Malvenextrakte, Affodillwurzeln und Wundkleeblätter
Auf leisen Sohlen war Hermine die ewiglange Treppe des Astronomieturmes herunter geeilt, während eine Hand dabei am Gerüst ruhte und die Andere sich um die Schnalle ihrer Tasche gelegt hatte, nur um sie nicht zufällig zu verlieren. Eigentlich hätte die junge Gryffindor nicht sonderlich ruhig sein müssen, vor allem nicht, wenn man bedachte, dass sie Schulsprecherin war und durchaus auch auf den Gängen Aufsicht hätte schieben oder es zumindestens hätte vorgeben können.
Hermine schlich gerade um eine Ecke, als sie erschrocken innehielt. Ein Schatten bewegte sich schlurfend direkt auf sie zu. Und wer das nur sein konnte, wusste die junge Frau genau. Aber was machte er hier? Eigentlich hatte sie vermutet, dass er gleich zurück in seine Kerker gehen würde.
"Miss Granger, was machen Sie hier?" hörte sie die kalte, stechende Stimme des Tränkemeisters, der nicht bemerkt zu haben schien, dass sie von seinem trägen Zustand wusste. Innerhalb weniger Augenblicke hatte sich seine Haltung von einer leicht gekrümten zu einer aufgerichteten, sogar bedrohlichen Position verändert.
Nervös trat Hermine von einem Fuß auf den Anderen und obwohl sie sich sicher war, dass er Sie in diesem Halbdunkel kaum sah, richtete die junge Frau etwas ihre braunen Haare, die ihren Kopf umrahmten wie seidige Vorhänge. "I-ich... Also ich hatte gesehen, wie Sie das Schloss verlassen und hatte ihre Aufsicht übernommen... Sir" nuschelte sie und spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. Sie war es nicht gewohnt, diesen Lehrer anzulügen und irgendetwas sagte ihr, dass ihr Gegenüber auch von der Lüge wusste, doch er sagte nichts.
"Dann scheren Sie sich fort. Es ist spät genug, also legen Sie sich schlafen, Granger~" knurrte der Tränkemeister und verzog ein wenig sein Gesicht. Hermine ging davon aus, dass er wohl Schmerzen haben musste, denn ansonsten hätte er wohl kaum seine körperliche Lage durch das verziehen seiner Mundwinkel preis gegeben. Also atmete sie kurz tief durch und trat einen Schritt auf ihn zu.
"Sir, kann ich Ihnen irgendwie helfen? Vielleicht sollten Sie zu Madame Pom-" begann die junge Gryffindor, wurde jedoch durch ein scharfes "Nein" von ihrem Professor unterbrochen. Erschrocken starrte Hermine ihren Gegenüber an und wollte gerade fragen, was ihm denn über die Leber gelaufen war, besann sich jedoch eines besseren. Es sei denn, sie legte es darauf an, Punkteabzug für Gryffindor zu kassieren.
"Wenn Sie es unbedingt darauf anlegen..." konnte die junge Frau den verbitterten Tränkemeister sprechen hören und als er an ihr vorbei schlurfte, packte er sie kurz unsanft am Arm und buchsierte sie somit in die Richtung, in die er gehen wollte. "Dann kommen Sie mit. Sie werden mir helfen." Snape schien genervt zu sein, wie Hermine feststellen musste. Wohl ein weiterer Grund, weshalb sie sich auf die Unterlippe biss und jeden Kommentar unterdrückte.
Der Tränkemeister ging ziemlich zielsicher auf einige Geheimgänge zu, die, wie die Gryffindor wusste, zu geheimen Vorratskammern für den Tränkemeister führen würden. In ihrem zweiten Lehrjahr war sie ebenfalls eher zufällig an diesen Gängen vorbei gekommen und hatte dabei einige der Zutaten gestohlen, die sie für die Zubereitung des Vielsafttrankes gebraucht hatten. Ob der Professor davon wusste und sie deshalb jetzt dort hin führte? Sie hoffte es nicht.
Die Tür zu der Vorratskammer war ziemlich unscheinbar und im Vergleich zu vor ein paar Jahren waren die Passwörter und Sicherheitszauber verändert worden. Überrascht hob Hermine eine Augenbraue, überspielte diesen Ausdruck jedoch sofort, als der Professor seinen Zauberstab hob und einen 'Lumos' wirkte. Sofort brach an dessen Spitze ein helles, gleissendes Licht aus und erhellte die nahe Umgebung und somit auch sein und ihr Gesicht. Was die junge Gryffindor dabei sah, erschreckte sie zutiefst.
Snapes Gesicht war von Schnitten überseht. Sein linkes Auge war zugeschwollen und gab einen hässlichen Anblick, während aus den Wunden Blut lief. Erst jetzt bemerkte Hermine auch, dass der Umhang des Professors eher in feuchten Fetzen herunter hing und hier und da ein Stück blasse, blutverschmierte Haut offenbarte.
"Was zum...?" stieß die junge Frau aus und trat einen Schritt zurück. Was war mit ihm geschehen? Wer hatte ihm das angetan? Doch noch ehe sie ihn hatte fragen können, war der Tränkemeister bereits in die Vorratskammer getreten und deutete in die Höhe. "Dort oben sind einige Zutaten, die Sie brauchen werden. Unter anderem Malvenextrakte, Affodillwurzeln und Wundkleeblätter." erklärte der Professor und sah zu Hermine zurück, die mindestens so blass war, wie er selbst. Vielleicht war sie doch geschockter, als sie zugeben wollte.
Nur widerwillig folgte die junge Gryffindor also der Anweisung ihres Professoren und kletterte zu allererst die Leiter hoch, um nach und nach gewünschte Zutaten herunter zu holen und letztlich wieder neben dem verletzten Mann zu stehen. "Kommen Sie, Miss Granger..."
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Eine halbe Stunde später stand Hermine mitten im Büro des Tränkemeisters und starrte auf eine merkwürdig zähe Flüssigkeit hinab. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass das die Vorsubstanz für eine Heilsalbe war, hätte sie wohl, wir Ron und Harry, vermutet, dass das hier Trollrotz war. Jedenfalls hatte es erstaunliche Ähnlichkeit damit.
"Schneiden Sie die Affodillwurzel in hauchdünne Scheiben. Ansonsten dauert es Stunden, bis sie daraus ein vernünftiges Pulver mahlen können." hörte sie die kalte, schnarrende Stimme ihres Professors, der es sich hinter seinem Pult bequem gemacht hatte. Zumindestens wenn man mit so vielen Wunden bequem sitzen konnte.
"Sir?" fragte die junge Frau unsicher, während sie tat, was er sagte. Ein Brummen aus seiner Richtung sagte ihr, dass Snape ihr zuhörte. "Wodurch haben Sie... Das?" Vorsichtig sah sie zu ihm und begann dabei mit einem Stößel die Wurzel zu zerreiben, bis daraus ein hauchfeines Pulver wurde. Doch wenn sie gehofft hatte, eine Antwort von ihm zu erwarten, die ihr vielleicht gefallen hätte, dann musste Hermine wohl zugeben, dass dem zu Viel abverlangt war.
"Ich wüsste nicht, was Sie das anginge, Miss Granger" zischte der Tränkemeister von seinem Platz giftig und funkelte die junge Frau mit seinen schwarzen Augen an. Jetzt noch viel deutlicher, denn das Feuer unter dem zinnernen Kessel ließ das Büro in einem warmen Orange leuchten.
"Nun, da ich Ihnen helfe, dachte ich zumindestens, dass Sie mir vielleicht sagen könnten, wer oder was Ihnen diese Wunden verpasst hat. Das wäre zumindestens fair!" knurrte Hermine und funkelte nun ihrerseits zum Anderen hinüber. Doch das war wohl das Stichwort für den Tränkemeister, sich von seinem Platz zu erheben und auf die junge Frau zu zugehen.
"Es geht Sie rein gar nichts... An, haben wir uns verstanden, Miss Granger?" zischte Snape und baute sich dabei bedrohlich auf. Na gut. So bedrohlich, wie ein verletzter Mann nur sein konnte, wenn er kurz darauf wieder etwas einknickte und das Gesicht verzog. "Wenn ich Fragen gewollt hätte, dann wäre ich zu Madame Pomfrey gegangen. Und glaube Sie mir, sie weiß genau, wie und wo sie zu bohren hat..." knurrte der Tränkemeister genervt und ließ sich auf dem Arbeitstisch nieder, auf dem Hermine bereits den Kessel angeheizt hatte.
Normaler Weise, so musste sich die junge Frau eingestehen, hätte sie wohl sofort nachgegeben, doch im Augenblick musste sich Hermine unangenehm auf die Unterlippe beissen, um ihren Mund zu halten. Sollte sie ihm etwas an den Kopf werfen und einen Punkteabzug riskieren? Oder sollte sie einfach Stößel und Mörser auf den Tisch schmeissen und den Raum verlassen, um dann Madame Pomfrey zu holen, selbst wenn der Professor sich so vehement dagegen wehrte?
Mit ein paar wenigen Atemzügen schluckte die Gryffindor ihren Ärger herunter und fügte sich ihrem Schicksal. Was sollte sie auch Anderes tun? Snape war unberechenbar und wer weiß, wie er in gerade diesem Zustand war?
Die folgende halbe Stunde brachte die junge Frau damit zu, eine starke Heilsalbe anzurühren, die die Wunden möglichst Spurenlos heilen würde. Jedenfalls sagte der Professor genau das, als er ihr ein paar Gefäße reichte, in denen sie die Salbe aufteilen und mit einem Zauber magisch herunter kühlen sollte.
"Jetzt wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mich allein lassen würden, Miss Granger." knurrte der Tränkemeister und machte anstalten, sich die Fetzen seiner Robe vom Oberkörper zu ziehen und seine Haut mit der Salbe einzuschmieren. Doch Hermine blieb weiterhin an Ort und Stelle stehen, ihren Blick unverwandt auf den Professor gerichtet und die Arme vor der Brust verschränkt.
"Sir? Ich glaube nicht, dass Sie in der Lage sind, wirklich alle Wunden alleine zu versorgen." seufzte die junge Gryffindor und trat dabei auf ihn zu, nur um ihm eines der Gefäße aus der Hand zu nehmen. Vermutlich hätte Snape sofort begonnen, ihr zu widersprechen, wäre da nicht der Moment der Einsicht gewesen, dass sie wohl Recht hatte. Andererseits hätte er wohl wirklich zur Krankenschwester gehen müssen und ihre regelmässigen Schimpftriaden nervten ihn mittlerweile so unerträglich, dass er es bevorzugte, seine Wunden alleine zu heilen.
Als Professor Severus Snape tatsächlich nachgab und ihr bereitwillig den Rücken zu wandte, glaubte Hermine wirklich einen kleinen Sieg errungen zu haben. Der Mann, der als unbezähmbar galt, saß gerade vor ihr und ließ sich von ihr behandeln.
"Aber wehe, Sie sagen irgendein Wort zu ihren Freunden oder sonst irgendwem. Sie wollen doch nicht, dass Sie ihren Abschluss nicht bekommen, weil Sie einen unbedachten Fehler begangen haben, Miss Granger?" Er drohte ihr? Der errungene Sieg rutschte gerade einen halben Meter tiefer, dennoch wusste sie, dass er ihr mehr zu vertrauen schien, als irgend einem anderen Schüler. Oder es lag vielleicht daran, dass sie zur falschen Zeit am falschen Ort war?
Mit vorsichtigen Händen zerriss die Braunhaarige den oberen Stoff der schwarzen Robe, immer darauf bedacht, dem Professor nicht mehr Schmerzen zu zubereiten, als Nötig. Dabei bemerkte sie, dass die Wunden unangenehm entzündet zu sein schienen, denn das Fleisch hatte einen dunkleren Rotton als es wohl normal war. Ob die Wunden magisch zugefügt worden waren? Von Snape erwartete sie keine Antwort darauf, denn eigentlich ging es sie ja wirklich nichts an.
Mit zarten, achtsamen Bewegungen begann die junge Frau die Salbe auf den Wunden zu verteilen. Immer wieder zuckte sie zusammen, wenn der Tränkemeister ein leises, zischendes Geräusch von sich gab, da es offenbar nicht angenehm war, die Heilsalbe direkt in die Wunde massiert zu bekommen.
Als die Braunhaarige den Rücken durchgearbeitet hatte, trat sie behutsam vor ihren Professor und sah erst fragend mit ihren Bernsteinfarbenen Augen in sein Gesicht, doch da er keinerlei Regung zeigte, begann sie nun auch hier seine Wunden zu behandeln. Innerlich vermutete sie, dass es ihm wirklich nicht gut gehen musste, wenn er sich so bereitwillig von seiner Schülerin behandeln ließ, ohne sie misstrauisch zu beobachten. Hätte sie gewusst, dass er tatsächlich diese vorsichtigen Berührungen genoss, die sie mit ihren Händen auf seinem Oberkörper verteilte, hätte Hermine wohl sofort das Büro verlassen.
"Erschrecken Sie nicht, Sir." warnte die junge Hexe ihren Professoren und ließ dabei ihre Hände an seinem durchaus gut gebauten Bauch hinab gleiten, um kurz über dem Hosenbund intensiver eine Wunde zu behandeln. Und für einen Moment konnte sie seine stechenden, schwarzen Augen auf sich fühlen, wie er sie musterte und dabei mit sich rang. Vielleicht rang er ja gerade mit sich, ob er sie erwürgen oder davon jagen sollte?
Seufzend, als sie seinen Oberkörper fertig behandelt hatte, ließ Hermine ihre Hände einen Moment sinken. "Wir sollten die Wunden noch verbinden. Nicht, dass Sie sie wieder durch eine bewegung unnötig aufreissen." erklärte sie ihm und mit einem einfachen Schlenker ihres Zauberstabes erschien eine Mulbinde vor ihren Augen, nur um dann endlich mit dem Verbinden zu beginnen.
"Sie sollten das nächste Mal etwas aufpassen, Professor." seufzte Hermine und lehnte sich dabei etwas nach vorn. Noch ein Stück und sie würde seine Haut mit den Lippen berühren können. Doch das war natürlich nur, um den Verband problemlos um seinen Oberkörper wickeln zu können.
"Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mir solche Wunden selbst zufügen würde, oder?" knurrte der Tränkemeister verbissen und funkelte die junge Frau böse an. Natürlich glaubte sie das nicht, doch es musste ja eine Ursache für seine Verletzungen geben, nicht wahr?
"Erzählen Sie mir nicht, dass Sie freiwillig herum laufen und sich hier und da mal als Antistresspuppe ausnutzen lassen" ermahnte Hermine ihn und stemmte die Hände in die Hüfte. Dass sie dabei erstaunliche Ähnlichkeit mit Minerva McGonagall hatte, bemerkte sie selbst nichts, doch der Professor hob nur milde überrascht eine Augenbraue. "Irgendjemand muss Ihnen diese Wunden zu gefügt haben und ich glaube nicht, dass Professor Dumbledore davon zu wissen scheint. Also entweder..."
"Miss Granger!" zischte Snape und unterbrach dabei ihre Drohung mit einem weiteren bösen Blick. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass er sich nicht so leicht bedrohen ließ, aber eigentlich war sie gerade dabei sich aufzuputschen. Sollte sie es erneut versuchen?
"Machen Sie den Mund zu, bevor Sie einem Fisch aus dem See Konkurenz machen" knurrte der Professor und nahm sich nun selbst etwas von der Salbe, nur um sein Gesicht von selbst einzuschmieren und ihr nicht die Chance zu geben, ihn erneut zu bedrohen.
Gerade wollte Hermine einen erneuten Versuch starten, dem Tränkemeister zu erklären, dass sie persönlich damit zu Dumbledore gehen würde, als es an der Tür klopfte. Wer wollte bitte zu so einer Stunde etwas vom Tränkeprofessor? Neugierig und doch verwirrt sah die junge Frau zur dunklen Eichentür, ehe der Mann neben ihr dem Gast den Eintritt gewehrte.
