"Du wirst eine wunderschöne Braut."
Ino zupfte an Hinatas Kimono herum, und scheuchte die Verkäuferin weg, die ihr dabei helfen wollte. Schneeweiß war er, so wie Hinatas Haut. "Das passt perfekt zu dir. Ehrlich, du siehst großartig aus!"
"Ach..." meinte die Angesprochene nur abwesend. Sie verstand es nicht; warum musste ein Hochzeitskleid schon Monate vor der Hochzeit ausgesucht und anprobiert werden? Ino zufolge war das zwar "wichtig, hinterher stehst du ohne Kleid da", aber trotzdem... Sie fühlte sich einfach nicht wohl bei der Sache. Ino war allerdings Feuer und Flamme, man könnte meinen, es sei ihre Hochzeit.
"Und jetzt die Haare!" Wieder stieß sie die helfenden Hände der Verkäuferin weg. "Nein, ich stecke die Blumen allein, ich bin die Brautjungfer!" Sie lächelte Hinata zu. "Du darfst dich so glücklich schätzen... die große Liebe heiraten!" Doch Hinata schwieg. "Was bist du so still, bald ist deine Hochzeit da! Und du hast doch deinen Vater gesehen, es wird eine Hochzeit, wie Konoha sie nicht gesehen hat."
Hinata nickte nur, abwesend, in den Gedanken überall und nur nicht bei der Hochzeit.
Ino war erstaunt, und auf einmal weiteten sich ihre blauen Augen.
"Was ist nur los mit dir? Du nickst, als ginge dich hier nichts an."
Hinata riss sich aus ihrem Traum. "Doch, doch, schon. Ich dachte nur nach. Kann man den Obi wohl noch enger schnüren?"
Gerade, als sie sich erhoben hatte, um den Gürtel enger zu schnallen, klingelte die Ladentür.
Es war Sasuke.
Er würdigte Hinata keines Blickes, sondern ging schnurstracks an ihr vorbei zu Ino und hielt ihr eine Liste unter die Nase. "Hier, Naruto braucht noch für die Druckerei die Namen der Verwandten, und will wissen, ob die richtig sind. Deine Eltern sollen außerdem auch noch mal einen Termin abmachen, wir müssen über die Blumengestecke sprechen..." Während er noch einige andere Dinge mit Ino besprach, versank Hinata in dem Bild. Was würde sie dafür geben, hier ohne den weißen Obi zu stehen, und dafür neben ihm, mit einem Lächeln auf den Lippen.
Es war ein schreckliches Gefühl, wenn man genau das hatte, was man immer so gewollt hatte, seit man jung war, unter genau den Bedingungen, die man gewünscht hatte, und einsehen musste, das es nur ein Trugbild war, wie naiv man gedacht hatte.
Aber das stimmte nicht. Sie liebte Naruto, ja, da war sie sich sicher. Sie hatte ihn immer geliebt... Aber sie wollte diesen ganzen Aufzug nicht. Keinen Kimono, keine Blumengestecke, Gästelisten, Kuchen und Bräuche. Am liebsten hätte sie es von sich gestoßen. Doch sie konnte nicht, dafür fehlte ihr die Kraft, denn sie war eingeengt und verschlossen, in ihrem Kleid und ihrem Leben.
"Ach, Ino, da ist noch etwas..." Ino lachte die ganze Zeit über schon und wirkte hysterisch; es war unverkennbar, was Sasukes Anwesenheit noch immer mit ihr anstellte. Nun ja, Hinata war nicht die einzige, die dem Uchiha verfallen war – andererseits war auch sie die einzige, der Sasuke verfallen war.
"Ich wollte dich fragen , ob du nicht meine Begleitung werden willst."
"Ja! Äh, ich meine, mich hat noch niemand gefragt, deshalb... gerne."
Es rauschte um Hinatas Ohren. Das konnte nicht wahr sein. Das war nicht fair! Sehnsüchtig sah sie, wie Sasuke nun Ino zur Verabschiedung auf die Wange küsste, und dabei sah Hinata direkt in die Augen.
Dieser Blick, der sie ratlos und sprachlos und himmelhochjauchzend und todestraurig gemacht hatte. Er verfehlte seine Wirkung nie. Er gab ihr gleichzeitig ein "Sieh, was du nicht haben wirst" und ein "Viel Glück und guten Weg".
Erschöpft, aber nicht unbedingt von der Anprobe schloss Hianata abends die Wohnungstür auf. Naruto stand direkt dahinter und küsste sie auf die Wange. "Hallo."
"Hallo." Sie versuchte, ohne ihn anzusehen, an ihm vorbeizukommen.
"Und? Wie war's? Hat Ino dich schon in den Wahnsinn getrieben?"
"Nein. ... Wir müssen reden."
Er lächelte jungenhaft und zerstrubbelte sein Haar, wie immer, wenn er verlegen war. "Natürlich! Was gibt es?"
Er ahnte nichts. Hinata selbst schon. Immer hin hatte sie lange nachgedacht, war den Weg nach Hause zu Fuß gegangen. es war dunkel draußen, und obwohl es Sommer war, bildete sie sich ein, Schneeflocken in der Dunkelheit zu erkennen. Sie hatte nicht klar denken können, weil sie die ganze Zeit einen Blick vor ihren Augen gehabt hatte. Seinen Blick.
'Wenn ich einen Wunsch frei hätte, wäre es wohl, dass Schnee an einem Sommertag fällt.'
"Vielleicht haben wir uns geändert."Obwohl wir es nicht wollten. Vielleicht aber auch nicht, obwohl ich das wollte, weil es leichter für mich wäre.
"Du weißt, wie die Jahreszeiten. Es war Winter, aber der ist jetzt vorbei."
Falsch, vor dem langen Sommer kommt der Frühling, und der Sommer ist vorbei... in Wahrheit ist es der Winter, der kommt, kalt und lähmend wie immer.
"Es ist nicht immer Sonnenschein."Doch, wenn ich bei dir bin, schon. Wenn ich dich verlasse, gehe ich in die kalte Winternacht. Der Schnee glitzert vielleicht auf den ersten Blick, aber man rutscht aus und stolpert und niemand findet einen in der Dunkelheit, und man erfriert schließlich.
"Was willst du damit sagen?" Naruto sah fassungslos, bestürzt aus.
"Wir sind nicht mehr dieselben. Für uns gibt es nichts mehr, was uns hält. Es ist besser, wir beenden es."
Es tat so weh, ihm in die Augen zu sehen.
"Es ist vorbei."
