Für Moment sah Naruto Hinata einfach nur bestürzt an.

"Wa.. was?"

"Ich habe gesagt... ich glaube... ich sagte... es ist vorbei..." Sie lief rot an, und musste fast selbst losweinen.

Hinata sah die Bestürzung in Narutos Augen, die Fassungslosigkeit, die Enttäuschung.

Sie machte auf dem Absatz kehrt und ließ die Tür hinter sich zufallen.

Wohin sollte sie gehen?

Vor ein paar Minuten hatte sie noch genau gewusst, zu wem sie wollte, an wessen Seite sie gehörte.

Aber jetzt graute ihr bei dem Gedanken, in seinen Armen zu liegen.

Nach Hause? Auf keinen Fall. Sie war schon froh gewesen, diesem Gefängnis zu entkommen, ganz zu Schweigen davon, dass dort vermutlich ihr Vater und ihre Schwester sitzen und alles wissen wollen würden.

Normalerweise wäre sie in so einer Situation zu Ino gegangen, schließlich war sie trotz ihres Rufes eine verdammt gute Freundin. Aber sie war es, die die Hochzeit organisiert hatte, und sich so engagiert und da reingehängt hatte. Sie war in die Idee von Naruto und Hinata als Paar verliebt, und Hinata verdankte ihr vieles. Und gerade deshalb konnte sie nicht ehrlich zu ihr sein.

Ihr blieb nur noch eins; mit jemandem reden, den sie weder sonderlich gut kannte, noch mochte - aber auch nicht hasste.

Sakuras müde Augen öffneten sich weit, als sie die völlig aufgelöste und den Tränen nahe Hinata vor der Tür stehen sah.

"Hallo... was ist denn los?"

Gehetzt blickte Hinata hinter sich.

"Kann ich reinkommen? Bitte?"

Sakura öffnete die Tür so weit, dass Hinata eintreten konnte.

"Entschuldige bitte", flüsterte diese, als sie ihre Jacke auszog, "dass ich so spät noch komme. Ich sehe, vermutlich wolltest du gleich ins Bett gehen. Oder habe ich dich etwa geweckt?" Sie blickte auf Sakuras lachsrosa Bademantel und ihre zerstrubbelten pinken Haare.

"Nein, nein. Ich wollte mir grad noch eine Tasse Milch warm machen, ist doch kein Problem. Sag mal, was ist eigentlich los?"

Doch Hinata rückte noch nicht mit der Sprache raus. Sobald sie mit jemandem zusammen war, den sie nicht kannte, fiel sie in ihre alten Muster zurück, wurde schüchtern, lief rot an. Aber sie bekam wenigstens ein paar Wörter raus, und sie wusste, sie würde mit irgendjemandem reden müssen, sonst würde sie explodieren.

"Wo ist Lee?"

Ein verträumtes Lächeln stahl sich auf Sakuras Gesicht.

"Er hatte heute einen anstrengenden Tag, er ist auf der Couch eingeschlafen. Musste ihn erstmal wecken, damit er wenigstens im Bett schläft."

Hinata rückte unsicher auf dem Stuhl, den Sakura ihr angeboten hatte, hin und her.

"Du liebst ihn, oder?"

"Natürlich, sonst würde ich ja nicht mein Leben mit ihm teilen und diese grässlichen Spandexanzüge ertragen."

"Und.. was ist mit Sasuke?"

Sakura schnaubte, aber nicht verächtlich, eher belustigt.

"Das ist vorbei. Ich meine, ich habe ihn wirklich geliebt, nicht nur für ihn geschwärmt. Bevor er wegging, kannte ich ihn gut, aber seit er wieder da ist... Ich weiß nicht. Wir haben keinen Draht mehr zueinander gefunden, obwohl mich etwas immer mit ihm verbinden wird... auf eine beängstigende Art und Weise. Aber nein, ich liebe ihn nicht mehr." Jetzt zog sie die Augenbrauen hoch. "Aber ich nehme mal nicht an, dass du spät abends zu mir gekommen bist, um mich zu fragen, ob ich immer noch in Sasuke veschossen bin."

Hinata lief rot an, wand sich, sprach es aber dann doch aus.

"Ich.. ich habe grad mit Naruto Schluss gemacht."

Sakuras Mund stand offen. "Hä? Warum denn? Hat er dich betrogen? Mit Sasuke? Oh mein Gott!"

Ihr Gegenüber schüttelte den Kopf und biss sich auf die Lippe.

"Ah... ich glaube, ich verste- Moment. DU hast was mit Sasuke?"

Verschämt nickte Hinata und brach eine Sekunde später in Tränen aus.

Diese ganze über Wochen, Monate angesammelte Scham und die Zweifel brachen aus ihr raus, sie schluchzte und schrie und die Tränen spritzten ihr aus den Augen. Sie weinte, als gäbe es kein Morgen mehr, und zur selben Zeit wünschte sie, sie könnte weitermachen und sich ewig schlecht fühlen, weil sie es verdient hatte, weil sie Narutos Herz gebrochen und ihn betrogen hatte und Sasuke falsche Hoffnungen gemacht hatte und weil sie beide liebte und nichts dafür konnte. (Gleichzeitig hoffte sie, Lee möge doch bitte einen sehr festen Schlaf haben.)

Sakura ließ sie eine Weile lang weinen und betrachtete nur das dunkle Haarbündel auf der Tischplatte. Dann kniete sie sich leise neben Hinata und strich ihr sanft über den Rücken.

"Sch, ganz ruhig. Komm erstmal wieder zu dir."

Hinata hob den Kopf von den Armen und blickte mit verheulten Augen auf Sakura.

"Aber... wie? Und wieso?"

"Ich... ich weiß es nicht."

Sie erzählte Sakura die ganze Geschichte, von ihrer ersten "Begegnung" mit Sasuke bis zum heutigen Abend. Sakura hörte aufmerksam zu, bis sie schließlich endete.

"Ich verstehe... also, du liebst Naruto und Sasuke kam nur so... vorbei?"

"Nein. Nein. Ich liebe sie. Sie beide. Als ich noch mit Naruto zusammen war, musste ich die ganze Zeit an Sasuke denken, und seit ich mit ihm Schluss gemacht habe, denke ich nur noch an Naruto. Ich habe ihn so vernachlässigt die letzten Monate, ihn vertröstet, und die Hochzeitssache war auch nur... ich weiß nicht. Um das wieder gut zu machen. Und jetzt denke ich an die ganzen lieben Dinge, die er gesagt oder getan hat."

Sakura rieb sich die Nase. Sie kannte ihre beiden alten Teamkameraden gut - sie wusste auch, dass sie beide das Hinata nie verzeihen würden.

Aber das sagte sie natürlich nicht.

"Hm. Bleib jetzt erstmal ganz ruhig. Du bist jetzt hier, und bis morgen früh wirst du schon mal gar nichts mehr machen. Aber das ändert nicht, dass du darüber nachdenken musst, was du tun sollst. Was sicher ist: du musst dich entweder für einen entscheiden oder für keinen der beiden. Und wenn dieser eine Naruto ist, dass rate ich dir, ihm nie, nie jemals etwas davon zu erzählen."

Hinata seufzte. "Ich weiß, ich muss mich entscheiden."

Sakura stand auf und zog Hinata hoch.

"Dafür hast du ja auch eine Nacht Zeit. Komm mit, du kannst auf der Couch schlafen." -

Sie lag lange wach, Tatsache war, dass sie so gut wie gar nicht geschlafen hatte.

Aber sie hatte eine Entscheidung gefällt, also stand sie auf und blickte durch das Wohnzimmer.

Es war warm, man konnte den Staub wirbeln sehen, das Sonnenlicht durchflutete den Raum.

Naruto öffnete die Tür erst nach dem dritten Klingeln. Hinata hätte auch aufschließen können, aber sie wollte, dass er ihr gleich in die Augen sah.

Man sah ihm an, dass er geweint hatte.

Aber Hinata musste sagen, was gesagt werden musste.

"...Hallo."

"Was... willst du hier."

Es war keine Frage.

"Dir etwas sagen. Nämlich... dass ich gestern Abend nicht ich selbst war. Ich glaube, ich bin einfach verwirrt gewesen wegen der Hochzeit, und allem drum und dran, und habe dabei uns beide aus den Augen verloren, ich habe vergessen, dass es um uns beide geht und-"

Weiter kam sie nicht, denn er hatte sie schon an sich gezogen und sie geküsst.

Er wirbelte sie durch die Luft, durch den ganzen Raum, und auch hier flutete das licht, und beide merkten nicht, dass die Tür offen stand, denn dieser Moment war perfekt und Hinata dachte nur an Naruto, Naruto, Naruto...

"Hinata?"

Abrupt ließ Naruto Hinata auf den Boden ab. Im Türrahmen stand Sasuke und aus seinen Augen sprach Bestürzung, Verzweiflung, Enttäuschung. Sie kannte diesen Blick.

„ich dachte, ihr seid getrennt?"

Naruto sah von Hinata zu Sasuke, und nein, er war nicht dumm, er verstand.

Und jetzt sah er auch Hinata an.

"Du... du warst also verwirrt gestern Abend?" Wut mischte sich in seine Stimme. "Du hast uns beide aus den Augen verloren. Und du hast nicht etwa Schluss gemacht, weil..." Er begann zu schreien. "WEIL DU WAS MIT IHM HAST?"

Hinata lief eine stumme Träne die Wange herunter. Naruto schien das als Bestätigung zu reichen.

"Und du..." Sein Blick richtete sich auf Sasuke. "Du..."

Er stürzte sich auf ihn und drückte ihn an die Wand.

"HAST DU MIT IHR GESCHLAFEN? HAST DU?"

Doch das ließ Sasuke nicht mit sich machen. Er drückte Naruto von sich und schrie seinem besten Freund entgegen.

"JA, VERDAMMT, HABE ICH! DU VERDIENST SIE DOCH ÜBERHAUPT NICHT!"

Er schlug Naruto hart ins Gesicht, dass seine Nase blutete. Der wankte zurück und wischte sich das Blut von der Lippe. "Ich wusste, da ist irgendetwas. Ich wusste nur nicht, was..." Er sah nicht einmal in Hinatas Richtung.

Als hätten sie es geplant, stürzten die Jungen beide wieder aufeinander, nun bewegten sie sich immer weiter auf den Ausgang zu. Sie schlugen sich und liefen die Treppe runter, und Hinata lief ihnen hinterher und weinte und wusste, dass das ihre Schuld war.