Das Gute
...
Jack hatte es in den folgenden Monaten und Jahren nicht leicht.
Die Dinge begannen so schnell schief zu gehen, dass es beängstigend war, und er verlor so gut wie alles, was ihm wichtig war.
Es fing mit Owen an, und als Jack feststellte, was er seinem Freund angetan hatte - dass dieser nun zwar einen toten Körper bewohnte, aber nicht sterben konnte – war ein Teil von Jack entsetzt über seine Tat. Owens Zustand war sogar noch unnatürlicher als Jacks eigener und die Verzweiflung, die Owen darüber empfand, brach Jack das Herz. Aber zugleich gab ihm das Ganze auf perverse Weise Hoffnung: Wenn Owens Zustand unumkehrbar war, dann hatte Jack jetzt einen Gefährten für die Ewigkeit gefunden. Er würde ewig leben, und Owen würde ewig untot sein, aber zumindest könnten sie das vielleicht Seite an Seite sein. Immer vorausgesetzt Owen gab auf sich acht.
Doch es kam ganz anders.
Jack versuchte nicht so viel Zeit damit zu verbringen, sich zu fragen, wie lange Owen noch bei Bewusstsein war, während sich sein Körper langsam Stück für Stück auflöste. Er versuchte auch nicht über die langsam verblutende Tosh nachzudenken oder darüber, dass es sein eigener Bruder gewesen war, der Schuld an all dem war, und was dieser alles getan hatte, nur um sich an Jack zu rächen. Das Leben ging weiter, sagte er sich, und er hielt sich mit seinem Glauben aufrecht. Denn immerhin wusste er es ja inzwischen besser, das hatte er Ianto gesagt, und das hatte sich auch nicht verändert.
Doch als die Erde gestohlen wurde, und Horden von Daleks die Erde angriffen, da sah Jack das Ende von allem vor sich. Er hielt Ianto und Gwen in den Armen und hoffte, dass ihnen wenigstens ein schnelles Ende vergönnt sein würde. Dieses Mal sollten sie nicht so lange leiden müssen wie im Jahr das niemals war und nicht so langsam und qualvoll zu Grunde gehen wie Owen und Tosh.
Doch dann war er plötzlich da: Der Doctor. Er erschien wie ein rettender Engel und erinnerte Jack daran, dass es niemals wirklich vorbei war. Gemeinsam besiegten Jack, der Doctor und ihre Verbündeten und Freunde Davros und die Daleks und retteten die Erde. Und das reichte auch um Jack daran zu erinnern, dass er nicht zweifeln sollte, und er versuchte wirklich sich daran zu halten, überzeugt davon, dass ihm das, nachdem sie die Daleks überstanden hatten, nicht weiter schwer fallen sollte.
Aber wie sollte er sich irren.
Nachdem von Torchwood nur noch Trümmer übrig waren, und er das Blut von Ianto und Steven an den Händen hatte, und seine eigene Tochter ihm nicht mehr in die Augen blicken konnte, bereiste er die ganze Welt auf der Suche nach etwas, das ihm seine Hoffnung und seinen Glauben zurück geben könnte. Doch überall sah er nur Schatten und Asche.
Sechs Monate hatte er nach Hoffnung gesucht, ohne sie zu finden. Gwen war schwanger, vielleicht sollte er das als Zeichen ansehen, aber dieses eine Mal reichte Gwen Cooper nicht aus, um ihn Frieden zu bringen. Sie hatte eine Zukunft, in die sie blicken konnte - mit Rhys und ihren ungeborenen Kind. Für Jack gab es nur seine Vergangenheit, die widerspiegelte, was er verloren hatte.
Auf der Erde gab es nichts mehr für ihn – also verließ er sie. Vielleicht würde er dort draußen im Weltall finden, was ihm hier auf der Erde verwehrt blieb.
Aber auch im All fand er nur Echos und Schatten.
Bis er eines Tages in einer Bar saß, versuchte nicht an die Namen und Gesichter derer, die er verloren hatte, zu denken und seine Aufmerksamkeit auf seinen Drink konzentrierte, als ihm unvermittelt der Name des jungen Mannes, der neben ihn saß, zugesteckt wurde.
Als Jack aufsah, um herauszufinden von wem diese Nachricht kam, erblickte er den Doctor, wie dieser einsam und ernst dreinblickend mitten unter all den Leuten stand und ihn ansah. Und für einen kurzen Moment sah Jack sich da selbst stehen, und dann erinnerte er sich an das, was er fast vergessen hatte, an diesen einen Moment in dem Jahr das niemals war als sich der Meister darüber gewundert hatte, dass Jack trotz allem, was gewesen war, nicht aufgegeben hatte und immer noch an etwas glaubte. Und dieses etwas stand jetzt da und sah ihn an und sagte ihm stumm, dass er Jack akzeptierte so wie er war, dass er der Meinung war, dass Jack ein wenig Glück verdient hatte, und dass er stolz auf ihn war.
Und in diesem Moment wusste Jack es wieder.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er ein Kind gewesen war und glücklich mit seinem Bruder und seinen Eltern auf der Boeshane Insel gelebt hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als seine Mutter ihm die Botschaften der heiligen Schrift in die Haut eingebrannt hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er der Zeitagentur beigetreten war.
Er wusste, was er gewusst hatte, als Agent 3 ihm den Glauben der Moogna erklärt hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als Rose Tyler ihn zum ersten Mal angelächelt hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er den Doctor zum Abschied geküsst hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er mit Estelle zu langsamer Musik getanzt hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als seine sterbende Frau mit letzter Kraft seine Hand gedrückt und gehaucht hatte: „Jack, ich liebe dich."
Er wusste, was er gewusst hatte, als er zum ersten Mal in das kleine Gesicht des Wesens, das Melissa Moretti war, geblickt hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er an Gwen Coopers Hand ihren Verlobungsring ertastet hatte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er im Koma lag und Iantos Stimme hörte, die ihm gebrochen gestand, wie groß seine Gefühle für ihn waren und wie sehr ihn das Wissen, dass ihre gemeinsame Zeit für Jack nur ein kurzes Aufflackern in seiner Lebenszeit darstellte, bedrückte.
Er wusste, was er gewusst hatte, als er mit all diesen Menschen gemeinsam im entscheidenden Moment den Namen ihres Erretters geflüstert hatte.
Dass es immer Hoffnung gab.
...
„Also, Alonso…"
...
ENDE UND ANFANG
