Severus hatte jegliches Zeitgefühl verloren, während er mit Hermione im Schlepptau hinter dem alten Bücherwurm herging. Sie passierten Bogen um Bogen und davon abgesehen, dass ihnen gelegentlich Bücherwürmer entgegenkamen, passierte nichts.
Schließlich hielt Enrico vor einem Torbogen an.
„Einen Augenblick, sie müssten gleich hier sein", sagte er über die Schulter.
„Wer?", fragten Hermione und Severus im Chor.
Enrico grinste nur und deutete mit der Hand auf den Torbogen.
Zwei Sekunden lang passierte gar nichts, dann ertönte ein leiser, zischelnder Laut, der Severus sofort an eine Schlange erinnerte. Er bemühte sich, nicht zurückzuzucken.
Eine Frau war durch den Torbogen getreten und machte jetzt hastig einen Schritt zur Seite, wodurch sie verhinderte, von dem Mann, der ihr – wieder ertönte dieser Zischlaut – aus dem Portal folgte, über den Haufen gerannt zu werden.
„Oh, hallo Sir", sagte die Frau in überraschtem Tonfall, während ihr Begleiter den Weg frei machte, woraufhin ein dritter Bücherwurm erschien.
Enrico nickte ihr zu. „Elli. Meine Herren."
Enrico wandte sich an seine Gäste. „Professor Granger, Professor Snape, dass hier sind El, eine unserer Restaurateurinnen, und ihre beiden Beschützer."
„Angenehm", sagte Severus knapp und betrachtete den weiblichen Bücherwurm interessiert. Sie war klein, kleiner als Hermione, hatte blondes, taillenlanges Haar und trug Roben wie Enrico – wenn auch keine weinroten, sondern schlichte schwarze.
Die beiden Männer neben ihr waren groß, so groß wie Severus selbst, einer war sogar ein bisschen größer. Sie beide hatten schlimme Narben im Gesicht und an den Händen, trugen schwarze Roben und betrachteten Severus ebenso abschätzend wie er sie. Trotzdem sah er aus dem Augenwinkel, dass Hermione sich unbehaglich neben ihm bewegte.
El hingegen sah ihn und Hermione neugierig an. „Sie sind Professoren von Hogwarts, oder?"
„Ja, stimmt", antwortete Hermione sofort freundlich, warf den beiden Bücherwürmer hinter El aber immer wieder Blicke zu. „Und Sie restaurieren Bücher?"
El grinste. „Na, ich versuche es."
Enrico warf ihr einen tadelnden Blick zu und sah dann wieder zu Hermione und Severus. „Ihnen ist vorhin schon aufgefallen, dass Bücherwürmer immer zu dritt unterwegs sind. Das ist eine notwendige Maßnahme."
Severus hob eine Braue. „Inwiefern?"
„Es hat seine Gefahren, das Leben eines Bücherwurmes", erklärte Enrico mit resignierter Stimme. „Wenn wir außerhalb eines Buches in Würmchengestalt erwischt werden – und manchmal müssen wir die Bücher verlassen, um Einbände zu begutachten –, dann sind wir sehr verwundbar. Daher sind wir immer zu dritt. Ein Bücherwurm, der sich um die Restauration kümmert, einer, der die Gegend nach Gefahren absucht, und einer, der den Restaurator im Zweifelsfall in Sicherheit bringen kann."
„Böse Zungen behaupten, unsereins wäre alleine nicht überlebensfähig", warf El ein und bedachte den Bücherwurm zu ihrer Linken mit einem finsteren Blick.
Der grinste nur und fuhr ihr mit der Hand durchs Haar. „Du musst mich immer noch vom Gegenteil überzeugen, meine Liebe."
„Verstehe", meinte Severus langsam. „Die Beschützer setzen ihr Leben also für die Restauratoren aufs Spiel."
„Im Idealfall kommt es gar nicht erst soweit", meinte Enrico. „Aber es ist gelegentlich auch schon eng geworden. El und ihre beiden Beschützer zum Beispiel sind bisher immer problemlos davongekommen. Es gibt Teams, die haben weniger Glück."
„Und... was passiert, wenn ein Team weniger Glück hat?", fragte Hermione leise.
Severus bemerkte, wie schwer es ihr fiel, Els Beschützer länger anzusehen, und er entschied, sie später darauf anzusprechen.
Es war El, die ihr antwortete: „Die Bücherwürmer, die erwischt werden, kommen entweder gar nicht mehr zurück oder sie sind schwer verletzt."
Sie lächelte Hermione verkniffen an, offenbar wollte sie nicht über dieses Thema reden. „Meine Jungs hatten in ihren vorherigen Teams weniger Glück."
„Verzeihung", sagte Hermione kleinlaut. „Ich wollte nicht..."
„Machen Sie sich keinen Kopf. Die Kleine will uns nur in Watte packen", sagte der größere Bücherwurm mit tiefer, heiserer Stimme. Er lächelte Hermione freundlich an und die Narben – Brandnarben, wenn Severus richtig lag – in seinem Gesicht spannten sich. „Wenn man uns außerhalb eines Buches erwischt und uns für Schädlinge hält, kann es schon einmal sein, dass wir mit einer Zeitung erschlagen werden."
El presste die Lippen zusammen und atmete tief durch. Dann lächelte sie Hermione wieder freundlich an. „Aber auch in einem Buch kann es gefährlich für uns sein." Sie warf einen Seitenblick auf ihren größeren Begleiter, der ihr kurz zuzwinkerte. „Es gab... in der Geschichte Zeiten, zu denen wir es nicht riskieren konnten, gewisse Bücher zu betreten."
Severus sah zwischen El und ihren Begleitern hin und her. Er verstand, was sie hatte sagen wollen. „Die Bücherverbrennungen der Nazi-Zeit?"
Enrico nickte. „Ja. Immer wenn ein Buch verbrannt wird, in dem ein Bücherwurm ist... sagen wir, es gab bisher nicht viele, die es lebend aus einem brennenden Buch geschafft haben."
Sofort sahen alle den großen Bücherwurm an. Er errötete leicht.
„Verstehen Sie jetzt, was ich meinte, als ich sagte, wir wären zu wenige?", wandte Enrico sich wieder an Hermione und Severus.
„Jaah", murmelte Hermione. „Ich... werde mich in Zukunft natürlich bemühen, jedes Buch noch pfleglicher zu behandeln."
„Sie?", fragte El mit einem leisen Lachen. „Professor Granger, wir kommen gerade aus Ihrem Bücherregal im Haus Ihrer Eltern. Wir hatten nichts zu tun. Wenn Sie nicht aufpassen, nehmen Sie uns die Arbeit noch völlig ab!"
Hermione riss die Augen auf. „Sie waren bei meinen Eltern zuhause?"
„Ihre Eltern haben ein schönes Haus", bemerkte der Bücherwurm mit den Brandnarben leise grinsend und El trat ihm auf den Fuß.
Enrico genoss Hermiones Schock sichtlich, das sah Severus ganz genau.
„Ich war der Ansicht, es wäre am besten, Sie in eine vertraute Umgebung zu entlassen. Machen Sie sich keine Gedanken, Ihre Eltern sind außer Haus und werden nicht bemerken, dass Sie plötzlich in Ihrem Zimmer aus dem Bücherregal purzeln."
Severus und Hermione tauschten einen langen Blick. Offenbar war es an der Zeit, sich von der Buchwelt zu verabschieden. Gleichzeitig wandten sie sich an die drei Bücherwürmer, die eben aus Hermiones Elternhaus gekommen waren.
„Es war mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen", sagte Severus und meinte es auch so. Es war interessant und aufschlussreich gewesen, Hermione war bei ihm gewesen (das hatte er gerade nicht gedacht, oder?) und folglich war es ein Vergnügen gewesen.
„Oh, die Freude ist ganz meinerseits", erwiderte El.
Enrico räusperte sich dezent. „Wollen wir?"
Während Severus nickte und neugierig einen Schritt auf den Torbogen zu machte, wandten die drei Bücherwürmer sich ab und gingen unter umherfliegenden Scherzworten davon.
Hermione trippelte von einem Fuß auf den anderen.
Severus runzelte die Stirn, als er ihr hibbeliges Verhalten bemerkte. „Was ist denn los, Hexe?"
Hermione presste die Lippen aufeinander, schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Dann brach aus ihr heraus: „Entschuldigen Sie mich für einen Moment! Bin gleich zurück!"
Damit wirbelte sie herum und rannte den drei Bücherwürmern hinterher, die mittlerweile schon ein Stück weit entfernt waren.
„Was zum...?", murmelte Severus und sah ihr verblüfft hinterher.
Enrico zuckte ebenso ratlos mit den Schultern.
Die beiden beobachteten, wie Hermione die Bücherwürmer einholte und kurz mit den dreien sprach. Der große Bücherwurm antwortete ihr und redete länger auf sie ein, mit gelegentlichen Einwürfen der anderen beiden.
So sehr Severus sein Gehör auch anstrenge, sie waren zu weit entfernt, als das er etwas verstehen könnte – Fledermaus hin oder her. Diese Halle war einfach seltsam. Obwohl Tausende Bücherwürmer hier sein mussten, war es außerordentlich still. Klang schien hier nicht besonders weit zu tragen.
Er wurde einfach nicht schlau aus dieser Hexe! Irrationales Verhalten kannte er ja schon – von Frauen, von Gryffindors, von Schülern, gelegentlich auch von seinen anderen Kollegen, aber das hier? Diese Hexe.
Angestrengt spähte er zu Hermione und den drei Bücherwürmern hin. Hermione nickte noch einmal und dann... dann umarmte sie den großen Bücherwurm tatsächlich!
Severus hörte einen keuchenden Laut und er brauchte einen Moment, um zu verstehen, dass er es war, der den Laut von sich gegeben hatte. Jetzt verstand er wirklich nichts mehr.
Doch da wandte Hermione sich schon von den dreien ab und stürmte mit wehender Robe zu ihm und Enrico zurück.
„Ok, wir können", schnaufte sie, als sie schlitternd vor Severus zum Stehen kam.
„Wirklich? Haben Sie sich verabschiedet?", zischte er. Er merkte, wie verletzt seine Stimme klang und hasste sich dafür, aber er konnte es nicht verhindern.
Hermione sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Ja, habe ich. Was...?"
Weiter kam sie nicht, denn Enrico schlug sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn. „Wie konnte ich das denn vergessen?", murmelte er zu sich selbst. „Man wird einfach nicht jünger!"
Severus und Hermione sahen gleichzeitig zu Enrico. Was war dem alten Bücherwurm entfallen?
Enrico sah Severus an. „Ich habe ja noch einen Auftrag von Dumbledore!"
Severus fühlte sich, als hätte ihn ein Schockzauber getroffen. Ach was, einer, zehn.
Der alte Bücherwurm ließ sich von Severus' plötzlicher Blässe aber nicht abschrecken. „Als er das letzte Mal hier war, hat er mir einen Auftrag gegeben. Er sagte: ‚Enrico, mein alter Freund, du musst mir einen Gefallen tun. Eines Tages wird ein sehr guter, treuer Freund von mir hier auftauchen, Severus Snape. Du musst ihm dringend von dem Buch berichten.' Na ja, so oder so ähnlich hat er sich ausgedrückt."
Severus schwieg immer noch betroffen. Er hätte es wissen müssen, dass Albus ihm keine Ruhe lassen würde. Er würde nie vergessen können, dass er seinen alten Mentor ermordet hatte. Immer und immer wieder würde es ihm vor Augen geführt werden. Immer. Er würde nie abschließen können.
Enrico sah den Mangel an Reaktion seitens Severus und wandte sich an Hermione. „Vor einigen Jahren, wenige Tage vor seinem Tod, hat Albus in der Verbotenen Abteilung ein Buch platziert. Uns ist das natürlich nicht entgangen. Albus kam direkt danach zu mir und sagte mir, es sei wichtig, dass Severus Snape von diesem Buch erfährt. Nur er kann es lesen – na ja, und wir Bücherwürmer. Sehr bewegend geschrieben, aber... ähm ja. Der Titel des Buches ist ‚Vide Cor Meum', es ist kein Autor angegeben – das ist natürlich Dumbledore. Sorgen Sie dafür, dass Professor Snape es bekommt, Professor Granger?"
Severus nahm nur am Rande wahr, wie Hermione nickte. Sie sagte auch etwas, aber er hörte gar nicht hin. Das war so typisch Albus. Er konnte ihn einfach nicht in Frieden lassen...
„Los, wir gehen", knurrte Severus harsch, packte Hermione am Arm und zog sie auf den Torbogen zu.
„Ich bringe Sie noch in das Regal", meinte Enrico freundlich und trat ohne einen Blick zurück durch das Portal.
Hermione drehte vor Sorge um die störrische Fledermaus beinahe durch. Enrico hatte sie in ihr Bücherregal gebracht, genau genommen, in ein altes Schulbuch von ihr, Zaubertränke und Zauberbräue von Arsenius Bunsen. Es war ihr seltsam vorgekommen, durch das Buch zu gehen. Es hatte sie an ihre Zaubertränkestunden erinnert. Überall waren Kessel gewesen, Zutaten lagen bereit, eigentlich ein Paradies für einen Zaubertränkemeister.
Severus hatte nichts davon auch nur eines Blickes gewürdigt. Er war stocksteif hinter Enrico her gegangen, ohne auch nur einmal nach rechts oder links zu sehen.
Schließlich hatte Enrico ihnen die Anweisung gegeben, vor Hermiones altes Bücherregal zu apparieren und hatte sich verabschiedet.
Jetzt standen sie beide in Hermiones Kinderzimmer, das zu Hermiones Schande immer noch in recht kindlichem Stil dekoriert war. Doch Severus ging nicht darauf ein, sondern starrte brütend vor sich hin.
Plötzlich sah Hermione eine Bewegung in ihrem Bücherregal. Als sie genauer hinsah, entdeckte sie einen kleinen, grünen Wurm.
„Enrico?", fragte sie und näherte sich dem Regal langsam.
Doch der Bücherwurm wackelte nur vielsagend mit dem rechten Fühler und verschwand in einem Buch. Er kroch direkt durch den Einband und... war einfach weg.
Also wandte sie sich an Severus, der mit dem Rücken zu ihr stand und aus dem Fenster starrte.
„Professor?", fragte sie zögerlich. Sie bekam keine Antwort. „Severus?"
Nachdenklich biss sie sich auf die Unterlippe. Sie war beileibe nicht feige, aber das, was sie jetzt plante, erforderte mehr Mut als sich offen mit Bellatrix Lestrange anzulegen. Doch wenn sie sein Verhalten von vorhin – bevor er zu einem wandelnden Stein geworden war –, richtig deutete, dann konnte ihr nichts passieren.
Nun ja, vielleicht würde er sie bis zum Ende der Galaxis hexen, aber ein Risiko war immer dabei und sie wäre keine Löwin, wenn sie sich von der Gefahr würde abschrecken lassen.
Also trat sie langsam hinter ihn und schlang ihre Arme um seinen Körper. Sofort straffte sich seine Gestalt, aber Hermione lehnte einfach ihre Stirn an seinen Rücken und wartete ab.
Schließlich gab Severus seine Protesthaltung auf und legte sogar eine Hand auf ihren Unterarm an seiner Taille.
„Verdammt, Löwin", murmelte er.
Sie standen lange schweigend und eng umschlungen an diesem Fenster, den Blick auf die verschneiten Hügel hinter Hermiones Elternhaus gerichtet.
Hermione schmiegte ihre Wange an seinen Rücken. Das hier war verrückt. Sie hätte es nie für möglich gehalten, einmal mit dem Bastard aus dem Kerker – der so schlimm nun wirklich nicht war –, diese Situation zu teilen. Sie spürte das Spiel seiner Muskeln, als er sie ein bisschen näher zog.
„Severus?"
„Sei still, Hexe. Du ruinierst den Moment", sagte er mit so weicher Stimme, dass Hermione wirklich schwieg.
Severus sah unwillig auf, als jemand an seine Tür pochte, während er Aufsätze korrigierte. Seine Laune besserte sich zwar schlagartig, als Hermione die Tür aufstieß und hereinwirbelte, aber das war ja kein Grund, sich das anmerken zu lassen.
„Minerva ist begeistert von der Buchwelt", strahlte Hermione und hielt mit wehenden Roben vor seinem Schreibtisch an. „Wir waren gerade dort und sie versteht sich blendend mit Enrico."
Er hob eine Augenbraue und legte die Feder weg. „Sag nicht, du hättest etwas Anderes erwartet."
Hermione grinste und ließ sich unaufgefordert auf den Stuhl vor seinen Schreibtisch fallen. Seit dem Abend in ihrem Elternhaus verhielt sie sich ihm gegenüber so ungezwungen. Zuerst wusste er nicht, was er davon halten sollte, aber insgeheim musste er sich eingestehen, dass er ihr neues Verhalten mochte.
Trotzdem...
„Hast du auch deinen Bücherwurm wieder getroffen?", fragte er mit spöttischer Stimme. Er wusste immer noch nicht, warum Hermione letzte Woche diesen Bücherwurm umarmt hatte. Er kam einfach nicht dahinter. Erst konnte sie ihn nicht ansehen und dann fiel sie ihm um den Hals?
Hermione senkte den Blick und tief in Severus' Brust löste sich ein leises Knurren.
„Darüber will ich schon eine Weile mit dir reden. Darüber und über ‚Vide Cor Meum'", meinte Hermione leise. Sie sah ihm wieder in die Augen.
Die Entschlossenheit in diesen rehbraunen Augen sagte Severus, dass er keine Möglichkeit mehr hatte, diesem Gespräch auszuweichen.
Grummelnd rieb er sich den linken Unterarm. „Du kannst es nicht lassen, oder?"
Sie schüttelte mit einem schwachen Lächeln den Kopf. „Ich weiß, dass du das Buch aus der Verbotenen Abteilung geholt hast. Hast du es schon gelesen?"
Severus lehnte sich zurück, öffnete mit der Linken eine Schreibtischschublade und zog ein kleines, ledergebundenes Buch hervor. Mit spitzen Fingern ließ er es auf die Tischplatte fallen.
„Nein. Und ich weiß auch nicht, ob ich das tun werde", sagte er kühl. Verdammt, warum sagte er ihr das? Warum hatte er zu ihr so viel Vertrauen? Das passte nicht zu ihm. Das war einfach... nicht er.
Aber andererseits... wie könnte er ihr nicht vertrauen? Seit sie von ihrem gemeinsamen „Ausflug" in die Bücherwelt zurückgekommen waren, plapperte Hermione bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf ihn ein. Und Gelegenheiten gab es einige.
Beim Frühstück in der großen Halle, bei der Pausenaufsicht, im Lehrerzimmer, beim nächtlichen Wacheschieben in den Gängen, beim gemeinsamen Abendessen in Hermiones Räumen...
Das Aberwitzige dabei war: Severus störte ihr Geplapper nicht. Nicht im Mindesten. Er stellte sogar fest, dass er es genoss, mit ihr über Merlin und die Welt zu plaudern, neue Theorien über Zaubertränke und kindische Hexereien zu diskutieren oder sich wegen seines ach-so-ungerechten Verhaltens den Gryffindors gegenüber zu zanken.
Die kleine Löwin vertraute ihm ganz offensichtlich. Das Vertrauen war schnell gekommen und ebenso schnell hatte er es erwidert.
Es war einfach natürlich.
Jetzt gerade sah Hermione ihn einfach nur mit schräg gelegtem Kopf und einem wissenden Schmunzeln an.
Irritiert runzelte er die Stirn. „Was?"
Ihr Grinsen verbreiterte sich, bis sie ihn offen anlächelte. „Ach komm, Severus. Hör auf, dir was vorzumachen. Du wirst das Buch lesen."
Er zuckte mit den Schultern und sagte aus purem Trotz: „Vielleicht werde ich das Buch eines Tages lesen – aber bestimmt nicht jetzt."
„Das ist natürlich deine Entscheidung", meinte Hermione mit einem Schulterzucken. „Aber wenn du reden..."
„Ich will unter Garantie nicht reden, Granger!", fauchte er.
Hermione sah ihn mit verletztem Gesichtsausdruck an. „Schön", sagte sie. „Ich hab's verstanden." Damit erhob sie sich schwungvoll.
Ehe er wusste, wie ihm geschah, war er ebenfalls aufgestanden, hatte sich über den Schreibtisch gelehnt und sie am Arm gepackt.
„Hermione."
Mehr sagte er nicht. Er sah sie nur an.
Mit einem Seufzen entzog sie ihm schließlich ihren Arm. Sie setzte sich wieder hin und murmelte etwas wie: „Männer! Ich werde einfach nicht schlau aus ihnen. Warum können Männer nicht einfach einmal, nur einmal..."
Er konnte nichts dagegen machen, das Grinsen breitete sich einfach auf seinem Gesicht aus. Sie war reizend, wenn sie sich aufregte.
Mittlerweile gestattete er sich solche Gedanken. Es war nicht mehr seltsam oder abartig so von Hermione zu denken. Es war völlig normal.
Sie bemerkte sein Grinsen und schnitt ihm eine Grimasse. „Lach du nur."
Doch ihm fiel etwas ein, was sein Lächeln zum Gefrieren brachte. „Wolltest du mir nicht noch etwas sagen?"
Sie sah ihn verwirrt an. „Über?"
„Deinen Bücherwurm", seine Stimme war merklich abgekühlt.
Hermione grinste dennoch schwach. „Er ist definitiv nicht mein Bücherwurm. Er hat mir nur einen Rat gegeben, als ich ihn darum gebeten habe. Und heute... heute hat er mich gefragt, ob ich Erfolg hatte. Zu meiner Schande musste ich ihm gestehen, dass ich mich noch gar nicht an mein Unternehmen getraut habe."
Severus spürte, wie seine Braue sich von ganz alleine in luftige Höhen begab. „Ist es Absicht von dir, in Rätseln zu sprechen? Du machst mich ganz konfus."
Sie ignorierte ihn. „Außerdem wollte ich nicht gleich... jedenfalls bin ich zuerst zu Draco und hab es bei ihm getestet. Er war sehr entgegenkommend, ich glaube, er schämt sich immer noch dafür, dass er zu Schulzeiten so ein A... ausgesprochenes Ekel war."
„Hexe, wenn es dein Ziel ist, mich völlig zu verwirren, dann muss ich dir gratulieren. Ich verstehe kein Wort von dem, was du sagst", meinte Severus.
Hermione griff in ihre Tasche und zog einen kleinen, verschlossenen Topf hervor. Wortlos stellte sie Severus den Behälter vor die Nase.
Interessiert, aber nicht weniger verwirrt als zuvor – es sah Hermione überhaupt nicht ähnlich, so wirr daherzuplappern, plappern – ja, wirr – nein – griff Severus nach dem kleinen Tiegel und öffnete ihn.
Eine weißliche, cremige Substanz befand sich darin, in der sich das wenige Licht der Fackeln spiegelte. Neugierig schnupperte Severus an der Substanz.
Der Tränkemeister in ihm analysierte automatisch die Inhaltsstoffe. Was Hermione ihm da gegeben hatte, war eine Mischung aus einer gewöhnlichen schmerzlindernden Salbe und einem hochpotenten Zaubertrank zur Wiederherstellung von verletztem Gewebe.
„Deine Erfindung?", fragte er sie über den Tiegel hinweg, verschloss diesen wieder und stellte ihn auf den Tisch.
Hermione schüttelte den Kopf. „Ich hab die Salbe nur ein bisschen verändert. Für... für meine Zwecke. Draco meinte, sie würde Wunder wirken."
An dieser Stelle errötete sie sachte.
„Und", setzte Severus langsam an, „was sind deine Zwecke?"
Hermione war inzwischen gryffindorrot angelaufen. Sie nahm den Tiegel, öffnete ihn und griff nach Severus' linker Hand. „Schmeiß mich nicht raus, ja?", murmelte sie, ohne ihn anzusehen.
Severus sah verblüfft und schweigend zu, wie sie seinen linken Ärmel hochkrempelte und das Dunkle Mal an seinem Unterarm sanft mit der Salbe einrieb.
„Ich hab die Mixtur an das St. Mungo's geschickt" wisperte Hermione kaum hörbar. „Die sind auch begeistert. Es wirkt gegen Verbrennungen, Stiche, Aufschürfungen und es sorgt dafür, dass das Dunkle Mal schneller verblasst. Dracos ist schon beinahe weg."
Severus spürte keine Wirkung von Hermiones Mixtur, aber er gestand sich im Stillen ein, dass Hermiones kühle Finger angenehm auf seiner Haut waren.
„Und darauf hat der Bücherwurm dich gebracht?", wollte er ebenso leise von ihr wissen.
Sie nickte, hielt den Blick aber immer noch auf seine Tätowierung gerichtet. „Er hat mir ein paar Bestandteile empfohlen, als ich ihm sagte, was ich vorhabe."
Severus ließ Hermione nicht aus den Augen, während sie weiterhin vorsichtig über seine Haut streichelte. Anders konnte man es nicht nennen. Da war keine Salbe mehr, die sie verreiben konnte. Sie streichelte ihn.
Severus legte seine rechte Hand auf Hermiones und hielt sie an seinen Arm gedrückt. Dann stand er auf und schob sich um den Schreibtisch herum, ohne sie loszulassen oder auch nur wegzusehen.
„Verhex mich nicht, ja?", murmelte er leise, beugte sich langsam zu ihr herunter und küsste sie auf die Lippen.
„Ach, dann war das also Zufall, dass Sie heute mit mir gemeinsam Wache haben, Professor Snape?", sagte Hermione mit einem teuflischen Lächeln, als sie neben Severus durch die dunkle Bibliothek streifte, auf der Suche nach Schülern, die sich verbotenerweise außerhalb der Schlafsäle aufhielten.
„Reiner Zufall, Professor Granger", schnurrte der Zaubertränkemeister mit samtiger Stimme und ließ „zufällig" seine Hand über ihren Rücken gleiten.
Hermione verbiss sich das Grinsen. Sie wusste ja nicht, wie es bei ihm war, aber sie hatte Minerva bekniet, sie beide zusammen einzuteilen.
Sie wusste nicht, dass Severus ähnlich gehandelt hatte. Zwar hatte er Minerva nicht direkt bekniet, aber er hatte sich bereit erklärt, ihren Löwenbabys für drei Monate nicht mehr Punkte abzuziehen als seinen Schlangen, wenn sie ihm dafür sämtliche Nachtwachen mit Hermione gab.
Dass das gesamte Lehrerkollegium sich königlich über das neue Skandalpärchen von Hogwarts amüsierte – während Potter und Weasley beinahe einen Herzinfarkt erlitten hatten, als die Nachricht sie erreichte – war sowohl Severus als auch Hermione herzlich egal.
„Sagen Sie, Professor Snape", sagte Hermione, lächelte Severus an, packte seinen Kragen und zog ihn so nahe an sich heran, dass sich ihre Lippen beinahe berührten. „Wollen wir immer noch eine Abhandlung über Bücherwürmer schreiben?"
Severus sah sie mit funkelnden Augen an. „Aber sicher. Obwohl ich im Moment andere Prioritäten habe."
„Und die wären?"
Severus verzichtete auf eine verbale Antwort und küsste sie einfach.
Sie hob eine Hand, verkrallte sie in seinem blauschwarzen Haar und zog ihn noch näher an sich heran. Gemeinsam taumelten sie gegen ein Bücherregal.
Leise lachend griff Hermione nach einem Knopf von Severus' Hemd und öffnete ihn, während er das Gesicht in ihren wilden Locken vergrub und irgendetwas murmelte, was sie nicht verstand.
„Ähm... stören wir?", ertönte plötzlich eine leise, weibliche Stimme hinter Hermione.
Erschrocken zuckten Hermione und Severus zurück und machten einen Schritt von dem Bücherregal weg.
In dem Regalboden, der sich auf Augenhöhe von Hermione befand, saßen drei kleine, grüne Bücherwürmer nebeneinander.
Severus strich sich mit der linken Hand die Robe glatt, während er Hermione mit der rechten an sich zog. „Nun... offen gestanden: Ja."
ENDE
