Das Monsterpferd bewegte sich.
Ich hoffte, dass es nur ein spastisches Muskelzucken war. Mir gelang es nicht meinen Blick von den Zähnen des offen stehenden Mauls abwenden während ich versuchte, mir klar zu werden, dass ich noch lebte. Rippen, Schulter und vor allem mein Bein schmerzten zwar höllisch, aber es war noch alles dran und funktionsfähig.
Ich schielte zu meiner Schulter. Sie war rotgesprenkelt; unter manchen der Wunden fühlte ich Erhebungen, als ich darüber tastete. Schrot. Ein Teil der Ladung musste als Querschläger vom Traktor abgeprallt sein. Teufel auch! Da rettete ich Charles den Allerwertesten, indem ich die Aufmerksamkeit des Kelpies auf mich zog, und zum Dank schoss er, ohne sich darum zu kümmern, dass er mich ebenfalls traf.
"Reverend Lawson, Sie schickt der Himmel!", ertönte seine atemlose Stimme.
Ich hob den Kopf und blinzelte mir den Regen aus den Augen. Der Angesprochene stand hinter dem zuckenden Kadaver. Er zog ein Taschentuch aus seinem Mantel, entfaltete es mit einem knappen Schütteln und wischte die Klinge des Stockdegens ab, mit dem er das Herz des Kelpies durchbohrt hatte.
Nachdem er die Klinge zurück in ihre Scheide gesteckt hatte, stand er breitbeinig da, die behandschuhten Hände auf den Griff des Stocks gestützt und begutachtete den toten Kelpie.
Von diesem Reverend hatte Charles' Frau wohl gesprochen. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte: Einen dieser aalglatten, solariumgebräunten Fernsehprediger mit überkronten Zähnen und maßgeschneidertem Anzug? Oder einen abgerissenen Fanatiker mit brennendem Blick, hohlen Wangen und langem Rauschebart?
Der Mann passte in keine der beiden Schubladen. Sein Gesicht wirkte wie aus einem Stück Holz geschnitzt: Sein Teint war rotbraun wie Mahagoni, die Züge zerfurcht wie Borke. Eine stolze Adlernase beherrschte das Gesicht, doch die hängenden Lider und die Tränensäcke unter den Augen verliehen dem Mann den müden, kummervollen Blick eines Bassets.
"Sind Sie unverletzt, Mr. Bennett?", fragte er, ohne sich umzudrehen, mit einer Stimme so heiser wie die Marlon Brandos als gealterter Pate.
"Ja, bin ich, Gott sei Dank", erwiderte Charles.
"Gut. Schleppen Sie den Kadaver in die Scheue oder einen anderen trockenen Ort und bedecken Sie ihn mit Streusalz", befahl der Reverend mit der natürlichen Autorität eines Mannes, der es gewohnt war, dass man ihm widerspruchslos gehorchte. "Diese Ausgeburt der Hölle soll die Schöpfung des Herrn keine Sekunde länger beleidigen."
Charles stieg eilfertig in den Traktor nur um festzustellen, dass der Schlüssel nicht da war.
Während der Mann das Gelände danach absuchte, beliebte es dem Reverend, seine Aufmerksamkeit mir zuzuwenden. Er musterte mich ebenso abschätzig wie zuvor das Feenpferd. Ich tat es ihm gleich. Er trug einen silbergrauen Homburg und einen dieser schwarzen Staubmäntel, wie man sie in manchen Western sah. Trotz der Hagerkeit, die einem bestimmten Typus alter Männer zu eigen war, erkannte man, dass er einmal ein wahrer Bär gewesen sein musste. Ich ließ meinen Blick betont langsam von der Pelerine seines Dusters bis hinab zu den Spitzen seiner Cowboystiefel wandern.
"Wow. Ich wünschte, ich hätte eine Mundhamonika."
"Kleiner Klugscheißer, was?", knurrte er, "Wie wäre es mit einem 'Danke'?"
Ich zitterte vor Kälte und unter den Nachwehen des Adrenalins und der Teufel sollte mich holen, wenn man mir das als Angst auslegte.
"Habe ich nicht im Angebot für Kidnapper die versuchen mich in einen Zombie zu verwandeln", schnappte ich, "Wie wäre es statt dessen mit einem 'Leck mich'?"
Der Reverend brachte das Kunststück fertig mich anzustarren, ohne mir dabei wirklich in die Augen zu sehen.
"Du hast es herausgefunden", murmelte er.
Harry, verdammt! Erst denken, dann Klappe aufreißen! Die Hand des Mannes verschwand unter dem Mantelrevers und kam mit einer Pistole wieder hervor. Eine M9. Seiner Aufmachung nach hatte ich etwas Westernmäßigeres erwartet. Bye, bye, Klischee.
"Steh auf."
Ich tat wie mir geheißen. Mit einem knappen Nicken bedeutete er mir, mich in Bewegung zu setzen und mir bleib nichts anderes übrig, als in die Richtung zu humpeln, in die er gedeutet hatte.
Es ging rechts an der Scheune vorbei auf zwei andere Gebäude zu. Sein knappes: "Rechts!", "Langsamer!" und "Links!" dirigierte mich.
Unser Ziel war ein betonierter Platz unter einem Vordach, eine Art überdimensionalen Carport. Das Trommeln des Regens auf dem Dach mischte sich mit dem Tuckern eines Stromgenerators. Hinter einigen offensichtlich ausrangierten Landmaschinen stand ein uralter schwarzer Ford Transit mit der Ernsthaftigkeit eines Leichenwagens oder einer Staatskarosse. An der Anhängerkupplung dieses Dinosauriers hing ein Airstream.
Ich starrte den Wohnwagen an. Ein originaler 66er Silver rocket mit seiner zeitlos futuristischen Form. Als Kind, während ich zwischen Gepäckstücken und Requisiten eingezwängt auf der Rückbank unseres klapprigen Dodge hatte spielen und schlafen müssen, hatte ich davon geträumt: Von dieser rollenden Luxussuite. Das wäre nicht allein nur Komfort gewesen, sondern ein echtes zu Hause. Die arroganten Vorstadtgören mit ihren zwanzig Quadratmeter großen Kinderzimmern hätten anstatt auf Vater und mich herabzusehen als seien wir White Trash, mich darum beneidet, dass ich in dieser Kreuzung aus Ufo und Gewehrkugel hätte leben dürfen.
Die Stimme des Reverends brachte mich zurück in die Gegenwart. Er befahl mir einzusteigen und mich auf eine der Bänke an den zerkratzten Resopaltisch zu setzen.
Dann lehnte er den Stock in seine Armbeuge, um mit der Linken in eine der Taschen des Dusters zu greifen und mir Handschellen in den Schoß zu werfen.
"Leg sie an. Mit der Kette ums Tischbein."
Besagtes Tischbein war ein fingerdicker, am Boden festgeschraubter Metallstab. Mit der Kette darum konnte ich gerade noch so der nächsten Anweisung des Geistlichen nachkommen und meine Hände auf die Tischplatte legen. Selbstverständlich hatte ich die Schellen nur locker um meine Gelenke geschlossen, und selbstverständlich prüfte der Reverend das und machte sie enger.
Er platzierte die Beretta außerhalb meiner Reichweite auf dem Tisch bevor er sich seines Mantels und Hutes entledigte. Dann nahm er auf dem einzigen Stuhl Platz, schob einen Hocker in meine Richtung und angelte mit seinem Stock nach einer Blechbox mit aufgedrucktem rotem Kreuz, die unter der Spüle stand.
"Lass mich nach deinem Bein sehen."
Ich zögerte, bevor ich der Aufforderung nach kam. Als ich meinen Unterschenkel auf den Hocker gelegt hatte, zog der Alte seine Handschuhe aus und machte sich daran, mit einer Schere die in Fetzen hängende Jeans knapp unterhalb des Knies abzuschneiden.
Ohne den Mantel sah er schon eher nach Geistlichem aus, als nach gealtertem Westernheld. Er trug Anzug und Rollkragenpullover, beides in klerikalem Schwarz, zu dem sein weißes Haar in auffälligem Kontrast stand. Keine Ahnung wie alt er sein mochte. Ende siebzig, Mitte achtzig?
Man sollte meinen, dass mich ein am Stock gehender Greis nicht so verdammt nervös hätte machen sollen: Aber mit diesem Stock hatte er gerade einen Kelpie aufgespießt wie einen Schmetterling. Und bei einem muskelbepackten Riesen in den besten Jahren hätte die Chance bestand, das er sich selbst überschätzte. Jemand der jedoch dieses Alter erreicht hatte, musste mit allen Wassern gewaschen sein. Der Mann erinnerte mich an einen heimtückischen, alten Grizzly.
Ich warf einen Blick in die Runde. Der Großteil der Einrichtung stammte aus dem selben Baujahr wie der Wohnwagen selbst; nur vereinzelt waren Zugeständnisse an die moderne Welt gemacht worden, wie zum Beispiel mit der kleinen Mikrowelle in der Küchenzeile.
An der Tür, hinter der sich vermutlich Klo und Dusche befanden, hing ein eingerahmter Druck mit dem Kriegerkodex der Armee. Darüber eine handgeschriebene Liste in der die Paragraphen des Kodex mit passenden Bibelstellen verglichen wurden.
Quasi jede dafür geeigneten Stelle war mit Bücherregalen besetzt. Ich las einige Titel: Black Indian, Religion, Magie, Militär. Alles nur Sachbücher.
Der hintere Teil des Wohnwagens war mit einem Vorhang vom Rest abgetrennt.
Ich japste vor Überraschung und Schmerz, als der Reverend Antiseptikum auf mein Bein sprühte und versuchte es instinktiv fortzuziehen. Er packte mein Fußgelenk.
"Halt still", forderte er schroff.
Nach der schmerzhaften Prozedur des Säuberns machte der Alte sich daran, die fünf langen Schnitte mit Klammerpflaster zu versorgen. Es sah nicht so aus, als würde er das zum ersten Mal machen.
Als er fertig war, schob er mein zerfetztes T-Shirt zur Seite, um sich meine Schulter und Brust anzusehen. Neue Schnitte und Blutergüsse überdeckten halb die alten. Eine interessante Farbzusammenstellung. Ich überlegte Fotos davon zu machen um die als moderne Kunst zu verkaufen. Der Reverend drückte auf meinen Rippen herum, und grunzte nur, während ich ihn am liebsten schreiend in die Finger gebissen hätte. Durch Justins Unterricht kannte ich den Unterschied zwischen gebrochenen und geprellten Rippen. Das hier waren eindeutig Prellungen - die taten mehr weh.
"Danke", sagte ich, als der Reverend den Erste-Hilfe-Kasten wieder an seinem Platz verstaute.
Der Alte musterte mich kurz bevor er brüsk erwiderte: "Gerne geschehen."
Mit sparsamen Bewegungen schaltete er einen Heizlüfter ein, dann die Kaffeemaschine und bückte sich zum Kühlschrank um eine Dose Cola und eines dieser in Plastiktellern verschweißten Fertiggerichte herauszunehmen. Nachdem er die Folie mit einer Gabel angestochen, und den Teller in die Mikrowelle geschoben hatte, stellte er die Dose zusammen mit einem Strohalm und einer Plastikflasche Schmerzmittel in Reichweite meiner angeketteten Hände. Der Plastikring unter dem Verschluss der Flasche war noch mit selbem verbunden, die Flasche war noch unangebrochen.
"Da ich vermute, dass du nichts anrühren wirst, was nicht original verpackt ist", gab der Geistliche kund.
Verdammt richtig.
Im ersten Moment überlegte ich, das Medikament trotzdem nicht zu nehmen, aber dann siegte meine Vernunft über falschen Stolz. Ich riss den Verschluss der Coladose auf und steckte den Strohhalm in die Öffnung. Nachdem ich das Etikett auf der Flasche überflogen hatte, schüttete ich drei der Tabletten auf meine Handfläche, neigte den Kopf, um sie mit meinem Mund aufzunehmen wie ein Pferd ein Stück Zucker und spülte sie mit einigen Schlucken Cola hinunter.
Die Mikrowelle klingelte und der Reverend entfernte die Folie vom Teller, nahm Besteck aus einer Schublade und eine Flasche Mineralwasser aus dem Kühlschrank. Während er nach dem Flaschenöffner griff, der von einer Schnur unter einem der Geschirrschränke hing, fragte er:
"Wie ist dein Name?"
"Harry."
"Nun gut. Iss mit mir, Harry."
Er stellte den Plastikteller vor mich und legte das Besteck so hin, dass ich es erreichen konnte.
Um die Gabel in den Mund zu bekommen musste ich mich zwar so weit über den Teller beugen, dass ich fast ebenso gut auf Besteck hätte verzichten können, aber ich aß so gesittet wie unter den Umständen möglich.
Viel zu schnell war ich fertig und hatte den allerletzten Rest Kartoffelbrei und Soße aus der Schale gekratzt. Zwar könnte ich noch ein weiteres Dutzend dieser Portionen verdrücken, aber der ärgste Hunger war gestillt.
Am liebsten hätte ich meinen Kopf auf den Tisch gelegt, um einige Stunden zu schlafen. Die Tabletten hatten den Schmerz in meinem Bein zwar nicht völlig ausgeschaltet, aber ihm den Biss genommen, so das ich das verbliebene Ziehen und Pochen leicht ignorieren konnte. Der Ventilator des Heizlüfters pustete die warme Luft direkt in Richtung des Tisches und abgesehen von einem heißen Bad konnte ich mir momentan kaum etwas Angenehmeres vorstellen.
Der Alte wusste, was er tat. Das er meine Wunde versorgt und mir zu essen gegeben hatte, war nicht aus Herzensgüte geschehen, sondern aus Berechnung. Ein billiger psychologischer Trick, so wie dieses guter Cop - böser Cop - Spielchen. Doch das Wissen darum machte diesen Kniff nicht weniger wirksam: Ich war dem Alten dankbar. Er saß mir gegenüber, sein Gesicht so ausdruckslos wie das eines passionierten Pokerspielers und aß Reiswaffeln zu seinem Mineralwasser. Seine Schultern hingen nach vorne als würde das Gewicht aller Sünden der Welt auf ihnen lasten, aber seinen Rücken hielt der Reverend so kerzengerade als trüge er ein Korsett.
Ich nahm noch einige Schlucke von der Cola in der Hoffnung, dass das Koffein meine Müdigkeit in Schach hielt. Okay, ich war wohl dran ihm das Stichwort zu geben.
"Warum tun Sie das?", fragte ich und gestikulierte in Richtung des leeren Tellers.
"Weil du ein Mensch bist", entgegnete er.
Mein Anflug von Dankbarkeit verpuffte unter dieser Antwort zu Staub.
"Und das war Joseph nicht?", schnappte ich.
Reverend Lawsons Augen funkelten kalt.
"Nein. Er war ein bis aufs Mark verrotteter Despot, der es liebte, aus dem Verborgenen heraus seine Umwelt zu manipulieren und ihr seinen kranken Willen aufzuzwingen."
"Sie meinen so, wie Sie ihm und mir Ihren Willen aufzwingen, in dem Sie uns irgendein Zeug ins Essen mischen, das uns zu geistigen Krüppeln macht?"
Für einen kurzen Moment entblößte der Geistliche seine Zähne wie unter einem lautlosen Knurren oder einer Grimasse des Schmerzes.
"Das war ein Unfall. Joseph war einer der ersten und damals wusste ich - ... stimmte die Dosierung noch nicht richtig."
"Und wie genau wirkt Ihr Wundermittel mit passender Dosierung?."
"Es nimmt Hexern ihre teuflischen Fähigkeiten - ohne ihnen den Verstand zu rauben."
Ich schauderte. Noch schlimmer.
Mir war nicht bewusst, es laut ausgesprochen zu haben, bis der Reverend nachfragte: "Weshalb? Definierst du dich über deine Kräfte?" Er beugte sich leicht zu mir vor: "Glaub mir, das ist dumm. Wenn auch die verständliche Torheit der Jugend." Ein humorloses Lächeln krümmte flüchtig seine Mundwinkel. "In Vietnam haben sie mir mein rechtes Knie zerschossen. Das war der Wendepunkt, danach ging es bergab." Er streckte eine altersfleckige Hand mit knotigen Gelenken über den Tisch. "Damit habe ich einst mühelos Tennisbälle eindrücken können. Jetzt bin ich an manchen Tagen froh, eine Tasse halten zu können."
"Das ist ein blödsinniger Vergleich", schnaubte ich, "Muskelstärke und Magie!"
"Warum? Sag mir, was Magie für dich ist, Harry", forderte er mich auf.
Ich öffnete den Mund um zu antworten, und klappte ihn wieder zu. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht. Sie war einfach. Dachte ein Profi-Schwimmer über das Wesen des Wassers nach? Oder ein Sänger darüber, was Musik war?
"Magie ist eine Fähigkeit, ein Werkzeug", antwortete ich schließlich schulterzuckend.
"Eine Waffe?", fügte er mit ausdrucksloser Miene hinzu.
"Ja, von mir aus auch eine Waffe. So wie Ihre Beretta da. Sie können mit ihr ein tollwütiges Tier erschießen, das ein Baby anfällt. Oder aber auch das Baby selbst. Das macht die Waffe weder gut noch böse."
Der Reverend schüttelte langsam den Kopf.
"Magie ist Macht, Harry. Macht von einem Ausmaß, die ebenso wenig in die Hände eines Einzelnen gehört, wie eine Atombombe. Schon gar nicht in die Hand eines Kindes oder eines unreifen, von Natur aus egoistischen Jugendlichen. Sie ihm zu nehmen, geschieht nicht nur zum Schutz der Menschheit, sondern zu seinem eigenen Wohl."
"Wenn Sie ihm Ihr Zeug einflößen, verhindern Sie, dass dieses Kind oder dieser Jugendlicher jemals zu einem verantwortungsvollen Erwachsenen werden kann, der Magie fürs Gute einsetzt."
"Und das wird er von ganz allein irgendwann tun?", erkundigte sich der Alte spöttisch, "Oder willst du dafür sorgen, dass jeder dieser angehenden Magier ein verantwortungsvoller Mensch wird?"
"Ich nicht, aber andere."
"Erzähl mir nichts!", stieß der Reverend hervor, seine Stimme war plötzlich heiser vor Wut. "Wo waren denn diese Anderen, als ich in Chu Pah auf eine Siedlung gestoßen bin, in dem ein Hexer die gesamte männliche Bevölkerung ausgerottet hatte, der die Mädchen - manche von ihnen kaum alt genug, um allein zu laufen - zwang, seine perversen sexuellen Gelüste zu befriedigen? Wo waren sie in dem Fischerdorf in Südkorea, als eine 13-jährige Hexe eine Flutwelle auslöste, die mehreren Dutzend Fischern das Leben kostete, nur weil dieses Hexe sich durch einen der Männer gekränkt gefühlt hatte? Wo waren sie hier, in Missouri, als Joseph Tanner Menschen dazu brachte, ihm große Summen Bargeld zuzustecken oder ihn als Erben in ihren Testamenten aufzunehmen, indem er ihren Geistern falsche Erinnerungen einpflanzte? Wo waren sie, als diese Menschen geistig krank und finanziell ruiniert waren? Wo waren sie, als Joseph die Mitarbeiter der Behörden, die ihm auf die Schliche gekommen waren, mit Wahnvorstellungen in den Selbstmord trieb? Wo waren diese Anderen, in den unzähligen Fällen, die ich sonst noch erlebt habe?"
"Verbrechen wird es immer geben", argumentierte ich, "Darum gibt es Gesetze und Leute, die darüber wachen, dass diese Gesetze eingehalten werden."
Ich lauschte dem geistigen Echo dessen, was ich gerade gesagt hatte. Das war nicht wahr, oder? Hier saß ich und verteidigte die Fanatiker, die mich einen Kopf kürzer machen wollten, vor jemandem, der kaum ein besseres Schicksal für mich vorgesehen hatte.
Der Reverend stieß den tiefen Seufzer aus, der eigentlich von mir hätte kommen müssen. Er trank eine Schluck von seinem Wasser.
"Du hast mich nicht verstanden, Harry", erklärte er und klang nunmehr eher müde als wütend. "Macht in diesem Ausmaß korrumpiert! Dagegen helfen auch keine Gesetze. Selbst der Hexerdokor, der Schamane, der Geistheiler - oder wie er sich auch immer nennen mag - der nicht offensichtlich verdorben ist, ist dennoch ein Werkzeug des Bösen. Es liegt am Wesen der Kräfte selbst."
"Wie können Sie darüber urteilen! Sie - "
"Hör mich zu ende an!", fiel er mir ins Wort, "Wenn man sich als normaler Mensch an jemandem rächen will, muss man planen - hat Zeit, seine Tat noch einmal zu überdenken und davon Abstand zu nehmen. Mit Hexerei jedoch reicht allein der Rachegedanke und der Wille und es ist geschehen. Wenn man jemanden mit einer Waffe verletzen oder töten will, so geht man das Risiko ein, im Kampf selbst verletzt oder getötet zu werden und muss sich den Konsequenzen stellen wenn man mit dieser Tat gegen Gesetze verstößt. Ein Hexer jedoch, in einer Gesellschaft die sich weigert zu erkennen, dass es so etwas wie Hexerei überhaupt gibt, ist nahezu allmächtig." Der Reverend griff über den Tisch und packte kurz eine meiner Hände. "Du hast noch genug Menschlichkeit in dir, um am Schicksal anderer interessiert zu sein. Unter Gefahr für dein eigenes Leben hast du die Bestie von jemandem abgelenkt, den du als deinen Widersacher siehst. Du bist kein Monster, wie so viele andere, die ich gestoppt habe. Du bist ein Mensch, ein kluger, tapferer und ich wage zu behaupten guter Mensch. Wären da nicht deine magischen Kräfte. Bitte Harry, beantworte mir ehrlich eine Frage: Hast du diese Kräfte noch nie missbraucht?"
Ich wich seinem Blick aus, starrte auf meine Hände, die sich zu Fäusten ballten.
"Ich ... habe Fehler gemacht", flüsterte ich.
Hatte der Alte recht?
Hätte ich nicht mit Magie, sondern mit normalen Waffen gegen Justin gekämpft, wäre Elaine dann noch am Leben? Oder hätte sie nicht auch durch den Querschläger einer Kugel sterben können? Wie unsinnig diese Überlegung war, wurde mir klar, als mir bewusst wurde, dass es gar keinen Grund gegeben hätte, gegen Justin zu kämpfen, wenn mein Pflegevater und Mentor nicht versucht hätte meinen Geist zu kontrollieren. Mit Magie.
Ich schloss die Augen. Und ja, er war da, der Drang meine Umwelt mit meiner Macht nach meinem Willen zu formen. Mich zu rächen. Mir zu nehmen von dem ich meinte es stünde mir zu. Ich wusste bis heute nicht genau, was es wirklich gewesen war, das mich Justins Angebot, mit ihm zusammen zu arbeiten, abgelehnt hatte.
Ach scheiße. Ich wollte darüber nicht nachdenken. Mein Kopf tat weh. Ich wollte schlafen.
Ich sah auf, als ich hörte, dass Reverend Lawson sich erhob. Er griff nach seinem Stock, um ins hintere Teil des Wohnwagens zu gehen. Als er den Vorhang beiseite schob, erhaschte ich einen kurzen Blick auf ein Bett, dessen Decke so straff gespannt war, das es aussah, als könnte man einen Ball drauf hüpfen lassen. Der völlige Gegensatz zu dieser militärischen Ordnung bildete die Kommode an der anderen Wand, die so überladen war mit allem möglichen Kram wie ein mexikanischer Schrein am Día de Muertos. Während Lawson ihre oberste Schublade öffnete, zog ich mithilfe der Gabel den Drahtklipp seiner Reiswaffeltüte und die Flasche mit den Schmerzmittel zu mir.
Der Geistliche kam zurück und ich schüttete mir zwei Tabletten in die Hand, um sie mit Cola herunter zu spülen.
Nachdem er sich gesetzt hatte, stellte der Alte eine braune Plastikflasche, ähnlich der, die ich gerade wieder zugeschraubt hatte, in die Mitte des Tisches.
"Das hier, Harry", sagte er, "ist deine Chance auf ein normales Leben."
*
