Hallöchen! Hier ist das erste Kapitel mit einem Zitat UND einem Song! Oh, und eine Warnung. Ein müder John flucht ein bisschen. Hehe. Übrigens, falls es nicht schon klar ist, diese Story enthält Spoiler für Sherlock BBC, Staffel 1: Das große Spiel, und wahrscheinlich auch die beiden anderen Folgen.
Reviews sind reine Liebe, Leute. Kommt schon. Ich weiß, dass ihr das lest, aber ist es auch lesbar? Ich werde die Geschichte irgendwann ins Englische übersetzen, aber Gott weiß, dass ich diese Übung brauche.
Song: Verraten Von: Kettcar
Zitat: John Watson has rapidly become the unknown, completely unexpected variable who never varies in the universe known as Holmes. (Skyfullofstars: There But For The Grace Of John Watson)
Kapitel Zwei_Fehlinformation
Trotz allem, was bereits geschehen war, hatte er tief im Inneren trotzdem noch geglaubt, er hätte Zeit.
Sherlock erwacht mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch das Fenster auf sein Gesicht fallen. Beinahe aus Gewohnheit lässt er seine Augen zunächst geschlossen und atmet gleichmäßig weiter, während er seine Umgebung analysiert (er hat im Laufe seines nicht gerade ereignisarmen Lebens zu oft negative Erfahrungen gemacht). Er liegt auf einem weichen, nachgiebigen Untergrund: Sofa oder Bett. Die Luft riecht nach Minze (Shampoo) und Staub (Staub): sein Zimmer, ergo sein Bett. Grelles Licht brennt selbst durch seine geschlossenen Lider in seinen Augen: es ist früher morgen (die Sonne ist noch nicht warm) und er hat die Vorhänge nicht zugezogen. Er ist zu Hause.
Noch herrscht Stille in seinem Kopf; sein Gehirn ist noch nicht ganz wach. Er genießt die Ruhe für volle sechs Sekunden, die absolute Ruhe vor dem Sturm, der sein alles erfassender Geist ist. Dann ist ihm langweilig. Blind ertastet er sein Blackberry auf dem Nachttisch und öffnet ein Auge gerade weit genug, um auf das Display zu starren. 0 neue Nachrichten, 0 neue E-Mails. Irritiert öffnet er auch das andere Auge. 0 entgangene Anrufe. Nichts. Die Netzanzeige blinkt ihm beinahe aufdringlich entgegen; er hat vollen Empfang. Wenn etwas in seine Richtung geschickt worden wäre, wäre es jetzt hier.
Weder Lestrade noch Mycroft haben ihm in der Nacht geantwortet. Gut. Wenn sie sich benehmen wollen wie die Kinder, dann spielt er mit. (Er ist gut in diesem Spiel. Er hat Narben als Beweis.)
Er schreibt eine schnelle SMS an John, während seine Gedanken sich bereits wieder um die Nachricht vom Vortag drehen. Offensichtlich Moriartys Werk. Sherlock würde gern an Trittbrettfahrer glauben, aber niemand außer ihnen (John und ich, ich und John, wir) und Lestrade weiß von dem Mann. (Mycroft zählt nicht. Mycroft weiß immer alles.) Dies bedeutet nicht nur, dass einer der gerissensten Verbrecher des neuen Jahrtausends wieder aktiv ist, sondern auch, dass besagtes böses Genie ungemein nachtragend ist. Und er ist immer noch hinter Sherlock her. Hinter Sherlock... Hinter Sherlock?
Deine Lakaien, deine Audienz, dein Spielzeug.
Das bedeutet etwas. Muss etwas bedeuten, auf das er gerade nicht kommt. Er presst sich die Fäuste gegen die Schläfen und versucht die Idee weiterzuverfolgen. Es bringt nichts, Schlaf ist noch zu präsent und er kommt nur langsam in Schwung. Sein Gedankengang wird jäh unterbrochen, als das Handy in seiner Hand vibriert. Gleichzeitig quietschen die Dielen über ihm in leisem Protest. John hat geantwortet.
idiot weißt du wie spät ist
Hmm. Wenig hilfreich. Gedankenverloren tippt Sherlock mit dem Handy gegen sein Kinn und wirft einen kurzen Blick auf den Radiowecker neben dem Bett. 06:22. Eigentlich eine akzeptable Zeit zum Aufstehen, selbst für einen solchen Langschläfer wie John. (Sherlock hat nie ganz verstanden, wie ein Ex-Soldat und Doktor so lange und tief schlafen kann, wenn man ihn lässt. Sollte das frühe Aufstehen nicht inzwischen irgendwie in ihn übergegangen sein?) Vielleicht ist heute Sonntag. John macht irgendeinen Unterschied zwischen Sonntagen und anderen Tagen, auch wenn Sherlock nicht genau nachvollziehen kann, weshalb. (Gesellschaft, Bibel, Ruhetag, Seufzer...) Er stößt einen frustrierten Laut aus und tippt seine Antwort mit mehr Kraftaufwand als unbedingt notwendig.
6:22 morgens. Ich möchte dich darauf hinweisen, dass deiner Nachricht ein Wort fehlt. Triff mich im Wohnzimmer, ich brauche dein Handy.
Er sendet die Nachricht und rollt sich anschließend gemächlich auf den Bauch, das Gesicht ins Kissen und die Hände in die Brust gedrückt. (Oder war das eine rhetorische Frage von John? Nun, er wird es bald herausfinden.) Mit so wenig Bewegungsaufwand wie möglich nutzt er die leichte Schräglage der Matratze (Lagerung von Akten unter dem Bett unzulänglich, bei Gelegenheit überdenken) und lässt sich auf den Boden fallen, wo er einen Moment lang tief durchatmet (schlechte Idee- zu viel Staub) und anschließend ins Wohnzimmer schlurft. Er fühlt sich seltsam, irgendwie unbehaglich, aber das ist kaum verwunderlich. (Er schläft nie während eines Falls. Es bringt ihn irgendwie emotional aus dem Gleichgewicht.) Er baut allerdings fest auf einen baldigen Tee John-Style mit Milch und Zucker und auf die Lösung seines Informationsproblems (Plan B: Benutze Johns Handy, die Leute mögen John). Das Vibrieren des Blackberrys in seiner Hand macht beide Hoffnungen in Sekunden zunichte: Johns Antwort erklärt ihm, grammatikalisch korrekt und mit erstaunlicher Liebe für Details, wie sehr ihn das Aufstehen gerade interessiert (null) und was genau Sherlock jetzt seiner Meinung nach mit sich tun sollte (diese gar lästerlichen Vokabeln speichert Sherlock für spätere Zeiten ab).
Ein wenig verärgert schwingt sich der Detektiv aufs Sofa und lässt die nackten Füße über die Lehne baumeln. John und sein Schlaf sind immer ein irgendwie empfindliches Thema, und er ist schlau genug, dem Mann seine Ruhe zu lassen. Besonders seit der Explosion. Schlaf und genug Schlaf und Ohnmacht-ist-NICHT-das-Gleiche sind ein großes Thema seit der Explosion.
Ich brenne dir das Herz aus der Brust.
Neinneinnein. Böööser Gedanke. John ist doch hier. Genau in diesem Apartment, zweieinhalb Meter über ihm und vier Meter nach links. John geht es gut. John, denkt er mit plötzlichem Herzrasen, ja, John geht es gut.
Ich werde sie dir wegnehmen.
Sie. Nicht Ihn. Nicht Es. Sie. Sherlock wird sehr plözlich und auf unangenehme Weise sehr kalt. Seine Finger sind seltsam steif, als er erneut sein Blackberry hervorzieht und das Nachrichtenmenu öffnet. Für einen Moment verharren sie dort, über den Tasten, unschlüssig wie er selbst. Und dann, um 06:25 morgens auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer, schießt Sherlock alle seine sorgfältig ausgearbeiteten Strategien, ja, sämtliche ihm bekannten Formalitäten in den Wind, wählt eine Nummer und bringt das Gerät in einem plötzlichen Anfall von etwas (groß, dunkel, bedrohlich, nicht im Ansatz logisch) an sein Ohr.
Es wählt. Es klingelt. Jemand hebt ab. Ein Grunzen, schlaftrunken und verärgert und definitiv lebendig. (Bis zu diesem Punkt hatte er sich in dieser Richtung noch gar keine Gedanken gemacht, aber jetzt ist er definitiv erleichtert.)
"Lestrade?"
Die Stille dauert an, dehnt sich zu lang. Sherlock ist zugegebenermaßen kein Experte in Sachen soziale Standards (hocheffizienter Soziopath, danke sehr), aber es sollte nicht so lange dauern, eine einfache Antwort zu formulieren. Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit (und ist das nicht ironisch, wenn er doch theoretisch genau weiß, dass die Pause nur vierunddreißig Sekunden gedauert hat?), dringt die Stimme des Detective Inspectors durch die Leitung.
"Sherlock."
Da ist keine Verärgerung mehr in dieser Stimme, keine Schlaftrunkenheit, aber eine andere Art von Müdigkeit- von Erschöpfung-, die Sherlock nicht genau festmachen kann. (John könnte, denkt er. John kann.) Dies ist nicht die Stimme, die ihn um Hilfe bei einer Ermittlung bittet, die die Fakten besser summieren kann als der ganze Rest von Scotland Yard zusammen, und die aufdringlichen Reportern erklärt, dass sie an dem Fall dran sind (Falsch, aber nicht der Punkt). Diese Stimme (und ja, sie gehört Lestrade, das schon, aber irgendwie nicht zu Lestrade), diese Stimme ist flach und leer und emotionslos. Lestrade ist nie emotionslos, nicht einmal dann, wenn er es sein sollte. Und ganz sicher nicht, wenn er früh am Morgen aus dem Bett geklingelt wird von niemand anderem als dem einzigen beratenden Detektiv der Welt. Aufgebracht, möglicherweise. Besorgt, sicherlich. Grantig, das ja. Aber nicht leer. Es ist, denkt Sherlock mit plötzlicher Bestürzung, als sei der Inspektor unglaublich wütend gewesen, und dann… dann hätte er einfach aufgehört, sich zu kümmern.
Sherlock legt auf. Er legt das Handy auf seiner Brust ab, presst den Kopf in die Sofakissen, holt tief Luft, und... Rennt. Die Treppe hinauf und weiter, gehetzt, getrieben von diesem fremden Etwas in ihm, das ihm so unerklärlicherweise Angst macht, stürzt er durch die Tür und fällt über einen Stuhl. Er landet auf dem Bett, einem schmalen Ding so unähnlich seinem eigenen, und damit unvermeidlich mitten auf John.
Und John, als der Soldat, zu dem er schließlich ausgebildet wurde (all seinen zur Debatte stehenden Schlafgewohnheiten zum Trotz ist er immer noch ein Kämpfer, immer noch wachsam), John springt auf, alle Sinne augenblicklich auf Hochtouren, und landet in Angriffsstellung auf dem Boden neben dem Bett, die Hände zu Fäusten geballt, die Augen wild und scharf. Und es wäre ein unglaubliches Bild, eindrucksvoll und stolz und Respekt einflößend. Leider erinnert sich sein Bein just in diesem Moment daran, dass es eigentlich scheintot ist (es ist schlimmer geworden seit der Explosion, viel schlimmer und nur unmerklich wieder besser, auch wenn er das nie zugeben würde), und er stolpert und fällt und landet hart. Wäre dieser Angriff ein Mordversuch, dann hätte er jetzt ein Problem. Aber es ist kein feindlicher Soldat, kein tödlicher Assassine, es ist nur Sherlock...
"Sherlock?"
Diese Ein-Wort-Frage, diese Zur-Schau-Stellung seines Namens gekleidet in so viele Emotionen (und seien sie auch Verwirrung und Ärger und der plötzliche Schock von nachlassendem Adrenalin), bringen die Hände des Detektivs zum Zittern. Er hockt auf der schmalen Matratze und krallt die Finger in kratzige Wolldecken und steifes Leinentuch, während er verzweifelt versucht, seine Gedanken zu sortieren. Prioritäten. Was sind deine Prioritäten, Sherlock Holmes?
"Welcher Tag ist heute?"
Vielleicht liegt es an seinem Gesichtsausdruck (verwirrt, verängstigt auf eine neue und schmerzhaft essentielle Art, das Haar wild und ungekämmt); vielleicht liegt es an seinem Atem (zu schnell und zu flach), oder seinen Händen in den Laken. Vielleicht liegt es daran, dass John einfach John ist und tut, was John tut. Der Mann erhebt sich, und kein Stolpern verrät die ungeheure Anstrengung hinter der Bewegung. Er legt eine Hand auf Sherlocks Schulter (warm, beruhigend, tröstend) und sieht ihm tief in die Augen (niemand sieht ihm je wirklich ins Gesicht, niemand außer John) und sagt: "Donnerstag. Es ist Donnerstag."
Donnerstag. Ein ganz gewöhnlicher Wochentag, an dem John ausnahmsweise keine Schicht hat. Das Krankenhaus braucht ihn heute nicht, er leitet keine Abteilung; er spielt keinen unersetzlichen Part in der ewigen Parade von Leben und Sterben (auch wenn Sherlock das nie laut sagen würde, so viel Empathie besitzt selbst er). Aber es gibt jemanden, der wichtig ist und geradezu unabdingbar und der an einem gewöhnlichen Donnerstag um halb sieben überall in London sein sollte, überall und nirgens, nur nicht in seinem Bett. Überall, außer genau da, wo er gerade ist.
Gefangen inmitten seiner rasenden Gedanken murmelt er etwas, ein Wort nur, aber John versteht und verschwindet ohne jeden Widerspruch (JohnJohnJohn) und dann ist er schon wieder da und presst etwas in Sherlocks Hand. Er riecht Papier (mindere Qualität), Druckerschwärze und Regen- eine Zeitung. Die Times. Nachrichten.
Detective Inspector Lestrade sollte auf dem Revier sein. Wenn diese Routine bricht, dann läuft irgend etwas fundamental falsch in London. Und wenn etwas in London falsch läuft, dann wissen die Reporter es vor allen anderen. Politik. Wirtschaft. Sport. Lokal.
Scotland Yard In Bedrängnis
Ein anonymer Anruf am gestrigen Abend führte zur vorübergehenden Suspendierung des Forensikers A. aus dem Londoner Polizeirevier...
Nach hitzigen Diskussionen mit einigen Reportern kam es zu Handgreiflichkeiten, resultierend in der Suspendierung weiterer Polizeibeamter, darunter ein gewisser Gregory L., D.I...
Offenbar handelt es sich im ursprünglichen Fall um Ehebruch. Der Hinweis stammt nach Angaben unserer Zeitung von einem Londoner Privatdetektiv...
Sherlock lässt die Zeitung sinken. Das ergibt keinen Sinn. Forensiker A., das ist Anderson, daran besteht kaum ein Zweifel. Ehebruch... die Affäre mit Donovan. Das würde auch die erwähnten "Handgreiflichkeiten" erklären; Donovan hat offensichtlich eine aufbrausende Persönlichkeit. Und natürlich würde Lestrade die Schuld auf sich nehmen und die Strafe absitzen. Vorübergehende Suspendierung, ha. Sobald die Bevölkerung ein neues Thema hat, sind alle wieder im Team. Das Yard kann sich den Verlust seiner wenigen fähigen Mitarbeiter nicht leisten. Nein, das Problem liegt ganz woanders. Londoner Privatdetektiv, denkt Sherlock. Seine Gedanken fließen wie Sirup. Londoner Privatdetektive arbeiten nicht auf diese Weise. Und warum auch? Engagiert von Andersons Frau? Sie ist auf Auslandsreise (oder so erzählen es ihm Donovans Knie). Warum würde ein Privatdetektiv... Ein Privatdetektiv...
Oh. Oh. Natürlich. Brilliant. Schlicht und ergreifend brilliant, und so simpel. Alles, was man brauchte, waren ein paar Fotos (lächerlich leicht zu beschaffen) und ein Anruf aus einer kleinen, anonymen Telefonzelle. Im Namen eines Privatdetektives. In seinem Namen. Es wäre völlig untypisch für Sherlock Holmes, natürlich wäre es das- aber für die Öffentlichkeit? Ein gefundenes Fressen. Lestrade musste natürlich wissen, dass Sherlock mit der Sache nichts zu tun hatte, denn so dämlich konnte nicht mal der D.I. sein. Richtig?
(Der Raum bleibt still, atemlos, vor seinen Augen verschwimmend, und er hat das plötzliche Bedürfnis zu schreien und die Antwort aus ihrem Versteck zu zwingen: Richtig?)
"Sherlock", flüstert John und seine Stimme ist seltsam gepresst. Er hat das Nachtlicht eingeschaltet und den Artikel in Frage überflogen, und seine Augen sind unnachgiebig, als er Sherlocks Blick erwidert. "Sherlock. Schwör mir hier und jetzt, auf alles was dir heilig ist- schwöre auf deinen Verstand und deine Geige, dass du das nicht getan hast."
Er ist sprachlos. Mehr noch, er ist wortlos (ohne Worte, von einem Moment auf den anderen völlig starr und kalt und still und es schmerzt). Alles stoppt. Die Zeit selbst stauchelt, stolpert, pausiert für einen Moment, bevor sie wieder an Fahrt aufnimmt. Sherlock kann nur starren. Nebelgraue Augen und meerblaue Abgründe (tief lichtlos dann ein Funke-). Johns Ausdruck entspannt sich augenblicklich und verliert seine Härte, während die kalte Wut in seinen Mundwinkeln eine andere Qualität annimmt, als sie sich auf ein neues Ziel konzentriert. (Einen Unbekannten, eine neue Variable, jemand den er finden wird und jagen und zur Strecke bringen, denn niemand attackiert Freunde von John Hamish Watson und kommt davon, absolut niemand.) Jetzt sinkt er neben Sherlock auf das Bett und rauft sich durch die kurzen blonden Haare. Sie sitzen Schulter an Schulter. Sherlock mag es nicht, berührt zu werden, aber dies ist anders. Dies ist John. John ist anders. (Dachte er.)
"Es tut mir Leid", sagt der Doktor leise und meint es so (kann dieser Mann lügen? Sherlock glaubt nicht daran), und der größere Mann presst seine Schulter ein wenig fester gegen die seines Freundes. Neues Schweigen setzt ein, aber anderes Schweigen, beredt und warm. (Es ist John-Schweigen. Und John ist niemals still.)
"Natürlich hast du nichts dergleichen getan", fährt er schließlich fort. "Es ist nur so.. so... warum würde denn jemand? Wer würde denn?" Er spricht in Halbsätzen und das sollte Sherlock wirklich mehr stören. Tut es aber nicht. (Wann ist das passiert? Fragt er sich beiläufig, auf einer der unteren Ebenen seines Bewusstseins, denn er denkt niemals nur in eine Richtung und sein Gehirn ist endlich, endlich wach und laufend. Er kommt nicht darauf. Vielleicht war John immer schon die eine große Ausnahme aller seiner Regeln.) Die Fragen, die John stellt, kann er beantworten. Diese Fragen sind einfach. Die Antwort ist es nicht. Sie ist flüchtig wie Londoner Herbstnebel und genau so undurchschaubar und sie macht ihn krank.
"Moriarty natürlich."
John erschrickt nicht, als er den Namen nennt. Er zuckt auch nicht zusammen oder macht große Augen oder knirscht mit den Zähnen. Nein, er nickt, seufzt- einen lang gezogenen, tiefen Seufzer der Ergebenheit in eine unabänderliche Situation-, setzt sich gerader hin, fährt sich noch einmal durchs Haar und ruft Lestrade an.
"Hey. Ja, ich bin's. John. John Watson? Doktor, Sidekick, Saufkumpan? Genau der, mein Freund. Nein, nein warte, hör zu- hör mir zu, Greg- ja. Sicher ist es notwendig, du Idiot. Heute noch. Sicher, einfach- ja, ich weiß, aber du musst- sieh mal, entweder du kommst rüber oder wir tun es. Mein voller Ernst. Nein, Greg- Greg, verdammt noch eins, krieg dich ein. Schlaf noch ein paar Stunden, das kannst du wirklich mal brauchen, und dann..."
Er redet noch eine ganze Weile so weiter, während Sherlock neben ihm sitzt und seine blonden Haare für ihn sortiert (sie stehen wild in alle Richtungen ab, aber Sherlock mag sie so lang, und er mag die Vorstellung von John mit Locken). Irgendwo im Laufe des Telefonats ändert sich der Tonfall, wird rauer und freundschaftlicher, und John lehnt sich ein wenig mehr in Sherlocks Finger und lächelt, während er spricht. Er schafft es tatsächlich, Lestrade zu einem Vier-Augen-Gespräch in 221b zu überreden- eigentlich ein Sechs-Augen-Gespräch, wenn man so pingelig sein will. (Will er nicht.) Erleichterung macht sich breit (und wovor, wovor hatte er Angst?). Sie werden reden, und wenn nichts ganz kollossal schief läuft, klärt sich die ganze Sache schneller als gedacht.
Irgendwie hat Sherlock das nicht ganz unbegründete Gefühl, dass Moriartys Berechnungen nicht stimmen.
Er weiß noch nicht, ob er das als Triumph werten kann.
