Christ

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Als ihm klar wurde, dass der Vortex-Manipulator kaputt war, und er in der falschen Zeitperiode festsaß, dachte er einen Moment lang daran zu verzweifeln, aber nur einen Moment lang. Er war sich sicher, dass es Gründe dafür gab, dass er noch am Leben war. Und Aufgeben war noch nie sein Stil gewesen.

Also begab er sich nach Cardiff. Er wusste, dass sich dort ein Riss in der Raum-Zeit befand, an dem die Tardis manchmal Energie auftankte. Alles, was er tun musste, war, dort abzuwarten, bis es soweit war. Dann würde er mit Rose und dem Doctor wiedervereint werden. Alles was er inzwischen tun musste war, sich an das Leben im 19. Jahrhundert auf der Erde anzupassen. Als ehemaliger Zeitagent und Betrüger sollte ihm das eigentlich leicht fallen.

Es vergingen mehr als zwanzig Jahre bevor ihm klar wurde, dass etwas nicht stimmte. Er konnte nicht behaupten, dass es in diesen Jahren keine Hinweise darauf gegeben hätte, aber als Zeitagent und zeitreisender Betrüger und Begleiter des letzten der Time-Lords hatte er irgendwann aufgehört, sich über das lineare Vergehen von Zeit und das Altern Gedanken zu machen.

Dass er nicht wirklich älter zu werden schien, fiel ihm vorerst nicht auf. Dass er nicht krank wurde, schrieb er seiner futuristischen Physiologie zu. Dass seine Verletzungen schneller heilten, beunruhigte ihn, aber er zog es vor, nicht darüber nachzudenken.

Die meiste Zeit über hielt er sich bedeckt und versuchte ein unauffälliges Leben zu führen und sich so gut wie möglich an den Rest der Bevölkerung anzupassen. Er besaß kein nennenswertes Sexleben, aber das passte zu der Zeitperiode, in der er sich befand. Seine Koola-Grundsätze ließen sich erstaunlich einfach mit dem christlich-moralischen Ansichten der Mittelschicht vereinen. Sex vor der Ehe war für die meisten Christen in dieser Zeit undenkbar, und die öffentliche Zurschaustellung von Intimität war rituellen Regeln unterworfen, die von allen sehr genau eingehalten wurden. Zum ersten Mal lebte er in einer Zeitperiode, in der er mit seinen Ansichten und Gepflogenheiten nicht einer Minderheit der Bevölkerung angehörte, sondern die Mehrheit ähnlichen Richtlinien für ihr tägliches Leben anhing wie er selbst.

Das war zumindest sein erster Eindruck.

Bald jedoch fand er heraus, dass es doch auffällige Unterschiede zwischen den Christen des 19. Jahrhunderts und den Koola des 51. Jahrhunderts gab, und man nicht über alle diese Unterschiede leicht hinwegsehen konnte. Aber da er nicht vorhatte den Rest seines Lebens unter diesen Leuten zu verbringen, konnte er immerhin versuchen darüber hinwegzusehen.

Nach den ersten zwanzig Jahren fiel ihm das zunehmend schwerer.

Seit er in diesem Zeitrahmen festsaß, nannte er sich Jack Harkness. Er hatte beschlossen bei diesem Namen zu bleiben, damit der Doctor ihn leichter würde finden können, wenn er auf die Idee kommen sollte nach ihm zu suchen. Nur kam der Doctor nicht; stattdessen begann er den Namen Jack Harkness als seinen eigenen anzusehen, und mit der Zeit wurde ihm dieser Name vertrauter als sein Geburtsname.

Nach einigen Jahren war es ihm zu langweilig ständig nur in Cardiff herumzusitzen und er begann damit durch die ganze Welt zu reisen, kehrte jedoch immer wieder zum Riss zurück, nur um festzustellen, dass es nach wie vor keine Spur vom Doctor oder der Tardis gab.

1892 dann starb er erneut. Und erwachte kurz darauf wieder zu neuem Leben.

So wurde ihm das, was er befürchtet aber ignoriert hatte, unübersehbar vor Augen geführt: Etwas war mit ihm geschehen. Die Dinge, die er zuvor ignoriert hatte, fügten sich nun zu einem besorgniserregenden Puzzel zusammen: Er war niemals krank, seine Verletzungen schienen wie von Geisterhand zu heilen und sollte er nicht inzwischen das eine oder andere graue Haar auf seinem Kopf gefunden haben? Und offenbar konnte er auch nicht sterben.

Er musste sich der Tatsache stellen: Seinem Körper war Gewalt angetan worden. Bei dem Zwischenfall mit den Daleks war irgendetwas mit ihm passiert, das ihn verändert hatte.

Jack begann seinen neuen Zustand auszutesten und stellte schließlich fest: Egal was geschah, offenbar regenerierte sich sein Körper bereits nach kurzer Zeit wieder in den Zustand, in dem er sich befunden hatte, als er von den Daleks getötet worden war. Dabei schien es keine festen Regeln zu geben, wie lange das dauerte, und wie oder wann es geschah: Fest stand nur, dass es geschah.

Was er davon halten sollte, wusste er nicht.

Emotional gesehen, stürzte ihn das Ganze in tiefe Verwirrung: einerseits passierte so etwas nicht von selber, offenbar war seinem Körper durch Fremdeinwirkung unbeschreibliche Gewalt angetan worden. Und da er nicht wusste, wer ihm das, warum angetan hatte, und auch nicht wirklich verstand, was genau ihm angetan worden war, fühlte er sich sogar noch wütender und hilfloser als damals als er festgestellt hatte, dass ihm zwei Jahre seines Lebens praktisch über Nacht abhanden gekommen waren. Andererseits hatte ihn dieser Eingriff unveränderlich werden lassen. Sein Körper war nun festgefroren in seinem natürlichen Zustand und kehrte immer wieder in diesen Zustand zurück. Jede Gewalttat, jede Sünde gegen seinen Körper verblasste in kürzester Zeit wieder. Für Jack war auf gewisse Weise der Wunschtraum eines jeden Koola in Erfüllung gegangen: die heilige Natürlichkeit seines Körpers konnte nie wieder gefährdet werden.

War das ein Geschenk Gottes? Eine Belohnung wie es die Heilung seiner Narben durch die Nanogene gewesen war?

Jack wusste also nicht wirklich, was er darüber empfinden sollte. Deswegen wurde sein Drang, den Doctor wiederzufinden, auch immer stärker, denn wenn ihm jemand erklären könnte, was ihm zugestoßen war, dann doch wohl der Doctor.

Aber vermutlich würde es noch weitere Jahrzehnte dauern bis er den Doctor wiedertreffen würde. Das wurde ihm mit jedem Jahr, das verging, deutlicher klar. Zumindest würde er aber die Zeit ohne große Veränderungen hinter sich bringen können. Er würde nicht älter aussehen, als damals als er den Doctor und Rose zum letzten Mal gesehen hatte. Jetzt musste er sich nur noch überlegen, wie er seine Zeit bis zu diesem Moment des Wiedersehens verbringen wollte.

Diese Frage klärte sich mehr oder weniger von selbst, als er von Torchwood rekrutiert wurde. Im ersten Moment wehrte sich alles in Jack dagegen das Angebot für diese fragwürdige Organisation, die noch dazu den Doctor als ihren Feind ansah, zu arbeiten, anzunehmen. Doch dann wurden ihm die Vorteile, die daraus erwuchsen, klar: Wenn der Doctor zum Riss zurückkehrte, dann würde das als erstes von Torchwood bemerkt werden. Natürlich hatte die Organisation dann Befehl ihn nach Möglichkeit gefangen zu nehmen, aber Jack würde in diesem Fall einfach als erster da sein und den Doctor vor Torchwood retten.

Außerdem würde die Arbeit für Torchwood ihm zwei Dinge ermöglichen: 1. Konnte er die Zeit totschlagen und 2. Konnte er Arbeit machen, die den Doctor stolz machen würde. Er könnte die Erde beschützen.

Leider stellte sich heraus, dass Torchwood mit ihren Alien-Gefangenen nicht gerade freundlich umging und auch ansonsten nicht vor Mord zurückschreckte. Seine eigene Folterung hätte ihn vielleicht bereits einen Hinweis darauf liefern sollen, aber zumindest hoffte Jack, dass er, wenn er ein Teil des Systems wäre, in der Lage sein würde, dieses von Innen heraus zu ändern. Und auch das wäre Teil seiner Arbeit für den Doctor.

C

So vergingen die Jahre und Jack wurde zum Torchwood-Agenten. Im Laufe der Zeit gelang es ihm kleine Dinge zu ändern, aber so wirklich konnte er Torchwood nicht bessern. Das Institut ging mit außerirdischen Besuchern nach wie vor meistens nicht besonders freundlich um. Und viel schlimmer war, dass Jack selbst irgendwann angefangen hatte ihre Methoden zu übernehmen und diese nicht mehr als falsch ansah und aufhörte sie zu missbilligen.

Aber das war nicht das einzige, was sich an Jack veränderte.

Schon zuvor war ihm klar gewesen, dass er sich, trotz aller Vorsätze, in den Doctor verliebt hatte, aber wegen Rose einerseits und Agent 3 andererseits wäre selbst im Fall einer Wiedervereinigung nicht wirklich bereit etwas deswegen zu unternehmen. Aber als die Jahre vorbeizuziehen begannen, ertappte Jack sich dabei, dass sein Vorsatz seinem Lebenspartner treu zu bleiben und darauf zu hoffen, dass sie irgendwann wiedervereint sein würden, zu schwinden begann. Und dass er das eine oder andere Mal jemanden traf, mit dem er gerne vollkommen zusammen gewesen wäre.

Aber als überzeugter Koola oder überzeugter Christ kam so etwas für ihn vor der Ehe nicht in Frage, doch auf einmal war eine Eheschließung für ihn eine mögliche Zukunftsaussicht.

Allerdings kam mit den ersten ernsthaften Kandidaten dafür, seinem Kollegen Greg Bishop, eine Eheschließung nicht in Frage, da in den 40'ern des 20. Jahrhunderts der Erde die gleichgeschlechtliche Ehe doppelt so weit entfernt in der Zukunft lag wie die Mondlandung. Im Übrigen war Greg, wie den meisten von Jacks Kollegen davor und danach, kein sehr langes Leben beschieden.

Mit Estelle sah sie Sache schon anders aus. Sie schworen einander die ewige Treue und planten sich zu ehelichen. Aber letztlich sah Jack ein, dass es nicht fair gewesen wäre Estelle zu heiraten. Torchwood, Zeitreisen und Unsterblichkeit waren Dinge, die Estelle nicht verstehen und vermutlich auch nicht verkraften würde. Es war besser sich von ihr fernzuhalten, und ihr die Chance auf ein eigenes Leben einzuräumen.

Wenige Jahre später hielt ihn sein Gewissen nicht davon ab einer anderen Frau die Ehe anzutun. Sie starb kurze Zeit nach der Hochzeit. Als sie Jack sie geheiratet hatte, hatten sie beide bereits gewusst, dass sie nicht mehr lange leben würde. Deswegen hatten sie beschlossen aus der kurzen gemeinsamen Zeit, die ihnen blieb, das Beste zu machen. Gegen Ende wurde es dann doch bitterer als sie beide erwartet hätten, doch Jack lief dieses eine Mal nicht vor seiner Verantwortung davon, sondern harrte an ihrer Seite aus bis er vorbei war. So schmerzhaft das auch für ihn war.

Danach wollte er eigentlich nie wieder heiraten. Nur wenige, die er nach dem Tod seiner Frau traf, interessierten ihn wirklich und mit niemandem hielt es lange. Bis er Lucia kennen lernte.

Lucia Moretti war eine Kollegin bei Torchwood und eine der faszinierendsten Frauen, die Jack jemals kennengelernt hatte. Er wusste, dass sie sein Untergang sein würde und versuchte alles um ihr nicht zu verfallen. Er stürzte sich sogar in Beziehungen mit anderen Frauen, aber letztlich gelang es Lucia sein Herz, seine Lippen und seinen Körper zu erobern.

Lucia wollte keinen Trauschein und keine kirchliche Heirat. Jack, der beides schon einmal hinter sich gebracht hatte, versuchte ihre Meinung zu ändern, da er wusste, dass diese Dinge für die Gesellschaft und damit letztlich auch für ihre Partnerschaft wichtig waren. Ja, sie waren auch für Jack selbst wichtig.

Im 51. Jahrhundert waren öffentliche Zeremonien für Lebenspartnerschaften nicht mehr nötig, aber hier im 20. Jahrhundert waren sie es schon. Jack erklärte Lucia, dass er sie als seine Lebenspartnerin ansah, und sie erwiderte, sie würde das genauso sehen, aber sie wollte nicht Mrs. Harkness werden, weil sie befürchtete, dass sie dadurch in Gefahr geraten könnte. Jack hatte viele Feinde, denn immerhin war er inzwischen schon seit Jahrzehnten ein Torchwood-Mitarbeiter.

Dass ihre Partnerschaft keinen offiziellen Segen erhalten hatte, störte Jack einig Jahre lang sehr. Er versuchte sich daran zu erinnern, dass er eigentlich ein Koola war und dass Koola keinen Wert auf die Meinung anderer legten, das für sie nur das wichtig war, was andere Koola von ihnen dachten. Und kein Koola hätte Jack dafür verurteilt, dass er keine offizielle Zeremonie hinter sich gebracht hatte oder dass er kein unterschriebenes Dokument besaß, dass Lucia als seine Frau auswies. Solange Jack sie als seine Lebenspartnerin bezeichnete, und sie ihn als ihren Lebenspartner, und beide niemand anderen ihren Körper schenkten, solange würde ihre Partnerschaft von jedem Koola anerkannt werden.

Trotzdem wurde Jack durch Lucias Weigerung erst so richtig klar, wie sehr er inzwischen in den Werten und Gepflogenheiten des 19. und 20. Jahrhunderts verhaftet war, und wie sehr er zu einem Christ anstelle eines Koolas geworden war. Und es beunruhigte ihm.

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Lucia schenkte ihm eine Tochter, die Jack sehr liebte.

Die Schwangerschaft war für sie beide schwierig. Jack war einmal während eines Einsatzes als Zeitagent von einer Alienrasse geschwängert worden, was ihn fast umgebracht hätte, da er sich wegen seines Glaubens geweigert hatte eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Agent 3 hatte ihn betäubt und den Alienfötus auf die am wenigsten inversive Methode, die bekannt war, entfernen lassen. Das war schon nach den gestohlenen Jahren gewesen, und Jack hatte recht lange gebraucht, um ihm das zu verzeihen, aber zumindest hatte er aus dieser Erfahrung einiges gelernt und wusste, was Lucia durchmachte. Allerdings wollte sie nichts über seine eigene Schwangerschaft erfahren. Und sie war auch sonst nicht sonderlich an seinen Vorschlägen darüber, wie Schwangerschaft und Geburt ablaufen sollten, begeistert. Sie hielt nicht viel von der Idee einer „natürlichen Geburt".

Manchmal fragte sich Jack, was sie beide eigentlich zusammenhielt. Nach der Geburt war es offensichtlich ihre Tochter, aber abgesehen davon hatten sie nichts gemeinsam. Als Mutter wollte Lucia auch nicht mehr für Torchwood arbeiten, und sie hielt Jacks Ansichten für antiquiert, ob sie nun aus der Zukunft stammten oder nicht.

Seine beiden vorhergehenden Lebenspartner hatten Jack und seine Ansichten zumindest respektiert, wenn sie schon nicht geteilt hatten. Selbst während ihres schlimmsten Streits hatte Agent 3 ihn nur frustriert angesehen, aber niemals so abwertend wie Lucia es tat.

Weniger als zwei Jahre nach Melissas Geburt lag die Partnerschaft ihrer Eltern in Trümmern, und Lucia konnte ihren Wunsch nach einer neuen Identität im Zeugenschutzprogramm für Melissa durchsetzen. Sie sagte, es wäre um Melissa und Jack zu beschützen, damit niemand von Jacks Feinden und nicht einmal Torchwood selbst Melissa gegen ihren Vater benutzen könnte. Aber Jack wusste, dass das eine Lüge war.

Lucia hielt ihn für einen Freak, und sie hatte Angst, dass auch aus ihrer Tochter ein Freak werden könnte. Und das Schlimmste an der Sache war, dass es ihr irgendwie gelang Jack dazu zu bringen, sich selbst ebenfalls als Freak anzusehen.

Lucia und Jack trennten sich nicht als Freunde. Melissa wurde zu Alice, und sie wurde kein Freak. Sie alterte normal und war offensichtlich nicht unsterbliche. Lucia war darüber erleichtert. Jack ebenfalls.

Er hatte begonnen sich selbst für das, was aus ihm geworden war, zu verabscheuen. Er wusste inzwischen, dass sein Zustand kein Geschenk Gottes war, sondern eher eine Strafe. Wofür genau wusste er nicht, vielleicht für irgendetwas, das er in seinen zwei verlorenen Jahren getan hatte. Auf jeden Fall war es etwas, mit dem er leben musste. Und da es schlimm genug für ihn war damit zu leben, beschloss er nach dem Lucia-Debakel, dass er niemand anderen mehr zwingen würde, ebenfalls damit zu leben.

Seine Beziehungen blieben oberflächlich und möglichst kurz gehalten. Stella war eine der letzten Frauen, an der er wirkliches Interesse zeigte, bis er sich darauf verlegte nur noch zu flirten und nicht einmal mehr auszugehen.

So war es besser. Für die anderen und auch für sein eigenes Herz.

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Weiter in Teil 4.