Kapitel 3 – Who's your Daddy?

Am Morgen, nachdem die Leiche der Frau am Strand entdeckt worden war, saß eine völlig übermüdete Veronica Mars in einem Café und trank den dritten extra starken Kaffee innerhalb einer Stunde. Im Café hatte sich überhaupt nichts verändert, seit sie hier gearbeitet hatte. Nur die Bedienungen waren anders, als zu ihrer Zeit.

Sie hatte die ganze Nacht die Akten gewälzt, die zu den vergangenen Fällen angelegt worden waren. Sie waren ordentlich. Das hatte sie auch nicht anders erwartet. Ihr Vater würde seinen Deputys die Akte um die Ohren schlagen, wenn sie nicht ordentlich geführt wären. Das hatte er immer bemängelt, als Lamb noch die „Alleinherrschaft" in Neptune gehabt hatte. Mehr als einmal hatte er sich darüber aufgeregt, dass die Akten auch von einem 2jährigen geführt worden sein könnten.

2 Stunden, nachdem sie den Tatort verlassen hatte, hatte Sacks einen Anruf von Lamb erhalten. Die Leiche war auf dem Weg zum Pathologen, die Untersuchung des Tatorts war abgeschlossen, die Beweise gesichert und der Tatort vorläufig abgesperrt. Sacks hatte es ihr noch mitgeteilt, bevor er gegangen war.

Veronica jedoch hatte um 4 Uhr morgens ihre Agents ins Hotel geschickt, damit sie wenigstens ein paar Stunden Schlaf bekam. Sie selbst war geblieben und hatte versucht, den Akten noch irgendeinen noch so kleinen Hinweis auf den Täter zu entlocken, den ihre Agents vielleicht übersehen hatten. Vergeblich!

Seit knapp einer Stunde saß sie nun schon hier und ging ihre Notizen durch, während sie gleichzeitig versuchte, nicht einzuschlafen. Ihr war klar, dass sie ihre Notizen noch sooft durchgehen konnte, es würde sich nichts Neues ergeben. Sie musste wohl oder übel die Autopsie und die Untersuchung der Beweise abwarten. Sie hasste es, zu warten!

Plötzlich ließ sich ihr gegenüber jemand auf den freien Platz fallen.

„Hey! Der ist nicht frei. Ich warte hier auf jemanden!", sagte sie, ohne die Person direkt anzusehen.

Sie hörte ein Schnauben. „Wer ist dein Daddy?"

Sie sah auf und lächelte müde. „Hi Dad."

Die Kellnerin kam vorbei, stellte eine Tasse Kaffee vor Keith ab und lächelte ihn an.

„Danke, Christina.", sagte er und schenkte ihr ein Lächeln. „Du bist ein Engel." Als ihr Lächeln breiter wurde, setzte er nach: „Bestell deiner Mutter viele Grüße von mir."

Schwungvoll drehte Christina sich um und verschwand wortlos.

„Wow, Dad.", sagte Veronica und grinste breit. Keine Spur von Müdigkeit mehr auf ihrem Gesicht. „Du bist ja ein echter Herzensbrecher geworden!" Sie zwinkerte ihm zu.

„Apropos Herzensbrecher.", meinte Keith und sah sie mit unschuldigem Gesichtsausdruck an. „Ich hab gehört, du hast gestern meinen Co-Sheriff getroffen?"

Sie sah ihn strafend an. „Sacks hat gesagt, er konnte dich nicht erreichen."

Er grinste breit. „Muss wohl mein Handy aus Versehen abgeschaltet haben…" Sei Blick wurde streng. „Lenk nicht ab!"

Sie seufzte und lehnte sich zurück. „Ja, ich habe ihn getroffen."

„Und?" Er lehnte sich neugierig vor.

„Ich hab ihn getroffen. Punkt."

Er lehnte sich zurück und sah auf seine Armbanduhr. „Du sitzt also nicht um diese Zeit hier, um einem bestimmten Menschen aus dem Weg zu gehen, der um diese Zeit zur Arbeit kommt?", fragte er und grinste breit. „Oder etwa doch?"

„Dad!", stieß sie wütend hervor. „Ich hab die ganze Nacht damit verbracht, eure Akten durch zu gehen und heraus zu finden, ob und was ich übersehen habe." Sie nahm ihren Kaffee und nippte ein paar Mal daran, bevor sie fortfuhr. „Außerdem muss ich heute zu den Echolls fahren. Logan. Und Madison! Weil die Tote Madisons Ausweis bei sich hatte." Sie schnaubte. „Und ich muss gestehen, dass ich nicht sonderlich scharf darauf bin." Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab Logan seit 16 Jahren nicht gesehen. Damals habe ich ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr in meinem Leben haben will. Nachdem er Piz ohne Grund die Nase gebrochen hatte."

Er stellte seine Tasse ab. „Daran erinnere ich mich noch lebhaft."

„Seit damals hatte ich keinen Grund mehr, Kontakt mit ihm zu haben. Er hat ein paar Mal versucht, mich anzurufen. Aber ich hab meine Nummer geändert und mein Handy samt SIM-Karte entsorgt. Ich wollte nicht, dass er mich finden kann.", murmelte sie und rieb sich mit der rechten Hand über die Augen.

„Du bist eindeutig meine Tochter!", meinte er stolz. Dann wurde er plötzlich ernst. „Ich kann dich zu Logan begleiten, wenn du möchtest."

Sie nickte. „Das wäre schön." Das Lächeln, dass sich auf ihren Lippen abbildete, war eher dünn, aber es war immerhin ein Lächeln. Ihr Gesicht war angespannt.

„Hast du irgendwelche neuen Erkenntnisse?", fragte er, um sie von ihrem anstehenden Besuch bei Logan abzulenken.

Sie sah ihn an. Ihre Gesichtszüge entspannten sich. „Dad, du weißt, dass ich mit dir nicht darüber reden darf! Das ist jetzt ein FBI-Fall. Ich darf keine Details weitergeben."

„Hör zu!", verlangte er mit gedämpfter Stimme. „Jeden verdammten Tag kommen Leute zu mir, weil sie Angst haben, dass sie die Nächsten sind. Sie oder ihre Verwandten oder Freunde. Die Taten beschränken sich momentan auf Neptune. Was sollen die Leute denn denken?"

Sie nickte. „Okay. Wir werden eine Pressekonferenz veranstalten, sobald die Obduktion der Leiche abgeschlossen ist und die Beweise analysiert sind. Sollte sich dann etwas ergeben, bist du der Erste, der es erfährt."

„In Ordnung.", stimmte er zu.

Sie hob den Becher an den Mund und trank mit einem Zug ihren Kaffee aus. Dann stand sie auf. „Ich denke, wir müssen jetzt zurück. Aber ich geh mir erstmal noch einen Kaffee holen!"

In diesem Moment erschien Christina hinter ihr und stellte einen Becher Kaffee vor sie hin und legte die Rechnung daneben.

Veronica zog ihr Portemonnaie aus der Tasche ihres Blazers und legte dann einen Schein auf die Rechnung. „Danke, Christina, Sie sind eine Göttin!" Als Christina zweifelnd auf den Schein blickte, schenkte Veronica ihr ein Lächeln. „Der Rest ist für Sie." Sie nahm ihren Becher und ging hinaus ohne noch einen Blick auf die vollkommen verdatterte Christina zu werfe, die gar nicht glaube konnte, dass das gerade wirklich passierte.

Draußen wartete sie auf ihren Vater, der noch seine Rechnung bezahlte. Als er draußen ankam gingen sie schweigend zurück zum Department.

Als sie durch die Tür kamen, kam bereits einer von Keiths Deputys auf sie zu. Es war Leo. Veronica grinste ihm breit entgegen.

„Leo!" Sie umarmte ihn. Als sie sich wieder von ihm löste, betrachtete sie ihn von oben bis unten. „Du siehst gut aus."

Er nickte und steckte die Hände in die hinteren Hosentaschen seiner Uniform. „Du auch.", meinte er und lächelte verschmitzt. „Du hast dich gar nicht verändert."

Sie lachte. „Ich bin 16 Jahre älter als zu dem Zeitpunkt, an dem wir uns zum letzten Mal gesehen haben." Wieder lachte sie. „Doch. Ich denke, ich hab mich verändert!"

„Und ich dachte, ich mach dir ein paar Komplimente und schleime mich ein bisschen bei der leitenden Ermittlerin des FBI ein." Sein Grinsen war breit. Er neckte sie.

Sie nickte. „Wir können ja mal einen Kaffee trinken gehen, Deputy D'Amato."

„Veronica Mars! Ich bin jetzt ein verheirateter Mann.", meinte er mit gespieltem Ernst. „Was wohl die Leute denken, wenn uns zusammen sehen."

„Wahrscheinlich gar nichts, wie ich die Leute in Neptune so kenne." Der Sarkasmus in ihrer Stimme war deutlich wahrnehmbar.

„Okay. Sag mir Bescheid, wenn du Zeit hast." Er zwinkerte ihr zu und ging um den Tresen herum und setzte sich an seinen Schreibtisch.

„Ach! Kommt die leitende Ermittlerin auch mal zur Arbeit?"

Veronica bemerkte erst jetzt, dass Don Lamb im Rahmen seiner weit geöffneten Bürotür lehnte. Sie atmete tief durch. „Ich war gar nicht Zuhause. Hab mir nur einen Kaffee geholt." Sie hob den Becher an, sodass er in sein Blickfeld kam. „Solltest du auch mal ausprobieren! Das mit der Arbeit, meine ich."

Er schnaubte abfällig. „Du solltest zu Logan Echolls fahren und ihn fragen, warum der Ausweis seiner Frau im Besitz einer toten Nutte war."

„Eigentlich würde ich diese Frage ja gerne seiner Frau stellen. Schließlich ist es ja ihr Ausweis." Sie sah ihn an und trank in aller Ruhe einen Schluck Kaffee. „Aber du kennst dich ja schließlich mit Nutten aus. Deshalb weißt du auch, dass die Tote eine war." Langsam ging sie um den Tresen herum auf ihn zu. „Na, letztlich mal wieder im Neptune Grand gewesen? Mit einer Schülerin, die gerade 18 geworden ist?" Kurz bevor sie vor ihm stehen bleiben konnte, bog sie ab und ging in den Raum, der für sie und ihr Team eingerichtet worden war.

Er folgte ihr. „Was ist dein verdammtes Problem?"

Sie stellte ihren Becher ab und sah in die Runde ihrer Agents, die nach knapp 6 Stunde Schlaf wieder da waren. Dann drehte sie sich um und lehnte sich gegen den Tisch. „Im Moment ist der Killer mein Problem. Ich muss ihn finden, bevor er die Möglichkeit hat, noch jemanden umzubringen, Deputy."

„Ach ja?", fragte er und stellte sich direkt vor sie hin. Mit Leichtigkeit erkannte sie, dass sie ihn gekränkt hatte, als sie ihn „Deputy" genannt hatte. Sie hatte ihn immer so genannt, bevor sie Neptune verlassen hatte. Eine alte Angewohnheit, die in seiner Nähe nur allzu gerne wieder ans Licht kam.

Sie konnte ihm nicht entkommen, also blieb sie regungslos da stehen, wo sie stand. „Ja. Das ist der einzige Grund, aus dem ich wieder nach Neptune gekommen bin. Ich bin nicht hier, weil ich die Einwohner von Neptune so schrecklich vermisst habe." Ihr Blick war provozierend. „Mein Chef hat mich hergeschickt, weil mein Vater der Sheriff ist. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne die Leute. Mit einigen bin ich zur Schule oder zur Uni gegangen." Sie lächelte ihn freudlos an. „Sonst noch irgendwelche Frage, Deputy? Bin ich jetzt verhaftet?"

„Nein." Er beugte sich vor, sodass ihre Lippen sich fast berührten, „Dann sollte ich dich nicht weiter von der Ausübung deiner Pflicht abhalten!" Er zog sich zurück und blieb an der Tür noch einmal stehen, wo er sich kurz umdrehte. „Ich wünsche dir viel Spaß mit den Echolls.", sagte er und klang schon fast aufrichtig. Hätte sie sein Gesicht nicht gesehen, sie hätte es geglaubt. Dann ging er in sein Büro zurück.

Veronica wandte sich ihren Agents zu, die sie interessiert ansahen. Als sie jedoch bemerkten, dass Veronica sie direkt ansah, taten sie schnell so, als würden sie intensiv in den Akten lesen. Es brachte Veronica zum Lächeln.

„Bist du so weit?", fragte ihr Vater, der nun in der Tür stand.

Sie nickte, packte ein paar Akten in ihren Tasche und schwang sie sich über die Schulter. Drehte sie sich um und folgte ihrem Vater nach draußen.

Als sie im Wagen saßen, brach er das Schweigen. „Haben du und mein Co-Sheriff deinen Agents eine gute Show geboten?"