Kapitel 6 – Cold
Logan hatte Jeanne ins Haus geschickt, damit „die Erwachsenen" reden konnten. Was diese schließlich auch murrend unter lautstarkem Protest getan hatte. Dann hatten sie sich an den Tisch gesetzt, an dem er zuvor allein gesessen hatte.
Veronica ordnete ein letztes Mal ihre Gedanken. Dann sah sie ihren verheirateten Ex-Freund wieder an.
„Was?", fragte Logan schmunzelnd. „Hab ich plötzlich zwei Köpfe?"
Sie schüttelte den Kopf, erkannte sich in ihrer Sprachlosigkeit für einen kurzen Moment selbst nicht wieder. „Wir ermitteln in einer Mordserie. Das FBI, in Kooperation mit dem örtlichen Department,…"
„Sheriff Mars! Schaffen Sie es schon nicht mehr, ein paar Morde aufzuklären?", fragte Logan mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen. „Werden Sie etwa langsam alt? Kann Ihr getreuer Co-Sheriff das nicht mehr kompensieren, wie er es bisher schon nicht getan hat?"
„Mister Echolls, wie Ihnen offenbar nicht bekannt ist, ist jedes Department dazu verpflichtet, bei bestimmten Tatbeständen das FBI hinzu zu ziehen.", antwortete Keith mit deutlich herablassendem Ton. „In dieser wunderbaren Stadt wurden in letzter Zeit mehrere Morde nach demselben Muster verübt. Somit handelt es sich um einen Serientäter. Und da ein Ende der Serie nicht abzusehen ist, wurde das FBI vorschriftsmäßig informiert." Er lächelte dünn. „Außerdem hoffe ich, dass Ihnen bewusst ist, dass sie den allseits geschätzten Co-Sheriff Lamb soeben als unfähig bezeichnet haben. Das hört er sicher nicht gern."
In genau diesem Moment schlug Veronica krachend mit der geballten Faust auf den Tisch. Schuldbewusst zuckten die beiden zusammen.
„Es reicht!", sagte sie schließlich mit beinahe tödlicher Ruhe und sah den beiden tief in die Augen. „Wenn ihr euch streiten wollt, tut das gefälligst woanders!" Sie seufzte genervt. „Wir sind nicht hier, damit ihr beiden einen Wettbewerb im Weitpinkeln veranstalten könnt."
Die beiden Männer sahen peinlich berührt am Boden.
Sie lächelte, da die beiden so sehr zwei Schuljungen ähnelten, die man bei etwas erwischt hatte, dass sie eigentlich nicht tun durften. „Logan!", sprach sie schließlich ihren Ex-Freund direkt an. „Wir haben bei der Leiche eines Opfers den Ausweis deiner Frau gefunden." Sie konnte sich beim besten Willen nicht dazu durchringen, den Namen von Logans Frau laut auszusprechen. Allein daran zu denken, löste bei ihr schon Übelkeit aus. „Der Verlust des Ausweises wurde nicht angezeigt." Sie wartete, bis er sie ansah. „Das Opfer ist eindeutig nicht deine Frau." Sie zog ein Foto aus ihrer Jackentasche und legte es vor ihm auf den Tisch. „Und dafür brauche ich eine Erklärung."
Es war ein Foto, das das Opfer der letzten Nacht abbildete.
Nun war auch für alle Beteiligte ersichtlich, was sie gemeint hatte. Die Tote hatte tatsächlich keinerlei Ähnlichkeit mit Logans Frau.
Logan nahm das Foto in Augenschein und schlug die Hand vor den Mund. Gerade so, als wäre ihm schlecht geworden und er müsse sich möglicherweise übergeben. Er wandte schnell den Blick ab, bevor etwas dergleichen passieren konnte. „Nimm es weg!", stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. „Nimm es weg!"
Sie nickte, nahm das Foto vom Tisch und verstaute es wieder in ihrer Jackentasche. Augenblicklich schien er sich zu beruhigen.
„Also", sagte sie, als er sich wieder etwas beruhigt hatte, „ich werde die Frage nur noch einmal stellen. Bekomme ich wieder keine zufrieden stellende Antwort, nehme ich dich mit auf's Department." Ihre Stimme war nun beinahe tödlich ruhig. „Woher hatte das Opfer den Ausweis deiner Frau? Warum wurde der Verlust des Ausweises nicht angezeigt?"
„Ich hab doch keine Ahnung.", sagte er mit Nachdruck. „Bis ihr hier aufgetaucht seid, wusste ich nicht mal, dass der Ausweis weg ist."
„Vertrauen scheint offenbar die Basis Ihrer Ehe zu sein, Mister Echolls.", warf Keith ein. Seine Stimme war angefüllt mit Ironie. „Eure Gespräche sind bestimmt unglaublich informativ und tiefgründig. Da würde ich gern Mäuschen spielen."
Veronica warf ihrem Vater einen warnenden Blick zu und wandte sich dann wieder Logan zu. „Wo warst du gestern Abend?"
Er überlegte kurz. „Erst hab ich Jeannes Hausaufgaben korrigiert. Dann hab ich für Jeanne und Sara Abendessen gemacht und sie anschließend ins Bett gebracht." Wieder überlegte er. „Danach hab ich mich mit einem Bier vor den Fernseher gesetzt."
„Kann das jemand bestätigen?"
Er schnaubt. „Nein." Er klang irgendwie frustriert. „Außer mir war niemand wach, der das bestätigen könnte. Rosie hatte ihren freien Tag."
„Und deine Frau?"
„Sie war aus." Er lachte freudlos. „Mit ihren Freundinnen. Wie gewöhnlich."
„O-kay.", sagte sie gedehnt. „Ich brauche noch die Aussage deiner Frau dazu. Wann kommt sie zurück?"
„Wer weiß das schon?" Er seufzte. „Sie ist shoppen gegangen. Mit ihrer Kreditkarte. Ohne Limit." Er warf schnell einen Blick auf seine Armbanduhr. „Sie ist erst seit zwei Stunden unterwegs. Das kann noch länger dauern."
Sie zog eine Visitenkarte aus ihrer Hosentasche und reichte sie ihm. „Sie soll anrufen, wenn sie wieder da ist. Egal, wie spät es ist."
„In Ordnung."
Sie stand auf. „Wenn sie sich bis morgen früh nicht gemeldet hat, schicke ich einen Agenten, der sie abholt." Sie strich die Falten ihres Hosenanzugs glatt und sah ihm dann in die Augen, um sicher zu gehen, dass er die Botschaft auch verstanden hatte. „Vor den Augen der Nachbarn. Vor den Augen der Kinder."
„Das kann unmöglich dein Ernst sein!", zischte er.
Sie lachte freudlos. „Die Aussage der Frau könnte entscheidend für de Fall sein. Wenn sie keine Aussage macht, behindert sie die Ermittlungen." Schwungvoll drehte sie sich um und strich ihre Haare zurück. „Ich bin vom FBI, Logan. Ich hab jedes Recht dazu."
Keith erhob sich nun ebenfalls und bedachte Logan mit einem gehässigen Lächeln.
„Dich will ich auch auf dem Department sehen.", sagte sie im Gehen. „Wir brauchen die Aussage schriftlich. Mit Unterschrift." Sie blieb stehen und wandte sich ein letztes Mal zu ihm um. „Ansonsten verspreche ich dir 48 Stunden in einer Zelle im Department." Sie schenkte ihm ein kaltes Lächeln. „Ich hoffe für dich, dass das nicht eintrifft." Mit diesen Worten drehte sie sich auf dem Absatz um und ging. Gefolgt von einem breit grinsenden Keith.
Logan sah ihr lange nach. „Sie hat sich wirklich verändert." Dann lächelte er. „Willkommen Zuhause, Veronica Mars!"
