Das Goldene Band ?
Es war schon Vormittag, als sie am nächsten Tag erwachte. Seltsamerweise hatte sie traumlos geschlafen, was sie entweder ihrer extremen Müdigkeit oder dem ungewöhnlich schmeckendem Tee zuschrieb.
Hatte Snape ihr am Ende doch einen Schlaftrunk verabreicht?
Der Blick in den Spiegel konnte sie nicht unbedingt aufheitern, ihre Haare standen in alle Richtungen und sie sah immer noch erschöpft aus.
Na was soll es, heute muss ich ja nicht raus.
Ein paar Stunden später hatte sie ein Handtuch um die frisch gewaschenen Haare gewickelt und schlürfte gemütlich eine Tasse Kakao, als es an der Tür klopfte. Sie hatte eigentlich überhaupt keine Lust auf Besucher und sehnte sich nach ihrer eigenen Wohnung, bei der sie die Türklingel schon auch mal absichtlich überhörte. Aber hier ging das ja nicht.
Sie seufzte und öffnete die Tür. Professor McGonagall trat ins Zimmer und setzte sich. „Haben Sie sich ein wenig erholt von gestern?" Leana nickte, in der Hoffnung, dass sich die Lehrerin nur nach ihrem Befinden erkundigen wollte.
Aber sie sollte es inzwischen besser wissen…
McGonagall kam schnell zur Sache: „Können Sie mir bitte ausführlich erzählen, was im Wasser passiert ist?"
Leana atmete kurz durch, sie hatte eher wenig Lust dazu, begann aber trotzdem mit der Schilderung der gestrigen Vorfälle. McGonagall hört sich alles geduldig an, fragte aber genau nach, was im See, kurz vor ihrer Rettung durch Professor Snape passiert war. Leicht genervt wiederholte Leana die Schilderung des veränderten Wassers, ihren Rettungsversuch von Neville, die Welle über ihrem Kopf, ihre Todesangst…….
Die Lehrerin schien nicht zufrieden zu sein.
"Auf meinem Weg nach unten zum See hab ich Sie im Wasser kämpfen sehen. Mir war so, als wären Sie kurz von einem goldenen Leuchten umgeben gewesen." Die Professorin blickte sie fragend an.
Leana überlegte kurz „Ja, Sie haben recht, da war so ein Licht, ich dachte das wäre Einbildung! Na wahrscheinlich hatte es was mit Snapes – ich meine Professor Snapes – Zauberspruch zu tun. Er hat ja das Wasser zurückverwandelt."
Dann fügte sie noch hinzu: „Sonst säße ich jetzt nicht hier".
McGonagall musterte sie lange regungslos. Dann fragte sie: „Wie ist ihre Beziehung zu Professor Snape?"
Leana verschluckte sich an ihrem Kakao. „Beziehung? Er unterrichtet mich in Gedanken lesen und Okklumentik, das wissen Sie doch!"
„Kindchen, ich bin zwar alt aber ich habe Augen im Kopf." Sie lächelte wissend.
Leana wurde es heiß, was sollte sie sagen?
Sie schluckte. „Er ist ein interessanter Mann, das gebe ich zu. Ich habe viel von ihm gelernt und unterhalte mich gern mit ihm. Allerdings glaube ich nicht, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Außerdem ist er ein Professor und hat ganz andere Interessen".
Ein mildes Lächeln erschien in McGonagalls faltigem Gesicht. „Glauben Sie wirklich, dass wir Lehrer nur über unseren Büchern sitzen? Viele von uns sind verheiratet, manche haben Kinder."
Leana schaute überrascht zur Professorin, die bewegt weitererzählte: „Professor Sprouts Mann ist Koch in Hogsmeade, ich selbst war drei Mal verheiratet. Professor Hooch fliegt immer am Wochenende zu ihrer Familie und Professor Flitwick führt eine Fernbeziehung, seine Frau lebt in Island. Warum sollte also unser guter Severus keine Gefühle entwickeln können? Er ist ein durchaus temperamentvoller Mann!"
Leana hatte sich noch nie über die Familien der anderen Lehrer Gedanken gemacht, aber zumindest über Snape wusste sie Bescheid. Langsam sagte sie:
„Ich weiß, dass er Gefühle hat - für eine Frau, die schon mit ihm an der Schule war."
„Er hat ihnen von Lily erzählt?" McGonagall sah sie mit einem äußerst überraschten Ausdruck an.
„Na ja, erzählt würde ich nicht sagen, ich bin während einer Gedankenübung zufällig darauf gestoßen."
Sehr überzeugend klingt das nicht!
McGonagall sprach nun mehr zu sich selbst, mit leiser Stimme: „Lily Evans, richtig, seine Jugendfreundin, das hat er also nie richtig überwunden, dass sie ausgerechnet Potter geheiratet hat."
„Potter? Soll das heißen Lily ist Harrys Mutter?"
Ein seltsamer Blick der Professorin. „Sie kennen doch sicher inzwischen die Geschichte von Harrys Eltern und den Umständen ihres Todes?"
Abwesend antwortete Leana: „Ja sicher."
Ihre Gedanken überschlugen sich.
Snape hatte also von früher Jugend an Harrys Mutter geliebt. Und dieser abscheuliche Junge aus seinen Erinnerungen, der ihn ständig malträtiert hatte, war Harrys Vater? Kein Wunder, dass er Harry nicht leiden konnte, vor allem da dieser sich ihm gegenüber auch nicht gerade vorbildlich benahm.
Er forderte nun also den Respekt von Harry ein, den er nie von dessen Vater bekommen hatte. Lily hatte sich statt Snape also lieber Potter zugewandt. Das war sicher auch einer seiner Gründe gewesen, den Todessern beizutreten.
Aber Voldemort hatte doch Lily umgebracht? wie passte das denn………
Natürlich!
Snape war ein Spion für die gute Seite! Er war offiziell weiter für Voldemort im Einsatz, als Okklumentik-Meister konnte er ihm ja Gehorsam vorspielen. Und in Wirklichkeit hasst er alle Todesser bis aufs Blut, das hatte sie deutlich gespürt. Was für ein furchtbares Leben muss das für ihn sein!
Und die noble Lily, die sich für ihren Sohn geopfert hatte, würde er sicher bis in alle Ewigkeit lieben.
Leana fühlte eine große Traurigkeit in ihr aufsteigen. Ihr war schlagartig klar geworden, dass sie niemals eine Chance gegen diese mächtige Liebe haben würde.
Er hörte ihr beim Klavierspielen nur zu, weil ihn die Musik an Lily erinnerte. Und seine Wut auf Malfoy hatte auch gar nichts mit dessen Verhalten ihr gegenüber zu tun – er hasste einfach nur alle Todesser und deren Auftritte!
Snape tat ihr mit einem Mal unglaublich leid.
Warum hatte sich Lily nicht für ihn entschieden? Warum musste sie ihn so demütigen und Potter heiraten?
Und - war Snape jemals richtig geliebt worden?
Wie durch einen Schleier hörte sie Professor McGonagall sprechen. „Ist alles in Ordnung? Ich wollte ihnen eigentlich von dem hellen Leuchten erzählen."
Leana schluckte.
Sie wollte allein sein. Sie hatte gerade null Interesse an irgendeinem Leuchtzauber oder ähnlichen uninteressanten Dingen.
Aber McGonagall sprach unerbittlich weiter.
"Der Zauber, der über dem See lag, wurde mit Hilfe des dunklen Lords ausgeführt, wie wir vermuten. Er sollte Harry Potter, nachdem er vom armen Neville ans dunkle Wasser gelockt wurde, direkt zu ihm führen. Severus Snape ist ein erfahrener und höchst begabter Zauberer, aber nicht mal er hätte diesen Fluch innerhalb Sekunden aufheben können."
„Hat er aber doch getan!" Leana verstand nicht, was die Professorin meinte. Schließlich war niemand außer Snape am See gewesen, also war es doch nur logisch, dass ER alleine den Fluch unwirksam gemacht hatte!
Doch McGonagall war noch nicht fertig: „Miss Waitts, lassen Sie mich kurz ausreden, ja?"
Leana schwieg und lauschte gespannt auf die nun folgende Erläuterung:
„In einigen alten Zauberbüchern wird hin und wieder über ein Phänomen berichtet, welches `The Golden Band` genannt wird. In diesen seltenen Fällen entwickelt sich ein besonderes Verständnis zwischen zwei magischen Personen. Diese können ohne Worte kommunizieren und sich in Gefahrensituationen gegenseitig unterstützen. Es findet dann eine Art Übertragung statt und zusammen verfügen die beiden dadurch über außergewöhnliche Stärke. Nach außen sichtbar wird diese Verbindung durch ein goldenes Lichtband, das die Zauberer für einen kurzen Moment verbindet."
„Aber ich bin doch nur ein Muggel!"
"Das ist ja das Seltsame an der Geschichte! Bei den beschriebenen Fällen handelte es sich meist um herausragende Zauberer, die durch das Band in ihrer Kraft gestärkt wurden. Wir werden die Sache weiter beobachten. Können Sie sich denn mit Professor Snape telepathisch verständigen?"
Leana zögerte. „Wir haben einige Übungen gemacht, bei denen er mir Bilder übermittelt hat. Aber das ist doch nicht so ungewöhnlich, oder?"
Die Lehrerin sah sie eindringlich an. „Sicher nicht. Aber ich hatte heute Abend den Eindruck, dass er Ihre Hilferufe sogar im Gebäude gehört hat."
Leana zuckte mit den Schultern. Sie hielt das mit dem Golden Band für sehr unwahrscheinlich, immerhin war sie weder Hexe noch magisch begabt und eine engere Verbindung mit Snape hatte sie schon gar nicht. Sicher alles nur ein Zufall! Auf der anderen Seite – er war tatsächlich aufgetaucht nach ihren stummen Rufen.
Vielleicht sollte ich ihn einfach mal danach fragen! Oder mache ich mich damit wieder einmal lächerlich?
Endlich stand die Professorin auf und verließ das Zimmer. Leana atmete ein paar Mal tief durch. Anschließend legte sie sich auf ihr Bett und starrte an die Zimmerdecke.
Ich glaub, ich hab jetzt komplett den Durchblick verloren!
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