Kapitel 1 – The unexpected reunion
Sheriff Don Lamb stieg schlecht gelaunt aus seinem Wagen und schmiss geräuschvoll die Tür zu. Er war mitten in der Nacht von Deputy Sacks geweckt worden. Es hatte wieder einen Mord gegeben. Diesmal an dem Ort, an dem vor Jahren der Bus mit den Schülern abgestürzt war. Wieder eine Leiche. Wieder unnötige Arbeit für ihn. Konnte es in Neptune nicht mal ab und zu ruhig zugehen? Konnten die Menschen sich nicht in einer anderen Stadt gegenseitig umbringen?
Missmutig ging er zu einem abgesperrten Bereich, der von Baulampen erhellt war. Mittig lag die verdreht daliegende Leiche einer jungen Frau, die gekleidet war wie eine Prostituierte. Sie trug hautenge Klamotten, die ungefähr eine Nummer zu klein waren. Ein extrem kurzer Minirock, ein pinkes Korsett und eine goldene Jacke, die über dem Busen geschlossen war und leicht spannte. Er schnaubte. Dafür war er geweckt worden? Für eine Prostituierte? Eine, die er nicht mal kannte?
Er stellte sich neben seinen Deputy. „Und? Was haben wir hier?"
„Der Killer hat wieder zugeschlagen.", kam die prompte Antwort von Sacks.
Lamb gähnte. „Hätte das nicht bis Morgen warten können?"
„Nein.", sagte Sacks. „Das FBI hat sich eingeschaltet. Der Killer ist als Serientäter eingestuft worden." Er räusperte sich. „Außerdem konnte ich Sheriff Mars nicht erreichen. Die wollen den Fall übernehmen und erwarten, dass wir kooperieren."
Lamb sah sich um. „Und wo ist dieser Agent vom FBI? Schläft wohl aus und lässt uns die Drecksarbeit machen!"
„Als hätten Sie jemals gearbeitet...", ertönte eine weibliche Stimme hinter ihm.
Er fuhr herum und ihm stockte der Atem. „Veronica Mars!"
„Special Agent Mars.", korrigierte sie ihn ruhig. „Und ich bin schon seit einer Stunde hier. Im Gegensatz zu Ihnen." Sie wandte sich an Sacks. „Wir brauchen einen Raum zum Arbeiten, die vollständigen Akten zu den einzelnen Fällen." Sie sah Lamb prüfend an und wandte sich dann wieder an Sacks. „Und die Beweisstücke. Ich will sie an unser Labor schicken."
Sacks nickte und entfernte sich wortlos vom Tatort.
Lamb wandte sich Veronica zu. „Dann ist es also wahr. Veronica Mars ist zurück in Neptune. Für wie lange?"
„Wir werden sehen.", sagte sie und blickte abwesend auf die Leiche der jungen Frau. „Wir werden sehen."
„Willst du dir den Tatort und die Leiche ansehen, Mars?", fragte er und blickte nun auch wieder in Richtung Tatort.
„Erst, wenn die Bilder vom Tatort gemacht wurden und die Beweise gesichert sind. Dann kann der Gerichtsmediziner sich die Leiche ansehen.", sagte sie. „Erst dann sehe ich mir den Tatort genauer an."
„Also", begann er, „wie ist es dir in den letzten 16 Jahren ergangen?"
Sie sah ihn kurz an und wandte dann wieder den Blick ab. „Vermutlich besser als dir. Ich bin nach Washington umgezogen. Bin zum FBI gegangen."
„Und?", fragte er und klang desinteressiert, doch in Wirklichkeit interessierte ihn das, was er als nächstes Fragen wollte, am Meisten. „Hat sich bei dir privat sonst noch was getan?"
Sie schnaubte abfällig, ohne ihn anzusehen. „Frag doch einfach, ob ich glücklich geworden bin, geheiratet und Kinder mit dem Mann meiner Träume bekommen habe." Als sie seinen verdutzten Gesichtsausdruck sah, lächelte sie schräg und sah plötzlich um Jahre jünger aus. Fast so wie zu dem Zeitpunkt, als sie Neptune verlassen hatte. „Und die Antwort auf deine Frage ist nein. Ich bin nicht verheiratet. War ich nie!"
Bevor die Situation jedoch wirklich peinlich werden oder er noch weiter nachfragen konnte, kam ein Mann mit einer Kamera in der Hand näher und sagte: „Die Fotos sind gemacht. Die Beweise gesichert und eingetütet." Er nickte in Richtung eines Agents, der mit einer Plastikkiste, die mit durchsichtigen Plastikbeuteln gefüllt war, in Richtung eines schwarzen SUVs mit verdunkelte Heckscheiben davonging.
Sie nickte und hob den Arm. Sofort kamen zwei Personen näher, die er vorher nicht bemerkt hatte und die mit weißen Overalls bekleidet waren.
„Ihr könnt loslegen, Jungs.", sagte sie und lächelte die beiden an.
Lamb betrachtete die beiden Personen eingehender. „Das ist nicht mein Gerichtsmediziner."
„Stimmt." Sie grinste. „Ich kenne Doktor Smith. Er ist 65 und hat wahrscheinlich bisher bei diesem Fall schon einiges übersehen. Also habe ich meinen eigenen Gerichtsmediziner mitgebracht."
„Ihr Kaffee, Special Agent Mars.", keuchte plötzlich ein jüngerer, Anzug tragender Agent, der schlitternd mit einem Becher in der Hand neben ihr zum Stehen kam, und verhinderte damit eine bissige Antwort von Lamb.
„Danke, Agent Brown.", meinte sie abwesend, während sie dem Gerichtsmediziner dabei zusah, wie er ein Thermometer in den Körper der Leiche steckte, und nippte gedankenverloren an ihrem Kaffee. „Nehmen Sie den Wagen und fahren Sie zum Sheriffs Department. Deputy Sacks hilft Ihnen, einen Raum für uns vorzubereiten. Beginnen Sie mit dem Sichten der Akten!"
Der jüngere Agent nickte und zog sich augenblicklich zurück.
„Arschkriecher!", stellte Lamb fest.
„Nicht unbedingt.", meinte sie ohne ihn anzusehen. „Er weiß nur, dass ich nach Beenden des Falls eine Beurteilung über ihn schreiben muss. Er will nichts falsch machen."
„Kostet weniger Nerven, hm?"
„Ja.", kam die ehrliche Antwort von ihr.
Er hatte nicht das Gefühl, dass sie weiterreden würde, also hatte er Zeit, sie genauer zu betrachten. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug mit weißer Bluse darunter, schwarze Schuhe mit Absatz. Sie trug immer noch die Kette, die Lilly Kane ihr geschenkt hatte. Ihre Haare waren auch nach 16 Jahren noch blond und fielen ihr in Wellen über die Schultern. Ihr Gesicht war kaum geschminkt und er konnte selbst bei den schlechten Lichtverhältnissen erkennen, dass das Altern ihr nicht geschadet hatte – ganz im Gegenteil. Sie sah einfach toll aus!
„Hör auf, mich anzustarren!", durchbrach sie seine Gedanken.
Er zuckte zusammen. „Woher wusstest du das?"
„Ich bin eben schlauer als du!", sagte sie und ging in Richtung Tatort davon.
Diese Worte hatte sie einst auf einen Geldschein geschrieben und ihn vorlesen lassen. Damals hatte er sie beschuldigt, Ausweise zu fälschen und an Jugendliche zu verteilen. Sie war es nicht gewesen und das hatte sie ihm unter die Nase reiben müssen. Und jetzt hatte er keine andere Wahl, als ihr nachzusehen – genau wie damals. Da bemerkte er, dass er dumm in der Gegend herumstand, und folgte ihr.
Als er neben Veronica stehen blieb, hatte sie schon weiße Latexhandschuhe über ihre zierlichen Hände gezogen. Der Gerichtsmediziner reichte ihr das Portemonnaie, das er aus einer der hinteren Taschen des Rocks des Opfers entnommen hatte. Sie nahm es entgegen und öffnete es. In aller Ruhe begann sie es zu durchsuchen.
„Geld, Kreditkarten, Führerschein und Ausweis sind noch da.", meinte sie und sah Lamb an. „Kein Raubüberfall."
„Wer ist sie?", fragte Lamb.
Sie zog den Ausweis heraus. „Madison Sinclair", sie stockte kurz, „Echolls?"
