9 In Dumbledores Büro

Als Leana wieder in der Bibliothek erschien, war es dort angenehm ruhig, Madam Pince warf ihr zwar einen argwöhnischen Blick zu, stellte aber glücklicherweise keine Fragen. Nach einer halben Stunde an ihrem abseits stehenden Tisch kam Leana allmählich wieder zur Ruhe. Die Arbeit mit dem Registrator beherrschte sie inzwischen schon automatisch, so dass sie in Gedanken nochmals die Erlebnisse durchgehen konnte. Es war alles so schnell gegangen! Die Gedankenbruchstücke von Malfoy, sein Atem in ihrem Gesicht, Snapes Ausbruch – sie musste das erst mal in Ruhe sortieren.

Um sich abzulenken, beobachtete sie die anwesenden Schüler. Hermione saß wie immer an einem Tisch im hinteren Teil des Raumes, da wo auch Leana ihren Arbeitsplatz hatte. Ron und Harry gesellten sich zu ihr und wurden gleich mal niedergemacht wegen ausstehenden Hausaufgaben. Leana musste lächeln.

Das Mädel zeigt den Jungs wirklich, wo es langgeht!

Ein weiterer Schüler kam zur Türe rein und sah sich ein wenig unsicher um. Dann steuerte er direkt auf den Gryffindor-Tisch zu, wobei er ein Heft streifte, das zu Boden fiel. „Hey, Neville du Tollpatsch, pass doch auf!", folgte der Anpfiff des Klassenkameraden sofort.

Leana beobachtete interessiert, wie der angesprochene Neville das Heft aufhob und sich mit abwesendem Gesichtsausdruck zu seinen Mitschülern setzte. Leana konnte sich nicht erinnern, dass sie ihn hier in der Bibliothek schon einmal bemerkt hätte, trotzdem kam er ihr in seltsamer Weise bekannt vor. So als hätte sie ihn erst vor kurzem irgendwo gesehen.

Unsinn! Sie schüttelte den Gedanken ab.

Sicher ist er mir in der Großen Halle schon einmal über den Weg gelaufen, das ist alles! Er ist mir eben bisher nie bewusst aufgefallen.

Die Türe zur Bücherei öffnete sich ein weiteres Mal und Madame Pince kam herein. Leana wunderte sich, denn sie hatte gar nicht mitbekommen, dass diese die Bibliothek verlassen hatte. Die Hexe kam näher, trat schließlich zu ihr an den Tisch und sagte mit leiser Stimme, so dass die Schüler nichts hörten: „Miss Waitts, Professor Dumbledore möchte Sie sehen. Ach ja, versuchen Sie es mit Pineapple Pie!"

Damit verzog sie sich wieder an ihren Schreibtisch.

Leana stand langsam auf. Sie hatte keine Ahnung, was der Pineapple Pie bedeuten sollte, aber das war ihr im Moment auch egal. Der Schulleiter wollte sie sprechen!

Hatte Snape denn wirklich gleich zu Dumbledore rennen müssen wegen dieser Malfoy-Sache? Es war doch gar nichts passiert!

Ob er mich aus Hogwarts wegschickt?

Diese Vorstellung behagte ihr komischerweise gar nicht. Dabei konnte sie gar nicht so genau sagen, WAS sie hier eigentlich faszinierte. Aber sie wäre durchaus noch gern ein wenig länger an der Schule geblieben!

Mit einem Mal bereute sie es sehr, dass sie sich bei Lucius Malfoy zum Gedankenlesen hatte verleiten lassen.

Snape hat schon recht, ich muss mich wirklich mehr zusammennehmen!

Es geht mich schließlich auch gar nichts an, was in den Köpfen anderer Leute vorgeht. Und auch hier im Zauberreich ist es sicher nicht gern gesehen, wenn da so ein Muggel wie ich herumläuft und einfach in fremden Gedanken herumstochert.

Leana nahm sich fest vor, sich künftig nicht mehr zu so einem Verhalten hinreißen zu lassen.

Wenig später stand sie vor dem Aufgang zu Dumbledores Büro und versuchte sich zu erinnern, wie sie mit Mr. Weasley hochgekommen war. Seit dieser Nacht schien eine Ewigkeit vergangen zu sein. Der steinerne Gargoyle schien sie abwartend anzustarren. Da war doch was gewesen…..

„Pineapple Pie" sagte sie vorsichtig und kam sich dabei irgendwie lächerlich vor. Der Direktor einer Zauberschule würde doch sicher ein schwieriges Passwort verwenden, irgendwas mit Drachen-Eckzähnen oder einen unaussprechlichen Zauberspruch. Aber doch keinen Ananaskuchen!

Aber da!

Es bewegte sich tatsächlich was!

Die Statue glitt mit einem knirschenden Geräusch zur Seite und es tat sich eine Treppe auf, die sie ähnlich wie ein Lift direkt zum Büro emporhob.

Die hohe, dunkle Türe stand offen, sie trat zaghaft ein und sah Dumbledore wie bei ihrer ersten Begegnung am Tisch sitzen.

„Ah, Miss Waitts, unser neuer Stern am Legilimentik-Himmel!" Er lächelte ihr freundlich zu und bot ihr einen Platz im üblichen Sessel an. Dann fuhr er fort: „Professor Snape hat mir von ihren Erfolgen berichtet"

Sie suchte nach einem Anzeichen von Ironie in seinem Gesichtsausdruck, fand aber keins.

Der Direktor sprach weiter, nachdem sie sich hingesetzt hatte: „Er scheint recht zufrieden mit ihren Fortschritten zu sein".

Leana war überrascht. Sie entgegnete schnell: „Da hat er aber übertrieben".

Dumledore lachte kurz auf: „Sie meinen, er hat zu Unrecht Lorbeeren verteilt? Wir reden hier von Professor Snape!"

Seine Miene wurde wieder ernst, als er weitersprach. „Sie konnten also in Lucius Malfoys Kopf eindringen? Mir ist das bisher noch nicht gelungen." Er musterte sie mit aufmerksamem Blick.

Leana schüttelte sich. „Das war fürchterlich! Grausam und brutal! Ich hoffe, ich muss nie wieder solche Bilder sehen."

Dumbledore saß eine Weile stumm da. Dann sagte er weich „Genau darum wollte ich Sie eigentlich bitten. Solange niemand über Sie Bescheid weiß, können Sie unbemerkt herausfinden, ob jemand Böses im Schilde führt. Es ist ja offensichtlich ein Leichtes für Sie, hinter die Geheimnisse anderer Menschen zu kommen."

Leana war schlagartig wie versteinert. Ihr Blut schien zu gefrieren, ihr Mund war ausgetrocknet und sie vergaß fast zu atmen. Bisher war das alles hier eher ein Spiel gewesen, ein harmloses Ausprobieren von neu entdeckten `Talenten`. Nach dem Kontakt mit Malfoy wollte sie die Gedankenleserei nicht unbedingt forcieren und jetzt wollte Dumbledore auf ihre Fähigkeiten zugreifen?

Der Direktor sprach weiter: „Ich habe noch nichts Konkretes im Kopf, man wird sehen, wie sich alles weiter entwickelt. Aber es ist gut zu wissen, dass hier noch ein wachsames Auge auf unsere Schüler aufpasst. Doch zuerst einmal wird Sie Professor Snape sicher noch in vielen Dingen unterrichten. Kommen Sie gut mit ihm zurecht?"

Sie war noch so beschäftigt mit den neuen Entwicklungen, dass sie antwortete ohne nachzudenken „Ja sicher. Ich glaube, er ist gar nicht so böse wie er tut."

Nach diesen Worten zuckte sie selbst zusammen.

Was red ich denn da? Hab ich das jetzt wirklich laut ausgesprochen?

Wieder schien Dumledore sie eine Zeit lang zu betrachten, bevor er sprach. „Nicht viele Menschen sind in der Lage, hinter die Mauer von Severus Snape zu sehen."

Komisch, sie hatte sich noch nie Gedanken über seinen Vornamen gemacht.

Severus. Ist das nicht lateinisch? Der Strenge, Ernste oder so ? Passt ja irgendwie.

Allerdings hatte sie wirklich nicht das Gefühl, besonders viel über ihn zu wissen. Geschweige denn, tatsächlich hinter irgendeine Mauer gesehen zu haben. Obwohl dieser Gedanke, das musste sie zugeben, irgendwie etwas Verlockendes hatte!

Leana versuchte, sich nun wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. „Professor, mir ist immer noch nicht klar, warum mir das alles passiert! Wieso ich Gedanken lesen kann und warum manche Zaubersprüche anscheinend bei mir nicht wirken."

Gespannt blickte sie in das gütige Gesicht des Schulleiters. Es war Zeit, dass diese Fragen endlich beantwortet würden!

Dumbledore strich mit der rechten Hand über seinen langen Bart. Dann sahen seine blauen Augen sie ernst an: „Miss Waitts, es hat mich einige Jahrzehnte gekostet, um das Folgende herauszufinden: Es gibt nicht für alles eine Erklärung! Auch wenn man sämtliche Bücher und Schriften zu Rate zieht, sorgsam studiert und mit anderen Gelehrten bespricht, ist es trotzdem nicht möglich, alle Geschehnisse um uns herum wissenschaftlich nachzuvollziehen. Manche Dinge passieren, eben weil es so sein soll. Weil es so bestimmt ist. "

Überrascht zog Leana die Augenbrauen zusammen. „Sie wollen mir sagen, es ist so etwas wie Schicksal, dass ich hier bin?"

Das konnte nicht sein Ernst sein! Er konnte das nicht einfach so abtun! Was war denn das für eine Erklärung!

Doch Dumbledore nickte bestätigend. „Ich bin überzeugt davon, dass Ihr Eintreffen in Hogwarts einen tieferen Sinn hat, der sich – sofern uns das Glück hold ist - noch offenbaren wird. Vielleicht nicht sofort. Aber ein Zufall ist es sicher nicht, dass genau Sie hier angekommen sind!"

Na toll!

DAS half ihr natürlich enorm weiter!

Dumbledore lächelte sie so verständnisvoll an, als könne er jeden einzelnen ihrer Gedanken nachvollziehen. Was ja auch nicht auszuschließen war, sicher war er ein fähiger Legilimentiker. Oder aber er las ganz einfach in ihrer Miene wie in einem offenen Buch.

Leana verabschiedete sich und ging mit langsamen Schritten zurück. Sie war gleichzeitig erschöpft und aufgedreht. In ihrem Zimmer versuchte sie, Ordnung in ihren Kopf zu bekommen. Sie hatte das Gefühl, der Tag hätte fünfzig Stunden gedauert, so viele Erlebnisse hatte sie zu verarbeiten. Unruhig lief sie in dem kleinen Raum auf und ab wie ein eingesperrtes Tier, aber das Chaos in ihren Gedanken wollte sich nicht lichten.

Schließlich wurde es ihr zu dumm. Sie öffnete die Tür, durchquerte den dunklen Gang und betrat das Musikzimmer.

Manche Leute kamen beim Joggen auf andere Gedanken Oder beim Meditieren. Sie versuchte es jedoch lieber mit Johann Sebastian Bach.

Es tat gut, sich auf die kühlen Tasten zu konzentrieren und nach und nach ihren Kopf frei zu machen.

Ihre Finger fanden selbständig die richtigen Töne und Leana tauchte ganz ein in die Magie der Musik. Alles war wie weggeblasen. Sie fühlte sich leicht und frei, während ihre Hände auf dem Klavier tanzten.

Leider gingen ihr nach einiger Zeit die klassischen Stücke, die sie auswendig konnte, aus.

Leana begann, einige Blues-Akkorde anzuschlagen und landete schließlich bei Eric Clapton. Sie war keine besonders gute Sängerin, hohe Töne schaffte sie schon gar nicht. Aber wenn sie allein war, sang sie ganz gern mal ein paar alte Blues-Nummern oder Balladen in ihrer warmen Altstimme. Und heute war ihr einfach danach, ein paar Emotionen rauszulassen.

"I must be invisible, no one knows me, ….

…`cause I`m a lonely stranger here …".

War da ein Geräusch gewesen?

Sie nahm die Hände von den Tasten und drehte sich ertappt um. Die Tür zum Musikzimmer war tatsächlich geöffnet worden. Snape hatte den Raum leise betreten.

Ausgerechnet er!
Leana fühlte sich peinlich berührt. Und sie spürte förmlich, wie die Röte ihre Wangen hochkroch. Sie wollte von niemandem gehört werden und gerade von IHM am allerwenigsten.

Sicher war er hergekommen, um sich zu beschweren….

Doch sie würde ihm zuvorkommen! „Bin ich zu laut? Soll ich ein anderes Zimmer suchen?"

Unsicher stand sie vom Klavierhocker auf.

Doch dann traute sie ihren Augen kaum, als er sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf dem einzelnen Stuhl neben der Tür niederließ. Irgendwie sah er müde aus. Selbst seine Stimme kam ihr ein wenig sonorer vor, als er schließlich sagt: „Beachten Sie mich nicht. Fahren Sie doch einfach fort mit dem Lied."

Ihre Handflächen waren ein bisschen feucht, als sie sich wieder setzte.

Himmel noch mal! Als ob das so einfach wäre, ihm keine Beachtung zu schenken!
Sie hatte einen dicken Kloß im Hals, noch zuvor nie hatte sie vor jemandem gesungen. Vielleicht mal in lustiger Stimmung mit ein paar Freunden, aber doch nicht so!

Sollte sie ablehnen? Immerhin könnte sie einfach mit dem Spielen aufhören und das Musikzimmer verlassen. Doch irgendwie kam ihr das kindisch vor. Was sollte schon groß passieren? Sie bekam schließlich keine Noten von Snape. Und außerdem war es doch mehr als verwunderlich, dass er hierher gekommen war.

Leana begann vorsichtig, die Blues-Akkorde anzuschlagen.

Ihre Stimme zitterte anfangs ein wenig, als sie dann mit dem Text fortfuhr:

"Some may say that I`m no good, maybe I`ll agree

take a look, then walk away, that`s allright for me"

Sie konzentrierte sich auf den Song und es fiel ihr auf einmal gar nicht so schwer weiterzumachen. Sie hatte Snapes Anwesenheit zwar nicht vergessen, aber es fühlte sich bei weitem nicht so unangenehm an, ihn dort im Rücken zu haben, wie sie anfangs gedacht hatte. Als nächstes Lied hätte sie zu Hause „Eternity" oder „Kiss from a rose" gespielt, aber ein Liebeslied wollte sie ihm nun wirklich nicht antun.

Schnell was Unverfängliches ausdenken….
"Killing me softly" passte da schon eher.

"I heard he sang a good song…."

Während des vierten Liedes fiel ihr kein nächstes ein, was halbwegs zu passen schien. Sie betrat dann doch lieber wieder sichereres Terrain mit der Air von Bach. Sie hatte sich bisher nicht umgedreht, weil sie keine Ahnung hatte, was sie hätte sagen sollen.

Hier zu sitzen war ja in Ordnung, aber ihm in die Augen sehen?

Nach dem nächsten Stück machte sie eine Pause und lauschte.

Es war kein Laut zu hören.

Schließlich wagte Leana einen kurzen Blick über die Schulter und stellte überrascht fest, dass der Stuhl leer war.

Hatte sie sich den Besuch nur eingebildet? War ein lauschender Snape nur das Produkt ihrer überschäumenden Phantasie gewesen?

Unsicher stand sie auf, ging zum Stuhl und berührte die Lehne.

Sie war noch warm.

Also war er doch real gewesen!

So seltsam wie sein Auftauchen kam ihr jetzt die Tatsache vor, dass er grußlos verschwunden war.

Hat er mich vielleicht nicht unterbrechen wollen? Oder fand er meine Stimme so furchtbar? Dann wäre er aber doch schon nach den ersten fünf Takten verschwunden…

Zurück am Klavier ließ sie die Finger regungslos auf den Tasten ruhen und dachte zum ersten Mal über Snape nach. Severus Snape.

Wie er wohl aufgewachsen war? Die Kindheit lag ja in der Regel der Schlüssel zum Charakter verborgen.

Ihr fiel die Einsamkeit ein, die sie bei ihm gespürt hatte. Eine glückliche Jugend hatte er sicher nicht gehabt.

Hatte ihn das alleine so hart gemacht? Sie tippte eher auf ein paar Schicksalsschläge, die da noch ihr übriges getan hatten.

Und jetzt?

Das Unterrichten machte ihm offensichtlich keinen großen Spaß. Warum suchte er sich dann keine andere Aufgabe?

Ein Zauberer mit seinen Fähigkeiten konnte doch wohl überall arbeiten.

Und was war diese dunkle Seite, die sie gesehen hatte? Die finsteren Gestalten, vor denen er seine wahren Gefühle verstecken musste?

Er trug auf jeden Fall einige Geheimnisse mit sich rum, was ihn durchaus nicht uninteressant machte.

Auf jeden Fall war er weitaus männlicher als die weichgespülten Psychologen-Kollegen, mit denen Leana sonst zu tun hatte.

Ob das jetzt wirklich ein Vorteil war, wusste sie nicht recht. Wenn sie da an den blauen Fleck auf ihrem Oberarm dachte…..

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Wen es interessiert: hier ist ein link zu „Lonely stranger" von Eric Clapton youtube .com/watch?v=LCFYq3qJ1zE . Ist natürlich eigentlich ein Gitarren-Blues, geht aber auf dem Klavier genauso gut zu spielen. Naja, eigentlich leichter, da muss man sich nämlich nicht mit Gitarrengott Clapton messen, grins.

Legi

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