Im Zweifel
...
Woran glaubst du eigentlich noch, Jack Harkness?, fragte er sich manchmal.
Die Jahrzehnte nach Lucia trugen nur dazu bei, ihn noch mehr zu desillusionieren. Gott hatte sich von ihm abgewandt, also wandte sich Jack auch von Gott ab. Ja, es ging sogar weiter: Wenn es wirklich einen Gott gab, warum ließ er dann zu, dass so etwas Widernatürliches wie Jack überhaupt existierte? Schlimm genug, dass er diverse andere Dinge zuließ (zumindest tauchte der Doctor oft auf um diese etwas zu entschärfen, aber Jack durfte ihn nicht sehen, weil er damit die Zeitlinie durcheinander wirbeln würde), aber etwas, das gegen alle Regeln und Gesetze der Natur und des Guten sprach, weiterexistieren zu lassen….
Inzwischen hatte Jack festgestellt, dass sein Körper sich doch veränderte; er schien älter zu werden, nur viel langsamer als ein normaler Mensch. Aber sterben konnte er nicht.
Wenn er immer älter wurde, aber niemals sterben konnte, was bedeutete das dann für ihn? Und was für die Welt?
Zur Jahrtausendwende übergab Alex Hopkins Jack die Leitung von Torchwood 3 indem er sich selbst und alle anderen Mitarbeiter umbrachte. Jack konnte nicht anders als sich zu fragen, ob Alex das nicht vielleicht getan hatte, weil er an allem, was er gesehen hat (inklusive Jack) verzweifelt war. Erst kurz vor seinem Tod hatten Alex und Jack gemeinsam entdeckt, dass Jack nicht nur selbst nicht sterben konnte, sondern auch in der Lage war, die überschüssige Lebensenergie, die sich in ihm befand, auf andere zu übertragen, und sie so zu heilen, wenn er sie küsste und ihnen wirklich helfen wollte. Vielleicht war es das gewesen, was Alex endgültig den Rest gegeben hatte.
Nach einigen Machtkämpfen mit Yvonne Hartmann konnte Jack durchsetzen, dass ihm gestattet wurde sich sein eigenes Team zu suchen. Er wollte die Besten der Besten rekrutieren, aber auch nur Leute auswählen, die es schaffen konnte. Die Arbeit bei Torchwood war nicht für jedermann.
Die Auserwählten sollten nach Möglichkeit ein wenig außerhalb der Gesellschaft stehen, trotzdem genug haben, was dafür sorgte, dass sie am Leben bleiben wollten, und Fähigkeiten besitzen von denen Torchwood profitieren konnte.
Zugleich sollte das Team dann auch ohne ihren Anführer Jack Harkness auskommen können, da dieser nämlich in absehbarer Zukunft wieder mit dem Doctor vereint sein würde um so diese Zeitperiode für immer zu verlassen. (Außer vielleicht für gelegentliche Besuche bei Tochter Alice, aber wenn Jack ehrlich war, dann wäre sie ohne ihn vermutlich besser dran, also vielleicht doch nicht).
Immerhin kam Jack dem Doctor endlich einen Schritt näher, als es ihm gelang eine Hand an sich zu bringen, die der Time-Lord im Kampf gegen die Sycorax verloren hatte. Die Hand dampfte geradezu von Zeitvortex-Energie, was etwas beunruhigend war, aber laut dem Bericht von Harriet Jones, baldiger Ex-Premierministerin, ging es dem Doctor und Rose beiden gut, und der Doctor habe zwei Hände gehabt als sie ihn das letzte Mal gesehen habe, aber ein neues Gesicht. Offenbar stimmten die Gerüchte über die Fähigkeiten der Time-Lords zur Regeneration.
Auf jeden Fall reagierte die Hand auf die Anwesenheit des Doctors und war damit Jacks beste Chance den Doctor tatsächlich aufzuspüren. Und nach allem, was Jack hatte durchmachen müssen um das Geheimnis der Hand für sich zu behalten und die Hand selbst von Yvonne zu bekommen, würde sie ihm dabei hoffentlich auch wirklich helfen.
Einige Monate später gab es kein Torchwood London mehr, und Jack hatte die Möglichkeit mit dem Doctor und Rose wiedervereint zu werden verpasst. Schlimmer noch: Rose stand auf der Liste der Todesopfer von Torchwoods letzter Schlacht.
Was wenn der Doctor deswegen nun nie wieder zu Erde kommen würde? War Jack damit für immer gestrandet, und wenn ja, was sollte er dann tun? Für immer der Leiter von Torchwood 3 zu bleiben, klang nicht gerade verlockend.
Andererseits stellte sich heraus, dass seine designierte Nachfolgerin unbemerkt wahnsinnig geworden war, Leute ermordete und mit Alienartefakten experimentierte. Ja, die meisten Torchwood-Mitarbeiter lebten nicht lange, aber nach so wenigen Jahren schon wieder einen Mord/Selbstmord-Fall zu haben, war nicht gerade aufbauend.
Jack verlor Suzie Castello also an den Tod, aber dafür gewann er für Torchwood und sich selbst Gwen Cooper. Und Gwen, die so frisch und unbeschadet in den Kreis der „Opfer der Realität" aufgenommen wurde, brachte neue Hoffnung für Jack mit sich. Hoffnung darauf, dass es vielleicht doch möglich war ein Herz zu haben und diese Arbeit zu machen, Hoffnung darauf, dass es vielleicht doch möglich war ein Privatleben zu besitzen, und dass die Arbeit für Torchwood nicht alles andere verschlingen würde. Und vielleicht brachte sie auch Hoffnung für Jack zu seinem Glauben zurück zu finden, denn Gwen glaubte an das Gute und manchmal konnte man fast glauben, dass sie damit recht hatte, und es das Gute auch wirklich gab. Und wenn es das Gute gab, dann musste es ja wohl auch Gott geben, oder?
Natürlich liebte Jack Gwen, aber nicht so wie Gwen es sich vermutlich erhoffte. Sie hatte einen festen Freund und außerdem stieg sie mit Owen ins Bett. Jack konnte nicht leugnen, dass er sich auf sehr vielen verschiedenen Ebenen zu ihr hingezogen fühlte, aber er würde niemals etwas deswegen unternehmen. Gwen war offensichtlich eine überaus körperlich orientierte Person, der Familie sehr wichtig zu sein schien, und Jack war nicht wirklich bereit für eine weitere Lebenspartnerschaft aus der Kinder und damit auch Ängste hervorgehen konnten. Und Gwen hatte ein Leben verdient, das so normal war, wie es in all diesem Wahnsinn nur irgendwie möglich war. Jack war schon als ihr Boss unnormal genug für sie. Sollte sie doch Liebe mit Rhys und Spaß mit Owen haben. Für Jack symbolisierte sie Hoffnung und Liebe, aber nicht eine potentielle Partnerin.
Stattdessen wurde – fast zur Jacks eigenen Überraschungen – Ianto zu seinem Liebhaber.
Die beiden Männer fühlten sich von Anfang an zueinander hingezogen, doch Jack hatte eigentlich nicht vorgehabt, mehr in dieser Hinsicht zu unternehmen als zu flirten und sich vielleicht das eine oder andere Mal zu einem Kuss hinreißen zu lassen. Im Gegensatz zu Gwen war Ianto einer der vom Leben geschädigten Rekruten für Jacks Torchwood.
Jack hatte ihn nicht engagiert, weil er in Anzügen gut aussah (nun ja, das war natürlich kein Nachteil), sondern weil ihm klar war, dass Ianto in Wahrheit einiges mehr zu bieten hatte, als man von einem Junior Researcher erwarten würde, und es besser war diese Fähigkeiten für Torchwood zu nutzen als sie durch Retcon in die Vergessenheit verschwinden zu lassen. Als Überlebender von Torchwood London war der junge Waliser natürlich traumatisiert, aber wie traumatisiert und beschädigt Ianto wirklich war, wurde Jack erst klar als seine Cyber-Freundin versuchte sie alle umzubringen.
Da sie beide also auf die eine oder andere Weise beschädigt waren, war es vielleicht nur natürlich, dass sie beieinander Trost suchten. Was hingegen nur ein schlechter Witz war, war die Art wie sie beide diese Beziehung behandelten: Als nichts Ernstes, als Gelegenheitssex, Bettfreundschaft, lockere und offene Beziehung.
Aber natürlich, ein Mann, der selbst dann nicht aufgehört hatte seine Freundin zu lieben als sie mehr Roboter als Mensch gewesen war und alles getan hatte, was er für nötig befand, um sie zu heilen war ja auch genau der Typ für so etwas. Genauso wie Jack selbst. Vielleicht hatte er seinen Glauben verloren, aber wenn er ehrlich zu selbst war, dann musste er sich eingestehen, dass er trotzdem nicht bereit war seinen Körper der nächstbesten Person zu schenken. Wenn zwei Personen, die eigentlich nur ernste Beziehungen führten, vorgaben nur Sex miteinander zu haben, ohne das etwas dahinter steckte, dann war das eigentlich traurig, aber Jack zog es vor nicht darüber nachzudenken. Und er wusste, dass Ianto das auch nicht tat.
Entsprechend änderte Jack sein „Singel"-Verhalten (wie man das jetzt wohl im 21. Jahrhundert nannte) nicht wirklich. Als es ihn gemeinsam mit Tosh in die Vergangenheit verschlug und es nicht sicher war, ob sie jemals wieder in die richtige Zeitperiode zurückkehren würden oder nicht, lernte Jack den wahren Captain Jack Harkness kennen.
Es war ein mehr als nur kleiner Schock für ihn ausgerechnet dem Mann gegenüber zu stehen, dessen Identität er gestohlen hatte, und der noch dazu am nächsten Morgen sterben würde. Und es war ein netter aufrechter zerrissener Mann. Aber natürlich starben ja immer nur die netten aufrechten zerrissenen Menschen, denn wenn es anders herum wäre, dann wäre das Leben ja fair.
In den echten Jack erkannte der ehemalige Zeitagent viel von sich selbst wieder, und es schmerzte ihn mehr als er erwartet hätte. Und die Rückkehr in die Zeit, aus der sie gekommen waren, führte dazu, dass das Zeitgefüge instabil wurde, und die Erde, angefangen mit Cardiff, beinahe unterging.
Jack war bereit sich selbst und seine ganze Existenz zu opfern, um das zu verhindern, immerhin war es sein Job die Erde und die Menschheit zu verteidigen. Vielleicht hoffte ein Teil von ihm auch darauf, dass es danach endlich vorbei sein wü Abbadon ihm all seine Lebensenergie nehmen würde, und es Jack danach erlaubt war zu sterben.
Immerhin hatte er nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnte. Rose und Estelle waren tot, der Doctor verschwunden, Agent 3 in einer weit entfernten Zeitperiode unterwegs; Alice warf ihm vor sich nicht genug um ihre Mutter gekümmert zu haben, als es zu Ende ging, und wollte ihn nicht in der Nähe ihres Sohnes haben (weil sich dieser nicht an Jack gewöhnen sollte); und sein Team - Gwen, Ianto, Tosh und Owen, die Menschen die er am meisten liebte – hatte ihn verraten.
Sie hatten ihre Gründe gehabt und sicher gedacht, dass sie das Richtige taten, aber das änderte nichts an der Tatsache, dass sie ihm nicht genug Vertrauen entgegen gebracht hatten, um sein Wort über das der Erscheinungen, die sie erlebt hatten, zu stellen.
Jack rettete die Erde und war danach länger tot als jemals zuvor. Aber es war nicht vorbei. Er starb und war von Dunkelheit umgeben bis er spüren konnte wie die Energie, die ihn am Leben erhielt, in ihn zurückkehrte. Er schlug die Augen auf und war wieder da.
Und zum ersten Mal seit langem verspürte er ein Gefühl von Frieden. Er war im Reinen mit sich. Gott gab es vielleicht, oder auch nicht, aber es gab das Gute. Das wusste er in diesem Moment des Aufwachens ganz deutlich, und er konnte es sehen, als Gwen Cooper ihn anstarrte und zurück zu den anderen führte.
Er konnte es spüren, als er Tosh in die Arme nahm.
Er konnte es spüren, als er Ianto voller Liebe vor aller Augen küsste und als er Owen verzieh. Und er konnte es immer noch spüren, als er ein wohlbekanntes Geräusch hörte und die Hand des Doctors zu zittern begann.
Es gab das Gute und endlich nach all diesen Jahrzehnten hatte er selbst genug Gutes getan, um mit dem Doctor wiedervereint zu werden.
Und von dem Doctor erhielt er auch endlich Antworten auf seine drängendsten Fragen.
Der Doctor trug nun wirklich ein anderes Gesicht und reiste mit einer anderen Begleitung, aber in seinem Kern war er immer noch derselbe. Jack erfuhr, dass Rose gar nicht tot war, sondern nur in einem Parallel-Universum gestrandet war. Er erfuhr, dass der Doctor ihn nicht zurückgelassen hatte, weil Jack etwas falsch gemacht hatte, sondern weil der Time-Lord über seinen veränderten Zustand entsetzt war. Und er erfuhr außerdem, dass es Rose gewesen war, die ihn erfüllt von der Kraft des Zeitvortex' ins Leben zurück gebracht hatte. Er erfuhr außerdem, dass er ein fixer Punkt in Raum und Zeit war, und das es nichts gab, was der Doctor (oder irgendjemand sonst) tun konnte, um das zu ändern. Er war also wirklich festgefroren in seinen derzeitigen körperlichen Zustand.
Aber mit den Frieden, den Jack gefunden hatte, war es schnell wieder vorbei. Offenbar hatten die Antworten, die er erhalten hatte, ihren Preis. Denn neben dem Guten, gab es auch ziemlich eindeutig auch das Böse.
Jack traf auf dieses Böse in der Gestalt eines anderen Time-Lords - des Meisters.
Der Meister, der die Tardis an sich brachte und Jack, den Doctor und Martha Jones am Ende des Universums zurückließ.
Der Meister, der hinter der Identität von Harold Saxon in die britische Politik ging und sogar zum Premierminister gewählt wurde, und der schon zuvor auf die Rückkehr von Jack, dem Doctor und Martha ins 21. Jahrhundert wartete.
Der Meister, der gemeinsam mit den Toclafane die Macht über die Erde an sich riss und Jack und den Doctor gefangen nahm.
Ein Jahr lang waren sie in seiner Gewalt und der Meister, der von Jacks Fähigkeiten wusste, sie als Time-Lord wahrscheinlich sogar genau wie der Doctor selbst auch mit bloßem Auge sehen konnte, tötete den „Freak" immer und immer wieder, nur zu seinem Vergnügen. Innerhalb dieses einen Jahres verlor Jack all seine Lebensgeister und seinen inneren Frieden, den er durch so viel Leid hatte gewinnen müssen, wieder.
Innerhalb dieses eines Jahres überlegte er sich so oft, wie er dem Meister das Leben nehmen könnte, sich selbst, Marthas Familie und den Doctor befreien und die Welt von den Toclafane retten könnte. Und dabei wurde ihm erst so wirklich klar, dass er schon irgendwann zuvor begonnen hatte Leben zu nehmen ohne sich dessen zu schämen. Im Krieg, da war es immer etwas anderes gewesen, doch seit Jack für Torchwood arbeitete, war er zu einem kalten Mörder geworden, der es mit Agent 2 aufnehmen konnte.
Und das wirklich Schlimme war, dass er darüber eigentlich nicht erschrocken war, dass es ihm eigentlich nicht wirklich störte, da er nur daran denken konnte, wie furchtbar gerne er wieder frei wäre, egal was es ihn kosten würde und dass damit der Schmerz endlich aufhörte.
C
„Und Freak? Wie geht es dir heute?"
„Jetzt, wo ich dein hübsches Gesicht sehe, schon viel besser", erwiderte Jack und grinste den Meister auf eine – wie er hoffte – anzügliche Art und Weise an.
Der Meister schenkte ihm nur ein mildes Lächeln. „Oh, Jack, Jack, ich durchschaue dich. Für mich musst du dieses Theater nicht aufrecht erhalten, ich weiß, was du wirklich denkst", tadelte er seinen Gefangenen.
Jack wurde durch Ketten gefangen gehalten, die links und rechts an den Wänden befestigt waren, aber in Wahrheit waren diese nur Zierde. Er und der Meister wussten beide, dass es nicht die Ketten waren, die ihn hier gefangen hielten. Sie hatten das schon aus mehr als genug Fluchtversuchen gelernt. Trotzdem genoss es der Meister vermutlich Jack in Ketten zu sehen. Aber es gab so viele Dinge, die der Meister genoss und die meisten waren nur für ihn angenehm.
„Und, was denke ich wirklich?", erwiderte Jack nur.
Inzwischen wusste er, dass es das Beste war gleich auf die Spiele des Meisters einzugehen. Alles andere führte zu schmerzhaften Konsequenzen.
„Du planst gerade wie du mich auf drei verschiedene Arten, mit diesen Ketten töten könntest, aber du weiß, dass es dir nichts bringen würde, weil ich mich nur regenerieren würde und nachher sehr böse auf dich wäre. Und wer weiß, wen von deinen Lieben ich dann dieses Mal ausfindig machen und herbringen lassen würde", flötete der Meister, „Vielleicht eine gewisse Alice Carter … oh, nein, das würdest du nicht wollen, nicht wahr?"
Jack tat sein Bestes um sich den Eisklumpen, der sich in seinem Magen bildete, nicht anmerken zu lassen. „Diesen Namen habe ich noch nie gehört", behauptete er.
„Und hat sie nicht einen Sohn namens Steven?", fuhr der Meister fort, „Vielleicht sollte ich sie beide herbringen lassen. Natürlich nur, wenn sie inzwischen nicht schon tot sind. So tot wie dein Team. Wie hießen sie doch gleich? Gwenie die Heldenhafte, Owen der Doctor, Toshiko die Hackerin und Ianto der Loverboy… Mhm. Vielleicht hätte ich sie etwas länger am Leben lassen sollen, was denkst du?"
Jack biss die Zähne aufeinander und unterdrückte sowohl den Drang den Meister anzuschreien als auch den Drang ihn zu strangulieren. Beides würde zu nichts führen, und die Strafe würde Jack selbst nur dann ereilen, wenn er Glück hatte. Letztes Mal hatte der Meister es an Tish ausgelassen und das war für niemanden hier an Bord der Valiant besonders angenehm gewesen.
„Hast da dazu gar nichts zu sagen?"
Jack knirschte noch einmal kurz mit den Zähnen bevor er erwiderte: „Was sollte ich schon dazu sagen? Ich weiß nichts von Alice oder Steven, ich nehme an es gibt geheime UNIT-Akten, aus denen du diese Information hast. Und da du offenbar der Meinung bist, dass ich noch genug gelitten habe, gibt es nichts, was ich sagen könnte um dich von deinem Plan, sie zu finden, abzubringen."
Der Meister sah für einen Moment nachdenklich aus. „Ja, das stimmt vermutlich", räumte er dann ein, „Aber es macht mehr Spaß, wenn du protestierst."
„Tut mir Leid", knurrte Jack nur.
Der Meister grinste und lachte kurz auf. „Ach, Jack, ich habe ich meinem Leben ja schon viel gesehen, aber du … du faszinierst mich nach all den Monaten immer noch. Und ich meine nicht nur das Offensichtliche. Nach all dieser Zeit hast du immer noch nicht aufgegeben, und du glaubst immer noch daran, dass er einen Plan schmieden wird, der euch gelingen wird. Dass er euch retten wird. Soviel Glaube. An einen Mann. Und das nach all dem, was du schon gesehen hast." Er schüttelte nachsichtig den Kopf. „Sag mir, was ist so besonders an ihm?"
Natürlich wollte er die Antwort darauf nicht wirklich hören, aber es wäre es vielleicht wert seinen Gesichtsausdruck zu sehen, wenn er die Antwort hörte, also…
„Er inspiriert Leute; er inspiriert sie dazu, über sich selbst hinauszuwachsen und dem Guten zum Sieg zu verhelfen", erklärte Jack, „Das hat er für mich getan. Und für eine gute Freundin von mir. Und für so viele andere Menschen…"
Der fröhliche Gesichtsausdruck des Meisters verdüsterte sich ein wenig. „Ach ja, so wie er Martha Jones dazu inspiriert hat, wie ein Feigling davon zu rennen? Ihre Familie und ihre Freunde im Stich zu lassen? Diese Art von Inspiration?"
Jack konnte nicht verhindern, dass sich seine Lippen zu einem Grinsen verzogen. „Es ist fast ein Jahr her, und du weißt immer noch nicht, wo sie ist, nicht wahr? Das muss dir ziemlich viele schlaflose Nächte bereiten..."
Jetzt stand dem Meister die blanke Wut ins Gesicht geschrieben. „Wen interessiert schon Martha Jones? Was kann sie schon tun? Sie ist alleine dort draußen und bleibt nirgends lange genug um wirkliche Verbündete zu finden! Ja, es ist ein Jahr vergangen, und in diesem einen Jahr hat sie nichts getan um mich aufzuhalten, rein gar nichts. Sie ist wertlos. Warum hat er sie überhaupt in die Tardis gelassen? Ich kenne Bären, die während ihres Winterschlafs aktiver sind als Martha Jones!", erklärte er, doch das Blitzen in seinen Augen verriet Jack, dass es ihn wirklich störte, nicht zu wissen, wo Martha war und was sie tat.
„Ich kenne auch ein paar sehr aktive Bären, die…."
„Jetzt lass uns bitte nicht ekelhaft werden, ja? Vielleicht verlierst du deinen Glauben an deinen Doctor und das Gute, zu dem er die Menschen angeblich inspiriert, wenn du deiner Tochter beim Sterben zusehen musst und er – schon wieder – nichts dagegen unternehmen kann. Ich wollte nur, dass du weißt, dass es eine Familienzusammenführung geben wird und darauf vorbereitet bist. Immerhin ist Vorfreude immer noch die schönste Freude", unterbrach ihn der Meister, „Aber jetzt muss ich gehen. Wie du weißt bin ich der Regierungschef der Erde, also…. Bis bald. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung von diesem Gespräch."
Und dann war der Meister auch schon wieder weg.
Jack sah ihm nachdenklich hinterher. Eigentlich sollte er jetzt Angst um Alice und Steven haben, aber alles, woran er im Moment denken konnte, war, dass der Meister recht hatte. Nach all dieser Zeit in Gefangenschaft eines Wahnsinnigen waren seine Lebensgeister noch nicht gebrochen, weil es immer noch eine Sache gab, an die er glaubte: Den Doctor.
Er glaubte daran, dass dieser sie alle retten würde. Und er wusste, dass das bald geschehen würde.
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Wenige Tage später, noch vor der Ankunft von Alice und Steven auf der Valiant, kehrte Martha Jones nach England zurück, und bald darauf war alles vorbei. Der Meister war besiegt und das schrecklichste Jahr in Jacks Leben wurde aus der Zeitlinie gelöscht. Gwen, Ianto, Owen und Tosh lebten wieder. Genauso wie all die anderen Menschen, die von den Toclafane einfach so umgebracht worden waren, weil es ihnen oder dem Meister Freude bereitete andere sterben zu sehen, oder weil die Menschen es gewagt hatten Widerstand zu leisten.
Alle lebten wieder und das Jahr, das niemals stattgefunden hatte, existierte nur noch in den Erinnerungen von den Wenigen, die an Bord der Valiant gewesen waren.
Unglücklicherweise gehörte Jack zu diesen Wenigen.
Was den Meister anging, so war er nun tot. Erschossen von Lucy, seiner eigenen Frau. Natürlich hatte er bekommen, was er verdient hatte, aber Jack konnte gut verstehen, dass sein Verlust den Doctor sehr mitnahm. Er wusste genau, wie es war , der einzige seiner Art zu sein.
Obwohl ihm der Doctor anbot weiterhin mit ihm zu reisen, hatte Jack ein ganz anderes Ziel: Er wollte nur zu seinem Team zurückkehren. Und sei es nur, um sicher zu gehen, dass sie wirklich wieder alle lebten.
Das schreckliche Jahr hatte ihn dazu gebracht, den Glauben an fast alles außer den Doctor zu verlieren und er wusste, was der Doctor von ihn erwartete, selbst wenn dieser es nicht aussprach: Die Erde zu beschützen, mit der Arbeit weiter zu machen, die die letzten 100+ Jahre betrieben hatte. Also kehrte er zu Torchwood zurück.
Sie waren alle am Leben und alle wütend auf ihn, selbst die, die es nicht so offen zeigten wie Gwen.
Die Dinge hatten sich in seiner Abwesenheit verändert. Gwens Verlobungsring war ein Schock für Jack. Vielleicht auch deswegen, weil sie ihn nicht getragen hatte, als sie gestorben war. Wieso das der Fall gewesen war, wusste Jack nicht. War sie in der anderen Zeitlinie nie verlobt gewesen, oder war Rhys gestorben?
Es spielte eigentlich keine Rolle, denn dieser kleine Ring führte Jack etwas vor Augen, das er zuvor fast vergessen hatte: Es gab immer Hoffnung.
Gwen arbeitete für Torchwood und trotz allem, was sie gesehen und erlebt hatte, glaubte sie trotzdem daran, mit jemanden glücklich werden zu können. Sie glaubte nicht nur daran, dass sie den nächsten Morgen erleben würde, sondern auch daran, dass sie eine gemeinsame Zukunft mit dem Mann, den sie liebte, erwartete. Gwen war offensichtlich viel weiser als Jack. Sie hatte Glauben und für einen Moment erinnerte sich Jack daran, wie es gewesen war echten Glauben zu haben.
Gutes konnte geschehen, und die Menschen hatten es verdient, dass ihnen ab und zu etwas Gutes widerfuhr, aber wenn man wirklich daran glaubte, dann musste man auch etwas nachhelfen, dass es wirklich so kam.
Wer hätte gedacht, dass ein so unbedeutend wirkender Ring zu einer Epiphanie führen konnte?
Jack wusste in diesem Moment sehr genau: Er konnte und wollte nicht mehr so weiter machen wie bisher. Es war an der Zeit sein Leben zu ändern.
Ring hin oder her, dafür gab es auch noch andere Zeichen.
Jacks erster Lebenspartner kehrte unvermittelt in sein Leben zurück und brachte Chaos und Tod mit sich. Agent 3 nannte sich jetzt Captain John Hart, vermutlich nannte er sich hauptsächlich so um Captain Jack Harkness zu kommentieren, aber seine Botschaft prallte an Jacks Team ab.
John wiederzusehen war seltsam. Ihn nach der schrecklichen Zeit als Gefangener des Meisters wiederzusehen war schlimm.
Jack konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich zuletzt so verletzlich und trostbedürftig gefühlt hatte. Johns Anblick alleine reichte aus um ihn heillos zu verwirren, und ihr Wiedersehens-Kuss hatte es genauso in sich wie die Schläge, die sie austauschten. Johns Rhea-Versuche hatten offenbar nicht gefruchtet. Er war zerstörerisch und gefährlich wie nie zuvor. Wenige Minuten in seiner Gegenwart reichten aus, um das klar zu machen, und noch weniger Minuten genügten um den tiefen Graben, der nun zwischen ihnen lag, zu offenbaren. Jack sehnte sich nach Stabilität – er brauchte diese nach allem, was passiert war, und John war die Verkörperung des Chaos.
Deshalb war es Jacks oberstes Ziel alles zu tun, was in seiner Macht lag, um John so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Deswegen war er nicht vorsichtig und misstrauisch genug. Und deswegen ging alles recht schnell fast auf tödliche Weise schief. Aber dank Owens Einfallsreichtum kamen sie schließlich ohne Tote im Team aus der ganzen Sache heraus.
Und Jack verwies John aus seinem Leben. Nur um diesen in letzter Sekunde noch zu gestatten eine Bombe zu platzen lassen, die Jack mehr aus dem Gleichgewicht brachte als es selbst Johns Rückkehr geschafft hatte. Er hatte Gray gefunden? Das war doch nicht möglich! Natürlich – während ihrer Zeit in der Agentur hatten sie darüber gesprochen Gray zu suchen – sie hatten ihn nur nie gefunden. Und wieso verkündete John dies und ging dann einfach? Vielleicht war dies nur eine Art letzter grausamer Abschiedsscherz oder die Abrechnung dafür, dass Jack John nicht in seinem Leben haben wollte, zumindest nicht in dessen derzeitigen Zustand. Eines war aber sicher: Jack würde noch früh genug mehr zu diesem Thema zu hören bekommen. John würde zurückkehren. Aber bis dahin hatte Jack hoffentlich etwas mehr Halt gefunden.
Und diesen Halt suchte er in Ianto Jones, seinem treuen Liebhaber, der ihn so ungläubig ansah, als er um Date gebeten wurde, dass Jack fast einen Rückzieher gemacht hätte. Aber wenn Gwen sich verloben konnte, warum konnte Jack dann nicht eine richtige Beziehung mit dem Mann, den er im Augenblick liebte, führen? Nachdem er Ianto hatte sterben sehen, war Jack nicht mehr bereit so zu tun, als würde das, was zwischen ihnen war, nichts bedeuten. Er wollte Ianto nahe sein und ihn wissen lassen, was Intimität für ihn bedeutete. Er wollte, dass Ianto sein neuer Lebenspartner wurde und er wollte, dass sie zumindest vorgaben, dass sie eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft hatten. Und zu seinem Glück wollte Ianto das alles auch, nachdem ihn klar wurde, dass es Jack ernst war mit seinem Angebot.
Vielleicht würde es damit ja doch etwas wirklich Gutes für sie beide geben.
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„Glaubst du eigentlich an Gott, Jack?", fragte ihn Ianto einige Wochen später einmal nachdem sie sich eines Nachts nicht weniger heftig als sonst aber doch irgendwie zärtlicher geliebt hatten. Vielleicht dachte er gerade an Tommy, der seinem Schicksal nicht hatte entkommen können, und der sein Leben hatte aufgeben müssen, um die Welt zu retten, obwohl sich niemand daran würde erinnern können, und ihn alle nur als jemanden, der für Feigheit erschossen worden war, in Erinnerung behalten würden. Vielleicht stellte er diese Frage auch einfach nur so, weil sie ihm gerade eingefallen war.
„Früher ja, heute – ich weiß nicht", gab Jack zu, „Vielleicht glaube ich an das Konzept von Gott, aber nicht so sehr an den Gott meiner Kindheit. Dazu habe ich zu viel erlebt und gesehen. Aber ich habe Glauben. Ich glaube an das Gute."
Ianto runzelte die Stirn und sah Jack abschätzend an. „Das Gute? Du, Captain Jack Harkness, glaubst an das Gute?", wunderte er sich dann.
„Oh ja. Das ist das einzige, an das ich immer geglaubt habe und an das ich immer glauben werde, denn das Gute gibt es: Ich habe es gesehen, und ich weiß, dass es niemals vollkommen verschwinden wird und immer da sein wird. Und das nach jeder auch noch so langen Nacht irgendwann ein neuer Morgen kommt", erklärte Jack, „Und das, Ianto Jones, ist etwas, das mich meine lange Lebenserfahrung gelehrt hat."
Ianto wirkte für einen Moment sehr nachdenklich. Dann meinte er: „Es muss schön sein, wenn man so einen festen Glauben hat. Nach den Cybermen und Lisa und allem, was in den letzten Jahren geschehen ist, kann ich nicht mehr so einfach daran glauben, dass … egal an was, eigentlich…"
Jack gab ihm einen schnellen Kuss auf die Stirn. „Das kann ich verstehen. Auch ich hatte meine Zweifel und meine Verzweiflung, aber inzwischen weiß ich es besser."
„Besser als zu zweifeln?"
„Einfach besser."
...
Weiter in Teil 5.
