Ich lief auf und ab, so weit meine Fußfessel es gestattete. Zum Einen hoffte ich, dass mir durch die Bewegung etwa wärmer wurde, zum anderen war ich zu nervös um still zu sitzen.

Wie lange konnte ich durchhalten?

Der Mensch war für einen weit größeren Zeitraum in der Lage, ohne Nahrung auszukommen, als man gemeinhin annimmt. Eineinhalb oder sogar zwei Monate waren schon drin, ohne körperlichen Schaden davonzutragen. Worauf der Mensch nur wenige Tage verzichten konnte, war eine ausreichende Versorgung mit Wasser. Aber darum musste ich mir wohl keine Sorgen machen.

Sicher war also, dass ich länger ohne etwas zu essen leben konnte, als es regnen würde. Das wirkliche Problem bestand darin, dass meine Gastgeber herausbekommen könnten, dass ich ihr Gift nicht nahm. Wie sollte ich mich verhalten damit sie es nicht merkten? Gab es äußerliche Zeichen? Hatte die Frau mich deswegen so genau gemustert? Wenn ich richtig lag mit meiner Vermutung, war Joseph einst ein geistig durchschnittlicher Mensch, Magier gewesen, wie ich selbst. Bei dem Gedanken lief mir erneut ein eisiger Schauder über den Rücken.

Ich checkte Kermit. Keine Veränderung. Er saß einfach nur da, blinzelte hin und wieder. Ich drehte ihn auf den Rücken. Seine Beine sanken näher an den Körper, aber das schien ein bloßer Muskelreflex zu sein. Ob er sich irgendwann wieder erholte? Ob das Zeug vom Organismus abgebaut wurde, wenn man nicht regelmäßig neue Dosen bekam? Aber selbst wenn Kermit irgendwann wieder munter durch die Gegend hüpfen würde, war mir damit nicht wirklich geholfen, da ich nicht wusste ob man überhaupt von der Reaktion eines Frosches auf Menschen schließen konnte.

"Scheiße!" Ich ließ meine Frustration an dem Korb aus und trat ihn so heftig, dass er gegen die Tür flog. "Au!"

Das Klirren der Kettenglieder begleitete mein Hüpfen, als ich versuchte auf einem Bein stehend meine schmerzenden Zehen zu reiben. Memo an mich selbst: Nicht ohne Schuhe gegen etwas treten, und sei es nur ein blöder, leerer - Moment mal! Da war ein Klirren gewesen, bevor ich angefangen hatte Rumpelstilzchen zu mimen. Ich ließ mich auf die Knie fallen um suchend Richtung Tür zu kriechen. Schließlich legte mich auf den Boden um etwas sehen zu können und bemerkte ein metallenes Schimmern knapp außerhalb des Lichtkreises - und außerhalb meiner Reichweite.

Ich holte meine nasse Jeans aus der Tüte und warf sie wie ein Fischernetz aus. Es dauerte eine Viertelstunde, bis ich es endlich geschafft hatte, den Fund auf diese Weise an mich heranzuziehen:

Einen dieser Löffel, wie man sie für Espressotassen brauchte.

Das war jetzt nun wirklich lächerlich. Ich kannte Filme, in denen Kriegsgefangene mit Löffeln Tunnel gegraben hatten, aber das waren Suppenlöffel gewesen, nichts was eher fürs Puppengeschirr getaugt hätte. Oookay.

"Vielleicht kann ich mich damit nicht durch Steine und Wasser graben. Aber ich könnte damit einen Nagel aus einem Brett lösen!"

Ich machte mich an die Arbeit und hatte tatsächlich einige Dutzend Flüche und einen eingerissenen Fingernagel später den Kopf des Nagels so weit aus dem Holz gelöst, dass ich die Mitte eines Stücks Draht - die auseinandergebogene Feder des Kugelschreibers - darum wickeln konnte. Dessen Enden kamen um den Löffelstiel, und der Rest war bloße Physik.

"Ha!"

Ich drehte meine Beute bewundernd zwischen den Fingern. Und nun? Nachdem ich mein angekettetes Bein auf die Pritsche gelegt hatte, besah ich mir die ganze Angelegenheit noch einmal. Das Schloss! Wäre das verfluchte Wasser nicht, ich wüsste, wie ich es aufbekäme. Nichts leichter als ihm einfach jede Spur von Wärme zu entziehen, es sozusagen schockzufrosten, dann gegen die Wand zu schlagen, und es würde zersplittern wie Glas.

Ich war so fixiert auf das verdammte Schloss, dass mir das Naheliegendste erst nach minutenlangem Nachdenken ins Auge fiel - Wäre ich eine Comicfigur gewesen, wäre in dem Moment ein ganzes Bataillon leuchtender 100-Watt Birnen über meinem Kopf erschienen.

"Mit einem Nagel und Fingerspitzengefühl bekommt man kein Vorhängeschloss auf", erklärte ich Kermit, "aber mit einem Nagel und roher Gewalt bekommt man den Bolzen aus dem Scharnier einer Rohrschelle!" Ich bückte mich nach der Edelstahlthermoskanne und hämmerte mit ihrem Boden auf den Nagelkopf. "Oder ich will ab sofort Miss Piggy heißen!"

Dieses grausige Schicksal blieb mir erspart. Bereits nach dem elften oder zwölften Schlag brach der Stift aus dem Scharnier.

Triumphierend schüttelte ich die Kette ab. Nichts wie weg hier, bevor Rotkäppchen mit dem Frühstück kam.

Ich schnappte mir die Lampe und rüttelte pro forma an der Tür. Vergebens. Selbst wenn draußen nur ein Riegel zugeschoben war ohne mit einem zusätzlichen Schloss gesichert zu sein, würde ich den von innen nicht aufbekommen.

Es blieb also nur der Weg durchs Wasser.

Kurz überlegte ich meine Klamotten auszuziehen um noch trockene Sachen zu haben, denn wenn wirklich nur ein Riegel vor der Tür lag, könnte ich mir meine Tasche holen. Doch dann wurde mir klar, dass das Quatsch war. Dem Trommeln auf dem Dach nach regnete es immer noch so stark, dass ich auch außerhalb des Flusses sofort wieder durchnässt sein würde.

Ich zog mir lediglich die Socken aus, legte mich dann auf den Bauch und streckte den Arm ins Wasser um nach den Gittern zu tasten.

Die Stäbe schienen aus Kupfer oder Messing zu sein, Genaues war bei dem Licht nicht zu erkennen. Sie standen etwa 20 Zentimeter weit auseinander. Enttäuschung machte sich wie ein eisiger, harter Klumpen in meinem Magen breit. Da kam ich nie durch! Verdammt, war Kermit hier als Quappe reingekommen? Da musste irgendwo ein größerer Spalt sein. Es musste einfach!

Vielleicht fehlte einer der Stäbe auf der anderen Seite. Ich ließ mich kurz entschlossen ins Becken gleiten und bereute es im selben Moment.

Kalt.

Das Wasser war so gottverdammt kalt, dass es wehtat. Mein Fuß kam auf einem horizontalen Stab zu landen. Ich dachte einen sicheren Stand zu haben, als ich abrutschte und auch noch mit dem Kopf untertauchte. Die Strömung war so stark, dass ich mich mit beiden Händen ans Gitter klammern musste um nicht abzutreiben. Für einen Moment hing ich dort völlig paralysiert mit steinhart erstarrten Muskeln. Ich wartete, bis meine Lungen wieder mit vollem Volumen funktionierten, atmete einige Male tief ein, bevor ich mich zwang meinen Klammergriff zu lösen um erneut ganz unterzutauchen.

Es war zu dunkel um etwas sehen zu können, ich konnte mich nur auf meinen Tastsinn verlassen. Die Strömung hatte Gras, Zweige, Algen und wer weiß was sonst noch gegen das Gitter gedrückt. Die Masse fühlte sich an wie eine schleimiger, stacheliger Flickenteppich. Keiner der Stäbe war locker, nirgendwo fand sich eine Lücke. Etwa eineinhalb Meter unter der Wasseroberfläche war der Boden des Käfigs, ebenfalls aus Messingstangen. Wo Bodengitter und Seitenstäbe aufeinandertrafen ertastete ich Schraubenköpfe und Muttern in der Größe von Dollarmünzen. Um die aufzubekommen bräuchte ich einen Schraubschlüssel von der Größe dessen, dem ich die Beule an meinem Hinterkopf verdankte.

Ich tauchte auf um Luft zu holen. Die andere Seite. Schwimmzüge waren nicht nötig, ich musste nur loslassen und die Strömung trieb mich gegen die hintere Seite des Beckens. Die selbe Prozedur: An den Stäben rütteln. Bombenfest. Ohne viel Hoffnung tauchte ich unter. Auf dieser Seite fiel schwaches Tageslicht durchs Wasser, es reichte, um mich wenigstens etwas erkennen zu lassen. Im ersten Moment glaubte ich, mein unterzuckertes Hirn würde mir einen Streich spielen: Zwei Gitterstäbe waren auseinander gebogen. Ich griff danach und fuhr mit der Hand die Biegung nach. Die Stäbe waren zu einem regelrechten O verformt. Was um alles in der Welt konnte Messing so zurichten? Egal.

Meine Schultern passten durch die Krümmung, also auch der Rest von mir. Manchmal war es von Vorteil, so dürr zu sein.

Die Strömung drückte mich geradezu ins Freie. Einige Schwimmzüge brachten mich zur Oberfläche, ich trat Wasser, spuckte und hustete, als ein tiefer Atemzug mir mehr Wasser als Luft einbrachte, da es immer noch wie aus Kübeln regnete.

Obwohl ich keine Schwimmzüge machte, sondern mich nur paddelnd über Wasser hielt, entfernte ich mich mit einer Geschwindigkeit von meinem Gefängnis, dass ein Fußgänger am Ufer schon halb hätte rennen müssen, um mit mir auf einer Höhe zu bleiben.

Der Fluss war gewöhnlich vielleicht gerade drei, vier Meter breit, aber der Regen der letzten Tage hatte dafür gesorgt, dass sein Pegel um so einiges gestiegen und das Wasser über die Böschung getreten war.

Rechts und links befanden sich grasbewachsene Flächen, so weit ich sehen konnte. Weit war das nicht. Das Empire State Building hätte nur einen Steinwurf weit entfernt liegen können und ich hätte wegen des verdammten Regens nicht einen einzigen Ziegelstein erkennen können.

Gräben mündeten in den Fluss, entließen Miniaturwasserfälle aus Schlamm, Zweigen, Ästen, entwurzelten Maisstauden und anderem Treibgut in den größeren Strom. In einer Biegung hatte sich das Zeug zu einem dicken Teppich aufgestaut in den ich mitten hinein getrieben wurde.

Großartig.

Die Kälte schien die Energie aus mir herauszusaugen, ich war so müde, dass die Vorstellung, einfach ans Ufer zu kriechen um dort im kalten Schlamm liegen zu bleiben und zu schlafen, äußerst verlockend erschien. Aber dazu müsste ich erst einmal das Ufer erreichen. Wie es dann weiterginge, darüber wollte ich nachdenken, wenn es so weit war.

Zurück zum Quellhaus laufen und meine Tasche holen. Zur Farm, die hier irgendwo in der Nähe sein musste. Da ging kein Weg dran vorbei, wenn ich das Pentagramm meiner Mutter zurück haben wollte.

Ohne das - und ohne Bob - würde ich hier nicht verschwinden, komme was wolle.