Kapitel 7 – Some things never change!
Als Veronica und Keith den Wagen erreichten, war das Lächeln auf seinen Lippen immer noch nicht verschwunden. Tatsächlich war es sogar noch breiter geworden.
Er war unglaublich stolz auf seine Tochter. Seine unglaubliche, kleine Tochter, die ihrem idiotischen Ex-Freund die Stirn geboten hatte.
Jedoch sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort, bis sie das Auto bestiegen hatten. Damit niemand sie belauschen konnte.
Sobald die Autotüren sich geschlossen hatten, konnte Keith den Mund nicht mehr halten. Er lenkte den Wagen auf die Straße und brach das Schweigen: „Schätzchen, ich bin wirklich beeindruckt, wie unglaublich unpersönlich und emotionslos du das Verhör deines Ex-Freundes bestritten hast." Er lachte, als er den skeptischen Blick sah, mit dem sie ihn bedachte. „Doch. Wirklich. Schwer beeindruckt. Angesichts eurer Vorgeschichte."
„Na klar." Sie schnaubte verächtlich. „Kann mein Tag eigentlich noch schlimmer werden?"
Er zwinkerte ihr auffällig unauffällig zu. „Schon möglich."
Sie erreichten den Parkplatz des Departments und Veronicas Laune hatte sich nicht merkbar verbessert. Sie war immer noch etwas durcheinander vom ersten Zusammentreffen mit Logan nach 16 Jahren. Es war nicht ganz so gelaufen, wie erwartet. Außerdem ließ sie die letzte Äußerung ihres Dads sie nicht los.
Konnte es tatsächlich noch schlimmer werden?
Schweigend stiegen sie aus und überquerten den Parkplatz. Auf dem Weg zum Department drückte Keith auf einen Knopf an seinem Autoschlüssel und schloss damit den Wagen ab.
Schließlich betraten sie das Department. Traten vom grellen Tageslicht in das eher rötliche, künstlich wirkende Licht der Lampen im Department. Ihre Augen brauchten einen Moment, um sich an den Lichtwechsel zu gewöhnen.
Keith eilte ohne ein weiteres Wort zu verlieren in sein Büro und schloss die Tür hinter sich.
Eigentlich wollte Veronica sofort zu ihren Agents in den Verhörraum gehen, um sich über die neuesten Erkenntnisse unterrichten zu lassen. Wurde jedoch von der Person, die hinter dem Tresen stand, durch dessen bloße Anwesenheit davon abgehalten.
„Leo!", begrüßte sie ihn herzlich, ging um den Tresen herum und umarmte ihn. Breit grinsend löste sie sich von ihm. „Wie geht's meinem Lieblings-Deputy?"
„Gut." Er lächelte sein Leo-Lächeln, wie immer, wenn er sie sah. „Sehr gut. Und dir?"
„Gut, gut." Sie senkte den Blick leicht. Wollte ihm bei ihrer nächsten Frage nicht in die Augen sehen. „Ich hab gehört, du hast geheiratet?"
„Ja." Sein Lächeln nahm einen verträumten Ausdruck an. „Isabella ist verflucht genial. Und die Kinder sind der helle Wahnsinn." Er schmunzelte. „Vier Jahre alt und unkontrollierbar wie ein ganzer Flohzirkus."
Sie sah auf. „Du hast Kinder?"
„Ja." Er nickte. „Zwillinge. Juno und Elijah. Ein Mädchen und ein Junge. Kommen ganz nach ihrer Mutter." Der Ausdruck in seinen Augen war unglaublich sanft. „Einfach nicht zu stoppen."
Sie lächelte zaghaft, fast schüchtern. „Kinder sind toll." Ihr Lächeln wirkte irgendwie traurig, denn es erreichte ihre Augen nicht.
„Ja. Das sind sie.", sagte er. Den Ausdruck auf ihrem Gesicht bemerkte er nicht. Er war zu vertieft in seine eigenen Gedanken, um irgendwas zu bemerken. „Wir sollten uns alle mal nach Dienstschluss treffen.", sagte er schließlich. „Isi würde dich sicher gerne kennen lernen. Ich hab ihr viel von dir erzählt."
Sie lachte und die ganze Traurigkeit fiel von ihr ab. „Bestimmt nichts Gutes."
„Nur Gutes!", meinte er und grinste.
„Okay…" Wieder musste er lachen.
„Wann hättest du denn mal Zeit?", fragte er. „Dann können wir schon mal einen Termin aussuchen."
„Erst muss ich den Fall lösen.", meinte sie und sah ihn ernst an. „Die verdammte Serie muss ein Ende haben."
„Alles klar." Er nickte. „Aber wenn der Fall gelöst ist, müssen wir uns treffen."
„Ja." Sie lächelte wieder. „Auf jeden Fall. Ich freu mich drauf."
In diesem Moment ging die Tür des Verhörraums auf und Agent Brown streckte den Kopf hinaus. „Special Agent Mars, dachte ich doch, dass ich ihre Stimme gehört habe." Er lächelte. „Sie sind also von der Befragung zurück. Hat sich was Neues ergeben?"
„Nein. Leider nicht." Sie schüttelte den Kopf. „Logan Echolls und seine Frau kommen Morgen zur Befragung." Sie lächelte und dieses Lächeln hatte einen eindeutig verächtlichen Zug. „Wir brauchen zwei Räume. Ich will, dass die beiden getrennt voneinander verhört werden." Sie war einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Mist!" Sie wirkte frustriert und seufzte laut. „Ich hätte schon vor einer halben Stunde Zuhause sein müssen."
„Heute noch was vor, Mars?", ertönte plötzlich die Stimme von Lamb aus dem Türrahmen seines Büros. Dort lehnte er und versucht vermutlich, lässig zu wirken, sah aber eher selbstgefällig aus. Wie während ihrer gesamten College- und High-School-Zeit.
„Das geht Sie absolut nichts an, Lamb.", stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Hey, hey, hey!", sagte er beschwichtigend und hob abwehrend die Hände. „Mars! War doch nur eine Frage. Könnte doch sein, dass es da jemanden gibt…" Er zwinkerte ihr auffällig zu. „Jemand ganz Besonderen? Jemanden, den du uns vielleicht vorstellen willst?"
Sie sah ihn abschätzend von oben bis unten an. Überlegte, ob er sich über sie lustig machte oder die Frage tatsächlich ernst meinte. Dann kam ihr etwas vollkommen anderes in den Sinn und sie wechselte einen verzweifelten, fragenden Blick mit Agent Brown. Dieser nickte ihr schließlich zögernd zu und machte damit einen ihrer schlimmsten Albträume komplett.
Verdammt! Eine ihrer Töchter war hier gewesen. Hier. Im Department. Vielleicht waren sogar beide hier gewesen. Und offenbar hatte Lamb sie gesehen.
Sie hatte ihren Dad ja gefragt, ob der Tag noch schlimmer werden konnte.
„Wollen Sie irgendwas von mir, Lamb?", fragte sie schließlich und hoffte insgeheim, dass er die Frage verneinen würde. „Irgendwas Bestimmtes?"
„Ich will dich sprechen.", verlangte er und presste seine Kiefer so fest zusammen, dass man Steine dazwischen hätte zermalmen können. „In mein Büro. Sofort!"
Sie lächelte ihn an und wirkte geradezu zuckersüß. „Geht leider nicht. Ich hab heute noch was vor." Sie sah ihren Agent an. „Bereiten Sie alles für Morgen vor und dann gehen Sie nach Hause. Ruhen Sie sich aus." Dann wandte sie sich wieder Lamb zu und das Lächeln, das sie ihm schenkte, hatte einen deutlich gemeinen Zug. „Sorry.", hauchte sie und klimperte mit den Wimpern. „Keine Zeit."
Er stieß sich vom Türrahmen ab und stellte sich so dicht vor sie, dass sie seine Körperwärme durch ihre Kleidung hindurch spüren konnte. „In meinem Büro, Mars.", knurrte er sie an. „Sofort!"
Ihre Augen blitzten geradezu, als sie aufsah und ihm in die Augen blickte. Sie beugte sich leicht vor. „Wovon träumen Sie nachts, Deputy?" Ohne es zu merken hatte sie wieder eine ihrer alten Gemeinheiten benutzt, mit denen sie ihn früher immer aufgezogen hatte. „Ich werde jetzt nach Hause fahren. Denn ich", sagte sie und deutete auf sich, „hab heute nämlich noch was vor."
Der Agent zog sich unauffällig zurück und schloss die Tür leise hinter sich. Auch Leo war nirgendwo zu sehen.
Lamb packte sie am Arm und zog sie hinter sich her in sein Büro. Lautstark warf er die Tür ins Schloss. Drinnen lehnte er sich an die Tür und versperrte ihr damit den Fluchtweg.
„Sag mal, bist du etwa taub geworden?", fragte sie und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Hat der Schlag damals etwa noch mehr beschädigt, als nur deinen Schädel?" Sie lachte freudlos, als sie seinen ärgerlichen Gesichtsausdruck sah. „Ich hab jetzt Feierabend. Ich will nach Hause. Essen. Und schlafen."
„Nein." Er durchbohrte sie förmlich mit Blicken. „Wir unterhalten uns jetzt!"
„Hat es mit dem Fall zu tun?"
„Nein."
„Dann ist es auch nicht wichtig." Sie warf erneut einen Blick auf ihre Armbanduhr und stand seufzend auf. „Ich müsste schon längst Zuhause sein."
„Okay.", sagte er, blieb jedoch, wo er war. „Ich fahre dich.", entschied er. „Wir reden auf der Fahrt."
„Nein, danke." Sie ging auf ihn zu und blieb dicht vor ihm stehen. „Ich bin mit meinem Wagen hier." Sie zog ihren Autoschlüssel aus ihrer Hosentasche und wedelte damit dicht vor seinem Gesicht herum. „Ich brauche keinen Chauffeur."
Ein leichtes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. „Warum lässt du dich dann immer fahren?"
Sie grinste frech und lehnte sich ein Stück weiter vor. „Weil ich es kann." Sie steckte den Schlüssel wieder ein und wandte sich ab.
„Ich hab deine Tochter heute kennen gelernt.", sagte er ruhig.
Sie fuhr herum und nun war sie es, die ihn mit Blicken durchbohrte. „Ich weiß.", brachte sie schließlich heraus.
„Woher?" Er wirkte ehrlich verwirrt.
„Eine Ahnung."
„Willst du mir irgendwas dazu sagen?"
Sie schien kurz zu überlegen. „Nö. Eigentlich nicht."
Er stieß sich von der Tür ab, machte ein paar Schritte auf sie zu und packte sie am Arm. „Ist die Kleine meine Tochter?"
Sie schnaubte angewidert und entzog ihm ihren Arm. „Sie ist MEINE Tochter."
„Ich weiß.", sagte er und wirkte deutlich angespannt. „Wer ist der Vater?"
„Das geht dich gar nichts an."
Er sah ihr tief in die Augen. „Wenn sie meine Tochter ist, will ich es gefälligst wissen. Ich habe ein Recht darauf."
Sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauche, aber ansonsten ausdruckslosem Gesicht an. „Hat irgendwer was davon gesagt, dass eine meiner Töchter möglicherweise von dir ist?"
„Eine deiner Töchter?", fragte er fassungslos. „Zwillinge?"
Sie schluckte. „Ja."
Er trat an sie heran und strich ihr die Haare hinter's Ohr. „Sind deine Töchter von mir? Bin ich der Vater?"
Sie sah ihm in die Augen und er hätte schwören können, dass er Tränen in ihnen glitzern sah.
Im nächsten Moment stieß sie ihn auch schon zur Seite, rannte zur Tür und riss sie auf. „Bis Morgen!", stieß sie gerade noch hervor, bevor sie endgültig die Flucht ergriff.
Er lief ihr hinterher, folgte ihr bis auf den Parkplatz hinaus, sah aber nur noch ihre Rücklichter, als sie mit ihrem Auto vom Parkplatz raste. Dort blieb er stehen und sah ihr noch lange nach.
„Die Runde geht an dich, Mars.", murmelte er. „Ich kriege mein Gespräch. Verlass dich drauf!"
Drohung und Vorhersage zugleich.
