5 Der erste Arbeitstag

Am nächsten Tag erschien Leana mit müden Augen zu ihrem ersten Arbeitstag. Unsicher betrat sie die Bibliothek und wurde sofort von der typischen Atmosphäre eingefangen. Es mochte ja ein magischer Schul-Raum sein, aber der Geruch nach Staub, alten Büchern, und dicken, etwas muffigen Teppichen war derselbe wie in ihrer Muggel-Welt.

Eine ältere Hexe mit strengem Blick kam auf sie zu und begrüßte sie knapp. „Ich bin Madam Pince. Gut, dass endlich jemand da ist, der mir hier zur Hand geht!"
Dann wurde sie von der resoluten Dame in den hinteren Teil des Raumes geschleppt. Leana wunderte sich etwas über die abenteuerlich bunte Kleidung der Bibliothekarin. Na ja, anscheinend wollte diese sich von den dunklen Bücherregalen etwas abheben, um nicht ganz im staubigen Raum unterzugehen!
Die Hexe drückte sie nun auf einen Stuhl und zeigte auf einen seltsamen, kleinen Apparat. „Das ist ihr Arbeitsgerät, der Registrator."
Stirnrunzelnd betrachtete Leana das eigenartige Ding. Es war eine Art Pistole, vorne am Lauf befand sich ein Auge, das sich tatsächlich zu bewegen schien und sie anblinzelte. Darunter war eine Kugel befestigt, auf der ringsrum winzig kleine Enten- oder Froschfüße angebracht waren, die ständig in Bewegung waren. Als sie vorsichtig einen Finger daran hielt, begannen die kühlen Füßchen sofort, kitzelig darauf herumzutreten. Sie zog die Hand schnell zurück.
„Was muss ich damit tun?"
Madam Pince nahm ein dickes Buch zur Hand und zeigte ihr ihre Aufgabe. „Schauen Sie, Sie nehmen den Registrator und bewegen das Auge erst über den Buchtitel."
„Wie einen Scanner?"
Erstaunt blickte die Hexe auf. „Was bitte?"
„Ach, vergessen Sie es. Wie geht es weiter?"
Nun beugte sich Madam Pince wieder über das Buch. „Danach setzen Sie die Kugel einfach seitlich an die Seiten."
Leana zuckte zusammen, als die Füßchen nun in rasender Geschwindigkeit begannen, das Buch durchzublättern.
Allem Anschein nach nahm das Auge alle Inhalte blitzschnell auf und speichert alles ab.
Hätte mich auch gewundert, wenn ich hier an einem PC gesessen wäre…..

Madam Pince fuhr mit ihren Erklärungen fort. Der Registrator brauchte nach vier bis fünf Büchern eine Pause, Leana musste dann mit einer Pipette eine modrig riechende Flüssigkeit in das Auge tropfen und die Füßchen mit einer durchsichtigen Creme einfetten.
Unter dem strengen Blick ihrer neuen Chefin führte sie die Abläufe mehrmals durch. Nachdem anscheinend alles zur Zufriedenheit der Hexe lief, nickte ihr diese gnädig zu und ließ sie alleine im hinteren Bereich der Bibliothek.

Die Arbeit kam ihr zuerst ein wenig seltsam vor, vor allem das Auge, das sie zwischendurch neugierig anzustarren schien. Aber nach einer Stunde hatte sie sich fast schon daran gewöhnt.
Nach rund zwanzig eingelesenen Büchern musste sie den Registrator für eine Stunde seitlich in eine größere Maschine stecken, die mit zahlreichen Zahnrädchen und Buchstaben versehen war. Leana vermutete, dass dies eine Art Speicher war, aus dem man später dann die gesuchten Informationen über die erfassten Bücher abrufen konnte.
Da sie nicht durchgehend beschäftigt war, konnte sie sich nebenbei noch weiter in die Geschichte der Zauberei vertiefen.
Seufzend saß sie über dem Wälzer und verfluchte innerlich ihren neuen Lehrer.

Am Nachmittag bevölkerten zahlreiche Schüler die engen Tische der Bücherei. Genau wie Dumbledore vorhergesagt hatte, wurde Leana als niedere Arbeitskraft von den Schülern kaum beachtet.

Dies blieb auch am nächsten Tag so. Die Schüler waren so mit ihren Aufgaben oder auch mit angeregten Unterhaltungen beschäftigt, dass sie der `Squib` am hintersten Tisch so gut wie gar keine Aufmerksamkeit schenkten. Eine Tatsache, die Leana sehr gelegen kam, denn so konnte sie aus erster Hand mitbekommen, wie der Schulalltag auf Hogwarts verlief.
Mit großer Genugtuung hörte sie mehrmals, wie unbeliebt Professor Snape bei den Schülern war. Immer wieder beschwerten sich die Kinder über seinen anstrengenden Unterricht und die Fülle der Hausaufgaben.
Nicht, dass dies besonders überraschend für Leana gewesen wäre…

Viel zu schnell fand sie sich wieder auf dem Weg in sein ungemütliches Kellerbüro. Mit Müh und Not hatte sie es geschafft, die geforderten tausend Seiten zu lesen. Alle Fakten zu behalten, war natürlich absolut unmöglich.
Diesmal würde sie sich jedenfalls nicht von ihm runtermachen lassen, so viel stand fest! Schließlich war sie eine erwachsene Frau und nicht eine von seinen jungen Schülerinnen!

Mit energischen Schritten legte sie die letzten Schritte zu seiner Türe zurück. Da sie genau zur vereinbarten Zeit angekommen war, klopfte sie laut an das dunkle Holz und öffnete diese, ohne auf ein „Herein" zu warten.
Snape saß bereits am Schreibtisch und antwortete natürlich nicht auf ihr munter angebotenes „Guten Abend, Professor".
Mit einer knappen Handbewegung deutete er ihr an, sich auf dem Stuhl ihm gegenüber zu setzen.
Er klappte den Aufsatz, den er wohl offensichtlich gerade korrigierte, zu und legte zu den anderen auf den Stapel.
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend nahm sie auf dem harten Stuhl Platz.
Seine durchdringenden Augen schienen sie einen Augenblick kritisch zu mustern. „Haben Sie das Buch gelesen?"
„Selbstverständlich!"
Was dachte der Mann sich eigentlich? Dass sie nur das Inhaltsverzeichnis überflogen hatte und sich trotzdem munter hier bei ihm einfand? Und dabei bezeichnete er sich doch selbst als Legilimentiker!
Doch bevor sie sich noch ernsthaft aufregen konnte, fand sie sich schon in einer mündlichen Prüfung wieder.
„In welchem Jahr fanden die ersten Vampirkriege statt?" „Mit welchen Worten beginnt die erste niedergeschriebene Sprüchesammlung" „ Zählen Sie die Teilnehmer des Kongresses auf" …..
Unbarmherzig ratterte Snape eine unendlich scheinende Anzahl von Fragen herunter.
Da er ausschließlich Detailwissen abfragte, konnte sie höchstens auf jede zweite Frage angemessen antworten.
Sie spürte, wie ihr immer wärmer wurde. Auch ihre Handflächen waren allmählich feucht.

Schließlich beugte Snape sich ein wenig näher in ihre Richtung und sagte in seiner langsamen, drohenden Art: „Mir scheint, ich muss bei Ihnen das Unterrichtsniveau NOCHMALS deutlich nach unten korrigieren".
Leana schäumte innerlich, glaubte aber, sein provozierendes Spielchen so langsam zu durchschauen.
Sie beugte sich ebenso ein wenig nach vorne, sah ihm mutig - wie sie hoffte - in die Augen und sagte genau so leise und bedächtig „Professor, ich bin eine intelligente Frau und werde eine machbare Aufgabe sicher zu Ihrer Zufriedenheit erledigen. Wenn es im Unterricht nur darum geht, meine Unzulänglichkeiten zu beweisen, bin ich wohl falsch hier. Genauso wie Sie bin ich nicht auf eigenen Wunsch hier, sondern weil Professor Dumbledore es für wichtig hält".
Gespannt wartete sie auf seine Reaktion.
Er setzte sich langsam wieder nach hinten, sein Gesicht verriet keine Gefühlsregung.
Mit dunkler Stimme antwortete er schließlich: „Nun, da wir das offensichtlich geklärt haben, würde ich gern mit dem Unterricht fortfahren - wenn Sie das `erlauben`!". Die Mundwinkel zeigten ein ironisches Lächeln, die Augen blickten sie weiter eisig an.
Aha, jetzt macht er auf sarkastisch.

„Da Sie ja über so herausragende Fähigkeiten verfügen, können Sie mir sicher sagen, an welches Tier ich gerade denke, Miss Waitts". Wieder sah er ihr mit kaltem Blick tief in die Augen, was ihr ein äußerst mulmiges Gefühl bereitete.
Sie zuckte zusammen, als sie plötzlich vor ihrem inneren Auge das Bild einer Schlange aufsteigen sah.
„Eine grüne Schlange, die sich aufrichtet und ihre Zähne zeigt".
Danach kam noch ein Adler, ein Wolf und ein Skorpion.
Hätte mich auch gewundert, wenn ein Snape an flauschige Meerschweinchen denken würde!

Er gab keinerlei Kommentare zu den Vorgängen ab. Seine Miene blieb weiterhin undurchdringlich. Schließlich schenkte er sich aus einer dampfenden Kanne, die Leana gar nicht bemerkt hatte, eine Tasse Tee ein und erklärte:

„Diese Bilder habe ich an Sie übermittelt. Es stellt keine große Herausforderung dar, diese zu erkennen. Im zweiten Schritt werde ich Ihnen einen kleinen Teil meines Gedächtnisses anbieten und Sie werden in den nächsten Unterrichtsstunden versuchen, darin einzudringen und herauszufinden, womit ich heute Vormittag beschäftigt war. Das ist keine leichte Aufgabe, ich versichere Ihnen, wenn Sie es nicht schaffen, liegt es NICHT daran, dass ich versuche, Ihre Unzulänglichkeit zu beweisen."
Sollte der Mann am Ende doch noch über Humor verfügen?

Leana war nervös. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sie es anstellen sollte, diese Aufgabe zu lösen.
In den Kopf eindringen: Wie sollte das ablaufen? Was musste sie tun?
Um seinem unangenehmen Blick auszuweichen, verschloss sie die Augen und konzentrierte sich auf seine Gedanken. Sie meinte, ihn reden zu hören, aber wie durch einen Nebel kam nichts bei ihr an.
Vielmehr fand sie sich plötzlich in einem düsteren Klassenzimmer wieder, in dem die jungen Schüler hektisch in ihren Kesseln rührten. Die Perspektive änderte sich ständig, so als würde sie sich durch das Zimmer bewegen. Sie hörte Snape sagen „Noch fünf Minuten", aber seine Stimme klang noch viel tiefer und voller, als sie sie kannte.
Plötzlich konnte sie seine Stimmung in diesem Moment spüren. Er ärgerte sich über die unfähigen Kinder, war genervt von deren Angst vor ihm, die sie in ihren Leistungen lähmte. Gleichzeitig durfte es jedoch keiner wagen, sich respektlos zu zeigen. Die notwendigen ständigen Wiederholungen im Unterricht empfand er als zeitraubend und langweilig.
Als die Schüler ihre Trankprobe abgegeben hatten und den Raum verließen, fand er ein wenig wohltuende Ruhe. In der Zeit bis zur nächsten Klasse bereitete er das Material vor, wobei ihm ein kleiner roter Flakon zu Boden fiel, den er mittels Zauberstab schnell repariert hatte. Er setzte sich an den Lehrerschreibtisch. Sie fühlte ihn tief durchatmen und in eine kurze Meditation versinken, dann kam auch schon die nächste Klasse herein.
Diesmal schien ihm der Unterricht ein wenig erträglicher zu sein. Die Schüler waren im letzten Jahr, sie waren sehr interessiert am Geschehen. Er war nicht ganz so gereizt als bei der ersten Klasse, trotzdem führte der Fehler eines Schülers sofort zu einem Klaps mit dem Buch auf den Hinterkopf. Die Heftigkeit seines Ärgers und die Tatsache, dass sie das unangenehme Gefühl hatte, den Klaps irgendwie selbst gegeben hatte, holte Leana zurück in ihre Wirklichkeit.

Erschrocken stellte sie fest, dass Snape sie gerade in vorwurfsvollem Ton angesprochen hatte: „Sie müssen mir schon in die Augen sehen, wenn sie etwas erkennen wollen! Sonst wird Ihnen das niemals gelingen!"

„Aber ich habe doch schon was gesehen! Sie haben zwei Klassen unterrichtet, die erste musste einen Schlaftrank herstellen, die zweite war älter und durfte sich an einem Heiltrank versuchen. Eine Schüler in der zweiten Reihe hat aus Versehen zwei Almirawurzeln statt einer reingeschnitt…"

Er unterbrach sie zornig, eine tiefe Falte zwischen den Augen „Für wie dumm halten Sie mich eigentlich? So detaillierte Szenen habe ich Ihnen nicht angeboten! Glauben Sie wirklich, ich merke nicht, dass Sie das alles von den Schülern in der Bibliothek aufgeschnappt haben? Es ist mir ein Rätsel, wie Sie Dumbledore von irgendwelchen Fähigkeiten überzeugen konnten. Außer ein paar Transmissionen auffangen, können Sie gar nichts!"
Die letzten vier Wörter hatte er einzeln betont. Unwirsch richtet er seinen Zauberstab auf die Tür und ließ diese aufspringen.

Es war mehr als klar, dass für ihn die Lektion und auch das ganze Thema beendet war.

Doch Leana war immer noch aufgewühlt von dem, was sie gerade erlebt hatte. Er konnte sie nicht einfach wegschicken, nur weil er etwas anderes erwartet hatte! Und wie kam er dazu, ihr Betrug zu unterstellen?
Sie atmete zweimal tief durch und bemühte sich um eine feste Stimme: "Zwischen den beiden Klassen haben Sie die Zutaten zusammengesucht, dabei ist Ihnen ein rotes Fläschchen aus dem untersten Regal runtergefallen und zerbrochen."

Mit einem lauten Knall wurde die Türe wieder geschlossen.
Er zischte sie an: „Das ist nicht möglich, ich hätte es bemerkt, wenn Sie tatsächlich in meinen Kopf eingedrungen wären!"
Langsam strich er sich eine Haarsträhne aus der Stirn, lehnte sich am Stuhlrücken an und trank nachdenklich einen Schluck Tee, wobei er sie eindringlich mit den Augen fixierte.
Leana knetete unruhig ihre Hände.
„Ich habe Sie nicht angelogen, Professor. Ich möchte selbst gern wissen, was mit mir passiert. Warum kann ausgerechnet ich auf einmal Gedanken lesen? Oder war das nur ein einmaliger Zufall? Ich gehör doch gar nicht hierher!"
Sie hoffte inständig, dass sie auf diese bohrenden Fragen eine Antwort bekommen würde.
Von der Tatsache, dass sie anscheinend auch seine Gefühle mehr als deutlich hatte nachempfinden können, verriet sie ihm lieber nichts. Es kam ihr vor wie die Verletzung seiner Privatsphäre und sie wollte sich seine Reaktion darauf lieber erst gar nicht vorstellen!

Nach einem weiteren Schluck Tee sprach er mit gewohnt ruhiger Stimme, jedes Wort schien wohlüberlegt zu sein „In seltenen Fällen kommt es vor, dass ein Muggel über bestimmte magische Fähigkeiten verfügt. Diese treten manchmal erst nach Kontakt mit einem Mitglied der Zauberwelt zu Tage."

„So wie bei mir mit ?"
„Ich war noch nicht fertig! Die Paarung von Legilimentik und einer Immunität gegen Zaubersprücke ist allerdings äußerst ungewöhnlich, wenngleich in der Literatur einige Fälle erwähnt werden. Es scheint ein spontan auftretendes Phänomen zu sein. Bei richtigem Einsatz können diese Fähigkeiten durchaus nützlich sein. Vorraussetzung ist selbstverständlich ein intensives Training und konzentrierte...."

Es klopfte an der Tür. Snape sprang auf, öffnete die Tür einen Spalt und Leana hörte einen Schüler aufgeregt erzählen: "…dann knallte er gegen den Torpfosten und fiel ohnmächtig zu Boden".
Snape antwortete kühl „In diesem Fall wäre es sicher angebracht, ihn auf die Krankenstation zu bringen statt durch die halbe Schule zu meinem Büro zu laufen! Von einem Slytherin hätte ich mehr Verstand erwartet!" Damit schlug er unwirsch die Türe zu.

Da er wohl gerade in Fahrt war, machte er bei Leana weiter: „Und Sie schreiben mir bis zur nächsten Stunde eine schriftliche Zusammenfassung der nächsten fünfhundert Seiten. Und wenn ich feststelle, dass Sie bei irgendeiner neu gefundenen Freundin in Muggel-Art rumtratschen oder sich irgendwo wichtig machen, dann ist Ihr Ausflug in die Zauberwelt schneller beendet als Sie sich vorstellen können. Aperta!"
Folgsam sprang die Türe auf, kaum, dass er fertig gesprochen hatte.
Na der hat ja eine gute Meinung von mir!
Leana verließ das Zimmer grußlos.

Auf dem Weg zurück – wieder wütend und durcheinander, das schien wohl zur Stunde dazuzugehören – erblickte sie zum ersten Mal Hauselfen. Sie schwirrten gerade in ein Zimmer nicht weit von ihrem eigenen Raum und würdigten sie keines Blickes. Als sie ihnen neugierig nachschaute, sah sie, dass es sich um ein kleines Musikzimmer handelte. Außer einem Klavier konnte sie nicht viel erkennen, da die letzte Elfe mit mürrischem Blick eiligst die Tür schloss.

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