Hinata drehte sich auf die Seite und seufzte. Es waren nun Wochen seit ihrem ersten Kuss mit Sasuke vergangen, und auf jenen waren zu ihrem Entsetzen viele weitere gefolgt. Schon in der Nacht, als Naruto nach Hause gekommen war, war sie zu ihm gegangen. So ging es weiter - sie trafen sich im Verborgenen, wenn Naruto nicht da war oder bei Sasuke, auch wenn das gefährlich war. Es fühlte sich so gut und gleichzeitig so grauenhaft an. Sie rollte sich in die andere Richtung und sah direkt in Narutos friedlich schlafendes Gesicht. In Wahrheit war sie es nicht wert, hier liegen zu dürfen, neben dem wunderbarsten Mann der Welt. Schließlich hatte sie lange um seine Liebe kämpfen müssen: Probleme mir Sakura, Missverständnisse mit Kiba und natürlich der riesige Konflikt mit ihrem Vater.

Und er hatte auf sie gewartet.

Das Leben hätte so schön sein können.

Heute war Naruto zuhause und bei Sasuke war es aufgrund seiner Nachbarn zu gefährlich, also hatten sie sich an einem verlassenen Waldstück verabredet. Beide waren entschlossen, dem anderen heute etwas wichtiges zu sagen.

Wie üblich wollte Sasuke Hinata mit einem Kuss begrüßen, aber sie hielt ihn mit ausgestreckten Armen von sich weg, dann blickte sie zu Boden und flüsterte leise: "Ich kann das nicht mehr."

Sasuke lies sich auf die weiche, bemooste Walderde fallen und blickte zum Himmel, an Hinata vorbei. "Was kannst du nicht mehr?"

"Naruto hintergehen." Sie setzte sich ebenfalls. Sasuke sah durch ihre Worte verärgert aus. "Denkst du, mir fällt es leicht? Er ist immerhin mein bester Freund, mehr sogar, mein wahrer Bruder. Er hat mich gerettet und mir immer wieder einen Grund gegeben, härter zu trainieren. Aber ich liebe dich. Und ich bin bereit, die Schuldgefühle in Kauf zu nehmen, wenn das bedeutet, dass ich so mit dir zusammensein kann."

Ich liebe dich.

Hinata seufzte und setzte ein beinahe spöttisches Lächeln auf. Wie oft hatte sie diesen Satz jetzt schon aus seinem Mund gehört? Sie konnte es Sasuke nicht glauben.

Er mochte sie begehren... aber Liebe?

Nahm ein Uchiha sich nicht das, was er wollte, und lies es nach einiger Zeit fallen?

Sasuke schien ihre Gedanken zu erraten. "Glaubst du mir etwa nicht?"

Blitzschnell hatte er sich vor sie gekniet. Ihr Spott schlug in Verwunderung um, gepaart mit einer Spur Angst, als sie seinen aufgebrachten Blick sah.

"Ich liebe dich."

Es war die Wahrheit.

'Mehr als du weißt.' fügte er in Gedanken hinzu.

Nun war es an Hinata etwas zu sagen, aber sie blickte nur beschämt zum Boden und wurde rot.

"Werd jetzt nicht rot!" sagte der Uchiha, dann sanfter: "Sieh mich nur an."

Sie konnte nicht aufblicken.

"Du weißt, was ich für dich fühle, aber wenn du mich nicht auch liebst, hat es keinen Sinn, wenn wir und weiterhin sehen. Ein Wort von dir und ich werde dich nie wieder behelligen.

Also, sieh mir in die Augen und sag, dass du mich nicht liebst."

Den Blick nach unten gerichtet murmelte sie: "Ich ha- ... ich hass-..."

Sasuke wusste, dass er gewonnen hatte.

Er hob ihr Kinn, nun konnte sie direkt in seine Augen blicken.

"Ich liebe dich."

Er lächelte.

Das Lächeln wollte einfach nicht aus Sasukes Gesicht verschwinden.

Diverse Leute, darunter seine Teamkollegen, insbesondere Sakura, hatten ihn bereits darauf angesprochen - allerdings keine eindeutige Antwort bekommen. Besonders bei Naruto war er mit der Zeit übervorsichtig geworden, was seine Ausreden für's Zuspätkommen (früher undenkbar) anging. Als er wirklich ehrlich zu sich war, musste Sasuke feststellen, dass ihn eigentlich keine so großen Gewissensbisse plagten. Er hatte was er wollte, was er brauchte, was er liebte.

Und sie liebte ihn. Die letzten Wochen waren einfach wunderbar gewesen, so frei, aber bis gestern hatte er gedacht, Hinata würde ihn nur als Zeitvertreib, als Ausgleich sehen, vielleicht traf sie sich auch nur aus Mitleid mit ihm. Doch heute war alles anders. Er liebte sie und sie liebte ihn. Und seine kleinen Lügen, die würde sie ihm wohl verzeihen...

Zuhause angekommen stellte Sasuke ersteinmal fest, wie weit die Handwerker gekommen waren. Er hatte nach seiner Rückkehr nach Konoha beschlossen, eine neue Ärä zu beginnen und war deshalb zurück in sein Elternhaus, das alte Uchiha-Anwesen, gezogen. Allerdings war es definitiv renovierungsbedürftig.

Nachdem er alles für gut befunden hatte, schloss er sich in seinem Zimmer ein. Eine alte Angewohnheit, natürlich vollkommen unnötig, er lebte allein. Unter seinem Bett holte Sasuke einen alten, verstaubten Kasten hervor, bließ bedächtig den Staub vom Deckel und öffnete ihn vorsichtig.

Der Blick in den Kasten ließ darauf schließen, dass alle Gegenstände darin eine Bedeutung hatten, und auch wer Sasuke Uchiha, den einzigen Erben des mächtigen Uchihaclans und seine tragische Geschichte, nur flüchtig kannte, konnte sich etwas ausdenken.

Über allem lag eine Haarspange, die einmal, vor vielen Jahren, in Mikoto Uchihas Haaren gesteckt hatte.

Gleich daneben eine Konohaplakette... Das Zeichen war durchsgestrichen.

An dem Shuriken, der unter der Haarspange Platz gefunden hatte, klebte noch etwas vertrocknetes, dunkelrotes Blut von Itachi Uchiha, der die Waffe abgefangen hatte, als sein sechsjähriger Bruder damit beworfen worden war.

Eher deplaziert wirkte das älteste Stück, ein altes Uchihaamulett, von Generation zu Generation weitervererbt, so alt, dass der letzte, der seine Bedeutung gewusst hatte, seit Jahrhunderten tot war.

Doch unter alle dem das - für Sasuke - wertvollste, dessen Geschichte wohl keiner so recht deuten könnte, und die die es konnten, waren tot oder bevorzugten es, zu schweigen. Sanft zog Sasuke das Stück Papier unter den anderen Kleinoden hervor und sah es sich an.

Es war ein Bild, wie es nur ein Kleinkind malen konnte. Bunt, voller Leben, ohne Sorge um falsche Proportionen oder Deutungen. "Ehrlich". Das war das richtige Wort. Zwei Menschen waren gemalt, beide mit dunkelen Haaren, ein Mädchen, ein Junge, Hand in Hand, und beide ein breites Lächeln im Gesicht.

Sasuke schloß für einen Moment die Augen und wünschte sich, er könne die Zeit zurückdrehen und von Anfang an alles richtig machen.

Der nächste Tag war wieder warm und sonnig. Sasuke erwartete Hinata im Garten des alten Uchihaanwesens. Er war noch nicht wieder hergerichtet und wild und viele Blumen, die sein Vater früher hätte ausreißen lassen, hatten ihren Weg durch das Gestrüpp gefunden. Es wirkte beinahe verzaubernd.

So wie Hinata heute. Die Wangen leicht gerötet, die Augen weit geöffnet.

"Ich liebe dich." Jetzt wo es einmal ausgesprochen war, konnte sie kaum noch aufhören, es zu sagen. Und sie lachte. Sie hatte nie gelacht. Ihre Treffen hatten benahe etwas Melancholisches gehabt.

"Wie war es dort?" Sie strich ihm über die Wange. "Schrecklich!", lachte Sasuke. "Ein Haufen voll verrückter, machtgieriger Ninjas, ein zungenakrobatischer, selbsternannter Meister, und sein speichelleckender Leibdiener, mehr gab es da nicht." Ob sie wollte oder nicht, Hinata musste lachen. War Sasuke jemals witzig gewesen? Sie konnte sich nicht erinnern. "Gut, das ist nicht ganz alles. Sie ließen uns nicht gerade oft nach draußen, aber wenn, dann gingen wir zum See, der direkt am Dojo lag..." Gespannt hörte sie zu.

Sie lagen auf der Veranda und redeten lange. Im Grunde die ganze Zeit, bis Hinata plötzlich aufsprang. "Verdammt, ich bin zehn Minuten überfällig!" Sie wollte bereits losstürmen, aber Sasuke hielt sie fest. "Werde ich dich morgen sehen?", fragte er leise, aber eindringlich. Hinata biss sich auf die Lippen. In nächster Zeit würde es schwieriger werden, von Naruto wegzukommen. "Ich weiß nicht... ob es geht." Sie wollte sich losmachen, aber Sasukes Griff lockerte sich nicht. "Ich lasse dich nicht gehen, ehe ich eine klare Antwort bekomme." Verzweifelt reif Hinata aus: "Beim Kirschblütenfest! Triff' mich beim Kirschblütenfest!" Mit diesen Worten verschwand sie, als ob der dichte Garten sie einfach verschluckt hätte. "Ich werde da sein..." flüsterte Sasuke in die Dämmerung, als könne sie ihn noch hören.