aber ich würde den Teufel tun mich wieder aus dem warmen Schlafsack zu schälen.
Endlich hatte ich es geschafft, goss den Kaffee in den Plastikbecher um zu trinken und spuckte den ersten Schluck beinah wieder aus. Er war genauso bitter wie der, den ich in der Tankstelle getrunken hatte, nur gab es hier keinen Zucker, um ihn halbwegs erträglich zu machen. Ich hatte das Gefühl, als würde er mir ein Loch in den Magen ätzen. Kein Wunder eigentlich - wie oft in den letzten 24 Stunden hatte ich mich übergeben?
Lustlos rührte ich im Chilli, nahm einige Bissen und war sogar zu müde um mich über mich selbst zu ärgern.
Ich angelte nach meiner Tasche, um sie als Kopfkissen zu benutzen. Die Klamotten in ihr waren alles, was ich noch besaß. Meine einzigen tatsächlichen Besitztümer von Wert - Bob und das Pentagramm meiner Mutter - hatte ich mir wegnehmen lassen, und der Himmel mochte wissen, was diese Irren mit beidem anstellten.
Horrorvisionen von Bobs zertrümmertem Schädel und dem im Feuer eingeschmolzenen Pentagramm begleiteten mich in den Schlaf.
