Für einen Moment stand die Welt um sie herum still und beide baldigen Quidditchkapitäne fühlten den leichten Körperkontakt auf eine viel heftigere Weise als es für Außenstehende sichtbar war. Es dauerte nur einen erschreckend kurzen Augenblick, dann verschwammen die Schüler und Schülerinnen, die ihnen auf der Tanzfläche Gesellschaft leisteten in ihren Augenwinkeln und Angelina konnte Graham Montagues blaue Augen über ihr Gesicht wandern sehen. Langsam setzte er sich in Bewegung, der es zu folgen viel zu selbstverständlich war. In seinen Händen fühlten sich die Tanzschritte federleicht an, obwohl sie das Gefühl hatte, sich in ihm zu verlieren. Etwas in ihr schrie danach, achtsam zu bleiben und ihre Außenwirkung nicht bröckeln zu lassen, weil Ihnen gerade jeder zusah, doch die Stimme in ihr war so leise geworden, dass es ein leichtes war, sie zu ignorieren. Die sanften Töne des Liedes wanderten über ihre Haut und nahmen sie in dieser Situation mehr gefangen, als sie es erwartet hatte. Vorsichtig glitten ihre Fingerspitzen über die nackte Haut seines Handrückens; dies war eine nicht ganz korrekte Handhaltung, wenn man ihren spärlichen Tanzstunden vertraute und doch wirkte die Art, wie sich ihre Hände miteinander verschlossen hatten auf eine besondere Weise intim. Er fühlte sich angenehm warm an, nicht zu heiß, seine Haut war niemals zu heiß, wann auch immer Angelina es wagte, ihn zu berühren, während sie fürchtete unter seiner Berührung zu verglühen.

Es mussten die Augenpaare sein, die sie begleiteten, die ihren Herzschlag so erhöhten; das redete sie sich ein, obwohl sie wusste, dass es das Augenpaar war, dessen Blick nun wieder in ihren braunen Augen landete. Ihr rotes Kleid wiegte sich im Takt der Musik und unter seiner Berührung, es schmiegte sich an ihren erhitzten Körper, der sich durch die Wahl des Liedes eigentlich eine Pause verdient hatte und nun doch auch ganz andere Weise gereizt wurde. Zwischen Graham und Angelina war es still bis der Refrain das erste Mal spielte und sie das Gefühl bekamen, dass ihre Stimmen untergehen würden – dann öffneten sich Grahams schmale Lippen: „Ich würde dich jetzt gern küssen." Die Hand an ihrer Hüfte zog Angelina ein wenig näher an ihn heran, mitten in einer Bewegung, als hätte Graham genau auf diesen Moment gewartet, um sie noch ein wenig mehr fühlen zu können. Die Nähe zu ihr machte ihn verrückt, auf sehr viele Arten, die er allerdings gerade nicht aussprach.

Beinahe erwartungsvoll glitten Angelinas Lippen übereinander, ein kaum vernehmbares Seufzen glitt über sie, als mache sich Erleichterung breit, seine Stimme zu hören. Sie lehnte den Kopf leicht nach vorn und er tat es ihr gleich, sein Kieferknochen lehnte sich an ihre Wange. „Ich weiß.", flüsterte sie und konnte spüren, wie seine leicht raue Haut an ihrer kitzelte, so angenehm es nur möglich war. Ihr Arm lehnte sich sanft an seinen Körper heran, ihre langen Wimpern senkten sich. Da war er, nur er. „Ich kann nicht fassen, dass du das hier wirklich tust."

„Du hast mir einen Tanz versprochen.", erwiderte er leise, eine Vibration in der Stimme, die er nur schwer verbergen konnte und die verriet, wie sehr er sich nach dem hier gesehnt hatte. Nach ihr. Weil sie ihm so nah war, konnte er ihren ganz eigenen Geruch wahrnehmen, der ihn immer ein wenig an Mandeln erinnerte und daran, wie es sich anfühlte, für einen Augenblick anzukommen. Die stoische Fassade, die sie der gesamten Schule, vor allem aber ihren Häusern vorspielten, war gebrochen.

Ein krauses Haar, welches sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, strich an seinem Ohr entlang, dann atmete Graham tief ein, „Außerdem habe ich es nicht mehr ertragen, dich mit Weasley tanzen zu sehen."

Er brachte Angelina zum Lachen, was sie an seiner Schulter zu verstecken versuchte, ehe sie einige Sekunden später mit deutlich ernsterem Gesichtsausdruck den Kopf wieder hob, um noch einmal in seine schönen Augen sehen zu können. „Ich überrede ihn zu mehr Tänzen als es umgekehrt der Fall ist."

„Das macht es nicht besser.", seine Mundwinkel hoben sich trotz der leichten Eifersucht nach oben an und er schenkte ihr ein Lächeln von dem Angelina lange Zeit nicht gewusst hatte, dass er zu diesem fähig war. Nun, nicht viele Menschen konnten von sich behaupten, es einmal gesehen zu haben – im Gegensatz zu Angelina war Graham ein beinahe verschlossener Mensch, der sich nur schwer zu überschäumenden Reaktionen hinreißen ließ. Umso mehr faszinierten eben diese ihn an Ihr, manchmal wirkte sie für ihn wie ein Pulverfass.

Das Herz der Gryffindor machte einen Satz als sie seine Lippen für einen Moment beobachtete: „Ich würde dich auch gern küssen."

„Ich weiß.", erwiderte er leise, dann folgte sie seinem leichten Händedruck nah an ihren Körper heran erneut und wünschte sich wie er, dass dieses Lied niemals vorübergehen würde. Für einen winzigen Augenblick trugen sie ihr Zusammensein in die Öffentlichkeit und es erschreckte sie Beide, wie sehr sie sich nach mehr davon sehnten. Etwas in Graham wünschte sich, Jeden hier sehen zu lassen, dass dies das Mädchen war, welches er zur Besinnungslosigkeit küsste und welches ihn beinahe spielerisch um den Finger wickelte, so dass er alles um sich herum vergaß. Er zeigte es nicht, stattdessen verfielen sie in ein Schweigen, das für sie vielleicht deutlich angenehmer war als jeder Beobachter es gerade vermutete. Die Nähe, die sie voneinander bekamen, unter aller Augen, berauschte sie auf die beste Art und ihre Körper bewegten sich in einer seltsamen Harmonie miteinander. Gryffindor und Slytherin, Feuer und Wasser, aber gerade hier auch Yin und Yang.

Graham konnte Angelina zum Sprechen ansetzen hören, doch dann verklangen die letzten, geflüsterten Worte des Liedes und erinnerten sie Beide daran, was für einen Schein es zu wahren galt. „Du solltest mich jetzt auf der Tanzfläche stehen lassen und zurück zu deinen Freunden gehen.", befand der Slytherin leise, wenn auch seine Hände sie noch besitzergreifend festhielten.

„Ich werde heute Nacht auf dich warten."

„Ich werde da sein."

Nichts, rein gar nichts würde ihn davon abhalten können, sie im Schutz der Dunkelheit wiederzusehen, es waren die Stunden am Tag, die Ihnen gehörten, als sei es fast einfacher lediglich vor Filch zu flüchten als vor der gesamten Schülerschaft, deren neugierige Blicke jedwede Interaktion zwischen ihnen Beiden erpicht verfolgten in der Hoffnung eine Auseinandersetzung zweier absoluter Erzfeinde sehen zu können. Sie ahnten ja nicht, was tatsächlich vor ihren Augen verborgen blieb.
Ort und Zeit blieben unausgesprochen, aber Graham und Angelina taten dies hier schon lang genug, um die Details zu kennen, so dass Angelina mit dem letzten Ton der Musik und unter größtmöglicher Kraftanstrengung einen Schritt von ihm wegtrat und ihre Hand von seiner Schulter löste. „Vielen Dank für deine Zeit, Graham Montague.", ihre Wimpern senkten sich noch einmal, diesmal verspielter, dann glitten ihre verhakten Finger auseinander und unterbrachen den so herbeigesehnten Körperkontakt. Bevor sie etwas Dummes tun konnte, wandte Angelina sich von ihm ab, ihr rotes Kleid schwang nur eine Viertelsekunde später nach und sie verließ die kleine Menge auseinandertretender Schüler ohne noch einmal zurück zu blicken, sehr froh darüber, dass man ihr das Glühen auf den Wangen nicht ansehen konnte.

Graham verblieb stillstehend, er sah ihr ungeniert nach, sein Blick verweilte für einen provokanten Moment lang auf ihrem wunderschön geformten Po, dann kehrte sein gönnerhafter Gesichtsausdruck zurück als sei er bereit, seinen Freunden unter die Augen zu treten und sie nicht wirklich wissen zu lassen, was er in diesen viel zu kurzen Minuten mit Angelina Johnson empfunden hatte.