Rums!
Ein weiteres Poltern, als würde jemand mit einem Rammbock die Tür aufbrechen. Als ich aufschreckte entging ich nur haarscharf der Gefahr, meinen ohnehin schon lädierten Kopf an der Pritsche über mir zu stoßen. Ich versuchte hastig den Reißverschluss des Schlafsacks aufzuziehen und tastete automatisch nach meinem nicht vorhandenen Stab.
Rums!
Das Geräusch jagte einen weiteren Schwall Adrenalin durch meine Adern. Ich sah den Mob vor der Tür quasi vor mir, mit brennenden Fackeln, Heugabeln und Flinten in den Händen, Flaschen, aus denen sie sich Mut antranken und brüllten: "Liefert uns den Hexer aus!"
Ich lauschte. Keine Stimmen, die den Regen übertönten. Nur ein Poltern, diesmal leiser. Zu weit unten, um von der Tür zu stammen.
Mit einem Stöhnen schloss ich die Augen und ließ meine Stirn gegen den Schlafsack sinken. Nur das Rumpeln eines beschissenen Baumstammes, der gegen die Bohlen trieb, und ich machte mir fast ins Hemd.
"Du bist echt reif für die Klapse, Harry!", murmelte ich.
Da ich wusste, dass es mir nicht gelingen würde wieder einzuschlafen, setze ich mich auf.
Ich konnte nicht sagen wie spät es war. Vögel waren keine zu hören, aber ich war zu sehr Stadtkind um beurteilen zu können ob es daran lag, dass es noch mitten in der Nacht war, oder dass Vögel bei dem Regen einfach ebenso wenig Lust zu singen hatten wie die meisten Menschen.
Die Lampe bei der Tür brannte noch - nicht mehr ganz so hell, aber immerhin.
Ich rieb mir mit beiden Händen übers Gesicht, registrierte, dass mir trotz des abrupten Aufsetzens vorhin nicht schwindelig geworden war. Ein Hurra auf meinen dicken Schädel - da war mir wohl wenigstens eine Gehirnerschütterung erspart geblieben.
Thermoskanne und Tupperschüssel standen noch so da, wie ich über sie eingeschlafen war - das hieß mit offenen Deckeln. Großartig. Was gab es Besseres als ungesüßten Kaffee? Ganz klar: Kalten, ungesüßten Kaffee. Da konnte ich ja gleich Flusswasser trinken, das war auch kalt, aber wenigstens nicht so bitter, dass sich einem die Fußnägel aufrollten.
Meine Schuhe und meine Jacke waren immer noch feucht. Ich wickelte mir den Schlafsack wie eine Decke um die Schultern und stellte meinen rechten Fuß auf die Pritsche um die Fessel genauer zu begutachten. Das Ganze sah nach Made by Walmart aus: Die Manschette bestand aus einer dieser Rohrschellen mit Scharnier, mit denen man auch Regenrinnen an der Hauswand befestigte. Diese hier war eine Nummer kleiner, aber von derselben Machart. Der Stift, den man ins Mauerwerk trieb, um dem Ganzen Halt zu geben war abgesägt worden. Durch das Loch auf der anderen Seite, wo die Schelle normalerweise mit Schraube und Mutter zusammengehalten wurde, war der Bügel eines Vorhängeschlosses gezogen worden, durch das auch gleichzeitig das erste Kettenglied verlief. Die Manschette lag eng an meinem Bein, und der Bügel des Schlosses war so kurz, dass das Scharnier keinen Millimeter Spielraum hatte.
Das Schicksal musste einen verdammt miesen Sinn für Humor besitzen. Hier war ich - Harry Blackstone Copperfield Dresden, Sohn eines Illusionisten, der mich nach den drei größten Bühnenzauberern der Welt benannt hatte - und konnte mich nicht von einem simplen Vorhängeschloss befreien! Natürlich kannte ich einige Dutzend Kniffe, aber für die musste man entweder schon beim Anlegen der Fesseln tricksen oder aber benötigte Dietriche, Generalschlüssel, präparierte Fesseln oder ähnliches Equipment.
Ich stand auf um zu sehen, wie viel Spielraum die Kette mir ließ. Fünf Meter in etwa blieben zwischen mir und der Tür, drei bis zur Regalreihe der gegenüberliegenden Wand und zwei bis dort, wo der hintere Teil der Hütte sich ins Dunkel hüllte. Wie lang der Raum in Wirklichkeit war, konnte ich nicht sagen, ein Stück würde es jedoch wohl sein. Das Rauschen des Flusses klang dort lauter und ich hatte den Eindruck, dass es da kälter und feuchter wurde.
Ich entschied mich erst einmal zu frühstücken. Den kalten Kaffee goss ich durch eine der Lücken zwischen den Bodenbrettern.
Wasser zu schöpfen gestaltete sich etwas schwieriger: Die Spalten waren an manchen Stellen zwar breit genug um meine Hand bis zum Gelenk durchzulassen, und der Regen hatte den Pegel des Flusses so weit erhöht, dass meine Fingerspitzen das Wasser so gerade berührten, aber schöpfen konnte ich es so nicht. Mein Blick fiel auf das Tuch, das Charles mir angeboten hatte, um meine Beule damit zu kühlen. Es lag auf dem Boden nahe dem Eingang, da wo er bei meinem Aufwachen gesessen hatte. Wenn ich mich flach auf den Bauch legte und den Arm lang machte, konnte ich es so gerade mit den Fingerspitzen angeln. Es stellte sich als ausgefranstes aber sauberes Geschirrtuch heraus. Ich nahm es an einem Zipfel, tauchte es durch einen der Spalte ins Wasser und wrang es dann über dem Becher der Thermoskanne aus. Das Wasser war so kalt, dass es an meinen Zähnen schmerzte, aber es war trinkbar.
Als ich die Tupperdose mit dem Chilli zu mir heranzog, krabbelte etwas Längliches, Rötlich-braunes über den Rand des Gefäßes. Zwei Geschwister der ersten Kakerlake paddelten träge zwischen Bohnen und Gehacktem. Mit Mühe widerstand ich dem Impuls, die Schüssel gegen die Wand zu schleudern.
Scheiße! Hatte der Dämon mich verflucht, oder warum ging seitdem alles was nur schief, das nur schief gehen konnte?
Ich setzte mich zurück auf die Pritsche, zog die Beine an den Körper und schloss die Augen.
"Spar' dir dein Selbstmitleid, Harry", murmelte ich, "Und sieh stattdessen zu, wie du aus dem Schlamassel, in den du dich da reingeritten hast, wieder hinaus kommst!"
Ich fuhr mir mit beiden Händen durch die Haare und massierte meine Schläfen, um meine Denkfähigkeit anzuregen. Was wusste ich? Klar war, dass sie mich nicht töten wollten. Aber was wollten sie stattdessen? Irgendwann würde es aufhören zu regnen und dann konnten sie sicher sein, es mit einem sehr, sehr angepissten Magier zu tun zu haben, dessen Kräfte vom Fluss allein nicht zur Gänze behindert wurden. Wenn sie dann nicht auf die Idee kämen, mich direkt im Wasser anzuketten. Ich verscheuchte diese Vorstellung ganz schnell wieder und versuchte mich stattdessen an Charles' genaue Worte zu erinnern. "Wir werden dich nicht töten. Gott hat uns in seiner Gnade andere Wege und Mittel gezeigt, um die Menschheit vor jemandem wie dir zu schützen."
Gott? Was für Mittel und Wege, was wollten sie tun? Einen Exorzismus an mir ausführen? Ich war nicht besessen, meine Kräfte waren ein Teil von mir, so wie es meine Augenfarbe oder meine Körpergröße waren, so etwas konnte man nicht austreiben.
Ich fragte mich ohnehin, woher ihr Wissen stammte. Die meisten modernen Menschen glaubten nicht, dass es so etwas wie Magie überhaupt gab, und die Vorstellungen derer, die es vermuteten, waren meist eine seltsame Mischung aus Hirngespinsten, Volksglaube und ein paar zufälligen Bröckchen Wahrheit.
Das Pentagramm war ein Glückstreffer - daran erkannte man einen Magier ebenso wenig wie an einem langen weißen Bart oder einer wallenden Robe. (Natürlich gab es Magier, die einen echten Rauschebart hatten - und ja, wir trugen auch Roben. Aber damit spazierten wir normaler Weise nicht in der Öffentlichkeit unter normalen Leuten herum.) Dass fließendes Wasser einigen den Menschen feindlich gesonnenen Wesenheiten Grenzen setzte, war Teil der Mythen und Sagen vieler Länder. Es schien mir ein weiterer Glückstreffer zu sein, besonders wenn man in Betracht zog, dass sie mit dem Hund völlig daneben gelegen hatten. Tiere hatten gewöhnlich nichts gegen meinesgleichen. Dafür, dass eine Aura aufgrund eigenen Verschuldens so tiefschwarz wurde wie meine durch den Dämon, dazu musste man so abgrundtief verdorben sein, wie selbst der korrupteste Magier es kaum wurde. Und sei es allein deshalb nicht, weil das Konzil ihn vorher finden und einen Kopf kürzer machen würde.
Als ich die Augen wieder öffnete, war es hell in meinem Gefängnis.
Okay, hell war übertrieben, eine Zeitung hätte man nicht lesen können, doch für meine an die Dunkelheit gewohnten Sehnerven bestand ein deutlicher Unterschied zu vorher. Ich war wohl vor Sonnenaufgang wach geworden, denn das Licht, dass jetzt vom Fluss unter den Bohlen gespiegelt wurde, war Tageslicht. So viel wie ein völlig verregneter Septembertag eben zu bieten hatte.
Der hellste Fleck stammte aus dem bisher außerhalb des Lampenlichts uneinsichtig gewesenen Teil der Hütte. Weit oben im Giebel befand sich ein Fenster, ein rundes Loch, klein, damit nicht zu viel Kälte entwich, aber groß genug um als Einflugöffnung für Eulen oder andere Raubvögel zu dienen, die Ratten und Mäuse von den Vorräten hätten wegfangen können. Darunter befand sich an einem galgenähnlichen Balken das Rad eines Flaschenzugs.
Ich stand auf und ging so weit wie die Kette es zuließ. Jetzt wurde mir auch klar, warum es am hinteren Ende des Quellhauses kälter und feuchter war. Dort endete der Fußboden.
Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass fünf oder sechs Quadratmeter Fluss einfach so mit überdacht worden waren, legte ich mich auf den vom Sprühwasser feuchten Boden und streckte den Arm aus. Ich reichte gerade mit der Hand ins Becken, ertastete Metall. Gitterstäbe, die nach unten führten. Anscheinend hatte man hier Fässer und Krüge direkt ins Wasser getaucht um ihren Inhalt kalt zu halten, das Gitter würde dazu gedient haben zu verhindern, dass die Behälter fortgetrieben wurden.
Ich setzte mich zurück auf die Pritsche.
Tür - verriegelt. Fenster - weit oben, sehr klein. Becken im Fluss - vergittert.
Fazit: Drei potentielle, aber nicht unmögliche Fluchtwege. Unmöglich gab es nicht. Denk' an Houdinis Wahlspruch, Harry: My brain is the key that sets me free.
Als erstes müsste ich die verdammte Kette loswerden. Ich untersuchte sie erneut. Ihr anderes Ende mündete in einem Ring, der an einer Stahlplatte befestigt war, diese wiederum mit vier zweizolldicken Schrauben an einem der Bohlen des Fußbodens.
Die einzelnen Kettenglieder waren verschweißt, selbst mit einem passenden Werkzeug hätte ich die nicht aufhebeln können. Der größte Schwachpunkt war wohl das Vorhängeschloss.
Es musste sich doch hier irgendetwas finden lassen, das man als Werkzeug zweckentfremden konnte!
Als ich den Kopf hob um mich erneut umzusehen, starrte mich ein fluoreszierendes Augenpaar aus dem Schatten an. Zu jeder anderen Zeit und an jedem anderen Ort wäre der Besitzer genau in derselben Sekunde von mir zu einem Häufchen Asche verbrannt worden. Ich sprang auf, spürte meine Kraft nahezu durch den ausgestreckten rechten Arm strömen - und direkt vor meinen Fingerspitzen so wirkungslos zerfasern wie Rauch im Sturm. Ich stand reglos da und starrte mit heftig schlagenden Herzen in Richtung der Augen, gepackt von dieser lähmenden Angst, die seit der Nacht vor drei Wochen irgendwo tief in meinem Geist kauerte und nur darauf wartete, hysterisch kreischend hervor zu springen.
Sekunden, Minuten, was weiß ich wie viel später, gab es plötzlich eine Bewegung, und der Besitzer des Augenpaars kauerte nach einem Sprung Mitten in der Hütte. Ein hässliches, graugrünes Biest, größer als meine beiden Schuhe zusammen.
Ein Frosch.
Ein fetter Ochsenfrosch.
Ich lies meinen Arm sinken und kam mir unglaublich dämlich vor.
"He, du", krächzte ich.
Vielleicht sollte ich dem Regen und dem Fluss dankbar sein. Ich war in keinem Zustand, in dem man mit Magie herumspielen sollte. Erst recht nicht ohne Stab als Fokus. Schon an besseren Tagen war stablose Magie heikel und so wie ich im Moment drauf war, hätte eine nicht geringe Chance bestanden, mich selbst abzufackeln oder in Stücke zu sprengen.
Der Frosch beachtete mich nicht weiter, seine Aufmerksamkeit galt der Kakerlake, die sich gerade ihren Weg über den Schüsselrand bahnte. Ein weiterer Sprung und Mr. Schabe war Geschichte.
"Mahlzeit, Kermit", wünschte ich, und ließ mich ächzend auf die Pritsche sinken. "Ich hoffe, hast du nichts dagegen, dass ich dich so nenne? Bediene dich ruhig. Allerdings solltest du verschwunden sein, bevor jemand kommt. Frösche und Zauberer, verstehst du? Das ist so'ne Klischeesache wie Hexen und schwarze Katzen. Die Leute hier könnten leicht auf die falsche Idee kommen, wenn du in meiner Gesellschaft angetroffen wirst."
Der Frosch schien genervt von meinem Gefasel und verschwand mit zwei Sprüngen wieder unter dem Regal.
Was sagte mir das?
Ein unglaublich fetter Frosch war hier drin. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er einfach zusammen mit meinen Gastgebern durch die Tür gehüpft gekommen war, und - ohne seine Sprungkraft schmähen zu wollen - durch das Loch im Giebel hatte er sich wohl auch nicht katapultiert. Also musste zwischen den Gitterstäben da unten im Becken mindestens genug Platz sein, um einem dreißig Zentimeter breitem Etwas das Durchkommen zu ermöglichen. Und ich war zwar groß für mein Alter, aber dafür auch schlank, um nicht zu sagen knochig. Da wo ein fettes Ungetüm von Ochsenfrosch durchkam würde ich auch durchpassen.
Mit frischem Elan machte ich da weiter, worin Kermits Auftauchen mich unterbrochen hatte. Ich kletterte an den Regalen empor um auf die oberen sehen zu können und ging auf die Knie, um den schattigen Raum unter den tiefsten Brettern zu inspizieren.
Nichts, nada, rien.
Nur Kermit. Kein weiterer Frosch, kein gar nichts. Ich machte die Runde noch einmal, diesmal so gründlich wie es nur ging. Ich kroch über den Boden, so weit es die Fußfessel mir erlaubte, überprüfte den Picknickkorb und den Schlafsack, untersuchte jedes Boden- und Regalbrett, jeden erreichbaren Stein in der Wand. Alles was ich zwischen die Finger bekam waren bröckelige Stücke des Putzes, der vor Urzeiten von der Wand geblättert war.
Ich wollte schon aufgeben, als meine Finger schließlich an der Unterseite eines Regals den rostigen Kopf eines Nagels ertasteten. Nur wie sollte ich den da rausbekommen?
Ich sah erneut meine Hosentaschen durch. Kleingeld, ein dreckiges Taschentuch und ein aufgeweichtes Paket Kaugummi waren alles was ich bei mir trug.
Ich durchsuchte die Umhängetasche. Im Seitenfach fand ich ein Stück Kreide, einen aufgeweichten Notizblock mit nur noch drei Blatt Reserve und einen Plastikkugelschreiber mit Coca Cola - Werbeaufdruck.
Ich setzte mich auf die Pritsche und gab mich wieder dem Selbstmitleid hin.
Mein Blick fiel auf den Tuppertopf mit dem Chili, das den Kakerlaken als Planschbecken gedient hatte. Im Heim war mir beigebracht worden, dass es erst etwas Neues zu essen gab, wenn das Alte aufgegessen war - da mochte die Milch noch so sauer, der Kohl noch so dunkelbraun sein vom zehnten Mal aufwärmen. Mein knurrender Magen bestand darauf, dass ich nicht die Probe auf Exempel machen sollte um herauszufinden, ob meine Gastgeber diesen Standpunkt teilten. Ich schnippte die andere, halbertrunkene Kakerlake mit dem Löffel unter Kermits Regal und leerte dann den Rest des Inhalts durch eine der Spalten in den Fluss.
"Sehen Sie, alles aufgegessen", murmelte ich, "Darf ich jetzt raus, spielen gehen?"
Ich konnte einfach nicht untätig hier herumsitzen. Obwohl ich mir nicht viel davon versprach, zerlegte ich den Kugelschreiber in seine Einzelteile und versuchte mit dem Clip unter den Nagelkopf zu kommen. Der Clip war aus Aluminium und verbog sich sofort. Es war mehr Beschäftigungstherapie als sonst etwas, denn selbst wenn ich den Nagel hatte, wusste ich nicht wirklich, was ich damit anfangen sollte. Vielleicht hätte man damit eines von Houdinis alten Schlössern aufbekommen, ganz sicher aber kein modernes ASTM-Schloss.
Als ich draußen Stimmen und Schritte hörte - dem Geräusch nach mussten einige Holzstufen zum Eingang führen - war ich froh über die Ablenkung. Ich deckte den Schlafsack über das Zeug aus meiner Tasche und stand auf. Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Tür öffnete sich. Es war die Frau, sie trug die selben Klamotten wie gestern, selbst ihr Zopf unter der roten Baseballkappe war auf die selbe Weise geflochten. Sie musterte mich mit zusammengekniffenen Lippen.
"Auf die Knie!", befahl sie.
Ich bin niemand, der einer Lady widerspricht, erst recht nicht, wenn diese eine Waffe in der Hand hält. Ich tat wie mir geheißen.
"Jetzt pack' die Schüssel und die Kanne in den Korb, Junge."
"Mein Name ist Harry, Ma'am", erklärte ich.
Ihre Lippen wurden noch schmaler, ihr Blick passte perfekt zur Atmosphäre des Quellhauses. Als hätte ich nichts gesagt befahl sie: "Schieb' den Korb hier herüber, Junge. Langsam."
Ich tat es.
"Joseph. Komm rein. Nimm hier den Korb."
Ihr bärtiger Begleiter vom Vortag erschien in der Türöffnung. Im Gegensatz zu gestern zeigte er keine Anzeichen von Angst oder Wut. Er trug einen quietschgelben Regenponcho, dessen Kapuze von seinem Kopf stand wie eine Zwergenmütze. Sein rundliches Gesicht war geschwollen und fleckig, seine Bewegungen unbeholfen. Er stand da, als hätte er vergessen was er tun sollte, rieb sich mit der Faust ein Auge und gähnte.
"Joseph!", ermahnte Rotkäppchen ihn scharf.
Er zuckte zusammen, sah sich hektisch um. Sie trat einen Schritt zur Seite, damit er ihr nicht in die Schusslinie geriet, als er sich wieder in Bewegung setzte. Als er sich ungelenk aus der Hüfte nach dem Korb bückte, bekam er prompt Übergewicht und drohte nach vorne zu kippen. Ich streckte einen Arm aus, um ihn aufzufangen, doch gleichzeitig sprang die Frau vor und packte ihn am Kragen des Ponchos. Seine Finger streiften meine, bevor sie ihn zurückriss. Mit großen Augen starrte er mich so erschrocken und verblüfft an, wie ein Schlafwandler, den man unwirsch vom Dachfirst gezerrt hatte.
Die Frau schubste ihn Richtung Ausgang.
"Hol den anderen Korb!"
Joseph verschwand aus meiner Sicht, seine Schritte waren auf den Stufen zu hören, dann kam er mit dem Gewünschten zurück.
"Gut gemacht", lobte Rotkäppchen ihn in dem Tonfall, den man normalerweise bei einem Hund anwendet, der endlich begriffen hatte, dass er Männchen machen soll, "Stell ihn hier ab."
"Wie lange wollen Sie mich noch festhalten, Ma'am?", fragte ich und schaffte es nicht ganz die Wut aus meiner Stimme zu halten.
Sie starrte mich an und brachte dabei das Kunststück zustande, meinem Blick nicht wirklich zu begegnen. Die meisten Menschen sehen einem Magier aus reinem Instinkt nicht länger in die Augen - ob sie es absichtlich nicht tat, weil sie wusste was passieren würde, vermochte ich nicht zu sagen.
"Du wirst hier bleiben, so lange wie es nötig ist. Oder der Reverend die Möglichkeit hat vorbei zu kommen", erklärte sie schließlich schroff, packte Joseph am Arm und dirigierte ihn nach draußen.
Ich blieb auf dem Boden knien und starrte auf den neuen Korb, ohne Anstalten zu machen seinen Inhalt zu inspizieren. Es gab einige Talente, die jemandem wie mir angeboren waren, Talente, die nicht von fließendem Wasser oder Ähnlichem beeinträchtigt werden konnten.
So zum Beispiel die Fähigkeit, die Seele eines Menschen sehen zu können, wenn ich ihm in die Augen starrte. Oder einen anderen Magier allein durch eine Berührung als meinesgleichen zu erkennen.
So wie ich eben gerade Joseph als solchen erkannt hatte.
Unwillkürlich rieb ich mir die Hand, die seine gestreift hatte. Er mochte geistig zurückgeblieben sein, ein erwachsenes Kind, aber nichts desto trotz ein Magier.
Wussten Charles und Co. das? Und vor allem: Nutze mir dieses Wissen irgendetwas?
Meine Knie begannen auf dem kalten, harten Boden zu schmerzen, darum setzte ich mich ächzend auf den Hintern und angelte nach dem Korb. Nein. Es nutzte mir nichts. Einfach nur mit magischen Fähigkeiten geboren zu sein war ungefähr genauso, als würde man als musikalisches Genie auf die Welt kommen. Ohne den Willen diese Gabe zu benutzen und ohne Training war sie wertlos. Zudem stand der arme Kerl völlig unter der Fuchtel dieses Weibstücks und würde mir nicht helfen, wenn er es gekonnt hätte.
Der Korb war keiner dieser Picknickdinger mit Deckel sondern ein normaler offener Einkaufskorb, aber der Inhalt war der gleiche: Eine Thermoskanne, ein Plastiklöffel und eine Schüssel. Ich füllte den Becher mit Kaffee, hob die Tupperdose auf meinen Schoß und öffnete den Deckel. Der Inhalt war noch dampfend heiß. Hühnerfrikassee. Mit lief das Wasser im Mund zusammen und das Geräusch, das mein Magen bei dem Anblick und Geruch von sich gab, war kaum mehr als Knurren zu bezeichnen, eher als Röhren.
Ich schlang die ersten paar Bissen herunter und hechelte. Heiß! Als meine Geschmacksnerven sich erholt hatten, stellten sie fest, dass die Köchin nicht an Salz und Pfeffer gespart hatte - Aber he, ich war mit Großküchenessen aufgewachsen und hatte schon weit Schlimmeres heruntergewürgt. Allein an den viel zu bitteren Kaffee konnte ich mich beim besten Willen nicht gewöhnen.
Ich erinnerte mich an meinen Mithäftling und nahm eines der größeren verbliebenen Fleischstückchen, um es mit dem Löffel unter das Regal zu schnipsen.
Mag sein, dass es daran lag, dass ich zu alt war um mit dem Löffelkatapult zu spielen, jedenfalls traf ich Kermit genau zwischen die Augen. Ich zuckte aus Empathie zusammen, während er nicht einmal blinzelte.
Ich hatte nicht viel Ahnung vom natürlichen Verhalten von Fröschen, aber das kam mir nicht sonderlich normal vor. Ich stellte die Schüssel zur Seite, kroch nach vorne und legte mich auf den Bauch, um unter das Regal auf der anderen Seite des Raumes reichen zu können.
"He, du?"
Ich stupste ihm mit dem Zeigefinger gegen die Schnauze. Die Auf- und Abbewegung seiner Kehle verrieten, dass er atmete und ab und zu schloss sich auch die Nickhaut über seinen schwarzglänzenden Augen. Doch abgesehen davon hätte er genauso gut ausgestopft sein können. Er rührte sich nicht einmal, als ich ihn packte und ins Licht zog. Die Kakerlake, stellte ich fest, lag noch ungefressen neben ihm und ruderte wie in Zeitlupe mit Fühlern und Beinen in der Luft.
Ich starrte Frosch und Insekt sicherlich noch fünf Sekunden lang an, bevor ich mir endlich einen Finger in den Hals steckte.
Als ich sicher sein konnte, dass mein Magen leer war, spülte ich die Hinterlassenschaft auf den Bodenbrettern erst mit dem restlichen Kaffee aus der Kanne fort, bevor ich nach bewährter Methode mit dem Geschirrtuch Wasser schöpfte um es zu trinken und die verbliebenen Spuren zu beseitigen.
Was, wenn der Frosch und das Insekt in diesem Zustand waren, weil sie etwas von dem gefressen hatten, was für mich bestimmt gewesen war?
Was, wenn das Chili so scharf, der Kaffee so bitter, das Frikassee so überwürzt gewesen waren um einen anderen Geschmack zu überdecken ... ?
Was, wenn Joseph aus dem Grund Angst und Unwillen gezeigt hatte, hier in der Hütte zu sein, weil er sich erinnerte, auch einmal hier angekettet gewesen zu sein?
Was, wenn er nicht mit seinem offensichtlichen geistigen Defekt geboren worden war, sondern stattdessen irgendein Medikament, irgendeine Droge das verursacht hatte?
Es passte alles. Ich schlang frierend die Arme um meinen Oberkörper.
"Gott hat uns in seiner Gnade andere Wege und Mittel gezeigt, um die Menschheit vor jemandem wie dir zu schützen."
"Du wirst hier bleiben so lange wie es nötig ist."
Sie brauchten mich nicht zu töten, wenn sie mir meine Kräfte dadurch nahmen, dass sie mir irgendein Gift gaben das dafür sorgte, dass ich nicht mehr richtig denken konnte.
Ich fürchtete mich nicht sehr vor körperlichen Schmerzen - ich wusste mit ihnen umzugehen und wage zu behaupten, dass ich hart im Nehmen war.
Was mir jedoch Angst macht - und zwar so richtig Angst - war die Vorstellung, dass jemand mit meinem Verstand herummachen könnte um mich in einen willenlosen Zombie oder sabbernden Idioten zu verwandeln.
