Ich brauche dringend Übung. Ich habe schon zu lange keine deutsche Geschichte mehr geschrieben, und meine Probleme bei der Wortfindung schmerzen mich tiefer, als sie sollten. Dies ist meine Muttersprache, nicht Englisch. Trotzdem klingt alles, was ich schreibe, als hätte ich es schlecht aus dem Englischen übersetzt. Verdammt. :D
Warnung: Diese Geschichte wird in späteren Kapiteln unter anderem Angst, Traumata, Drogen und mögliche Folter thematisieren. Flüche sind nicht ausgeschlossen. T-Rating aus gutem Grund, meine Lieben! Vielleicht muss ich die Einstufung später in M ändern. Be warned.
Zitat: Jede Sache hat drei Seiten- eine, die ich sehe; eine, die du siehst; und schließlich eine, die wir beide nicht sehen. (Chinesisches Sprichwort)
Kapitel Eins_Irrational
Die Audio-CD kommt mit der Post, und zu dem Zeitpunkt, an dem Sherlock sie in Johns alten CD-Player einlegt (auf keinen Fall kommt das Ding auch nur in die Nähe seines Computers), ist der Umschlag bereits auf dem Weg zur Analyse im Yard-Labor. Die Schrift- elegant, fast weibisch anmutend, teurer Füllfederhalter- und die Qualität des Umschlags- weiß, dick, hohe Qualität- gleichen jenem Brief aufs Haar, in dem das pinke Handy zu ihm fand (ist das wirklich erst wenige Monate her? Es fühlt sich an wie aus einem anderen Leben).
Sherlock hat keinen Zweifel daran, dass die CD bereits einen Umweg über Mycroft gemacht hat (alles geht in diesen Tagen über Mycroft); des Weiteren ist schon von vornherein klar, dass die Nachricht ihm nicht gefallen wird. Trotz der fallenden Temperaturen finden sich mehr „Spaziergänger" als üblich entlang der Baker Street, und selbst John hat bereits angemerkt, dass einige von ihnen verdächtig danach aussehen, als trügen sie kugelsichere Westen und automatische Handfeuerwaffen unter ihren langen dunklen Trenchcoats.
Ich werde mit Mycroft ein paar Takte über Diskretion reden müssen, denkt Sherlock säuerlich (denn natürlich steckt sein Bruder dahinter, Moriarty wäre nie so offensichtlich) und drückt Play.
Eine Viertelstunde später hat er die Nachricht sechs Mal abgespielt. Ein Notizblock liegt neben ihm auf dem Boden in seinem Zimmer, bis zur letzten Seite gefüllt mit Ansätzen und Beobachtungen (und Mordgedanken, Zeile über Zeile, blutiges Detail über blutiges Detail), unlesbar für jeden anderen außer Mycroft und ihm selbst (er ist heimlich stolz auf seine eigene Stenografie). Dennoch hat er kaum etwas, mit dem er wirklich arbeiten kann. Da ist so wenig, die Nachricht so kurz, und er kann sich nicht helfen- jedes Mal, wenn er Moriartys Stimme hört, diesen Singsang, den falschen irischen Akzent, kämpft er mit dem irrationalen Drang, den CD-Spieler gegen die nächste Wand zu hämmern.
John ist unterwegs. Sherlock glaubt zu wissen, dass er zu seiner Schicht im Bart's musste (eines seiner Experimente war in ein kritisches Stadium gelangt und erforderte seine Aufmerksamkeit), aber er ist sich nicht völlig sicher, und der Gedanke an seine eigene Unaufmerksamkeit nagt an ihm. Gerade jetzt, vor allem jetzt musste er wissen, dass John in Sicherheit war. Die ganze Idee, ihr altes Leben vor dem „Pool-Zwischenfall" wieder aufzunehmen, war von vornherein idiotisch gewesen. Sie hätten untertauchen sollen, das Land verlassen, verdeckt ermitteln (und da war es wieder, das kleine Wort sie, dass sein altes ich verdrängt hatte, ohne auch nur Spuren zu hinterlassen). Stattdessen hatte er auf John gehört und sich einlullen lassen von falscher Sicherheit, als auch nach Tagen kein Zeichen von Moriarty oder einem seiner Handlanger aufgetaucht war.
Gleichzeitig ist Sherlock irgendwie erleichtert, dass John nicht hier ist, um die Nachricht zu hören. Natürlich muss er davon erfahren, sein eigenes Leben ist offensichtlich in Gefahr (und ist das in irgendeiner Weise überraschend), aber nicht so, nicht so harsch und plötzlich, nicht wenn er müde ist (erschöpft) und unvorbereitet (aber wann ist man darauf je vorbereitet?). Sherlock wird es ihm sagen, ja, nach einem warmen Abendessen und einer Nacht voll Schlaf und einem langen, ausführlichen Gespräch mit Mycroft und Lestrade. Dann ja. Jetzt? Nein.
Ihrer beider Sicherheitsstufe ist nach dem Abend in der lokalen Schwimmhalle vor drei Monaten hochgestuft worden. Aber Sherlock hat nicht vergessen, wie leicht es für Moriarty war, John mitten von der Straße zu holen (zu stehlen, denkt er mit einem Anflug von Zorn, und niemand stiehlt von ihm und kommt ungestraft davon; niemand). Ein höheres Aufgebot an Sicherheitskräften änderte nichts daran, dass das System nicht unfehlbar war. Wenn überhaupt, bot es einen gewissen Anreiz: Kann man genauso auch an zehn Männern vorbeikommen, fünfzehn, zwanzig? (Sherlock kann.) Kann man die Kameras austricksen, den Alarm umgehen, im Schatten bleiben? (Sherlock macht einen Sport daraus.) Nein. Diese Männer sind wenig Hilfe, und Mycroft weiß das genauso wie Sherlock selbst.
Sie haben jene Nacht überlebt, alle drei, wie jetzt klar ist. Oh ja, sie haben überlebt. Gebrochen und verbrannt und halb ertrunken, nachdem John sie beide in den Pool befördert hat. John, der die volle Wucht der Explosion abgefangen und Sherlock vor dem sicheren Tod bewahrt hat. John, der in dieser Nacht mehr als nur einmal aufgehört hat zu atmen und dessen blutüberströmtes Gesicht Sherlock in seine (plötzlichen, unerwarteten, irrationalen) Albträume verfolgt.
Ich werde dir das Herz aus dem Leib brennen.
Ein Muskel in seinem Kiefer zuckt; es ist das einzige äußere Anzeichen seiner Agitation, der einzige sichtbare Beweis für seine rasenden Gedanken. Er bleibt auf dem Boden liegen und regt sich nicht, starrt mit blanken Augen an die Decke und blendet die Welt um ihn herum für eine Weile aus. Versucht sich an Meditation (nicht, dass irgendetwas seinen Kopf je wirklich leeren könnte, da ist immer eine Stimme, ein Gedanke, ein Geräusch, dass er nicht ausblenden kann, das kann nur John). Er hilft nichts, und schließlich presst er die Handballen in die Augen, rollt sich herum und steht auf. So sehr er es auch hasst, dies zuzugeben- im Moment ist er nicht bei der Sache. Seine Prioritäten liegen woanders (liegen woanders seit exakt fünf Monaten, elf Tagen und drei Stunden, aber nie so klar wie jetzt) und so kann er sich nicht auf seine Notizen konzentrieren. Sein Blackberry liegt verlassen auf dem Bett, und jetzt hebt er es auf und schreibt einen kurzen Text. Die Nummer im Empfängerfeld tippt er aus dem Gedächtnis (er weiß sie auswendig, sie ist so unauslöschbar in seinem Geist verankert wie die Platzierung von Helium im chemischen Periodensystem).
Bist du OK? Wann kann ich mit dir rechnen? –SH
Er sendet die Nachricht und bereut es beinahe sofort- klang das zu offensichtlich, zu unnatürlich? (John soll sich keine Sorgen machen. Nein, das stimmt nicht- John soll sich Sorgen machen, aber nur um Sherlock, niemand anderen, jemals, und klingt das nicht rational und logisch?) Mit einem irritierten Kopfschütteln wendet er sich wieder dem Handy zu. Er will gerade anfangen, eine zweite Nachricht zu tippen- harscher, mehr nach ihm selbst klingend, was immer das heißt- als das Gerät in seinen Fingern vibriert. John war offensichtlich schneller. Der Gedanke bringt ihn zum Lächeln (rational, Sherlock, rational- ach, zum Teufel).
alles gut hier. steck nix in brand bis ich komm. wenn du müde bist warte nicht. um 9 zurück.
Die Hälfte von Sherlocks Gehirn, die nicht nebenher eine Grundanalyse des Wesens der Demokratie durchführt (und ihren Nutzen, wenn Leute wie Mycroft sie manipulieren können wie ein Puppenhaus), arbeitet bereits an den Details aus dieser SMS: John ist im Krankenhaus in seiner Schicht. John hat viel zu tun und ist im Stress (seine Rechtschreibung ist grauenhaft), hat sich aber dennoch die Zeit genommen, ihm sofort zu schreiben (und warum lächelt er schon wieder?). John hat nicht gefragt, warum Sherlock fragt. Wieso nicht? Er hat selbst schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Dadurch bekommt seine scherzhafte Ermahnung- steck nichts in Brand- eine andere Bedeutung. Sherlock mag es nicht, wenn andere ihn ermahnen, vorsichtig zu sein. Er hasst die sinnlose Vergeudung von Zeit und Platz, die diese Worte für ihn darstellen. (Warum sollte er nicht vorsichtig sein, wann genau soll er vorsichtig sein, er ist kein Kind, wollen die Leute ihn paranoid, warum sollten diese Worte etwas an seiner Einstellung ändern?) John bittet ihn trotzdem, aber subtiler, verpackt in leisen Spott (und Sherlock kann das kleine Lächeln in Johns Mundwinkeln fast sehen, es ist seins, seins allein, merkt euch das). Diese Ermahnung hat Hand und Fuß. Mit dieser Anweisung kann er arbeiten.
Gleichzeitig amüsiert und frustriert über seine unangemessene Reaktion dehnt Sherlock seine langen Finger über den Tasten, bevor er langsam und bedacht eine Antwort formuliert.
Natürlich nicht. Das letzte Mal war ein Unfall. Ich bin hier, wenn du kommst. –SH
Johns nächste SMS kommt eine gute halbe Stunde später, wenn die Dämmerung den Abend vor den Fenstern bereits mit einem blauen Schleier überzieht (die Tage werden kürzer, er muss an die Heizung denken). Sherlock arbeitet erneut an einem seiner Experimente- dieses beinhaltete Mrs. Hudsons Gefriertruhe, und er schleicht auf Zehenspitzen durch ihre Wohnung, um es zu holen, bevor sie es findet- aber seine Pläne sind schnell vergessen, als er mit fliegenden Fingern das vibrierende Handy aus der Brusttasche seines Hemdes zieht. Er erwartet einen Bericht von Mycroft über den fragwürdigen Umschlag (er verlangt diesen Bericht, präziser formuliert) und ist beinahe enttäuscht, als er den Namen auf dem Display sieht. (Beinahe. Denn wie könnte er je enttäuscht sein über John?)
Dieser letzte Gedanke hat in der gegebenen Situation etwas beunruhigendes, und er schüttelt ihn unwillig ab.
Ich weiß. Ich bringe Milch mit. ;-)
Ein Smiley. Warum ein Smiley? Und warum, in aller Welt, bringt ihn diese Anspielung auf ihren ständigen Mangel an Milch zum Lächeln? (Es ist nicht so, als wäre die Milch ständig aus. John trinkt sie im Tee, und Sherlock isst sie im Müsli. Ansonsten nutzt er sie für seine Experimente. Milch hat ungemein viele praktische Eigenschaften, und er erforscht sie mit Präzision- oh, na gut, dann haben sie eben nie genug Milch. Tse.)
Noch immer ein wenig verwirrt, holt er seinen tiefgefrorenen Behälter mit Schimmelpilzkulturen aus der Gefriertruhe und zieht sich aus der Erdgeschosswohnung in den ersten Stock zurück. (Es ist nicht der Schimmel, den er vor Mrs. Hudson versteckt. Es ist das Objekt, auf dem der Schimmel wächst.) Zum wiederholten Mal an diesem Tag versucht er, Lestrade zu erreichen, und wieder meldet sich nur die Mailbox. Untypisch, und überaus frustrierend. Er hinterlässt seine siebente SMS an diesem Abend (langsam spiegelt sich seine Unzufriedenheit in seinen Worten, hoffentlich meldet sich Lestrade bald) und ergeht sich anschließend beinahe aggressiv in seinen Studien über die Relationen zwischen Schimmelwachstum und plötzlicher Kälte und die Verbindung zu einem ungeklärten Fall, den der Inspektor ihm vor einigen Tagen anvertraut hat.
Als er das nächste Mal von seinem Mikroskop aufblickt (Eigentum von St. Bart's, er muss die Gravur beizeiten entfernen), hört er John im Hausflur. Ein Blick auf die Uhr bestätigt die fortgeschrittene Stunde (warum ist John zu spät?). Der Geruch nach chinesischem Essen zieht in den Raum, als John die Wohnung betritt. Wenige Augenblicke später steht er in der Küchentür und lächelt sein (sein) leises Lächeln. Er hebt zwei Pappbehälter hoch. „Hey, Meisterdetektiv. Hunger?" (Er nennt ihn jetzt oft so- Meisterdetektiv. Sherlock trägt es mit Fassung.)
Appetit hat er nicht wirklich, aber die Frage war ohnehin eher rhetorisch. (John hat bereits zu Beginn der Woche angekündigt, dass Sherlock die freie Wahl hat zwischen Essen und Zwangsernährung.) Mit einem spielerisch gequälten Seufzen erhebt er sich aus dem Küchenstuhl und lässt sich im Wohnzimmer aufs Sofa fallen, nicht ohne vorher das Gesicht zu einer bemitleidenswerten Grimasse zu verziehen. John gibt sich unbeeindruckt und schaltet den Fernseher ein, und das leise Murmeln und Flackern auf ihren Gesichtern bildet den Hintergrund einer schnell ausartenden Debatte über mehrere mögliche Enden einer Folge von Fringe. (John sagt, Paralleluniversen sind Humbug. Sherlock beißt sich auf die Zunge.) Es ist spät, als sie schließlich das Wohnzimmer verlassen, und draußen vor den Fenstern ist alles schwarz. John zieht die Vorhänge zu, bevor er die Treppe hoch und zu seinem Zimmer geht (immer vorsichtig, immer wachsam). Er hat nicht gefragt, was genau passiert ist. Er vertraut immer darauf, dass Sherlock ihm das Wichtigste von selbst sagt (vorzugsweise bevor irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, aber es ist eben wie es ist). Und natürlich wird Sherlock es ihm sagen. Morgen. Alles nach Plan, alles zu seiner Zeit, gleich morgen früh…
Der Detektiv geht in sein eigenes Zimmer und wirft sich vollständig bekleidet auf dem Bett auf den Rücken. Er hat die Absicht, sein Experiment zu beenden, sobald John eingeschlafen ist (Schimmel ist manchmal so undankbar). Stattdessen fallen ihm selbst die Augen zu und er dämmert langsam weg, eingelullt von den knarzenden Dielen über seinem Kopf und dem Regen auf seiner Fensterscheibe.
Es wird still in 221b.
Weder Lestrade noch Mycroft antworten auf seine Nachrichten. Keiner der beiden schläft heute Nacht.
