16 Malfoys Geheimnis

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Zum Mittagessen in der Großen Halle erschien Leana so spät, dass die meisten Schüler schon wieder auf dem Weg nach draußen waren. Entgegen ihrer Befürchtung wurde sie nicht stärker als sonst beachtet. Beziehungsweise nicht stärker als sonst NICHT beachtet.

Harry hat anscheinend nichts rumerzählt. Und Neville? Nun ja, er ist sicher nicht stolz darauf, dass er seinen Freund in eine Falle hatte locken wollte und hängt die Geschichte bestimmt nicht an die große Glocke. Der arme Junge, dabei hat er doch unter Malfoys Imperius-Fluch gestanden!

An ihrem Tisch saß nur Filch, und der war heute so schlecht gelaunt, dass er nur missmutig im Essen rumstocherte und vor sich hin murmelte. Leana empfand dieses Verhalten zwar als seltsam, vor allem da er in der letzten Zeit fast schon glücklich erschienen war, aber sie war heute zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, als dass sie sich über Filch den Kopf zerbrechen wollte.

Leana beobachtete lieber Snape, der nun sein Besteck zur Seite legte und vom Lehrertisch aufstand. Er hatte sie während des Essens keines Blickes gewürdigt und dachte offenbar auch beim Verlassen der Halle nicht daran, dieses Verhalten zu ändern. Als er ungefähr auf ihrer Höhe vorbeiging, hörte sie seine Stimme.
„Kommen Sie in mein Büro!"

Es dauerte einen Moment, bis Leana bewusst wurde, dass sie diese Stimme nur in ihrem Kopf vernommen hatte.

Überrascht legte sie das aufgespießte Kartoffelstück zurück auf den Teller.

Er will mit mir sprechen? Und teilt mir das auf diesem Weg mit?

Da sie sowieso keinen Hunger mehr hatte, trank sie noch ihr Glas aus und machte sich ein paar Augenblicke später auf den Weg in Snapes Büro.

Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihre brennenden Fragen am besten formulieren sollte.
Ich kann ja wohl kaum sagen „Oh, Professor, unsere Beziehung ist ja inzwischen so nah, dass wir sogar ein goldenes Band geschaffen haben!"

Er würde mich hochkant aus dem Zimmer werfen oder gleich ins St. Mungos einliefern lassen.

Und wahrscheinlich nicht mal zu unrecht!

Als sie den ungemütlichen Raum betrat, stand Snape mit dem Rücken zu ihr vor einem Regal und ordnete ein paar Bücher ein. Leana wurde von ihm nur mit einem knappen Nicken bedacht:

„Miss -Ich kann Alles- Waitts, wie es scheint, bekommen Sie nun endlich die Gelegenheit, Ihre glorreichen Fähigkeiten einzusetzen."

Verdammt, wieso muss er gerade heute wieder den Zyniker rauskehren? Und was zum Teufel meint er?

Zumindest die zweite Frage wurde umgehend beantwortet:

„Professor Dumbledore wünscht, dass Sie sich unter die Schüler mischen und herausfinden, ob noch andere unter einem Imperius-Fluch stehen. Ist das eine lösbare Aufgabe für Sie?" Er drehte sich vom Regal um und sah ihr kalt in die Augen.
Was habe ich denn verbrochen, dass er gar so missmutig ist? Ob er sauer ist, weil ich am See nicht sofort Hilfe geholt habe? Macht er denn nie Fehler?

Mit ruhiger Stimme antwortete sie ihm: „Ich kann es ja mal versuchen, Professor!"

Sollte sie es wagen, ihn noch mal auf die gestrigen Ereignisse am See anzusprechen?

Ja, sie musste Gewissheit haben!

Sie würde erst einmal mit ein paar harmlosen Fragen beginnen und dann sehen, wie er reagierte. Also, nichts wie ran an den Feind: „Sir, wären Sie noch so nett, mir zu erklären, was mit dem Wasser des Sees –„

Leanas Frage wurde durch ein lautes Klopfen an der Türe unterbrochen. Noch bevor Snape darauf reagieren konnte, sprang die Türe auf und Lucius Malfoy trat mit ausladenden Schritten und ärgerlichem Blick ins Büro.

Seine Miene schlug plötzlich in Überraschung um, als er Leana erblickte. Er wandte sich Severus zu: „Was willst Du denn mit der Squib? Die taugt doch zu gar nichts." Er zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf die vor Schreck erstarrte Leana.

Snape trat einen Schritt nach vorne und antwortete mit tiefer, ruhiger Stimme: „Lass sie in Ruhe, sie ist harmlos."

Doch ein schmaler Lichtblitz entfuhr nun Malfoys Zauberstab: „Petrificius totalis!"

Geistesgegenwärtig ließ sich Leana nach hinten umfallen und blieb regungslos am Boden liegen. Ihre Schulter, die als erstes aufgeschlagen war, schmerzte heftig und ein Tischbein drückte unangenehm gegen ihren Hinterkopf.

Nur aus den Augenwinkeln konnte sie die beiden Männer erkennen, da sie nicht wagte, den Kopf zu bewegen.

Sie hörte Snape in freundlichem, leicht vorwurfsvollen Ton sprechen: „Lucius!" Das klang so, als würde man einen Freund neckisch tadeln.

Natürlich, Malfoy ist ja sicher, dass Snape auf seiner Seite steht! Der Schein muss natürlich gewahrt werden!

Nochmal ein Zauberspruch in ihre Richtung: „Otodeffenus!"

Leana hatte keine Ahnung, was dieser Spruch bedeutet und wie sie reagieren sollte. Verzweifelt versuchte sie, sich an die entsprechenden Seiten im Buch zu erinnern.
Der Tränkemeister kam ihr offensichtlich zu Hilfe: „Aha, Du willst keine Zuhörer, was haben wir denn so Wichtiges zu besprechen?"

Es ist also ein Spruch, der mich kurz taub macht, das kann ich leicht vortäuschen!
Zornig entgegnete ihm Malfoy: „Das weißt Du genau, Severus! Meinst Du, der Lord ist erfreut, dass er wieder nicht an Potter herangekommen ist? Ich hatte das gut vorbereitet. Was ist denn schief gegangen?"

„Wenn Du ausgerechnet den unfähigen Longbottom unter den Imperius-Fluch stellst, brauchst Du Dich nicht zu wundern, wenn der Plan nicht gelingt. Hättest Du mich eingeweiht, wäre es vielleicht anders ausgegangen."

Malfoy schnaubte. „Du hast schon oft genug hier in letzter Minute unsere Aktionen vereitelt, Snape!"

Der Angesprochene machte einen schnellen Schritt und stand dem blonden Besucher nun direkt gegenüber.

Leise und langsam entgegnete er: "Wenn hier bekannt wird, dass ich immer noch der dunklen Seite angehöre, kann ich nicht mehr an der Schule bleiben. Das wird dem Lord noch weniger gefallen als wenn eine Deiner schlecht geplanten Aktionen misslingt!"

Fasziniert hatte Leana die Unterhaltung der beiden Männer verfolgt. Snape stand mit dem Rücken zu ihr und verdeckte auf diese Weise Malfoy, so dass sie gefahrlos ihren Kopf ein wenig zur Seite drehen konnte und einen besseren Blick hatte. Als er weiter sprach, nahm er einen Arm hinter den Rücken und machte eine Handbewegung zu Leana. Seine langen Finger deuteten kurz in Richtung seines Gegenübers.

Er wollte, dass sie in Malfoys Kopf herumwühlte?

Aber der kann doch Okklumentik. Er wird mich nicht einfach so eindringen lassen!
Oder doch? Weil er eben mit IHR nicht rechnete?

Dann sprach Snape weiter: "Lucius, mein Freund, es tut mir ehrlich leid, dass Dein Vorhaben gescheitert ist. Sicher wolltest Du dem Lord beweisen, dass auch Du einer seiner treusten Anhänger bist. Das bist Du doch, oder?"

„Was soll diese Frage?" die Stimme des blonden Mannes klang erbost.

Doch Snape blieb ruhig: „Hast Du denn Pläne, um ihn von Deiner Loyalität zu überzeugen?"

„Das geht Dich gar nichts an, Severus. Kümmere Dich lieber um Dein eigenes Leben. Du pflegst ja neuerdings seltsamen Umgang."

Leanas Augen waren bereits wieder starr nach oben gerichtet, als sie Malfoys Blicke auf ihr spürte.

Sie hoffte inständig, dass er nicht ihren beschleunigten Atem erkennen konnte, denn die Dinge, die sie soeben in seinem Kopf gesehen hatte, waren mehr als interessant gewesen.

Endlich verließ Malfoy grußlos den Raum.

Snape schloss die Türe und blickte sie fragend an.

„Konnten Sie sehen, ob er etwas mit Potter vorhat? Mir gegenüber hat er seinen Kopf mehr als deutlich verschlossen, aber Sie hatten vielleicht Zugang?"

„Allerdings." Leana setzte sich auf und rieb sich die schmerzende Schulter.

„Also?" Beide Augenbrauen waren nach oben geschnellt und warteten auf Antwort.

Sie sah ihm direkt ins Gesicht, während sie berichtete:

„Ich hab nicht erkennen können, was er mit Potter vorhat", enttäuscht wanderten seine Brauen nach unten,

„aber ich weiß jetzt, was er für sich und seine Familie plant….", und wieder nach oben, "

…er ist nicht ganz überzeugt, dass der dunkle Lord am Ende Sieger sein wird. Im Moment kauft er eifrig Grundstücke und eine Villa in Schweden. Für den Fall, dass die andere Seite gewinnt, kann er sich rechtzeitig absetzen und dort weiterhin ein schönes Leben führen."

Ein zufriedenes Grinsen erschien im Gesicht des Tränkemeisters. „Endlich habe ich etwas gegen ihn in der Hand. Ein derart treuloses Verhalten wird vom dunklen Lord aufs Übelste bestraft. Lucius wird alles dafür tun, um zu verhindern, dass ich diese Information weitergebe! Es wird irgendwann eine Zeit kommen, in der das sehr nützlich sein kann."

So, Mr. Malfoy, jetzt sind wir quitt!

Aufgeregt schritt Snape im Zimmer auf und ab.

Leana war inzwischen aufgestanden und sah ihm interessiert dabei zu. Sie öffnete gerade den Mund, um einige der Fragen zu den letzten Ereignissen am See loszuwerden, als er an ihr vorbei eilte und die Türe öffnet. „Ich muss zu Dumbledore."
Er dirigierte sie mit einer energischen Handbewegung zur Türe hinaus.

Als sie sich an Snape vorbeidrückte, soufflierte sie ihm ironisch „Und vielen Dank für ihre Hilfe, Miss Waitts."

Er schloss die Tür von außen und meinte nur trocken „Sehe ich auch so!"
Dann marschierte er mit schnellen Schritten davon.

Na gut, dann muss ich ihn halt morgen noch ausfragen! Ewig wird er mir nicht entwischen können!

Und an seinen sarkastischen Humor hab ich mich fast schon gewöhnt!

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