Viel Spaß beim Lesen und ich freu mich über reviews!

Legi

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4 Professor Snape

Da Leana jetzt einen offiziellen Status hatte, konnte sie am Abendessen in der Großen Halle teilnehmen. Sie saß an einem abseits aufgestellten Tisch neben Filch, dem Hausmeister. Er musterte sie zwar neugierig, stellte aber keine unangenehmen Fragen.

Sie versuchte, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, erkundigte sich nach seinen Aufgaben an der Schule. Das schien ihm, der nach ihrer professionellen Einschätzung eher zu wenig Aufmerksamkeit bekam, sichtlich gut zu tun. „, Sie kennen Hogwarts sicher besser als jeder andere, da werde ich Sie bestimmt noch oft um Hilfe bitten müssen". Volltreffer! Er grinste sie mit gelben Zähnen an und versicherte, er werde gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Na siehste, war doch gar nicht so schwer….

Gespannt schaute sie immer wieder zum Lehrertisch, aber es waren einige Plätze leer. Naja, in einer Stunde würde sie schließlich wissen, wer sie unterrichten sollte.

Fünf Minuten vor acht Uhr marschierte Leana mit sehr gemischten Gefühlen zum Büro des Tränkemeisters. Den Weg hatte sie im Hogwarts-Buch nachgeschlagen, er führte sie in einen kühlen und nur spärlich mit Fackeln beleuchteten Kellergang.

Einerseits war sie nach dem guten Einstieg mit Filch zuversichtlich, dass sie auch mit Snape irgendwie zurechtkommen würde. Andererseits machten ihr die Vorgänge in ihrem Kopf Angst. Gedankenlesen – wollte sie das überhaupt?

Ich kann das doch gar nicht. Und wenn doch? Will ich überhaupt alles wissen, was in den Köpfen meiner Mitmenschen vor sich geht?

Viel zu schnell stand sie vor einer dunklen, wenig einladenden Holztür und klopfte zaghaft an. Sie hörte keine Antwort auf ihr Klopfen. Leichte Panik stieg in ihr auf. War es doch das falsche Zimmer?

Sie hob die Hand, um ein zweites Mal zu klopfen, als die Tür ruckartig aufgeschwungen wurde. In der Tür stand – mit versteinerter Miene und eisigem Blick – der Mann in schwarz, den sie auf dem Gang gesehen hatte.

Er deutete auf einen kargen Stuhl vor seinem Schreibtisch und sagte mit dunkler, tonloser Stimme „Setzen sie sich".

Leana war erst einmal geschockt von der kalten Atmosphäre dieses düsteren Zimmer, das mit seinen unzähligen Gläsern und Präparaten eher wie der Keller eines Naturkundemuseums wirkte als wie ein Büro.

Noch mehr zu schaffen machte ihr aber die feindselige Ausstrahlung des Mannes, der sich inzwischen lautlos hinter den Schreibtisch gesetzt hatte und sie aus schwarzen Augen taxierte.

„Ich bin es nicht gewohnt, Muggel-Unterricht zu geben, aber Professor Dumbledore bat mich darum, weil er von ihren `Fähigkeiten`…" - sowohl Stimme als auch Augenbrauen bewegten sich einen Tick nach oben – „...angetan ist. Mich müssen Sie erst überzeugen!".

Sie fühlte sich wie ein Schulkind, das angesichts des strengen Mathelehrers keine vernünftige Rechnung zustande bringt. Noch nie war sie einem so abweisenden und bedrohlich wirkenden Menschen gegenübergesessen.

„Was soll ich denn tun?" fragte sie und ärgerte sich sofort über den furchtsamen Klang in ihrer Stimme.

Angesichts dieser offensichtlich dummen Frage verzog er nur kurz gequält die Mundwinkel. Mit einer eleganten, schnellen Bewegung holte er seinen Zauberstab aus seinem schwarzen Umhang, deutete auf Leana und sagte laut „Stupor". Ein leises Knistern war zu hören, sonst passierte nichts.

Die linke Augenbraue bewegte sich ein wenig, ansonsten ließ sich Snape keine Anzeichen einer Überraschung anmerken. „Petrificius totalis" – lauteres Knistern – Leana saß weiter unberührt auf ihrem Stuhl und drehte nervös eine Harrsträhne um ihren Finger.

„Ungewöhnlich" murmelte er mehr zu sich selbst.

Leana merkte, dass die Spannung allmählich von ihr abfiel, die erste Prüfung war schließlich schon bestanden.

„Legilimens!"

Ihr Kopf gehörte auf einmal nicht mehr ihr allein. Sie schloss die Augen und konnte trotzdem seinen durchdringenden Blick sehen. Bruchstücke ihrer eigenen Erinnerungen und Gefühle tauchten in ihr auf, das offene Grab ihrer Oma, eine Sommerwiese in den Bergen, eine Schulfeier, ein Ausritt in den Sonnenuntergang.

Und dazwischen immer wieder seine dunklen Augen.

Nein, ich will das nicht! Ich will niemanden in meinen Geist eindringen lassen! Das alles gehört nur mir!

Ihr Kopf war plötzlich zu eng, der Druck machte sie fast wahnsinnig. Reflexartig holte sie tief Luft und konzentrierte sich mit aller Kraft darauf, den Eindringlich aus ihrem Kopf zu drängen.

Er soll raus gehen, raus aus meinem Kopf, raus aus meinen Erinnerungen!

Plötzlich spürte sie einen Ruck im ganzen Körper und sie war wieder allein mit ihren Gedanken. Sie fühlte sich vollkommen leer, ihr Kopf war gleichzeitig wund und wattig, noch nie hatte sie etwas derartig Unangenehmes erlebt.

Verwirrt öffnete sie die Augen und schaute direkt in ein etwas hämisch grinsendes Gesicht.

„Doch nicht immun gegen jeden Zauberspruch, Miss Waitts?"

Sie war viel zu durcheinander, um darauf zu antworten.

Wie konnte er es wagen, sie vorzuführen wie ein dummes Kind? Und wer hatte ihm erlaubt, einfach so in ihre Gedanken einzudringen?

Abrupt stand er auf, nahm ein extrem dickes Buch aus dem Regal hinter sich und warf es direkt vor Leana auf den Schreibtisch, sodass sie vor Schreck aufsprang.

„Die ersten tausend Seiten bis übermorgen um acht".

Mit einem kleinen Winken seines Zauberstabes öffnete er die Tür und beugte sich wortlos über vor ihm liegende Schülerarbeiten.

Verdutzt nahm Leana das schwere Buch - „Geschichte der Zauberei" - in die Hand und ging zur Tür. Sie drehte sich noch einmal um, um sich zu verabschieden, ihm die Meinung zu sagen oder sonst irgendwas von sich zu geben. Aber angesichts eines schwarzen Haarschopfs, der stumm über die Aufsätze gebeugt war, ließ sie es bleiben und schloss die Tür vorsichtig von außen.

Deutlicher konnte es schließlich kaum zeigen, dass die Unterhaltung für ihn beendet war.

Wie in Trance ging sie zurück in ihr Zimmer und setzte sich aufrecht auf die Bettkante.

Was bildet der sich eigentlich ein! So ein arroganter, unhöflicher Holzklotz! Der meint wohl, er steht über allen Dingen mit seinem Zauberstab und seinen Sprüchen!

Und ich? Sitz vor ihm wie eine Erstklässlerin! Wie kann ich mich nur so blöd anstellen, sonst bin ich doch auch nicht auf den Mund gefallen!

Sie wusste wirklich nicht, ob sie sich mehr über sich selbst oder über diesen selbstgefälligen Eisblock ärgern sollte.

Schließlich siegte die Vernunft, sie nahm den Wälzer zur Hand und begann zu lesen. Im Gegensatz zur unterhaltsamen Geschichte von Hogwarts war das hier schwere Kost. Namen, Jahreszahlen, Zitate, alles furchtbar trocken und langweilig geschrieben. Sie schrieb sich die wichtigen Inhalte auf einen Block, um sie besser behalten zu können, schließlich wollte sie sich ja nicht blamieren. Jedesmal, wenn ihre Konzentration nachließ, rief sie sich Snapes abfälliges Grinsen ins Gedächtnis und setzte die Lektüre seufzend fort.

Sollte sie wirklich hier bleiben und sich wie ein Schulkind behandeln lassen? Das hatte sie nun wirklich nicht nötig.

Andererseits: Ein paar Tage hin oder her, was machte das schon. Würde sie eben ein wenig später in Sydney eintreffen. Irgendwie würde sie den Dingen hier ja doch zu gerne auf den Grund gehen.

Also erst einmal noch das nächste Kapitel dieses unglaublich sperrigen Wälzers lesen. Tausend Seiten! Der Mann war entweder Sadist oder hatte einen Knall. Leana tippte im Moment am ehesten darauf, dass beides zutraf……

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