Kapitel 8 – Coloured with paint
Veronica parkte ihren Wagen direkt vor dem Haus auf einem der Stellplätze und stellte den laufenden Motor ab, blieb aber noch sitzen. Sie nahm die Hände vom Lenkrad und ließ sie in ihren Schoß fallen, lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen für einen Moment. Dann sog sie die Luft ganz tief in ihre Lungen und stieß sie pfeifend wieder aus. Sie musste ich dringend beruhigen.
Als sie schließlich die Augen wieder öffnete, öffnete sie den Sicherheitsgurt und stieß die Fahrertür auf. Sprang wenig graziös hinaus, warf die Tür krachend zu und schloss den Wagen ab. Atmete noch einmal tief durch und ging dann die Stufen zur Haustür hinauf.
Oben angekommen fand sie die Haustür unverschlossen vor. Sie seufzte genervt und zog ihre Waffe. „Das darf ja wohl alles nicht wahr sein." Sie entsicherte die Waffe, betrat das Haus und schloss leise die Tür hinter sich.
Es war niemand zu sehen.
„Ari?", brüllte sie in die Stille des Hauses hinein. „Dee?" Sie hörte ein Rumpeln im oberen Stockwerk und ging zur Treppe. „Ist einer von euch beiden hier?"
Im oberen Stockwerk wurde die Tür geöffnet. „Mom?"
„Ja."
„Wir sind hier oben."
Veronica steckte ihre Waffe weg. „Könnt ihr beiden Hübschen mir einen Gefallen tun?"
„Was denn?", war nun die Stimme ihrer anderen Tochter zu vernehmen.
„Wenn ihr das nächste Mal Zuhause seid, schließt die Tür ab!" Sie seufzte laut, sodass man es sicherlich im oberen Stockwerk noch hören konnte. „Hier läuft im Moment ein Mörder frei herum. Er sollte nicht auch noch ermutigt werden."
„Okay.", kam es fröhlich von oben und die Tür wurde geräuschvoll geschlossen.
„Ja." Sie lächelte in sich hinein. „Klar." Dann ahmte sie ihre Tochter nach: „Okay…" Sie wandte sich von der Treppe ab und ging in ihr Schlafzimmer.
Dort angekommen warf sie die weit geöffnete Tür hinter sich ins Schloss. Kickte ihre Schuhe in eine Ecke und riss sich die Jacke von den Schultern, ließ sie achtlos auf ihr Bett fallen. Dann legte sie ihr Schulterhalfter ab, nahm ihre Waffe heraus und entfernte das Magazin. Stellte sicher, dass sich keine Patrone mehr in der Waffe befand. Dann kniete sie sich neben ihr Bett, zog eine abschließbare Metallkiste unter dem Bett hervor und zog dann ihre Kette aus, an der der Schlüssel für die Kiste hing. Schloss die Kiste auf und verstaute dann sowohl die Waffe, als auch das Magazin darin und schloss die Kiste wieder ab. Danach versteckte sie die Kiste wieder unter dem Bett und zog ihre Kette wieder an.
Als das erledigt war sprang sie auf die Füße, zog Hose und Bluse aus und warf sie zu ihrer Jacke und dem Schulterhalfter auf ihr Bett. Öffnete eine der Umzugskisten, die immer noch in ihrem Zimmer herumstanden und die sie dringend auspacken sollte. Sie wühlte eine Weile darin herum, bis sie gefunden hatte, was sie suchte, und zog eine verwaschene Jeans und ein ausgeblichenes T-Shirt heraus, auf dem Stand „College girls have all the fun". Zog beides schnell an und streifte dann ihre farbverschmierten Turnschuhe an, die auf dem Boden neben ihrem Bett standen. Dann nahm sie einen Haargummi von ihrem Nachttisch und band sich die bisher offenen Haare zu einem Zopf zusammen.
Öffnete die Tür, joggte den Flur entlang und sprang die Treppe hinauf. Oben angekommen sah sie sich kurz um und öffnete schließlich die einzige geschlossene Tür und wurde prompt von einem Schwall Farbe getroffen.
Einen Moment lang stand sie einfach nur schweigend da, dann begann sie sich die Farbe aus den Augen zu wischen und sah dann ihre leise kichernden Töchter fragend an. Die beiden standen jetzt nebeneinander vor ihr und versuchten unschuldig auszusehen.
Da musste auch Veronica kichern. „Was macht ihr denn hier?", fragte sie und sah sich um.
Zwei Wände waren gelb gestrichen, eine Dritte halb.
„Wir streichen Dees Zimmer.", sagte Ari und grinste.
Veronica sah sich weiter um. Überall waren Farbspritzer zu sehen. An den Wänden, den Fenstern, der Decke und überall auf dem mit Plastikplane abgedeckten Boden. Aber vor allem auf ihren Töchtern und auch sie selbst hatte einiges abbekommen.
Ihre wunderbaren Töchter, die sich mit jedem Tag ähnlicher sahen, was sie nur allzu gerne durch identische Kleidung unterstrichen. In genau diesem Moment waren sie für Außenstehende nur anhand ihrer unterschiedlichen Haarfarben zu unterscheiden. Aris Haare waren braun, Dees dunkelrot getönt. Ursprünglich waren sie aber beide brünett.
Arianna und Delilah Mars. Sie waren Legenden an ihrer alten High School. Manchmal war es beinahe beängstigend, wie sehr sie sich ähnelten. Und vor allem ihrer Mutter, als sie im selben Alter war. Gerissene Biester!
In diesem Moment klingelte es an der Tür.
„Ich gehe schon.", sagte Dee und hüpfte vergnügt lächelnd an ihrer Mutter vorbei und die Treppe hinunter. Unten angekommen öffnete sie die Tür und quietschte plötzlich laut und fröhlich, als sie die Person vor der Tür erkannte.
Veronica und Ari sahen sich einen kurzen Moment fragend an, verdrehten die Augen und folgten Dee dann die Treppe hinunter.
Am Fuß der Treppe stand ein breit grinsender Wallace Fennel.
„Onkel Wallace!", quietschte nun auch Ari, sprang die letzten Stufen hinunter und umarmte ihn stürmisch.
Nun ging auch Veronica die letzten Stufen hinunter, blieb still stehen und wartete, bis ihre Tochter sich von ihrem Patenonkel löste. Dann imitierte sie ihre Töchter und quietschte „Onkel Wallace!" und umarmte ihn ebenfalls überschwänglich.
Er lachte und umarmte sie ebenfalls herzlich. „Hör auf, du verrücktes Mädchen!", sagte er und ein breites Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
Sie löste sich von ihm. „Es ist schön, dich zu sehen." Dann sah sie ihre Töchter liebevoll an, die vor Freude auf und ab hüpften. „Wie geht es dem Patenonkel meiner bezaubernden Töchter?", fragte sie ihn dann.
„Um es mit einem Wort zu sagen: fan-tas-tisch!" Er lachte. „Und? Wie geht es der Mutter meiner Süßen?"
Sie beiden Mädchen kicherten leise vor sich hin.
„Ganz gut.", sagte sie, seufzte theatralisch und sah ihre Mädchen bedeutungsvoll an.
Nun seufzten auch ihre Töchter theatralisch. „Ist ja schon gut.", murrten sie. „Schon gut! Wir streichen das Zimmer zu Ende und lassen die Erwachsenen allein." Sie grinsten Wallace noch mal an und rannten dann die Treppe hinauf. „Aber uns geht es auch gut.", riefen sie im Gehen. „Danke der Nachfrage."
„Die Farbe gehört an die Wand!", rief Veronica ihnen noch nach, bevor die Tür im oberen Stockwerk krachend ins Schloss fiel. Sie sah Wallace an und verdrehte die Augen. „Hoffentlich werden sie schnell erwachsen."
„Du hast das Gröbste wenigstens schon hinter dir." Er lachte wieder. „Ich hab den ganzen Spaß noch vor mir."
Sie gingen zum Sofa, das noch mit einer Plastikplane bedeckt war, und setzten sich.
„Du musst mir unbedingt alles erzählen, was in den letzten 16 Jahren in Neptune passiert ist.", sagte sie und grinste ihn aufgeregt an. „Wirklich alles." Als sie seinen skeptischen Gesichtsausdruck sah, musste sie lachen. „Ich weiß, dass ich dir mal gesagt habe, dass ich absolut nichts davon wissen will. Aber jetzt muss ich wirklich alles wissen. Das ist sehr wichtig."
Er studierte eindringlich ihren Gesichtsausdruck und nickte schließlich. „Okay. Aber möglicherweise wird dir einiges davon nicht gefallen."
„Egal.", murmelte sie. „Ich muss es wissen."
„In Ordnung." Sein Gesicht war angespannt. „Was weißt du denn bis jetzt?"
Sie seufzte. „Logan und Madison haben geheiratet. Zwei Kinder."
„Nein.", unterbrach er sie. „Das ist so nicht ganz richtig." Er wartete, bis sie ihn ansah. „Es sind drei Kinder."
„Oh." Sie brauchte einen Moment, um diese Information zu verarbeiten. „Okay.", murmelte sie dann.
„Ja. Zwei Mädchen und ein Junge.", meinte er. „Der Junge ist etwa ein Jahr älter als deine Mädchen. Er geht auf die Neptune High."
Sie seufzte und vergrub das Gesicht in den Händen. „Egal." Sie ließ die Hände sinken und sah ihn wieder an. „Ich wollte ja die ganze Wahrheit wissen." Sie versuchte sich an einem Lächeln, das aber nicht ganz ehrlich aussah.
„Das ist aber leider noch nicht alles.", sagte er vorsichtig.
„O-kay." Sie seufzte. „Komm schon! Ich ertrag das schon."
„Nachdem du weg warst, war Logan eine Zeit lang depressiv. Er dachte, dass er dich hätte aufhalten können. Das er es hätte tun müssen! Dass du nur seinetwegen abgehauen bist.", begann er. „Aber Madison war schwanger. Von ihrem kleinen Intermezzo in Aspen." Er wandte de Blick ab, konnte ihr jetzt einfach nicht in die Augen sehen. „Nach der Geburt ihres Sohnes hat er sie geheiratet. Ob aus Liebe oder aus Pflichtbewusstsein ist bis heute nicht geklärt."
„O-kay." Sie nickte. „Und was verschweigst du mir?"
Er lachte und sah sie wieder an. „Die Sache mit Mac.", sagte er schließlich.
„Was ist mit Mac?" Sie war alarmiert und setzte sich kerzengrade hin.
„Sie hat Dick geheiratet.", sagte er schnell, als rechne er damit, dass sie ausrasten würde.
Sie sah ihn schockiert an. „Dick? Dick Casablancas?"
