Einmal mehr möchte ich meiner tollen Betaleserin scientific ida danken fürs Korrigieren!
Phoebe: Danke dir vielmals für dein Review, hat mich gefreut und ich hoffe, dass dir dieses Kapitel gefällt!
Ganz liebe Grüsse und viel Spass, Sally
s s s s s s s s s
Laura griff nach der Hand ihres Vaters. Es war ihr egal, ob das vielleicht nicht cool war, denn es war ja niemand in der Nähe. Snapes Hand gab ihr soviel Sicherheit und Kraft.
Sie gingen eine Straße entlang und Laura sah sich mit großen Augen um. Ob ihr etwas bekannt vorkommen würde? Ob sich in ihr irgendwas regen würde, wenn sie an dem Ort war, wo Edna und Margarida aufgewachsen waren?
Juanjosé Pereirra hatte ihrem Dad beschrieben, wo das Haus etwa gestanden hatte. Ob noch etwas übrig war davon? Vielleicht war ja ein neues Haus an diesem Ort errichtet worden. Sie sah die trockene, rötliche Erde, die sie auch im Traum gesehen hatte, bevor Margarida ihrem Vater gefolgt war. Es wuchs zartes Gras daraus hervor.
Ein kalter Wind blies ihr durchs Haar und es schauderte ihr. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen.
Snape sah fragend zu ihr hinunter. Ihr Griff an seiner Hand war ganz fest geworden.
Vor Lauras innerem Auge hatte sie einen kurzen Moment dieselbe Straße mit derselben Rechtskurve gesehen. Nur war nicht dieselbe Jahreszeit gewesen. Alles war bräunlich gewesen und die Luft flimmerte in der Hitze. Etwa hundert Meter weiter hatte sie ein kleines Haus gesehen und es war ihr bewusst gewesen, dass es ihr Zuhause war. Es war wie eine ganz kurze Erinnerung gewesen, vielleicht wie ein halb durchsichtiger Film. Laura wusste genau, dass das Ednas Erinnerung war.
„Was ist?" fragte ihr Vater, als er sah, wie Laura vor sich hin starrte.
„Da vorne ist es," sagte Laura und deute mit dem Finger nach vorne. Snape fragte sie nicht, wieso sie das wusste und sie gingen weiter.
Doch da war nichts. Nichts außer einem Teil einer Mauer. Snape maß mit seinem Zauberstab, ob irgendwelche Magie messbar war. Doch auch das ergab nichts. Natürlich war es viele Jahre her, dass hier etwas Magisches gewesen war. Rosario und Rachel hatten scheinbar wirklich nichts hinterlassen und die Brücken gut abgebrochen hinter sich.
„Hier?" fragte er und sah Laura an. Diese sah sich um. Im Moment kam ihr nichts mehr bekannt vor. Es war nur dieser kurze Augenblick gewesen, vorhin, als sie alles deutlich vor sich gesehen hatte.
Sie zuckte die Schultern. „Glaub schon," sagte sie unsicher. Der kleine Ort Santa Pau lag etwa zwei, drei Kilometer entfernt. Also kam das in etwa an die Beschreibung von Juanjosé ran, auch wenn dieser von etwa fünf Kilometern gesprochen hatte. Aber der hatte ja auch ungenaue Angaben gehabt.
Laura setzte sich auf die Mauerreste und stellte sich die Szene von ihrem Traum vor; als Edna hier gesessen hatte und ihrer Schwester nachgesehen hatte, die ihrem Vater nachgerannt war.
Sie nickte zu sich selbst. Genau in Richtung des entfernten Berges war sie davon gestoben, ihrem Vater hinterher und hatte den Staub aufgewirbelt dabei. Laura wurde plötzlich traurig, als sie an das kleine Mädchen dachte, das genau in ihren Tod gerannt war. Und an die traurige Edna, die in diesem Augenblick ihre kleine Schwester das letzte Mal gesehen hatte, ohne dass sie das gewusst hatte. Die dann deswegen jahrelang die zermürbende Sehnsucht nach der Schwester geplagt hatte.
Sie spürte, dass ihr Hals so eng wurde und ihr die Tränen in die Augen stiegen. Wieso nur hatte das geschehen können? fragte sie sich. Margaridas Tod war so sinnlos gewesen! Er hatte viele verzweifelte und traurige Menschen hinterlassen. Und geschockte, wenn sie an den armen kleinen Pablo dachte.
Es kam ihr vor, als habe sie Margarida persönlich gekannt. Durch Ednas Erinnerungen an die Schwester kam ihr das Mädchen vertraut vor. Und durch die Gefühle, die sie so wahrheitsgetreu mit Edna mitgefühlt hatte, die Verzweiflung und den Schmerz, den Edna anfangs gefühlt hatte und das schreckliche Gefühl, als Edna ihre Schwester so sehr vermisst hatte. Den beinahe schon besessenen Wunsch, sich an alles zu erinnern und sich an ihrem Grab von ihr verabschieden zu können.
Tiefe Schluchzer entfuhren ihr, ohne dass sie es wollte. Es fühlte sich an, als weine sie mit Edna zusammen um Margarida. Sie fühlte sich verbunden mit der Ururgroßmutter.
Obwohl es sie traurig machte und obwohl ihr das alles manchmal etwas Angst machte, war sie froh, dass ihre Ururgroßmutter diese Erinnerungen mit ihr teilte. Und sie war auch froh, dass sie selber sich immer wieder von den Erinnerungen der Ururgroßmutter distanzieren konnte, im Gegensatz zu Edna.
Es machte sie stolz, dass Edna ihr das anvertraute. Sie fühlte, dass Edna sie damit nicht ängstigen und belasten wollte. Dass sie aber wollte, dass ihre Nachfahren das alles wussten. Niemals hätten sie sonst davon erfahren können.
Es tat gut, diese etwas verwirrenden Gefühle raus zu lassen und sie spürte die Hand ihres Vaters über ihren Kopf streichen.
„Ist Margarida in diese Richtung davon gegangen?" fragte er und Laura putzte sich die Tränen vom Gesicht und nickte. Sie nahm die Hand, die ihr Vater ihr entgegen streckte und stand auf. Sofort umarmte sie ihren Vater und vergrub ihr Gesicht in seinem warmen, schwarzen Umhang.
Er legte die Hände auf ihren Rücken und klopfte sanft. Er konnte sich vorstellen, dass das etwas aufwühlend war für seine Tochter.
Erst hatte er sie nicht mitnehmen wollen, aber sie hatte darauf gedrängt mitkommen zu dürfen.
Im Augenblick fragte er sich, ob es klug gewesen war, nachzugeben. Andererseits musste die das alles ja auch verarbeiten und begreifen können.
Wenn man ihm diese Geschichte vor ein paar Monaten erzählt hätte, hätte er den Erzähler für geisteskrank erklärt. Er glaubte nicht an übersinnlichen Hokuspokus und Wahrsagerei und solches Zeug. Was er aber hier mit Laura erlebt hatte, ließ ihn doch etwas umdenken. Natürlich würde er Sibylle Trelawney gegenüber nie etwas davon erwähnen, sonst würde sie Laura direkt als Hellseherin erklären.
In den Osterferien würden die Kinder dann ihre Schulfächer fürs dritte Schuljahr aussuchen können, und er hoffte inständig, dass Laura sich nicht für dieses fadenscheinige Fach entscheiden würde.
Aber er wusste, dass sie ein cleveres Mädchen war und sie würde bestimmt den Unterschied zwischen faulem Zauber und Wahrheit erkennen.
„Komm!" sagte er und nahm Laura an der Hand. Etwa eine Stunde gingen sie Richtung Berg und Laura löcherte ihn mit Fragen über Drachen und Vulkane. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass es sowas wie Drachen wirklich geben sollte!
„Wie lange genau Drachen ohne Nahrung überleben können, weiß ich nicht," sagte er. Er war einmal in einer Drachenkolonie gewesen, was ihn äußerst beeindruckt hatte, denn diese Viecher schienen ziemlich eigenwillig zu sein und sehr gefährlich.
Schnell schritt er den schlechten Weg entlang, den wahrscheinlich seine Urgroßtante und sein Ururgroßvater vor fast hundert Jahren gegangen waren und der Margaridas Letzter gewesen war. Wenn er sich jetzt vorstellte, wie Rosario sein totes Kind hatte nach Hause bringen müssen nach diesem furchtbaren Unfall, konnte einem schon übel werden. Er spürte sein eigenes, zum Glück sehr lebendiges Kind an seiner Hand, das immer nach einigen Schritten, die sie neben ihm herging, ein paar Schritte rannte oder hüpfte.
„Dad? Darf ich dich mal was fragen?" fragte sie und sah zu ihm auf. Snape schielte zu seiner Tochter herunter. Er kannte die Art Fragen, die meistens darauf folgten. Meistens waren sie unangenehmer Natur.
Er atmete hörbar aus und nickte dann. „Du hast doch bestimmt nicht immer Kleider an, wenn du mit Amélie zusammen bist, oder?" begann sie und Snape konnte sich vorstellen, in welche Richtung die Frage ging.
„Hmm," antwortete er nur und Laura fragte sofort weiter: "Dann sieht sie doch bestimmt auch deinen Arm, oder?" kam die nächste Frage, die Severus eher erstaunte.
Na gut, die Frage ging wohl doch nicht in die Richtung, die er erwartet hatte.
„Was genau möchtest du wissen, Laura?" fragte er, um das Drumherum-Gerede zu beenden.
Laura kratzte sich an der Nase und blickte kurz zu Snapes linkem Unterarm und dann wieder in sein Gesicht.
„Hat sie dein Zeichen da gesehen? Die weiß doch bestimmt, was das ist, oder?"
Snape sah nachdenklich zu Laura hinunter. „Sie weiß von meiner Vergangenheit," sagte er und Laura nickte langsam. Er hasste es, darüber zu sprechen.
„Hast du Leute getötet, Dad?" wollte sie nach einer Pause plötzlich leise wissen. Snape blieb stehen und Laura sah ihn etwas unsicher an. Sie biss sich auf die Lippen und blinzelte, wegen der blendenden Sonne.
Er überlegte, wie er antworten sollte. Er konnte Laura schlecht sagen, dass er weitaus schlimmere Dinge getan hatte. „Es ist Schreckliches passiert, in dieser Zeit, Laura. Auch ich habe Schlimmes getan. Und auch ich habe solches selbst erlebt."
Mit großen Augen sah sie ihn an. Sie hatte sich schon ein paar Mal Gedanken darüber gemacht, was bei diesem Krieg wohl abgegangen war und was ihr Vater erlebt hatte. Schon Muggelkriege waren grausam, darüber hatte sie im Fernsehen so einige Filme gesehen, die bestimmt nicht für Kinder geeignet waren. Aber Zauberer hatten da ja wohl noch viel schlimmere Möglichkeiten. Ihr Dad hatte nie mit ihr darüber geredet, außer als sie das Zeichen auf seinem Arm entdeckt hatte. Dass er nicht gerne darüber redete, wusste sie genau, aber sie wollte es trotzdem wissen.
„Deine Großmutter und dein Großvater, die in unserem Haus gewohnt haben, sind auch im Krieg getötet worden, oder?" fragte sie leise weiter. Was damals mit ihren Urgroßeltern geschehen war, interessierte sie besonders. Sie hatte sich aber nie getraut, ihren Dad zu fragen. Und die richtige Gelegenheit für solche Gespräche gab es wohl auch nicht.
Sie sah ihrem Vater an, dass es ihn Überwindung kostete, darüber zu sprechen und sie wusste genau, dass er ihr nicht alles sagen würde. Sie hoffte nur, dass er nicht verärgert war, über ihre etwas spezielle Frage.
„Ja, leider," antwortete er und klang eher nachdenklich als verärgert. „Deine Urgroßeltern Rose und Serian Prince waren bei jemandem zu Besuch und wurden gemeinsam mit den Gastgebern Opfer eines Anschlages der dunklen Seite. Im Haus dieser Bekannten."
Seine Großeltern waren nicht einmal das Ziel des Anschlages gewesen, was den Angreifern aber egal gewesen war. Er sah in die Ferne und fragte sich, ob es wieder solche Zeiten geben würde. Er traute dem Frieden noch nicht. Etwas war sich noch am Tun und das beunruhigte ihn.
Laura legte ihre Wange an die Außenseite von Snapes Hand, die ihre eigene festhielt. Ob sie ihre Großeltern gemocht hätte? Ihr Dad hatte von Rose erzählt, die eine gute Brauerin gewesen war. Zu dem Großvater schien er nicht so eine enge Beziehung gehabt zu haben.
„Dad? Was hat Juanjosé geschrieben?" fragte sie, nachdem sie ein paar Minuten schweigend weiter gegangen waren. Ihr Dad hatte einen Brief bekommen von dem Spanier. Er hatte ihn ihr aber nicht gezeigt und sie wollte doch wissen, ob der hübsche Fabrizzio bald zu Besuch kam.
Severus merkte, dass Laura darauf hinaus wollte. Immer wieder hatte sie von dem jungen Mann geschwärmt. Er würde es bald einmal einrichten, dass die Spanier zu Besuch kamen und auch gleich Amélie kennen lernen würden. Allerdings war er froh, dass Fabrizzio so viel älter war als Laura. Obwohl er den aufgestellten, jungen Mann zu seinem eigenen Erstaunen eigentlich mochte, so wünschte er sich natürlich trotzdem nicht, dass sich seine Tochter in jemanden Nichtmagischen verlieben würde. Das würde so einiges ziemlich kompliziert machen.
Er würde Laura später von dem Brief erzählen. Juanjosé hatte geschrieben, dass er mit seiner Schwester Margarida gesprochen habe. Diese hatte berichtet, dass ihre Mutter, also Pablos Frau, ihr mal erzählt habe, dass Pablo immer wieder Albträume geplagt hätten, in denen er sich scheinbar um seine Tochter gesorgt habe. Immer wieder habe er im Traum nach Margarida gerufen und sie gewarnt und sei dann schweißgebadet aufgewacht. Die Großmutter hatte natürlich gedacht, er meine seine Tochter, die sie auf diesen Namen getauft hatten. Die Frau schien nichts von dem Kindheitserlebnis ihres Mannes gewusst zu haben, denn sonst hätte sie das natürlich nicht falsch interpretiert. Sie hatte es für übertriebenen Beschützerinstinkt seiner einzigen Tochter gegenüber gehalten und ihm immer wieder versichert, dass Margarida zufrieden schlafe und alles in Ordnung sei. Viel Male habe sie das tun müssen.
Laura und Snape gingen weiter, bis der Weg anstieg. Von weitem sahen sie ein großes Auto und zwei Männer, die mit irgend einem Gerät etwas machten.
„Was machen die da?" fragte Laura ihren Vater, als sie näher kamen. Snape konnte sich vorstellen, dass das Geologen waren, die Messungen durchführten.
Laura trat sofort auf die Männer zu und fragte, was sie da taten. Sie hatte vergessen, dass die Männer Spanier waren und sie vielleicht nicht verstanden.
Trotz ihres starken Akzents verstand Laura aber, dass sie die Aktivität der Vulkane in der Gegend massen und herausfinden wollten, wann genau sie das letzte Mal ausgebrochen waren. Das hier sei nun der letzte Berg.
Die Männer freuten sich über das Interesse des Mädchens und Snape musste Laura beinahe weiter ziehen, damit sie hier keine Wurzeln schlug und noch mehr Fragen stellte.
Ihm gefiel es nicht, was die Männer da erzählt hatten. Falls sie die Höhle finden würden, hätte das unerwünschte Folgen. Bestimmt war der Fernhaltezauber, den Rosario vermutlich gemacht hatte, nach hundert Jahren nicht stark genug, um die Männer von den Höhlen fern zu halten.
Das musste dann wohl er übernehmen. Am einfachsten und wirkungsvollsten ging das mit Runenzeichen, die er auf Steine zeichnen würde.
Wenn er nur wüsste, wo die Höhle sich befand. Er fragte Laura, ob ihr irgend etwas bekannt vorkäme, aber sie schüttelte den Kopf.
Der Pfad wurde schmaler und endete in einer Sackgasse. Severus hatte eine Idee und zog den Zauberstab.
Er murmelte etwas Unverständliches und legte den Stab auf seine flache Handfläche. Der Zauberstab drehte sich sofort und zeigte mit der Spitze in die entgegengesetzte Richtung.
Snapes Augen verengten sich. War es möglich, dass da tatsächlich noch lebende Drachen waren? Oder reagierte der Zauberstab auch auf Tote.
Rasch schritt er den Weg ein Stück zurück und nahm dann, raschen Schrittes, einen noch schmaleren, in die andere Richtung.
Laura musste rennen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
Snape blieb plötzlich stehen und Laura sah ihn fragend an. Der Zauberstab zeigte auf die blanke Felswand. Der Weg führte weiter, aber an dieser Stelle war flacher, unbewaldeter Platz.
War das tatsächlich die Stelle? Laura sah sich um. Hier fiel der Berg nicht steil ab sondern wand sich sanft viele Meter, bevor es etwas steiler wurde.
Der Zauberstab in Snapes Hand begann leicht zu beben.
„Vielleicht haben die junge Babys gemacht und die sind nun alle da drin," vermutete Laura. Sie stellte sich schnucklige kleine Drachenbabys vor, deren Bild dann aber sofort von einem feuerspeienden Norbert überschattet wurde.
Snape gab ihr einen vielsagenden Seitenblick. 'Und ihre Mami und den Papi haben sie wahrscheinlich schon verspiesen,' dachte er.
Er hatte keine Möglichkeit, in die Höhle zu sehen, denn scheinbar hatte Rosario den Eingang mit Steinen zugezaubert und einen Schutzzauber darauf gelegt, damit sie nicht zu öffnen war.
Natürlich war dieser nach so langer Zeit ohne Schwierigkeit brechbar, aber er hatte ja keinen Todeswunsch.
Er würde den Verantwortlichen einer Drachenkolonie schreiben. Die sollten sich der Sache annehmen. Aber es interessierte ihn schon sehr, ob eines der Tiere überlebt haben könnte.
Plötzlich hörten sie etwas, das sie beide noch nie zuvor gehört hatten. Ein lautes Grollen, das die Erde erzittern ließ. Es erfüllte Lauras Brust mit einer Schwingung und sie dachte, es sei ein Erdbeben. Darauf folgte wieder nochmals ein gleiches Knurren, aber etwas kürzer.
Laura klammerte sich mit ihrer freien Hand an die Umhang ihres Vaters. Die feinen Härchen an ihrem Rücken hatten sich aufgestellt. Sie stand ganz nahe bei ihm und er hatte den Zauberstab gezückt. Ein paar kleine Steine in der Felswand lösten sich und kullerten hinunter.
Das konnte nur eines bedeuten, dachte Snape. Dass da drin tatsächlich noch lebende Drachen waren.
„Dad, ich hab Angst," flüsterte Laura. Sie hatte keine Lust, dass sich die Felswand öffnete und sie dasselbe Schicksal ereilte wie Margarida. Die Drachen schienen die Zeit überlebt zu haben. Und sie schienen hungrig zu sein. Vielleicht hatten sie sie gerochen? Und dass ihr Dad auch etwas beunruhigt schien, war gar kein gutes Zeichen, dachte Laura besorgt, als sie den Zauberstab in seiner Hand betrachtete.
„Sie spüren uns, Laura," sagte er leise. „Unsere Magie," fügte er hinzu. Laura sah verängstigt zu ihm auf. Sie merkte, dass sie zitterte vor Aufregung und Angst.
„Ich will hier weg, Dad, bitte!" drängte sie. Er nickte. Das wurde ihm auch zu brenzlig. Er würde sofort jemanden alarmieren müssen, denn extrem widerstandsfähig schien ihm diese zugezauberte Wand nicht.
Schnell entfernte sich Severus von dem Ort, nachdem er einen Zauberspruch gesagt hatte, der die Wand etwas stabilisieren sollte. Mit Laura an der Hand ging er den Weg zurück, kritzelte dabei immer wieder verschiedene Zeichen auf größere Steine. Laura war sehr froh, über die Distanz, die sie zwischen sich und die Drachen brachten. Sie hatte vorhin wirklich große Angst gehabt.
„Könnte das Monster, das in der Kammer des Schreckens ist, vielleicht ein Drache sein?" fragte Laura nach einigen Minuten. „Ich glaube nämlich nicht, dass es diese Spinne von Hagrid war und dass er die Kammer geöffnet hat. Wieso sollte er?"
Snape blieb augenblicklich stehen. Laura sah etwas schuldbewusst zu ihm auf. Sie hatte ihm schon lange von dem Tagebuch erzählen wollen und von Harrys Erlebnis, aber sie hatte gar nicht mehr daran gedacht.
„Wieso Hagrid?" fragte er langsam. Laura biss sich auf die Lippen und scharrte mit dem Fuß im sandigen Boden.
„Ich wollte es dir schon lange erzählen. Harry hat da so ein Buch gefunden. Es war anfangs total leer gewesen und dann haben wir heraus gefunden, dass es antwortet. Das heißt, ich habe Mal einen Tintenklecks gemacht und dann war er plötzlich verschwunden. Dann hat Harry später einmal etwas hinein geschrieben und es hat geantwortet."
Als sie das ernste Gesicht ihres Vaters sah, machte sie eine Pause. Was war daran nicht gut? Bis zu dem Teil der Geschichte war ja noch nichts passiert.
Für Snape tönte das alles gar nicht gut. Ein antwortendes Buch tönte sehr nach einem schwarzmagischen Gegenstand.
„Und weiter?" fragte er knapp und Laura erzählte ihm von Harrys Erlebnis, als das Buch ihn in die Vergangenheit, genau vor fünfzig Jahren, mitgenommen und ihm diese Erinnerung des Tom Riddle gezeigt hatte.
Bei diesem Namen läuteten seine Alarmglocken Sturm.
„Wo ist das Buch jetzt?" wollte Snape sofort wissen und Laura sah ihm an, dass etwas nicht stimmte.
„Harry hat es immer noch. Wieso, Dad, ist das schlimm?"
Snape sah seine Tochter ernst an. Natürlich konnte das Kind nicht wissen, wie schlimm und ernst diese Sache war. Tom Riddle war also hier am Werk. Er musste sofort mit Dumbledore reden. Er wollte wissen, was das für ein Buch war.
„Hat Harry seither wieder ins Buch geschrieben?" wollte er wissen und Laura zuckte die Schultern.
„Weiß nicht," sagte sie und ihre Wangen wurden rot. „Meinst du, das Buch hat Recht, wegen Hagrid? Der kann das doch nicht gemacht haben, oder?"
Er fasste sie um den Bauch herum und hob sie hoch, wie ein kleines Kind. Sie protestierte, aber er hatte überhaupt keine Zeit, sich darum zu kümmern.
„Wir apparieren!" warnte er sie und zu Lauras Unmut taten sie genau das eine Sekunde später.
S s s s
„Ich gehe direkt ins Büro des Schulleiters. Du gehst in deinen Gemeinschaftsraum und wartest da, bis ich dich holen komme, klar?" sagte Severus ein paar Minuten später, als er mit Laura vor dem Portrait der fetten Dame stand. Sie waren bis vors Schlossgelände appariert, wo Laura sich beinahe übergeben hatte. Sie hatte sich zum Gehen überwinden müssen, denn ihr Vater hätte sie ansonsten getragen, was sie natürlich vor den Augen der Mitschüler niemals gewollt hätte.
Einige Gryffindors waren noch draußen, in Begleitung von drei Vertrauensschülern. Sie hatten Quidditchtraining gehabt und Wood hatte ihrem Vater erzählt, dass Harry schon hinein gegangen sei.
Laura nickte und ihr war immer noch etwas unwohl von dem unangenehmen Apparieren.
„Ja, Dad," sagte sie ernst und ging dann durchs Loch hinter dem Bild.
Rasch entfernte sich Snape.
Ihre Freunde fand sie im Gemeinschaftsraum. Sie waren ziemlich aufgeregt und redeten hastig durcheinander.
„Was ist los?" fragte Laura und die Freunde drehten sich nach ihr um.
Harry hatte ziemlich rote Wangen. „Das Tagebuch ist gestohlen worden," sagte er. „Aus meinem Koffer."
Das darf doch nicht wahr sein, ausgerechnet jetzt! dachte Laura und biss sich auf die Lippen. Ob ihr Dad das glauben würde?
Und tatsächlich war Snape sehr skeptisch, als Laura ihm ein paar Minuten später erzählte, was geschehen war. Er betrat den Gemeinschaftsraum der Gryffindors, was alle Kinder sofort verstummen ließ.
„Ein Gegenstand ist aus Harry Potters Koffer verschwunden. Ich möchte wissen, wer von euch das war," sagte Snape streng und alle sahen ihn nur mit großen Augen an. Er sah kein schuldbewusstes Gesicht.
Ginny, die sich hinter einem großen Jungen versteckt hatte und beinahe in Ohnmacht fiel und ganz bleich war, sah er nicht.
Musternd ließ er seine schwarzen Augen über die Kinder streifen, die unter seinem Blick zu schrumpfen schienen.
Abrupt drehte er sich um und ging zum Ausgang. Alle, die die Luft angehalten hatten, während Snapes Anwesenheit, atmeten nun erleichtert aus. Laura sah die Mitschüler an. Vielleicht waren nicht alle im Gemeinschaftsraum, aber die, die hier waren, sahen nicht so aus, als wüssten sie etwas.
Ginny hatte sich schnell verdrückt und Fred und George witzelten schon wieder. Wieso hatte ihr Dad sie nicht mitgenommen? fragte sich Laura. Der schien ziemlich sauer!
S s s
„Es ist schon ziemlich seltsam, finden Sie nicht, Minerva?" fragte Snape im Lehrerzimmer, wo alle versammelt waren.
„Ja, Severus, aber wenn es ein schwarzmagisches Buch ist, was anzunehmen ist, wird es nicht auffindbar oder abrufbar sein, mit einem Zauber. Das erschwert die Sache und wir werden es wohl kaum finden. Der Dieb wird es bestimmt gut versteckt haben irgendwo im Schloss," antwortete die ältere Kollegin. „Nichtsdestotrotz werde ich nachher eine Durchsuchaktion starten mit den Vertrauensschülern. Das ist ein zu gefährliches Buch, um in den Händen irgendwelcher Kinder zu bleiben."
Und genau das tat die Lehrerin dann auch, allerdings ohne jeden Erfolg. Keine Spur des Büchleins. Dumbledore suchte danach auch noch mit der älteren Lehrerin und bat alle Hauslehrer auch in ihren Häusern zu suchen. Ebenfalls ohne Erfolg.
Laura bat ihre Lehrerin, sie zu den Privaträumen ihres Vaters zu bringen. Natürlich hatte sie Lust, den Samstag Abend mit ihren Freunden zu verbringen, denn diese hatten eine Kleinigkeit zu Essen organisiert, wie Fred ihr zuraunte, aber sie wollte erst noch zu ihrem Dad.
Dieser war etwas am Schreiben, als sie das Wohnzimmer betrat und sah kurz zu ihr auf, als sie neben ihn trat und neugierig auf das Pergamentpapier sah.
Er gab ihr einen leichten Klaps auf den Hintern und schimpfte: "Nicht so neugierig, junge Dame. Es gehört sich nicht, die Briefe anderer Leute zu lesen!"
Laura rieb sich unnötigerweise den Hintern und blinzelte ihn schuldbewusst an. Sie wusste, worauf er anspielte. Es war noch nicht sehr lange her, dass sie heimlich einen Brief von Amélie gelesen hatte, um zu erfahren, was da zwischen der jungen Frau und ihrem Vater lief. Nun fand sie ihr Verhalten vor wenigen Wochen schrecklich.
Denn in der Zwischenzeit musste sie sich eingestehen, dass es gar nicht so übel war mit weiblicher Verstärkung. Und ihr Dad hatte sich ihr gegenüber nicht verändert. Er hatte sie immer noch gleich lieb, hatte immer noch genügend Zeit für sie und war auch immer noch gleich streng. In dieser Sparte hätte sie eine Veränderung aber nicht bedauert. Ein bisschen nachsichtiger dürfte ihr Dad schon sein, aber Snape war eben Snape.
„'tschuligung, Dad," sagte sie zerknirscht, doch ihre Augen leuchteten schon wieder neugierig, kaum hatte sie es gesagt.
„Was schreibst du da? Schreibst du wegen der Drachen? Und können wir dann auch schauen gehen und ist dort auch Norbert und..."
„Stop!" unterbrach Snape ihren Redestrom.
Er sah sie prüfend an und sie bemerkte erstaunt, dass sein Blick wechselte und etwas amüsiert wurde. „Ich lade die Pereirras zu uns nach Hause ein," verkündete er und Lauras Augen leuchteten sofort auf.
„Wirklich?" fragte sie aufgeregt. „Wann? Und... und werden wir etwas kochen? Aber Milly kann dann doch nicht da sein, oder?"
Ihr Vater griff sie am Oberarm, um sie abermals zu stoppen. „Nur ruhig Blut, Laura! Wir müssen erst einen Termin finden. Und ja, wir werden alle Magie verbergen müssen und auch du darfst nichts aus deinem schnellen Mund entwischen lassen, was etwas verraten könnte, klar?"
„Ja, Dad... ehm ich meine, nein, Dad! Meinst du Fabrizzio kommt auch mit?... und kommt Amélie auch?" fügte sie schnell hinzu, damit ihr Interesse für Fabrizzio nicht zu offensichtlich war.
„Zapple nicht so rum!" schimpfte er streng, als sie kaum mehr ruhig stehen konnte. „Wer alles kommen wird, und ob jemand kommen wird, weiß ich noch nicht. Nun beruhige dich! Wir werden sehen, was Juanjosé zurück schreibt."
Laura atmete tief aus. Sie hoffte es sehr, dass sie den jungen hübschen Spanier bald wieder sehen würde. Klar wusste sie nicht, ob er eine Freundin hatte, aber das spielte eigentlich gar keine Rolle, da sie selbst ja viel zu jung war für den Mann. Sie fand ihn eben einfach hübsch und lustig.
Severus musste ein Grinsen unterdrücken, über die Schwärmerei seiner Tochter. Es war ihm deutlich lieber, dass sie für den jungen Mann schwärmte, als für diesen Nichtsnutz Lockhart wie viele andere Schülerinnen.
Laura setzte sich neben ihren Vater auf einen Stuhl und bohrte ihren Fingernagel gedankenverloren ins Holz des Tisches. Es war so viel passiert heute. Sie hatte irgendwie keine Lust mehr, in den Gemeinschaftsraum zu gehen, aber sie wusste, dass ihr Dad sich häufig mit Amélie traf am Samstag Abend. Sie wusste nicht, ob sie hier schlafen dürfte. Am liebsten würde sie mit ihrem Dad auf dem Sofa sitzen und er würde ihr etwas vorlesen und dann würde sie lesen. Sie würde ihm eine lästige Unterhaltung aufzwingen und sich amüsieren. Es machte sie traurig, dass sie nicht mehr mit Jimmy spielen konnte. Die war nicht mehr aufgetaucht. Wo das Streifenhörnchen wohl war? Ob es wieder Junge hatte, oder ob es gestorben war? Sie würde es vielleicht nie erfahren.
„Lass das!" sagte ihr Vater und schob ihre Hand weg. Ihr Fingernagel hatte eine feine Rille im Holz hinterlassen.
Plötzlich stand sie auf und setzte sich auf seinen Schoß. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Brust und umarmte ihn mit beiden Armen.
Severus war etwas erstaunt über den Gemütswandel seiner Tochter. Vorhin war sie noch himmelhoch jauchzend gewesen und nun schien sie traurig.
„Meinst du, Jimmy kommt nie mehr wieder, Dad?" murmelte sie in seine Kleider, dass er sie kaum verstand.
Severus wusste, dass das Tier Laura wichtig war. Natürlich war es möglich, dass das Tier wieder ins Familienleben eingestiegen war, wenn es auch vielleicht noch etwas früh war. Es blühten schon ein paar wenige Blumen und es war ziemlich warm für Ende März. Vielleicht hatte das Tier schon den Frühling gespürt.
„Jimmy weiß, wo du wohnst, Laura. Sie kann zurückkommen, wenn sie will," sagte er und fuhr ihr mit der Hand durch die sanften Locken.
Sie sah zu ihm auf und er sah in ihr besorgtes Gesicht. „Darf ich heute hier bleiben, Dad?" fragte sie vorsichtig. „Es stört mich auch nicht, wenn du weg gehst. Ich möchte einfach in meinem Bett hier schlafen."
Zu ihrem Erstaunen nickte er. Er hatte Amélie abgesagt. Zu viel war heute vorgefallen und er traf sich später noch mit seinen Kollegen und mit Albus.
Dem Leiter der Drachenkolonie hatte er einen Brief geschrieben und ihn seiner schnellen Eule zum Überbringen gegeben.
Laura stand auf, spitzte die Lippen und gab ihm einen Kuss. „Danke, Dad," sagte sie erleichtert und wollte sich umziehen gehen. Nächstes Wochenende machten die Zwillinge eine kleine Party, da sie am Donnerstag Geburtstag hatten. Am Sonntag war dann ein Quidditchspiel. Also würde das nächste Wochenende ziemlich stressig werden, dachte sie mit Vorfreude. Hoffentlich kamen die Pereirras nicht ausgerechnet an diesem Wochenende.
Severus sah seiner Tochter nachdenklich hinterher. Ja, es war so einiges vorgefallen heute. Ob er morgen wirklich mit Laura zum Steinkreis sollte? Würde es sie nicht zu sehr aufwühlen?
Aber vielleicht würde dieses Thema dann irgendwie abgeschlossen sein, für Laura.
Er freute sich, noch etwas Zeit mit ihr verbringen zu können heute Abend. Wie lange würde er wohl noch interessant genug sein, für sein kleines Mädchen?
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Severus wusste, dass das ein wichtiges Erlebnis war für seine Tochter. Vielleicht war es das auch für ihn.
Monatelang hatte die Geschichte von Edna und Margarida sie nun begleitet. Sie (Laura) war ihrer Ururgroßmutter sehr nahe gewesen. Hatte Gedanken und Gefühle der längst verstorbenen Vorfahrin erlebt. Hatte eine Geschichte erfahren, die nie jemand hätte erfahren sollen, wenn es nach Rachel und Rosario gegangen wäre.
Edna hatte geschafft, was sie sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte. Wenn auch nicht in ihrem Leben. Margarida war nun kein vergessenes Kind mehr.
Denn genau das hatte Edna wahrscheinlich bezwecken wollen, mit ihren Träumen. Es schien ihr bis in den Tod keine Ruhe gelassen zu haben. Dieser unbändige Wunsch, hatte sie bis in den Tod begleitet... Der hatte vollendet werden müssen, um zur Ruhe zu kommen. Ein Schwur, der nun Wirklichkeit geworden war, denn nun würde ihre Ururenkelin an ihrer Stelle tun, was sie gerne getan hätte.
Severus genoss den Spaziergang durch den Wald mit seinem Kind. Natürlich hatte sie seine Hand genommen und sie hüpfte immer wieder ein paar Schritte neben ihm, wie sie es meistens tat. Vielleicht auch, weil ihre Beine lange nicht so weit ausschreiten konnten, wie seine.
Sie war glücklich und vielleicht erleichtert, dass sie das zu Ende bringen konnte, was Edna nicht mehr selber hatte tun können.
Die Sonne schien ziemlich warm und die sehr jungen Blätter an den Bäumen trieb es aus den Knospen, was den Wald in ein zartes Hellgrün färbte. Die dunklen Baumstämme standen in starkem Kontrast zu dem saftigen Grün, das sich auch auf dem Waldboden ausbreitete.
„Bestimmt erwacht nun Josephine bald," sagte Laura glücklich. Sie hatte die Schildkröte den ganzen Winter nicht gesehen, da sie ihren Winterschlaf gehalten hatte, irgendwo unter der Erde verbuddelt.
Ihr Dad antwortete nur mit einem Grummeln.
Laura hatte ein Pflänzchen in der Hand, welches sie mitsamt der Wurzel aus dem Garten ausgegraben hatte. Es hatte blaue, glockenartige Blüten. Es war wirklich hübsch und Laura hatte gesagt, es passe gut zu Margarida.
In ihren Träumen hatte sie das Mädchen gesehen. Nur sie alleine wusste, wie Margarida aussah. Natürlich hatte Laura sie ihrem Vater beschrieben, aber er konnte sich nur ein ungenaues Bild machen von der Urgroßtante.
Laura sah zu ihm hoch, als sie endlich vor dem Steinkreis standen. Er sah den leicht fragenden, leicht unsicheren Blick in ihren Augen. Er lächelte ihr leicht zu.
Zusammen betraten sie den Steinkreis. Laura sah sich um. Im sonnigen Tageslicht war der Kreis kein bisschen gruselig sondern wunderschön. Ein Kunstwerk, von welchem man nicht wusste, wer es errichtet hatte. Ein uraltes Kunstwerk, das mit sehr viel Präzision und wahrscheinlich unter großen Anstrengungen gebaut worden war.
Laura lies Snapes Hand los und ging an den großen Steinen entlang. Sie besah sie sich und ließ die Finger darüber gleiten. So ging sie von einem zum anderen. Die Steine waren zwischen zwei und drei Metern hoch.
Einer war nur etwa einen Meter zwanzig und war viel breiter als die anderen, dafür aber ganz flach oben. Beinahe wie ein Tisch.
Sie erinnerte sich genau, wie der Kaputzenmann in ihrem Traum die Tonschüssel mit der Erde und den Trinkbehälter mit dem Vergessenszaubertrank auf diesem Stein platziert hatte. Auch die Zacke der Echse hatte er ihr auf genau diesem Stein abgeschlagen. Ein Schaudern lief ihr den Rücken hinunter. Genau so, wie in ihrem Traum der kalte Regen.
Es war aber nicht dieser Stein, unter dem sich der Geheimgang befand. Es war der zweite oder dritte rechts neben dem Flachen.
Alles sah ziemlich anders aus, nun, da die Vögel zwitscherten und die Sonne schien. Laura ging an den Ort, wo ungefähr Margaridas Grab war.
Ein nicht sehr großer, grob strukturierter Stein trug auf einer geschliffenen Stelle die Buchstaben MLM und ein Kreuz war eingraviert. Hier war es!
Laura stand still vor dem Stein, wo in ihrem Traum ein tiefes, dunkles Loch gewesen war. Nun wuchs Gras um den Stein herum. Es war nicht hoch, aber es bog sich sanft in der leichten Brise.
Laura kniete sich hin. Sie dachte an das kleine Mädchen, das hier, für lange Zeit vergessen, in ihrem Grab lag.
Und sie dachte an das andere Mädchen, dessen verzweifelte Angst es gewesen war, die Schwester für immer zu vergessen. Dessen grösster Wunsch es gewesen war, sich von diesem Kind hier zu verabschieden.
Das Mädchen, dass ihr einen Traum geschickt hatte, damit sie an ihrer Stelle der kleinen Margarida die Blume aufs Grab setzten konnte und dafür sorgen würde, dass sie nicht länger vergessen war.
Geistesabwesend, fast automatisch grub Laura mit einem Stein ein Loch in die etwas sandige Erde. Es dauerte einige Minuten, bis das Loch tief genug war um das blaue Blümchen zu setzen. Die Erde war ziemlich trocken, obwohl Frühling war.
Laura legte die hübsche Blume Wurzel voran in die Erde und schob von allen Seiten Erde über den Wurzelballen. Still sah sie, wie sich die Blüten bewegten mit dem Wind. Sie fühlte, wie der sanfte, kühle Wind auch durch ihr Haar strich. Sie bemerkte nicht, dass ihr Vater sie beobachtete. Sie hatte sogar vergessen, dass er hier war.
Sie lächelte und ohne den Blick von der Blume zu nehmen, griff sie sich eine Hand voll Erde.
Nocheinmal erinnerte sie sich an die Gefühle von Edna. Diese Trauer war so schmerzhaft gewesen, dass man das Gefühl hatte, es würde einen zerreißen. Laura wusste auch, dass Edna Schuldgefühle gehabt hatte. Sie hatte gedacht, dass dieser Unfall vielleicht nicht geschehen wäre, wenn sie Margarida davon abgehalten hätte, ihrem Vater zu folgen.
Ganz genau hatte Laura in ihrem Traum gefühlt, wie traurig es Edna gemacht hatte, dass sie als einzige keine Erde in das Grab hatte streuen dürfen. Den Eltern war das wahrscheinlich überhaupt nicht bewusst gewesen und wahrscheinlich hatten sie das Kind nicht absichtlich ausgelassen.
Langsam streute Laura die trockene, staubige Erde über das Grab. Für Edna.
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Laura griff nach der Hand ihres Vaters und stand auf. Er hatte plötzlich neben ihr gestanden und hatte ihr eine Kerze hin gehalten.
Sie hatte beinahe vergessen, dass sie diese hatte anzünden wollen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen.
Sie hatten sie in die Erde gesteckt und ihr Dad hatte sie mit dem Zauberstab angezündet. Nun standen sie da und sahen auf das Grab, das nun, mit der blauen Blume und der Kerze und dem Herz, welches Laura aus Steinen geformt hatte, sehr hübsch aussah.
Laura sah zu ihrem Vater hinauf. Sie sagte nichts. Er fuhr ihr mit der Hand über den Kopf und zog sie näher zu sich. Sie legte den Kopf seitlich an seinen Bauch. Seine Hand war nun auf ihrer Wange.
Ein paar Minuten sahen sie schweigend zu, wie die Kerze brannte. Snapes Hand fuhr durch Lauras weiches Haar, das nun schon wieder um einiges länger war als letzten Sommer. Ein paar Tränen kullerten aus Lauras Augen und wurden von den etwas steifen Stoff von Snapes zugeknöpften Oberteil aufgesogen.
„Komm, gehen wir nach Hause," sagte Snape schlussendlich und das taten sie dann auch. In Laura war eine Ruhe, wie sie sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte und sie gingen schweigend nach Hause. Jeder in seine Gedanken versunken.
Zuhause stand Laura neben ihrem Vater, der eine spezielle Feder in schwarze Tinte tauchte. Es war bestimmt die Feder eines Adlers oder so. Sie war wunderschön gemustert.
Snape sah Laura kurz an und sie lächelte ihm zu.
Dann schrieb er mit seiner eleganten, geschwungenen Schrift in das alte Familienbüchlein, genau neben Ednas Namen: Margarida Luisa Marconas.
TBC...
