Hinata wachte mit einem unglaublichen Kopfschmerz auf, der ihr - zum Glück - sämtliche Erinnerungen an den letzten Tag nahmen. Erst beim Teekochen hatte sie sich soweit gesammelt, dass sie sich an Sasukes Aktion erinnerte. 'Ach Quatsch, das hast du geträumt...' schoß es ihr durch den Kopf, aber - warum sollte sie von soetwas träumen? Sie nahm Tasse und Teekanne, um es sich auf der Veranda gemütlich zu machen, und drehte sich um. Sekunden später zerschellte die Teetasse auf den weißen Küchenfliesen. Sasuke saß seelenruhig auf dem Fensterbrett. "Hallo."

"Verdammt... Sasuke, was machst du hier? Geh... geh bitte!" Er erhob sich mit der Leichtigkeit einer eleganten Katze und strich seine Kleider glatt. "Nein. Wir müssen reden. Über gestern." Sie vermied es, ihn anzusehen, und blickte stattdessen beim Reden auf ihre Fingernägel. "Was gibt es da schon zu reden? Du hast mich bedrängt. Lass das." Sasukes Gesicht wurde nachdenklich. Er setzte einige Male zum Sprechen an, wusste aber anscheinend nicht, was er sagen wollte, deshalb meinte er nur: "Ich wollte dir auf keinen Fall irgendwie Angst einjagen. Du hast mich nur völlig aus der Fassung gebracht."

"Sasuke, geh!" Diesmal klang es ernst.

"Nein."

Sasuke war zweieinhalb Jahren bei einem der besten Ninjas seiner Generation gewesen und hatte dort trainiert - allerdings kaum darüber nachgedacht, was die anderen in dieser Zeit gemacht hatten. Auch die kleine, zarte Hinata hatte sich in nicht nur einer Sicht weiterentwickelt. Bei jemandem, der nicht jeden Tag gegen starke Gegner antrat, hätte ihr gut platzierter Tritt wohl etwas ausgemacht, Sasuke jedoch hielt einfach ihren Fuß auf halbem Weg fest. Und er besaß die unglaubliche Dreistigkein, sie an ihrem Bein zu sich heranzuziehen. "Hör zu", wisperte er kaum hörbar, "du kannst mir nicht erzählen, dass dir unser Kuss gestern nichts bedeutet hätte."

Verdammt, der Junge schien sie völlig unter Kontrolle zu haben. Er zog ihr Kinn zu sich und küsste sie wieder, diesmal mit einer stürmischen Intensität, die Hinatas Gedanken einfach wegfegte. Sie ließ es einfach geschehen, genoß es, und erwiderte begierig den Kuss, als müsse sie zerspringen.

Knapp zwei Stunden später saß Sasuke Uchiha im Bett seines besten Freundes und sah ohne Reue Hinata beim Schlafen zu. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Bisher hatte er nur gedacht, es sei körperliche Begierde gewesen, die ihn zu Hinata hinzog, aber er musste sich eingestehen, dass seine alten Gefühle wieder aufgeflammt waren. Er liebte dieses Mädchen so sehr. Er hatte es immer getan, auch wenn er es hatte verdrängen wollen.

Er strich ihr sanft über das lange Haar, das ihren Rücken bedeckte. Nach einer Weile regte sie sich, verwirrt sah sie auf. "Was machst du noch hier?" Sasukes Gesicht wurde düster. "Dachtest du, ich bin einer von der Sorte, die sofort verschwinden?" Gut, er war immer einer von dieser Sorte gewesen, bis heute. "Oh Gott. Wir haben ...es... getan. In Narutos Bett..." Sie sah traurig auf den Nachtisch, auf dem ein Stapel Zeitschriften und ein Foto von Narutos Vater standen, und begriff, was sie angerichtet hatte. Der Tränenkloß kratzte ihr im Hals. Als die ersten Tränen fielen, warf sie Sasuke einen hasserfüllten Blick zu. Dieser blickte betreten in eine andere Richtung.

Hinata liebte Naruto. Das war ihm genau so wie ihr selbst völlig klar.

'Soll ich... oder soll ich nicht...?' Wahrheit gegen Lüge.

Eine Lüge konnte ihre Liebe zerstören. Die Wahrheit ebenso. Auch wenn es ihr richtiger erschien...

Sie wandte sich wieder zu Sasuke. "Naruto wird nie davon erfahren." Er nickte kaum merklich. Sein Gesichtsausdruck änderte sich aber.

"Darf ich dir noch etwas sagen?"

"Wenn es sein muss."

"Ich weiß, du liebst Naruto. Das steht außer Frage. Aber ich bin in dich verliebt - das wollte ich dir schon vorher sagen. Ich liebe dich schon seit wir klein sind, und zwar so sehr, dass ich Naruto am liebsten umbringen würde, meinen besten Freund. Ich werde es nicht tun, weil es dir das Herz bräche." Er hielt kurz inne. "Aber ich habe auch deine anderen Gefühle bemerkt. Ich bin kein so kalter Klotz wie alle denken. Nein. Du fülst etwas starkes für mich, und auch wenn du am Tage mit Naruto händchenhaltend durch die Straßen geht, weiß ich, dass du nachts davon träumst, mit mir im Bett zu liegen... Ich bin das, was du immer wolltest, und es könnte soviel mehr sein, als du denkst."

Es war eine lange Rede für einen Uchiha. Hinata war vollkommen perplex und Sasuke verschwand so schnell er konnte. Hinata sah ihm nach. Wäre er noch da gewesen, hätte sie alles abgestritten, aber im Grunde stimmte alles. Wie konnte er sie nur so gut kennen?

Der Nachmittag brachte Narutos Rückkehr mit sich. Hinata wollte sich sammeln. Sie räumte auf, wusch ab und bemühte sich, eine fröhliche Miene aufzusetzen, als sie den Schlüssel sich in der Tür umdrehen hörte.

"Hinata!" Naruto stürmte auf sie zu, hob sie hoch, wirbelte sie durch die Luft, küsste sie, ohne zu wissen, dass er ihr schlechtes Gewissen damit nur verschlimmerte. In einer Tour erzählte er von der Mission - nichts besonderes - fragte nach ihrem Befinden und freute sich über den Zustand der Wohnung. "Leider muss ich dich enttäuschen, ab morgen wird's hier wieder aussehen wie im Schweinestall!", meinte er grinsend, während Hinata Ramen für sie beide aufgoß. Später saßen sie auf dem Sofa, sie hatte ihren Kopf auf seinen Schoß gelegt und sie begannen sich zu küssen. Naruto war stürmisch, und doch zärtlich, er ließ ihr Zeit... Er war zu nett. Hinata spürte, wie ihr wieder Tränen in die Augen stiegen. Schnell löste sie sich von Naruto und setzte sich auf. "Hinata! Was ist denn?" Naruto war so besorgt. 'Warum kannst du mich nicht anschreien?', was Hinatas einziger Gedanke. "Du bist so lieb und nett, ich hab das gar nicht verdient!" rief sie aus. "Verdammt, Hinata, natürlich hast du es verdient! Warum solltest du es denn nicht verdienen?"

Sie wusste genau, dies war der Moment, wo sie es sagen müsste, jetzt oder nie. Aber sie brachte einfach kein Wort raus.

Wie feige sie doch war. Sie war Naruto nicht wert.

Hinata versuchte, soetwas wie ein Lächeln aufzusetzen.

"Ist schon gut. Ich bin nur so froh, dass du wieder da bist. Macht es dir aus, wenn ich heute nacht bei mir schlafe?" Die Enttäuschung stand Naruto ins Gesicht geschrieben, jedoch sagte er: "Nein... Ich glaube, du brauchst Zeit für dich." Sie war schon fast zur Tür raus, als er noch nach ihr rief: "Hinata?" Sie drehte sich um. "Ja?"

"Ich liebe dich." Er lächelte, verdammt nochmal.

Sie schluckte und lächelte zurück. "Ich dich auch."

Es war die Wahrheit.

Nachdem sie aus der Haustür getreten war, konnte sie ihren Tränen endlich freien Lauf lassen.