Nachdem Ianto die Wohung betreten hatte, ging er sofort auf die Knie. Zögernd blieb auch Jack stehen. "Du musst nicht knien. Du kannst dich auch auf die Couch setzen. Oder in den Sessel.", versuchte Jack Ianto wenigstens etwas zum reden zu bringen. Die gesamte Fahrt über hatte Jack versucht, ein Gespräch anzufangen. Vergebens - Ianto hatte die gesamte Fahrt über geschwiegen. Auch jetzt sah er ihn nur stumm an."Okay. Möchtest du vielleicht etwas essen?". Ianto schüttelte zögernd den Kopf. "Bitte verzeiht Master, aber ich bin nicht hungrig. Mein voriger Besitzer hat mich heute Morgen gefüttert.". Das Flüstern war kaum zu hören. Jack nickte und zwang sich zu einem Lächeln. "Ist schon gut. Komm' mit, ich zeig dir, wo du schläfst.". Jack schluckte. Wenn er diesen Mistkerl zwischen die Finger bekam, würde er ihn umbringen.
Verwirrt ging er hinter Master her. Wieso wollte Master nicht, dass er bei ihm schlief? Wollte Master ihn nicht benutzen? Master öffnete eine weitere Tür und ging in den Raum. In der Tür blieb er verdutzt stehen. Hier sollte er schlafen? Im Raum stand ein Bett, ein Schreibtisch, ein Schrank und ein seltsamer Kasten. Sein voriger Besitzer hatte ihn öfters benutzt. Viele Bilder waren auf dem Kasten dann zu sehen, Bilder die sich bewegten. Aber er hatte nie hinsehen dürfen. Aber eines fehlte im Raum: Ein Körbchen, eine Decke oder eine Matte, wo er schlafen konnte. "Hinter der anderen Tür ist ein Badezimmer. Wenn du auf die Toilette musst, tu' dir keinen Zwang an.". Er nickte und sah Master mit großen Augen an. Vielleicht wollte Master ihn auch hier benutzen. Master seufzte leise und lächelte. Es sah nicht echt aus. "Dann gute Nacht, Ianto.". Kurz bevor Master die Tür öffnete, nahm er all' seinen Mut zusammen. "Master?". Master fuhr erschrocken herum und sah ihn verwundert an. War er zu weit gegangen? Master nickte ihm zu. "Dürfte... Dürfte Hu... Ianto vielleicht das Bad benutzen?". Master runzelte die Stirn. Er hatte wieder etwas Dummes gesagt. Ständig sagte er etwas Dummes. Master hatte ihn noch nicht einmal Hure genannt. Wie konnte er nur so dumm sein und denken, Master wollte ihn Hure nennen. Master hatte sich schließlich schon mit einem Namen soviel Mühe gegeben. Er hatte schon viele dumme Dinge gemacht. Wieso hatte Master ihn noch nicht bestraft? Sein voriger Besitzer musste ihn oft bestrafen. Dabei hatte er dann oft gemeint, dass er es hätte besser wissen müssen. Das man einer Hure nichts neues beibringen kann. "Du musst nicht fragen.", riss Master ihn aus seinen Gedanken. Beinahe hätte er erleichtert aufgesehen. Master war gnädig zu ihm, zu gnädig. Die Strafe, die Master sich ausdachte, musste grauenhaft sein. Geschah ihm recht. Schnell ging er ins Bad, bevor Master es sich doch noch anders überlegte. Als er wieder aus dem Bad kam, war Master weg. Nur die Tür stand noch einen Spalt breit auf. Hilflos sah er sich um. Master hatte gesagt, er sollte schlafen. Aber wo sollte er schlafen? Ängstlich kauerte er sich in der Ecke zusammen, die am weitesten von der Tür entfernt war, Hoffentlich machte er nicht wieder etwas falsches. Master hatte ihn umsorgt: Es war kein harter Boden, sondern weicher. Und alle Räume, in denen er bisher gewesen war, waren warm. Ausserdem hatte Master ihn nicht benutzt. So würde sein Loch schneller heilen und Master konnte es schneller wieder ohne Blut benutzen. So musste er auch nicht so schnell nach der Salbe flehen. Still betete er, dass er diesen Luxus noch weiterhin genießen durfte.
Unruhig wälzte Jack sich hin und her. Am liebsten wäre er zu Ianto gegangen um ihn in den Arm zu nehmen. Aber dieser reagierte auf jede Berührung schreckhaft. Zuckte einfach weg. Jack konnte einfach nicht den verwunderten Blick aus dem Quartier vergessen, als Ianto realisiert hatte, dass Jack ihn nicht schlagen würde. Resigniert setzte Jack sich auf. Heute würde er nicht mehr zum schlafen kommen. Wütend warf er einen Blick auf die Uhr. 6:00 Uhr. Eine unhumane Zeit. Er hatte gestern nur das nötigste für das Frühstück geholt. Aber wenn man bedachte, wie abgemagert Ianto war, würden ihm Eier mit Speck wohl wie ein Festmahl vorkommen. Nach dem Frühstück würde er dann mit Ianto einkaufen gehen. Ein paar neue Anziehsachen. Nahrungsmittel. Kosmetikartikel wie Creme, Shampoo, Zahnbürste und Zahnpasta. Vielleicht noch ein paar von den Süßigkeiten, die Ianto immer so gerne gegessen hatte. Und ein neues Tagebuch.
"Was machst du da?". Erschrocken fuhr er hoch. Master stand in der Tür und sah ihn entsetzt an. Hastig krabbelte er zu Master und presste seine Stirn auf den Boden. Er wusste, dass er falsch geschlafen hatte, aber er hatte wirklich nicht gewusst, was er zu tun hatte. "Ianto?". Master würde ihn bestrafen, egal was er sagen würde. "Bitte Master, Hure hatte keine Ahnung was erwartet wird. Hure wollte Master fragen, aber Master war schon aus dem Raum gegangen und Hure wollte Master nicht noch mehr belästigen. Bitte bestraft Hure nicht zu hart, Hure wusste wirklich nicht, was Hure machen sollte. Hure wusste es wirklich nicht.". Master musste ihn jetzt für sehr sehr dumm halten. Master wollten keine dummen Huren, sondern welche, die wussten, was Master erwartet. Plötzlich war Master auf den Knien vor ihm. Leise wimmerte er. Master knieen nicht. Ausserdem bemerkte er, wie er wieder weinte. Master strich ihm plötzlich leicht über die Haare. "Ianto sieh mich an. Bitte Ianto, sieh mich an.". Master's Stimme hörte sich seltsam an. Als er aufsah, bekam er einen großen Schreck: Master weinte. Er hatte Master so traurig gemacht, dass Master weinen musste. Am liebsten hätte er wieder nach unten gesehen. "So ist gut. Hör' mir bitte zu. Du belästigst mich nicht. Wenn du etwas nicht weiß, kannst du mich fragen. Und es ist mir egal, wie man dich bisher genannt hat, aber ich flehe dich an, nenn' dich bitte nie wieder Hure. Nie wieder, ja? Du bist keine Hure. Hast du verstanden?". Master's Stimme war zum Ende hin immer verzweifelter geworden. Master hatte ihn angefleht. Aber Master flehten ihre Huren nicht an. Vielleicht hatte Master noch nie eine Hure gekauft. "Ianto? Hast du mich verstanden?". Schnell nickte er. Master hörte sich nicht mehr ganz so seltsam an. "Gut. Ich bin nämlich eigentlich gekommen, um zu sagen, dass es Frühstück gibt." Erstaunt sah er Master an. Er hatte nich erwartet, dass er etwas bekam. Vorsichtig ging er Master hinterher. Er verstand nicht, weshalb Master ihn nicht Hure nannte. Aber er würde den ungewohnten Luxus eines eigenen Namens solange genießen bis Master ihn benutzen würde. Danach wird Master erkennen, weshalb er eine Hure ist.
"Setz dich.", sagte Jack und deutete auf die beiden Stühle am Tisch. Ihm war der Appetitt gründlich vergangen. Aber er würde Ianto nicht alleine essen lassen. Als er bemerkte, dass Ianto neben ihm kniete und ihn schüchtern ansah, wurde Jack schlagartig klar, was Ianto mit 'gefüttert' gemeint hatte. Seufzend nahm Jack Ianto's Teller und stellte ihn neben seinen. Jack war zu erschöpft, um zu sehen, was man mit Ianto gemacht hatte. "Hast du schonmal von einer Gabel gegessen?", fragte Jack und sah Ianto an. Ianto biss sich leicht auf die Unterlippe. Jack schloss kurz die Augen. "Weißt du eigentlich, was eine Gabel ist, Ianto?". Ianto schüttelte den Kopf und sah auf den Boden. Er sah aus, als würde er gleich wieder anfangen zu weinen. "Guck mal, das ist eine Gabel.", sagte Jack und hob seine Gabel nach oben, damit Ianto sie sehen konnte. "Schonmal von so einer gegessen?". Ianto sah die Gabel kurz an und schüttelte den Kopf. "Nein, Master. Hu... Ianto wurde immer mit der Hand gefüttert.", flüsterte Ianto und schüttelte den Kopf. Jack schluckte und nickte. "Gut, dann essen wir jetzt und dann reibe ich dich mit der Salbe ein. Danach gehen wir einkaufen und ich zeige dir nachher, wie man mit Messer und Gabel isst. Aber erstmal wird gegessen.". Er selber aß allerdings nur drei oder vier Bissen.
Staunend ging er Master hinterher. Nach dem Frühstück hatte Master ihn mit der Salbe eingerieben. Dann war Master mit ihm zu einem großen Haus gefahren. Master hatte das Haus 'Supermarkt' genannt. Hier waren noch ganz viele andere Menschen. Und es gab soviele neue Dinge. "Okay, ich möchte, dass du mir immer, wenn du etwas siehst, was du wiedererkennst, bescheid sagst. Und am Ende holen wir dann etwas Suüßes. Möchtest du danach auch noch woanders hingehen?", fragte Master. Er sah Master mit großen Augen. Er wusste nicht, was 'Süßes' ist, aber er würde gerne noch woanders hin und neue Dinge entdecken. Verlegen nickte er. Master lächelte und ging los. Er sah sich aufmerksam um. Master wollte, dass er Master die Dinge zeigte, die er kannte. Er sah das rosane, was Master ihm am Morgen zu essen gegeben hatte. Vorsichtig berührte er Master am Arm. Dann deutete er auf die Behälter. "Sehr gut, das hatten wir zum Frühstück. Das ist Speck.", lobte Master ihn. Er lächelte leicht. Aber als Master ihm am Arm berührte, zuckte er heftig zusammen. Master sah ihn traurig an und senkte den Arm. "Entschuldige. Holst du bitte eine Packung Speck?". Er sah Master verwirrt an. Master hatte sich wieder entschuldigt. Dann nickte er.
Nachdenklich sah er Ianto dabei zu, wie er - vorsichtig - ein Paket Speck holte. Er hatte nicht gewollt, dass Ianto wieder Angst bekam. Bis jetzt schien Ianto wirklich Spaß gehabt zu haben. Und er hatte gelächelt . Und was hatte er gemacht? Es Ianto einfach aus dem Gesicht gewischt. Jack seufzte. Ianto schien auch sehr neugierig zu sein. Hoffentlich hatte er diese Neugier nicht zerstört. Als Ianto wieder vor ihm stand, reichte er Jack vorsichtig die Packung. "Dankeschön.", flüsterte Jack leise. Aber das kleine, schüchterne Lächeln blieb aus Ianto's Gesicht verschwunden.
Im nächsten Laden erkannte er nichts wieder. Master wollte hier etwas zusätzliches kaufen. Aber hier gab es keine Kleidung oder Nahrung. Mit diesen Dingen konnte er rein gar nicht anfangen. Plötzlich zog Master eines dieser Dinger aus dem Regal. Es sah aus, als wäre Papier irgendwie zusammengeheftet worden. "Möchtest du das Buch?". Überrascht sah er Master an. Master lächelte ihm zu. "Da kannst du dann deine Gedanken aufschreiben, was du möchtest.". Master sah ihn weiterhin an. Master sah so glücklich aus. Traurig sah er auf den Boden. Dann schüttelte er den Kopf. "Oh. Macht nichts. Ich such dir einfach eines mit Schloss. Dann kannst du es abschließen.", sagte Master und stellte das Buch wieder ins Regal. Dann sah Master sich weiter um. Nach einiger Zeit zog er ein weiteres Buch hervor. Es war sehr schön. Mit einer roten Blume mit Stiel. Darum war alles schwarz. Mit einem silbernen Schloss und kleinen, silbernen Schlüsseln. Er bemerkte, wie ihm wieder die Tränen über das Gesicht liefen."Es wäre sinnlos, Geld auzugeben, Master, Ianto kann nicht schreiben.", wimmerte er leise. Master sah ihn entsetzt an. Er hatte wieder etwas dummes gesagt. Und Master war nun wieder enttäuscht.
Jack schluckte schwer. Damit hatte er jetzt nicht gerechnet. Jack holte tief Luft. "Und lesen?". Ianto fiel weiter in sich zusammen und schüttelte den Kopf. "Es tut mir Leid, Master, Ianto...", schnell legte Jack Ianto einen Finger auf die Lippen. "Hey, das macht doch nichts. Halb so schlimm. Ich bring' es dir bei. Lesen und schreiben. Und rechnen. Kannst du rechnen?", beruhigte Jack die zitternde Gestalt vor ihm. Hoffnungsvoll sah Ianto auf. "Wirklich?", fragte er schüchtern. Gleichzeitig so hoffnungsvoll wie ein kleines Kind bei dem Versprechen eines Besuchs im Freizeitpark. Jack nickte und legte das Buch in den Korb.
Aufgeregt ging er Master hinterher und sah dabei zu, wie Master weitere Bücher in den Korb legte. Alle unterschiedlich dick. Würde Master ihm wirklich lesen und schreiben beibringen? Nachdem Master mit Geld bezahlt hatte, worüber er immernoch sehr erstaunt war, ging Master wieder nach draußen. Aber plötzlich hörte er ein lautes Donnern. Erschrocken fuhr er zusammen. Panisch sah er sich um. Es hatte sich fast so angehört, wie das eine Mal, als ein Freund von seinem vorrigen Besitzer in die Wand neben ihm geschossen hatte. Er hatte dabei sehr viel Angst gehabt. Als er wieder nach vorne sah, war Master verschwunden. Suchend sah er sich um. Wo war Master? "Na, Süßer? Suchst du nach mir?". Das war nicht Master. Als der Fremde ihm am Gesicht berührte zuckte er erschrocken zusammen. "Hey, nicht so schüchtern.", säuselte der Mann. Er bekam Angst. Er wollte zu Master! Oder hatte Master ihn an diesen Mann verkauft?
Panisch sah Jack sich um. Wo zur Hölle war Ianto abgeblieben? Hastig lief Jack über den Parkplatz. "Ianto?". Keine Antowrt. Keine zögernde Berührung am Ärmel. War Ianto aus Angst vor ihm vielleicht weggelaufen? "Ianto!". Plötzlich bemerkte er einen kleinen Auflauf am Eingang. Vielleicht war Ianto auch einfach nur stehengeblieben. Starke Schuldgefühle machten sich in ihm breit. Ianto musste sich furchtbar verlassen vorkommen. In der Mitte der Menge sah er Ianto sitzen, die Knie dicht an die Brust gepresst. Eine ältere Frau versuchte, ihn zu beruhigen. "Ianto?", fragte Jack und näherte sich vorsichtig. Skeptisch sah die Frau ihn an. "Sie kennen den Jungen?". Jack konnte nur nicken. "Was ist passiert?", fragte er heiser. "Ein Kerl hat ihn belästigt. Als der arme Junge sich zusammengekauert hat, ist der Mistkerl einfach weggerannt.", erzählte die Frau aufgebracht. Jack nickte wiederholt und kniete sich vor den apatischen Ianto. "Hey Ianto.", flüsterte Jack leise. Ianto sah auf und ihn ängstlich an.
Ängstlich sah er Master an. Master war zurückgekommen. Aber warum? Bestimmt nur deshalb, um ihn zu sagen, dass er sich nicht mehr um eine dumme Hure wie ihn kümmern wollte. Aber wo sollte er dann hin? Vielleicht, wenn er Glück hatte, würde sich die Frau um sich kümmern. Aber er wollte viel lieber zu Master. "Na komm," murmelte Master. "Wir gehen nach Hause.". Er konnte nur nicken. Master's Wohnung war gut. Da war er bei Master. Schon wieder stiegen ihm die Tränen in die Augen. Master hielt ihn bestimmt für sehr, sehr schwach. Diesmal achtete er ganz genau darauf, Master nicht wieder zu verlieren.
Schweigend fuhr er zurück zur Wohung. Ianto saß zusammengekauert im Sitz. Seit dem Vorfall vor dem Einkaufszentrum hatte Ianto ihn nicht mehr angesehen. Nachdem er gehalten hatte, sah er Ianto traurig an. "Wir sind da.". Wortlos stieg Ianto aus und ging in die Wohnung.
Vorsichtig schlich er durch die dunkele Wohung. Master war bestimmt schon am schlafen. Als er in Master's Schlafzimmer ging, sah er Master das erste Mal wirklich ruhig. Master sah sehr friedlich aus. Und Master strahlte etwas Sicherheit aus. So vorsichtig er konnte krabbelte er unter die Decke.
