Wenn die Welt sich nicht mehr dreht...
Dunkelheit umfing sie und nur der leise pochende Schmerz in ihrem Kopf machte sich von Mal zu Mal mehr bemerkbar. Wo war sie? Und was war geschehen? Hatte sie versagt und so sah der Tod aus? Aber wenn sie es sich genauer überlegte, sagte man doch, dass man nichts mehr fühlen würde, oder? Nicht einmal den Schmerz, der zuletzt zu gefügt worden war. Zumindestens hatte das Sir Nicklas aus dem Schloss einst erzählt...
Hermine gab ein leises Stöhnen von sich, als ihr gewahr wurde, wie anstrengend das Denken doch sein konnte. Die noch eben leichten Schmerzen hatten sich vervielfacht und zogen sich merkwürdiger Weise nicht nur durch den Kopf. Auch die Arme und Beine wiesen dieses unangenehme Gefühl auf und dann war da noch etwas. Nichts, das weh tun würde...
Es roch hier vermodert und das leise Tropfen von Wasser drang an ihr Ohr, ehe sie ein Geräusch neben sich wahr nahm, gefolgt von einer hektischen Bewegung, die sich von ihr entfernte. Was, bei Merlins Barte, war nur geschehen? Und vor allem, wo war Snape? Hatte er ebenfalls solche Kopfschmerzen? Oder war er vielleicht sogar tot?
Wenn es nur der Schmerz gewesen wäre, der der jungen Frau zusetzte, dann war es das Eine. Aber die aufkommende Panik, die sie nun empfand, war wirklich ungewohnt und ließ sie sich hektisch bewegen, in der Hoffnung dadurch auch etwas zu erreichen. Vergebens.
Stattdessen spürte die Gryffindor, wie sich kaltes Metall in ihre Handgelenke schnitt und sie fast automatisch noch ein Stück in die Höhe gezogen worden war. Dabei machten sich auch mindestens so stark die Fuß- und Halsfesseln bemerkbar, die ihr wundgeriebenes Fleisch weiter reizten.
Erst jetzt bemerkte Hermine auch den Verband auf ihren Augen, der ihr jede Sicht nahm und dafür Sorgen würde, dass alle unerkannt blieben, solange sie es wollten.
„Ah..." Plötzlich unterbrach ein entzücktes Geräusch die Stille. Egal wo sie sich gerade befand, aber man hatte entweder keine Tür für Notwendig erachtet, oder man hatte sie nicht geschlossen gehabt, als man den Mann – Hermine erkannte eine Männerstimme – zu ihr geschickt hatte. Oder hatte die Person sogar einen höheren Stellenwert?
„Ich hatte mich gefragt, wann du endlich wach wirst. Nach den ersten drei Tagen hatten wir vermutet, die Flüche hätten dich zu hart getroffen." Es war eine ölige Stimme und je mehr der Mann sagte, umso mehr bekam die junge Hexe ein Bild von ihm. Sie kannte ihn. Sie war ihm nicht nur einmal begegnet.
Da Hermine beschlossen hatte, dem Mann nicht zu antworten, biss sie ihre Zähne zusammen und verzog angewidert ihr Gesicht, als ihr der Geruch von Aftershave in die Nase stieß. Snape hatte selten derartige Dinge benutzt. Er war stets bei seinen Kräutern geblieben und so war es wirklich ungewohnt, etwas so intensives zu riechen.
„Es hätte mich ja gewundert, wenn du gleich mit mir reden würdest..." seufzte der Mann, klang allerdings wenig bedauernd, als er kurz seine Hand auf ihre Schultern legte, um sie etwas nach unten zu ziehen und somit zu gewehrleisten, dass sich das Metall noch etwas weiter in ihre Handgelenke schnitt. Sofort entwich der Hexe ein leises Keuchen und da sie selbst nicht wusste, in was für einer Lage sie sich befand, entschloss sie ihn nicht einmal anzuzischen, wie es wohl sonst ihre Art gewesen wäre bei so viel Rücksichtslosigkeit.
Während Hermine mit dem Schmerz kämpfte, bemerkte sie, wie man ihr an dem Verband herum fingerte, ehe dieser mit einem Ruck von ihren Augen gerissen wurde. Fast augenblicklich wurde die junge Frau von gleißendem Licht geblendet und hätte am liebsten sofort ihre Augen mit den Armen bedeckt. Da diese allerdings über ihrem Kopf zusammen gebunden worden waren, blieb ihr nicht viel mehr übrig, als die Augen zusammen zu kneifen und sie an die Lichtverhältnisse zu gewöhnen.
Erst langsam erkannte sie eine Art Kerker, alt und herunter gekommen. Dazu einige Todesser, die offenbar dazu gestoßen waren und ihre Aufmerksamkeit auf den braunen Haarschopf gerichtet hatten. Doch von Snape keine Spur.
Der Mann, der ihr die Augenbinde abgenommen hatte, war niemand Anderer, als Lucius Malfoy persönlich. Sein silberblondes Haar war zu einem eleganten Zopf zurück gebunden, während seine schwarze Todesserrobe einen direkten Kontrast zu diesem gab.
Auf seinem Gesicht ein schmieriges Lächeln tragend, trat er wieder einen Schritt heran und verhalf der jungen Hexe somit zu etwas Schatten. Ein Grund, weshalb sie ihm sofort und direkt ins Gesicht sehen konnte. Dass sie ihn natürlich nicht mit einem Freudejauchzen begrüßte, war offensichtlich. Viel mehr konnte der Mann froh sein, dass in diesem Moment keine grünen Blitze aus ihren Augen stießen.
„Eigentlich waren wir nur auf der Suche nach Snape. Dass wir so eine hübsche, junge Frau in seiner Begleitung finden würden... Und dazu noch eine sehr gute Freundin des Potterjungen, hatten wir uns nie im Leben erträumen lassen." erklärte Lucius und strich ihr dabei mit dem Zeigefinger über die Wange, doch Hermine wandte ihren Blick nicht von dem seinen ab. Wie ein Raubtier, dass auf seine Chance wartete, um den Tierpfleger zu zerreissen.
„Wo ist er?" zischte sie plötzlich und gab sich dabei besonders viel mühe, ihre Abscheu dem Blonden gegenüber herüber zu bringen. Dieser hob jedoch nur belustigt eine Augenbraue und warf einen Blick zu seinen Kollegen, ehe er sich wieder an sie wandte.
„Ganz offenbar nicht hier..." schnurrte er und trat dabei einen winzigen Schritt näher auf sie zu. Ihr selbst kam es jedoch vor, als wenn er ihr den Platz komplett nehmen wollen würde – wo sollte sie schließlich auch hinweichen? Ihre Handgelenke hatten keine Kraft mehr, sich gegen ihr Gewicht zu wehren und waren nur noch eine Halterung für die Ketten, wenn man so wollte.
„Und wo ist er dann? Wehe ihr habt ihm..." Sie schrie fast, so wütend war sie über den Todesser vor sich, der es wagte, seine Hand zu erheben und erneut an ihr Gesicht zu legen, nur um sie mit einer kurzen, kräftigen Bewegung zu Schweigen zu bringen.
„Mädchen... Denkst du nicht, dass deine eigene Situation nicht schon schwer genug ist, als dir den Kopf über derartig unwichtige Dinge den Kopf zu zerbrechen?" Er fuhr mit seinem Zeigefinger elegant ihre Lippen entlang. Hermine wusste nicht, ob sie ihm diesen Abbeissen oder sich übergeben sollte.
„Das... Er ist nicht unwichtig! Und schon gar kein Ding!" Sie spieh ihn giftig an und warf ihm einen funkelnden Blick entgegen. Offenbar schien ihn diese Offenbarung leicht zu überraschen, denn neuerlich hob sich seine Augenbraue und er musterte die junge Frau. Erst jetzt bemerkte Hermine, dass sie nicht mehr und nicht weniger als ein blutgetränktes Hemd an ihrem Körper trug und wie kaputt dieser überhaupt aussah. Wann war das alles nur geschehen? Was hatte man mit ihr gemacht?
„So so..." Lucius musterte sie neuerlich und wenn Hermine nicht schon die gesamte Situation als ziemlich abstrakt gesehen hätte, hätte sie sich sicherlich auch über das merkwürdige Funkeln in seinen Augen Gedanken gemacht. Doch das, was ihre Gedanken im moment beherrschte, war der Drang, so schnell wie möglich heraus zu finden, wo Snape sich befand und ob er noch am Leben war. Die Überlegung, wie sie hier weg kommen sollte, würde anschließend folgen.
Der Blonde zog seinen Gehstock etwas heran und zog etwas an dessen Knauf, der die Form eines Schlangenkopfes hatte. Sofort löste sich ein schwarzer Zauberstab daraus und wurde auf die Handfesseln gerichtet, die sich darauf mit einem leisen Klirren lösten und Hermine zu Boden stürzen ließen. Wenn sie sich hatte abfangen wollen, dann war es ihr versagt worden. Nicht von den Todessern, sondern viel mehr von ihren eigenen Beinen, die unter dem plötzlichen Gewicht weg brachen und sie zu Boden rissen.
„Na komm schon, Mädel" brummte Lucius und klang dabei doch ziemlich belustigt. Hätte die Gryffindor die Kraft besessen, dann hätte sie ihm wohl den nahen Holzscheid an den Kopf geschmissen und darüber herzlich gelacht. Ob es klappte?
So griff sie also mühsam nach dem besagten Stück, das vorher als eine Art Fußstützte gedient hatte und wollte es nach dem Blonden schmeissen, doch tatsächlich flog es nur bis zu seinen Füßen und entlockte den Todessern ein schallendes Lachen.
„Na, na, kleine Granger..." summte der Mann amüsiert und sah auf das Stück Holz hinunter, ehe er sich zu ihr beugte und sie am Oberarm gewaltsam auf die Beine zog. „Wenn du noch einmal stürzt, zieh ich dich an deinen schönen Locken hinter mir her..." Egal wie... Hübsch dieser Mann aussehen mochte, seine Worte waren hässlich und kalt, wie kalter Fels in einer ebenso steinigen Umgebung.
Also bemühte sich Hermine, halbwegs auf den Beinen zu bleiben und suchte dabei Halt an dem Arm, der sie gepackt hielt. Wo würde es hin gehen? In ein seperates Zimmer? Oder vielleicht auf ihre eigene Hinrichtung?
Als sie aus ihrem Verließ traten, bemerkte sie den kalten Granit zu ihren Füßen, der stark an den aus der Mysterienabteilung erinnerte. Die weißen Fugen verstärkten diesen Eindruck nur noch mehr.
Der Gang, der folgte, war ziemlich kurz und wies nur noch eine weitere Tür auf. Genau auf die steuerte die Masse zu und öffnete sie mit dem Zauberstab des Blonden, nur um Hermine hinein zu stoßen und sie hinter ihr wieder zu zuhauen. Neuerlich umfing Dunkelheit ihren Körper, doch ihre Sinne waren geschärft.
Vorsichtig tastete sich die Hexe mit ihren nackten Füßen durch die Dunkelheit und stieß hie und da auf einen Stein oder eine Scherbe aus Glas, bis sie das Ende von Ketten fühlen konnte. War das etwa...?
Die Hände nach vorne streckend, stieß Hermine auf eine nackte, ausgekühlte Brust, die sich nur schwer zu heben schien. Sie wusste, dass das Snape war, denn der schwache Geruch von Kräutern, vermischt mit Blut und Schweiß schlichen sich in ihre Nase und ließen sie kurz das Gesicht verziehen.
„Professor Snape?" Sie hauchte seinen Namen, nichts ahnend, wie stark er zugerichtet sein mochte. Nichts ahnend, ob er überhaupt bei Bewusstsein war. „S... Severus?" Nur ein Flüstern und doch schien er genau darauf zu reagieren. Denn sein Herz schlug schneller in seiner Brust und sein leises Husten sagten ihr, dass er dabei war, wach zu werden.
„..." Er brachte nur ein Brummen heraus, als er ihre Anwesenheit spürte. Sofort schlang die junge Hexe ihre Arme um den erschlafften Körper, glücklich, dass er noch lebte und sie in dieser Hölle nicht alleine war.
„Ich hatte schon befürchtet... Man hätte Sie umgebracht..." schniefte Hermine und presste ihr Gesicht an die sich wärmende Haut, während Snape selbst wohl leicht aus dem Konzept gebracht schien. Ob er sich wunderte, wie sich jemand um ihn Sorgen konnte? Aber eigentlich doch nicht, nicht wahr? Schließlich kannte er die Gryffindor schon seit Jahren und die letzten Wochen hatten doch gründlich gezeigt, dass gerade Hermine kein Interesse an seinem Aussehen oder seiner gespielten schlechten Laune hatte. Jedenfalls dachte das Mädchen so.
„Unkraut vergeht nicht, nicht wahr...?" brummte der Tränkemeister heiser, ehe er versuchte, seine Ketten zu lösen. Doch auch hier scheiterte der Versuch. „Wo sind wir?" Die Frage war berechtigt. Selbst Hermine hatte sie sich ja gestellt und doch hatte sie nur in etwa eine winzige Ahnung.
„Ich vermute, wir sind entweder in einer alten Villa mit persönlichem Kerker... Oder in der Mysteriumsabteilung." seufzte sie und schmiegte sich weiter an den kühlen Körper, in der Hoffnung, dass er erwärmen würde. Schließlich sollte Snape möglichst nicht krank sein, wenn sie flüchten würden. Dass sie selbst aber mindestens genauso wenig wie der Professor trug, war ihr eher weniger bewusst.
„Eine alte Villa mit persönlichem Kerker...?" Die Frage klang für einen Moment überrascht, doch tatsächlich schien sich der Schwarzhaarige bereits Gedanken darüber zu machen, wo sie überhaupt waren. Vielleicht war er ja hier bereits schon einmal gewesen, nur in einer anderen Rolle? Als Spion für Dumbledore...
Plötzlich riss ein erneutes Knarren der Tür die Zwei aus ihren Gedanken und Hermine stellte sich wie eine Schutzmauer vor ihren Professoren. Der Lichtkegel, der eindrang, machte die Person, die eintrat, für einen Moment unerkennlich und doch wusste Hermine, wer das sein musste.
„Ein interessantes Mädchen hast du dir da ausgesucht, Severus" schnarrte Lucius und setzte ein besonders zuvorkommendes Lächeln auf, das aber nie seine Augen erreichte. Seine grauen Augen richteten sich auf die zwei Gefangenen und schienen länger als nötig auf Hermine zu ruhen, was ihr ein unbehagtes Gefühl entlockte.
„Draco hat mir bereits ausreichend von ihr berichtet. Hochintelligent und vermutlich die Einzige, die deinem Niveau gewachsen ist, mein Lieber?" Der Todesser trat näher und die junge Frau wich dafür einen Schritt weiter zurück, stieß aber an den Schwarzhaarigen, was ihr die Flucht nur erschweren würde.
„Draco ist auch Todesser?" stieß die Braunhaarige empört aus und kniff dabei die Augen etwas zusammen, nur um sie anschließend wieder aufzureissen, als der Blonde den Kopf schüttelte.
„Nicht doch. Dieser Nichtsnutz könnte nicht einmal einer Fliege etwas zu Leide tun. Allerdings lasse ich auch nicht zu, dass er einfach seiner Wege gehen kann." Hermine wusste nicht, was sie von dieser Begebenheit halten sollte. War der Mann etwa so kaltherzig, seinen eigenen Sohn weg zu sperren? Oder war es zu dessen Schutz? Aber wenn ja, warum tat er ihnen dann so etwas an? War es etwa eine Art Machtdemonstration? Oder konnte er den Tränkemeister schlichtweg nicht leiden?
„Wie dem auch sei..." lächelte der Blonde und leckte sich begierig über die Lippen, während sein Blick auf der jungen Frau ruhte, die seinen Blick nicht im Ansatz deuten konnte, da sein Gesicht im Schatten lag. Erst, als er näher trat und neuerlich nach ihrem Oberarm griff, begriff sie, warum er sie eigentlich von den Ketten befreit haben musste...
„Nein!" Sie schrie ihn an und tritt nach ihm, während sie sich versuchte am Tränkemeister fest zu halten, der seinerseits versuchte, Hermine bei sich zu halten. Doch vergebens.
„Hör auf zu Schreien!" zischte Lucius und klang nun nicht mehr im Ansatz freundlich. Seine Stimme war kalt und schnitt sich in die Luft wie frisch gewetzte Messer.
Nun packte er auch den anderen Arm von der Gryffindor und riss sie endgültig vom Professor los. Sie schrie und wütete, trat den Todessern, die sich in ihrer Reichweite befanden, mit voller Kraft gegen den Körper, während unaufhörlich Tränen der Wut und der Angst über ihre Wangen liefen. War es jetzt das Ende? Sie wusste es nicht... Aber sie würde sich bis zum Ende wie eine Löwin wehren, wenn es sein musste.
Hermine schrie und wütete noch, als sie Treppen nach oben geschleift und in eine Art Eingangshalle gezogen wurde. Hier herrschte ebenfalls dieser schwarze Granit vor, doch hin und wieder waren grüne Elemente zu sehen, die unverkennbar die Farbe der Slytherins symbolisieren sollten.
Doch wenn sie geglaubt hatte, dass sie hier bleiben sollte, hatte sie sich getäuscht. Der Weg wurde fortgesetzt in das Obergeschoss des Hauses und bis zu einer schwarzgestrichenen Tür, vor der Lucius halt machte.
„Ich würde dir raten, jetzt endlich mal die Klappe zu halten..." zischte der Blonde und sah sie abfällig an, bekam dafür jedoch nur einen trotzigen Blick entgegen geworfen. Was wusste er schon? Für ihn mochte es ja normal sein, wenn sich ein Opfer wehrte und vielleicht sogar den Kampfeswillen verlor. Doch bei ihr hatte er sich damit ziemlich stark ins Fleisch geschnitten, denn sie würde nicht aufgeben, nicht wahr?
Verärgert über den Trotz der jungen Frau, zog der Zauberer seinen Zauberstab hervor und deutete damit auf das Schloss der Tür, die sich kurz darauf mit einem Klicken öffnete und beiseite schwang. Den Moment schien auch die Person hinter der Tür nutzen zu wollen und rammte sich direkt gegen den Todesser – oder hatte es zumindestens vor.
Dieser holte noch rechtzeitig mit seinem Arm aus und verpasste dem Angreifer so heftig eins mit dem Unterarm, dass dieser von den Füßen gerissen und auf den Rücken geworfen wurde. Hermine, die mindestens genauso überrascht war, sah zu Draco hinab, der nach Atem rang und seinen Vater böswillig anfunkelte.
„Da wollte ich dir einen Gast bringen, und so dankst du es mir?" zischte der Ältere und kniff seine Augen zu Schlitzen zusammen. Offenbar war ihm unbegreiflich, wie undankbar man sein konnte...
Mit einem Schwenker seines Zauberstabes beförderte er erst seinen Sohn zurück in das Zimmer und stieß dann die junge Frau hinter her, ehe sie das Knallen der Tür hinter sich hörte... Nun war sie mit dem Malfoyjungen alleine.
Vorsichtig trat Hermine an Draco heran und hockte sich zu ihm, nur um ihm zu helfen, sich richtig aufzusetzen. Sein sonst so gestriegeltes, glattes, blondes Haar hing locker in sein Gesicht und ließ darauf schließen, dass er im Augenblick weniger Wert darauf legte, wie er aussah. Im Gegenteil sogar.
„Alles in Ordnung...?" wollte die Gryffindor vorsichtig wissen und runzelte leicht die Stirn. Konnte sie eigentlich jemals mit dem Malfoyjungen reden? Sonst war er doch die Überheblichkeit in Person gewesen und weder sie, noch er, würdigten einander mehr Blicke, als notwendig war.
„Nein, natürlich nicht!" knurrte Draco und strich sich über sein längliches Gesicht, das Müde und erschöpft aussah. „Oder als was würdest du eine Gefangenschaft bezeichnen, Granger?"
Verärgert über seinen Ton verzog diese ihr Gesicht etwas, nur um ihm unsanft auf die Schulter zu schlagen und sich zu erheben. Ihre haselnussbraunen Augen wanderten aufmerksam durch das Zimmer und nahmen möglichst alles in sich auf, was wichtig war, ehe sie eine weitere Tür entdeckte, die jedoch offen war und einen Blick ins Badezimmer offenbarte...
Die Dusche, die folgte, tat ihrer geschundenen Haut unheimlich gut. Das heiße Wasser wärmte ihre Glieder und reinigte sie von dem Schmutz, der sich auf sie gelegt hatte, während sie bewusstlos in Ketten hing. Und trotz der peniblen Reinigung fühlte sich die Hexe noch immer dreckig... Ob es wohl daran lag, dass Lucius Malfoy sie angefasst hatte? Oder weil Snape noch immer unten in Ketten war und sein Körper auskühlte? Und er konnte nichts sehen... Die Medaillons wurden ihnen abgenommen, wie auch der Rest ihrer Sachen, und das, was übrig geblieben war, waren die Fetzen an Stoff, die beide noch an ihren Leibern trugen...
Seufzend trat Hermine aus der Dusche und bemerkte, dass Draco wohl kurz im Badezimmer gewesen sein musste, denn auf einem kleinen Schränkchen lagen, fein säuberlich zusammen gelegt, einige Sachen, die sie wohl anziehen sollte. Sachen, die ihr zu groß sein würden, aber immerhin waren sie trocken und sauber und rochen nicht nach Blut und Schweiß.
Als sie aus dem Badezimmer trat, trug sie eine schwarze Hose und ein weißes Hemd, ihre Haare waren zu einem Zopf zusammen gebunden. Draco saß an einem Schreibtisch und schrieb gerade auf ein Pergament, als er aufsah und einen Blick zu der Gryffindor warf. „Die sind nur geliehen..." brummte er und doch wusste die Hexe, dass er nicht zu erwarten schien, diese Sachen noch einmal in seinem Besitz wieder zu sehen.
„Aber natürlich..." Sie wollte ein Lächeln aufsetzen, und doch wollte es ihr nicht gelingen. Was würde nun aus ihnen werden? „Seit wann bist du hier eingesperrt?"
„Gleich nach meiner Ankunft vor fast vier Tagen." Nun drehte er sich vollends in ihre Richtung und sah sie ernst an. „Wir müssen von hier fliehen. Meine Mutter wird uns hier raus helfen, noch bevor..."
„Ich kann nicht ohne ihn gehen..." Hermine unterbrach ihn so aprubt, dass er nun eine Augenbraue hochzog und sie verwirrt ansah. „Er hat Professor Snape... Und ich kann und will nicht ohne ihn von hier weg gehen."
„Du bist wahnsinnig! Wir müssen hier weg!" Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen.
„Nicht ohne ihn!" Sie rekte ihr Kinn nach vorn und wirkte im Moment nur noch mehr wie Professor McGonagall, so, wie sie ihre Arme vor der Brust verschränkte und den Slytherin anfunkelte.
„Aber..."
„Kein Aber! Mit ihm oder gar nicht." Damit schien das letzte Wort gesagt. Zumindestens für Hermine, denn diese legte sich wortlos auf das breite Bett des Anderen und machte es sich gemütlich. Sie war so müde und das, obwohl sie so lange Bewusstlos gewesen war.
„Und wie stellst du dir das vor? Dass wir hier raus spazieren und meinem Vater sagen: 'Hey, Vater, gib mir mal deinen Zauberstab, dass ich Snape befreien kann?" Draco schob schmollend seinen Unterkiefer etwas nach vorn und sah missgelaunt zu ihr hinüber.
„Nun, nein..." Die Braunhaarige setzte sich nur etwas auf, um ihn besser sehen zu können. „Eigentlich hatte ich daran gedacht, dass deine Mutter uns dabei behilflich sein wird. Aber dazu muss ich mir noch ein wenig mehr Gedanken machen..."
Die Stille, die eintrat, war angenehm und Hermine diesen Moment, um die Augen zu schließen und ins Land der Träume hinüber zu wanken...
Was wird wohl aus den drei Gefangenen? Wird ihnen die Flucht gelingen? Und war jemand auf dem Weg zu ihnen, weshalb Draco so schnell fort wollte? Geht es Snape gut? Mehr dazu im nächsten Kapitel...
