Kapitel 4 – Don't want to be here!
„Warum genau machen wir das hier noch mal?", fragte Veronica nun zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit. Immer noch in der Hoffnung, sich umdrehen und wieder gehen zu können.
„Schätzchen!", ermahnte Keith sie erneut mit einem Seufzen. „Es ist doch nur eine Befragung. Du sollst nur deinen Ex-Freund und seine Frau befragen. Du wirst ja nicht zur Schlachtbank geführt."
„Ich glaub, mir wird schlecht.", jammerte sie und legte eine Hand auf ihren Bauch. Plötzlich fühlte sie sich nicht mehr wie eine erfahrene FBI-Agentin. Sie wollte nicht hier sein. Sie wollte ihre Beine nicht davon abhalten müssen, dem natürlichen Fluchtinstinkt zu folgen.
„Bringen wir es einfach hinter uns!" Keith betätigte einfach die Klingel, ohne weiter auf sie einzugehen.
Sie zog einen Schmollmund, ließ die Hand sinken, die immer noch auf ihrem Bach gelegen hatte, und schwieg.
Da öffnete sich schon die Tür und ein circa 10jähriges Mädchen, mit strahlend blauen Augen und zum Pferdeschwanz gebundenen blonden Haaren, blickte ihnen entgegen. Auf der Hüfte trug sie ein circa 2jähriges Mädchen, das wie ein jüngeres Abbild ihrer Trägerin aussah.
„Ja, bitte?", fragte die 10jährige leicht genervt. Dann erkannte sie Keith und hob abwehrend die freie Hand. „Egal, was es ist. Diesmal war ich es wirklich nicht." Sie ließ die Hand sinken und rückte ihre Schwester auf ihrer Hüfte zurecht. „Ich war den ganzen Tag nicht in der Schule. Ich war beim Arzt."
„Jeanne!", sagte Keith und lächelte. „Sind deine Eltern Zuhause?"
Sie nickte. „Dad ist im Garten. Mom ist shoppen – mal wieder." Ihre kleine Schwester zog an den Haaren, aber sie ignorierte es. „Ich war es wirklich nicht!"
„Es geht nicht darum, was im Chemielabor passiert ist.", sagte Keith und zwinkerte ihr unauffällig zu. Beide wussten, dass sie es gewesen war, die in der Woche zuvor für die Evakuierung der Schule verantwortlich gewesen war. „Wir müssen dringend mit deinen Eltern reden."
Sie nickte und machte den Weg frei, damit Veronica und Keith eintreten konnten. „Ich bringe Sie zu ihm." Mit einem gezielten Tritt fiel die Tür ins Schloss. Dann ging sie voran.
Sie gingen durch ein stilvoll eingerichtetes Wohnzimmer, das in hellen Pastelltönen gehalten war. Für die eigentliche Größe befanden sich relativ wenige Möbel darin. Der Raum wurde von einem großen Flatscreen an der Wand beherrscht, der etwas fehl am Platz wirkte. Ihm gegenüber stand ein Sofa, das aussah, als wäre es noch nie benutzt worden. Zwischen dem Sofa und dem Flatscreen stand ein kleiner Tisch, auf dem eine Vase mit künstlichen Blumen stand.
Nirgendwo standen oder lagen persönliche Gegenstände herum. Keine Bilder – weder von den Kindern gemalt, noch gekauft. Keine Fotos – nicht von Logan, nicht von Madison, nicht einmal von den Kindern oder der Hochzeit.
Veronica konnte nicht fassen, dass in diesem seelenlosen Raum tatsächlich eine Familie wohnte. Es machte sie traurig, dass die Kinder in so einem befremdlichen Umfeld aufwuchsen.
„Rosie!", brüllte Jeanne plötzlich mit einer unglaublichen Lautstärke, die man ihr eigentlich nicht zutrauen würde. Fast augenblicklich tauchte eine junge Frau auf. „Sara muss essen und ihren Mittagsschlaf halten." Die Frau nahm ihr die Kleine ab und nickte stumm, bevor sie sich zurückzog. Jeanne bedeutete Keith und Veronica, ihr zu folgen.
Sie verließen das Haus und betraten einen ordentlich angelegten Garten. Der Rasen hatte eine einheitliche Länge, so als würde der Gärtner alle überstehenden Grashalme mit der Nagelschere zurechtstutzen. Ordentlich angelegte Blumenbeete, gleichmäßig wachsende Hecken und Sträucher. Mittendrin ein Pool mit unglaublich blauem Wasser.
An ebendiesem Pool stand ein Tisch mit 4 Stühlen und auf einem dieser Stühle saß Logan Echolls. Er saß zurückgelehnt da und las ein Buch.
„Dad!", rief Jeanne. „Sheriff Mars und eine Frau wollen dich sprechen."
„Was hast du nun wieder angestellt?", fragte Logan ohne aufzusehen und blätterte eine Seite um. „Kannst du dich nicht ein paar Tage zusammenreißen?"
„Sie sind nicht wegen mir hier.", gab sie frech zurück. „Vielleicht hast du ja diesmal was angestellt. Oder Mom." Sie grinste frech, als er aufsah.
Doch in dem Moment, als er ihr eine entsprechende Antwort geben wollte, entdeckte er Veronica. Auf seinem Gesicht zeigten sich die unterschiedlichsten Emotionen. Von Freude über Überraschung bis hin zu unterdrückter Wut war alles dabei.
„Veronica?", fragte er mit leicht brüchiger Stimme. Er stand auf und ließ das Buch achtlos fallen.
Sie nickte nur. Sprechen konnte sie bei dem Kloß, der sich plötzlich in ihrem Hals befand, nicht mehr.
Seine Haare waren noch genauso dicht, wie sie sie in Erinnerung hatte. Allerdings hatte er schon ein paar graue Strähnen an den Schläfen. Auch die Geheimratsecken wurden größer. Sein Gesicht hatte kaum Falten, was aber nicht auf Botox zurückzuführen war. Seine Mimik war noch intakt. Er trug eine Lesebrille auf der Nasenspitze, was ihm einen intellektuellen Ausdruck verlieh – aber nur, bis Veronica entdeckte, dass er in Wirklichkeit ein „Donald Duck"-Heft gelesen hatte. Das nun neben dem Buch auf dem Boden lag.
Wie vor 16 Jahren trug er Jeans, T-Shirt und Sneakers. Er hatte sich offensichtlich kaum verändert.
„Die Veronica?", fragte Jeanne plötzlich ganz aufgeregt in die Stille hinein. „Die Veronica, die vor 16 Jahren die Stadt verlassen hat? Die Veronica, die mit Lilly Kane befreundet war? Die Jugendliebe meines Vaters?" Sie grinste breit und sah plötzlich Logan sehr ähnlich. „Die Veronica?"
„Wo warst du die ganze Zeit?", fragte Logan ohne auf seine Tochter zu achten.
Veronica schluckte den Kloß in ihrem Platz hinunter. „Ich bin jetzt beim FBI, Logan." Plötzlich konnte sie sich wieder an den Grund erinnern, aus dem sie hergekommen war. „Wir müssen dir ein paar Fragen stellen!"
