Kapitel 5 – A familiar unknown face
Don Lamb kam mit einem Glas Leitungswasser in der Hand aus der kleinen Küche des Departments. Im Gehen griff er in seine Hosentasche und zog eine noch verpackte Aspirin-Tablette heraus. Riss die Verpackung mit den Schneidezähnen auf und ließ die Tablette ins Wasser fallen. Die Verpackung warf er achtlos in den Mülleimer, sodass sie ich nur um Haaresbreite nicht verfehlte, und durchquerte den Raum in Richtung seines Büros. Sprudelnd löste sich währenddessen die Tablette langsam auf.
Er hatte Kopfschmerzen. Stechende Kopfschmerzen, die ihm das Gefühl gaben, seine Augen würden von innen heraus aus dem Schädel gedrückt, während sein Kopf versuchte zu explodieren. Diese Kopfschmerzen waren nicht weiter ungewöhnlich. Die hatte er seit 16 Jahren in unschöner Regelmäßigkeit, seit ihm damals der Kopf mit einem Baseballschläger fast eingeschlagen worden war.
Doch dieses Mal war es anders. Weder laute Geräusche, noch allzu grelles Licht waren der Auslöser gewesen. Es war etwas Anders. Genauer gesagt: jemand Anderes.
Veronica Mars!
Sie war der Auslöser für seine Kopfschmerzen. Das war sie früher schon gewesen. Aber dieses Mal war der eigentliche Grund ein vollkommen anderer als damals.
Früher war sie ihm nur gelegentlich auf der Nase herumgetanzt, hatte sich ungefragt in Ermittlungen eingemischt und immer wieder Ärger gemacht. Das hatte ihn gewurmt. Doch seit diesen Tagen hatte sich einiges geändert.
Nun war sie nach 16 Jahren wieder aufgetaucht. In Neptune. In seiner Stadt. Eine Stadt, die sie damals ohne ein Wort verlassen hatte. Sie war von einem auf den anderen Tag einfach verschwunden. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Ohne Vorwarnung!
Sie war wieder da und erwartete, dass alles so war, wie es damals gewesen war. Dass sich in den vergangenen 16 Jahren nichts verändert hatte. Mit anderen Worten: Sie erwartete das Unmögliche.
Sie tauchte auf, riss seinen Fall an sich, kommandierte seine Leute herum und tanzte Samba auf seinen ohnehin schon strapazierten Nerven. Machte ihn unglaublich wütend und verursachte damit seine Kopfschmerzen.
Gerade in dem Moment, als er den Türrahmen seines Büros erreichte, hörte er eine eindeutig weibliche Stimme hinter sich fragen: „Ist meine Mutter hier?"
Er wirbelte auf dem Absatz herum und verschüttete dabei fast den Inhalt seines Glases. Schnell sah er sich in dem offenen Raum um, aber im Moment schien sich außer ihm und der jungen Frau am Tresen niemand dort zu befinden. Keiner seiner Deputys und Officers war zu sehen. Dann wandte er sich der Person zu, die ihm die Frage gestellt hatte.
Am Tresen stand eine circa 16jährige junge Frau mit langen, dunkelbraunen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz gebunden waren und über ihrer Schulter lagen. Die Augen, die ihn kritisch betrachteten, waren blau, hatten aber einen deutlich sichtbaren grauen Stich.
Eben diese Augen waren es, die ihn kurzzeitig aus dem Konzept brachten. Sie kamen ihm unglaublich bekannt vor, allerdings konnte er sich nicht erinnern, woher er sie kannte.
Ihre Gesichtszüge waren denen Veronicas nicht unähnlich, aber das konnte unmöglich sein. Sie war schließlich weder verheiratet, noch hatte sie zur Zeit einen festen Partner.
„Ist meine Mutter hier?", wiederholte die junge Frau sichtlich genervt ihre Frage. Gerade so, als wolle sie sicher gehen, dass er die Frage überhaupt verstanden hatte.
Langsam trat er an den Tresen heran und stellte sein Glas auf der Ablage ab. „Wer ist denn deine Mutter?"
„Special Agent Veronica Mars.", antwortete sie, als wäre das die normalste Sache der Welt, und bestätigte damit unabsichtlich seine Befürchtungen. „Ist sie hier?"
„Nein.", antwortete er schließlich, als er seine Stimme wieder gefunden hatte, und hielt sich unauffällig an der unteren Ablage des Tresens fest. Es hatte ihn härter getroffen, als er gedacht hatte. „Nein, ist sie nicht."
„Ari?", ertönte plötzlich eine tiefe männliche Stimme hinter ihm.
Als er sich umdrehte, stand einer von Veronicas Agents in der Tür. Agent Brown – wenn er sich nicht irrte. Lamb hatte gar nicht bemerkt, dass sich die Tür des Verhörraums geöffnet hatte.
Er war schlank, groß und trug eine Anzughose und ein weißes Hemd, samt schwarzen Schuhen. Trotz des Hemdes war deutlich zu erkennen, dass der Agent durchaus muskulös war. Er hatte einen 3-Tage-Bart und seine schwarzen Haare standen in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf ab. Doch das markanteste Merkmal waren seine Augen. Sie waren grau und selbst in diesem Moment, in dem er lächelte, erreichte das Lächeln seine Augen nicht vollständig. Der Ausdruck in ihnen war schwer zu deuten.
„Damien!", quietschte die Angesprochene in diesem Augenblick vergnügt und stürmte um den Tresen herum, noch bevor Lamb die Chance hatte, es zu verhindern. Sie sprang dem Agent buchstäblich in die Arme und küsste ihn geräuschvoll auf die Wange. „Wo ist Mom?", fragte sie und lächelte ihn dabei an, als wären sie in diesem Moment die beiden einzigen Personen auf der Welt.
Das gab Lamb die Zeit, die junge Frau eingehender zu betrachten. Sie war eher klein und dünn, wie ihre Mutter damals. Sie trug einen schwarzen Faltenrock, der nur Zentimeter oberhalb des Knies endete, du einen Nietengürtel. Dazu schwarze, geschnürte Stiefeletten, ein schwarzes Top mit Aufdruck und eine schwarze, voll gestopfte Umhängetasche ebenfalls mit Nieten darauf.
„Sie ist unterwegs du verhört gerade einen Zeugen.", unterbrach der Agent unsanft Lambs Gedanken und grinste breit. Dabei entließ er die junge Frau nicht aus seinen Armen, sondern ließ gerade die Entfernung zwischen ihnen zu, die es ihnen erlaubte, sich in die Augen zu sehen.
Sie seufzte theatralisch und klang plötzlich um Jahre älter. „Arbeit, Arbeit, Arbeit!" Sie verzog gequält das Gesicht.
Sein Grinsen wurde angesichts ihrer Reaktion noch breiter, als es ohnehin schon war, und erreichte in diesem Moment sogar fast seine Augen. „Sie gibt eben nicht gerne Aufgaben ab." Er schlang eine Hand um ihren Zopf, der zwischenzeitlich von ihrer Schulter gerutscht war, und zog spielerisch daran. „Willst du nicht auf sie warten? Sie kommt bestimmt gleich wieder."
„Das geht nicht." Sie schüttelte traurig den Kopf. „Heute leider nicht." Geistesabwesend löste sie seine Hand aus ihrem Haar. „Ich muss noch für's Abendessen einkaufen gehen. Außerdem hab ich später noch eine Verabredung." Sie fuhr ihm mit beiden Händen durch die ohnehin schon zerzausten Haare.
„Heißes Date?", fragte er und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.
Sie lächelte verträumt. „Ja." Dann kicherte sie albern. „So könnte man es durchaus nennen."
„Bestimmt einer von diesen Typen." Er schnaubte abfällig. „Einer von diesen schrecklich netten Typen, die dir ihre Briefmarkensammlung zeigen wollen." Er presste sie an sich und sah ihr ernst in die Augen. „Jetzt mal ernsthaft! Mit wem triffst du dich?"
„Bist du etwa eifersüchtig?" Vergnügt lächelnd tätschelte sie seine Wange. „Musst du nicht sein. Du weißt doch, dass ich nur dich liebe."
„Ja, ja." Nun lächelte er wieder. „Verarsch mich nicht!"
„Würde mir im Traum nicht einfallen, Liebling." Ihr Lächeln wurde breiter, als er schnaubte. „Ich treffe mich später mit meiner Schwester. Sie will ihr Zimmer heute noch streichen."
„Farbe?"
„Gelb." Sie lachte. „Wie meine Badeente."
„Schafft ihr das allein oder braucht ihr zwei Hübschen Hilfe?" Er grinste frech. „Von einem großen, starken Mann?" Er wackelte mit den Augenbrauen.
Sie schlug ihm lachend mit der flachen Hand gegen die Brust. „Natürlich schaffen wir das allein.", sagte sie im Brustton der Überzeugung. Dann schüttelte sie den Kopf und murmelte: „Großer, starker Mann. Dass ich nicht lache! Also wirklich!" Wieder schüttelte sie den Kopf, dann sah sie ihm wieder in die Augen. „Aber erst muss ich jetzt einkaufen gehen und mich nach einem Job umgucken."
„Hat Dee schon einen?"
Sie nickte. „In einem Café in der Nähe."
„Suchst du was Bestimmtes?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich hätte eine Job zu vergeben.", meldete sich nun Lamb zu Wort. Die beiden schienen ihn erst jetzt zu bemerken und wandten ihm ihre Gesichter zu. „Wir brauchen eine Empfangsdame in Teilzeit. Nichts Besonderes, aber immerhin ein Job." Er drehte sich um, wühlte einen Moment in den Formularen und drehte sich dann wieder um. „Einmal ausfüllen und wieder abgeben." Er reichte ihr das Formular. „Wir melden uns auf jeden Fall."
„Danke.", murmelte sie und nickte ihm freundlich zu. Dann faltete sie das Papier sorgfältig zusammen und verstaute es dann in ihrer Umhängetasche. „Ich werde darüber nachdenken." Sie wandte sich wieder Damien zu. „Wir sehen uns dann." Küsste ihn auf die Wange, drückte ihn noch einmal fest an sich und verließ ohne ein weiteres Wort das Department.
Die beiden Männer sahen ihr schweigend nach.
„Eine interessante junge Frau.", sagte Lamb schließlich.
„Hey!", unterbrach der Agent ihn abrupt und durchbohrte ihn förmlich mit Blicken. „Finger weg! Die Kleine ist erst 15, Perversling!" Mit diesen Worten ging er zurück in den Verhörraum und schloss die Tür geräuschvoll hinter sich.
„So war das doch gar nicht gemeint!", murmelte Lamb, griff ach seinem Glas und stürzte es mit einem großen Schluck hinunter. Dann ging er zurück in sein Büro, das Glas immer noch in der Hand. Leise schloss er die Tür hinter sich.
Drinnen stellte er das Glas auf seinem Schreibtisch ab und betrachtete sich im Spiegel, der zwischen etlichen Bilderrahmen an der Wand hing.
Dabei bemerkte er wieder mal, dass er sich dringend rasieren sollte.
Außerdem sollte er dringend ein paar Stunden schlafen. Seine Augen waren blutunterlaufen. Er hatte Tränensäcke unter den Augen. Sah alt aus.
Seine Augen!
Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, woher er die Augen der jungen Frau kannte.
Aber das konnte unmöglich sein…
Nein!
Auf keinen Fall!
Das konnte einfach unmöglich sein…
Oder etwa doch?
