8 Lucius Malfoy

Das Verschließen ihres Kopfes gegenüber fremden Emotionen machte tatsächlich Fortschritte.

Vielleicht war ja auch der erste Tag eine Art Überreaktion ihrer telepathischen Fähigkeiten gewesen, ausgelöst durch den Unterricht bei Snape.

Die nächsten beiden Tage verliefen jedenfalls ruhiger, denn Leana bekam nach und nach die Ruhe in ihrem Kopf zurück. Hin und wieder konnte sie einen Versuch des Gedankenlesens jedoch nicht unterlassen. Sie suchte sich meist abgelenkte Schüler in der Bücherei aus und übte das Eindringen in deren Gefühlswelt. Jedes Mal wieder war sie erstaunt, wie leicht es ihr fiel und wie unbemerkt der Vorgang offenbar stattfinden konnte.

Nachmittags hatte Prof. Flickwick ihr einen Stapel Bücher zum archivieren mitgegeben. Sie marschierte gerade damit durch einen langen Gang in Richtung Bibliothek, als sie stutzte. Es kam ihr nämlich ein Mann entgegen, den sie noch nie zuvor auf Hogwarts gesehen hatte. Sehr elegant gekleidet und mit leicht erhobenem Kopf schritt er direkt auf sie zu. Dann blieb er vor ihr stehen.

Er musterte sie unverhohlen aus großen blau-grauen Augen, während er mit einer behandschuhten Hand seine langen weißblonden Haare über die Schultern warf.

Alles an ihm wirkte gefährlich, selbst der elegante Gehstock, auf dessen Schlangenkopf nun seine Hand lag. Leana hatte sofort das Gefühl zu frieren, ihre Nackenhaare stellten sich auf.

Mit lauter, selbstsicherer Stimme sagte er: „Sie sind also die Squib, die die alten Bücher sortieren soll? Draco hat mir davon erzählt." Seine Blicke wanderten abschätzend über ihren ganzen Körper.

Leana nickt nur, sie fühlte sich plötzlich unwohl in ihrer Kleidung und wünschte, sie hätte statt zum V-Ausschnitt zum Rollkragen gegriffen. Und dabei war sie wirklich nicht tief dekolletiert! Aber sein unverfrorener Blick auf ihre Brust verursachte ihr ein äußerst unangenehmes Gefühl.

Was bildet sich dieser gelackte Typ eigentlich ein!

Ein unbändiges Verlangen, hinter seine Fassade zu schauen, stieg in ihr auf. Aber als sie versuchte, gedanklich Kontakt aufzunehmen, war da ein großes Nichts.

Aha, ein Okklumentik-Meister, was hat der denn zu verbergen?

Irgendwie musste sie ihn ablenken, musste sie dafür sorgen, dass er seine Abwehr vernachlässigte.

Fragte sich nur wie!

Als sie sah, wie sein unverschämter Blick weiter über ihren Körper wanderte, kam ihr eine Idee.

Da der Mann offensichtlich so sehr von sich überzeugt ist, sollte ich ihm vielleicht einfach ein wenig Honig ums Maul schmieren. Wenn er sich in Sicherheit wiegt und auf ein kleines Spielchen hofft, ist er vielleicht eher bereit, seine Deckung runter zu nehmen!

Leana verfügte nicht unbedingt über besonders viel schauspielerisches Talent, aber sie versuchte nun, ein tief beeindrucktes weibliches Geschöpf darzustellen. Offensichtlich `aufgeregt` ließ sie ein Buch fallen, hob es mit zitternden Händen wieder auf und sah ihn mit einem interessierten Augenaufschlag an.

Er antwortete mit einem amüsiertem Lächeln: "Mache ich Sie nervös?"

Sie holte tief Luft, sollte sie es wagen? …….

Leana versuchte, ihrer Stimme einen verführerischen Klang zu verleihen und sagte: „Wenn ich gewusst hätte, dass man in Hogwarts auf so attraktive Männer trifft, wäre ich schon viel früher hierher gekommen!"

Bingo!

Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite, zog die Augenbrauen hoch und ließ lächelnd eine Reihe makelloser Zähne aufblitzen.

Der Vorhang um seine Gedanken hob sich, sie fühlte eine ganze Ladung Erinnerungen auf sie einstürzen. Auf so etwas war sie jedoch nicht vorbereitet gewesen! Die Brutalität und Bösartigkeit, die sie sah, war jenseits ihrer Vorstellungskraft. Einzelne Szenen stürzten auf sie ein. Gewalt, Betrug, Hass, Folter. Genugtuung über zugefügte Schmerzen.

Die damit verbundenen Emotionen waren so unfassbar, dass sie ein heftiger Kopfschmerz und plötzliche Übelkeit überkam.

Ruckartig löste sie sich aus seiner Gedankenwelt und fand sich schwer atmend auf dem Schulflur wieder.

Er war noch näher zu ihr aufgerückt, sein Gesicht war nun nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt.

Sie konnte seinen Atem an ihrer Wange spüren, als er in weichem Tonfall sagte „ Was höre ich da? Sie finden mich also attraktiv? Immerhin scheinen Sie über einen ausgezeichneten Geschmack zu verfügen!"

Leana wusste nicht, was sie machen sollte, sie war noch ganz durcheinander von den Eindrücken und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Panik stieg in ihr auf.

Auf was hatte sie sich da eingelassen? Wie ,zum Teufel, war sie nur auf die Idee gekommen, ihm Interesse vorzuspielen?

Sie musste irgendwie einen Ausweg aus dieser Situation finden und zwar schnell!

Langsam bewegte er seine Hand nach oben, als ob er in ihre Haare greifen wollte.

Leana hielt den Atem an.

Da hörte sie Schritte, die schnell näher kamen. Kurz darauf bogen ein paar ältere Schüler schwatzend in den Flur.

Er trat einige Schritte zur Seite, warf seine Haare zurück und stieß ihr ein kurzes „Dann bis zum nächsten Mal!" entgegen. Anschließend ging mit langsamen Schritten den Gang hinab, wobei er ihr noch einmal vielsagend aus seinen eisigen Augen zublickte.

Erleichtert atmete Leana durch. Das war wirklich knapp gewesen! Sie blieb noch kurz stehen, bis sie sich halbwegs von den Eindrücken erholt hatte. Dann packte sie den Bücherstapel fest in die Hand und ging in der anderen Richtung weiter.

Sie war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht merkte, wie sich ein Türspalt neben ihr noch ein Stückchen weiter öffnete.

Plötzlich wurde sie schmerzhaft am Oberarm gepackt und rüde in die Kammer gezogen. Die Bücher fielen auf den Boden, die Türe wurde von innen ins Schloss geworfen und Leana rückwärts gegen ein hartes Regal gedrückt. Geschockt blickte in Snapes wutverzerrtes Gesicht. Mehrere Haarsträhnen waren ihm ins Gesicht gefallen und verliehen ihn ein noch wilderes Aussehen.

„Sind Sie jetzt vollkommen verrückt geworden?", schrie er sie an, weiß vor Zorn.

Leana sah aus den Augenwinkeln, dass sie sich in einem winzigen Vorratsraum befanden, vollgestopft mit Zaubertrank-Utensilien in Flaschen und Dosen.
Snape sah aus, als ob er jeden Moment gewalttätig werden und sie wütend gegen die Wand schleudern wollte. Im Gegensatz dazu klang seine Stimme nun mehr als beherrscht, er setzte drohende Pausen zwischen die Wörter und sprach betont langsam:
„Lucius Malfoy ist kein Mann, mit dem man Spielchen treibt. Er ist ein hervorragender Zauberer, er ist mächtig und äußerst einflussreich".

Leana rieb sich unwillkürlich den Arm, den er letztlich aus seinem Klammergriff entlassen hatte. Er stand ihr fast so nah gegenüber wie Malfoy vor ein paar Minuten.

Sie entgegnete atemlos: „Er ist brutal und herzlos, er hat Spaß daran, Menschen zu quälen – und Schlimmeres!" Sie konnte unmöglich alles in Worte fassen, was sie gesehen hatte.

Er fuhr sie an: „Haben Sie überhaupt eine Vorstellung, wie gefährlich das ist, was Sie da treiben?"

„Ich bin mir sicher, dass er nichts gemerkt hat, er war ja abgelenkt"

Mit einer ärgerlichen Armbewegung warf er seinen Umhang über die Schulter. Er trat zwei Schritte zurück, so als wäre ihm plötzlich bewusst geworden, wie nah er vor Leana gestanden hatte. Sie atmete tief ein und löste ihren schmerzenden Rücken ein wenig von den harten Regalbrettern.

Snape verschränkte die Arme vor der Brust. „Ist Ihnen schon mal der Gedanke gekommen, dass er auch in Ihren Kopf eingedrungen sein könnte? Oder machen Sie heute mit dem Denken Pause, Miss Waitts?"

„Aber, Professor, ich habe deutlich bemerkt als SIE mich gelesen haben! Und Mr. Malfoy ist doch sicher keine besserer Legilimentiker als Sie!"

Ein kurzes, ärgerliches Zucken des Mundes, sonst keine erkennbare Reaktion.

Leana fuhr fort: „Vielleicht habe ich ja auch etwas Wichtiges gesehen…… Ich glaube, er ist ein Todesser"
„Das ist nichts Neues"

Sie versuchte, sich an das Erlebte zu erinnern: „Er führt irgendetwas im Schilde, hier auf Hogwarts, aber ich konnte nicht erkennen was."

„Welch überaus nützliche Information!"

Nun ihr letzter Trumpf: „Er betrügt seine Frau!"

Schnell schoss seine Antwort hervor: „Das kann man ihm doch nicht übel nehmen, wo er doch so übermäßig ATTRAKTIV ist!"

Da war es wieder, das kurze, sarkastische Grinsen mit leicht hochgezogenen Mundwinkeln und einer beteiligten Augenbraue.

Erschöpft ließ Leana die Schultern hängen. Sie wollte nur zurück in ihr sicheres Zimmer. Nichts mehr hören und sehen, am liebsten sich ins Bett verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen!

Doch sie würde erst noch ihren Arbeitstag in der Bibliothek beenden müssen.

Mit Hilfe seines Zauberstabes ließ Snape die heruntergefallenen Bücher vom Boden direkt in Leanas Hände flattern, dann trat er nochmals einen Schritt näher an sie heran: „Wagen Sie es nicht, noch einmal so etwas zu tun!"

Er öffnete ruckartig die Türe, schaute sich kurz im Gang um und schickte sie mit einer schnellen Kopfbewegung nach draußen.

Leana machte sich im Laufschritt von dannen.

Nur weg hier! Weg aus diesem furchtbaren Gang!

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