A/N: Okay. OKAY. Ich muss ein Geständnis machen. Ich bin offiziell besessen von Sherlock freaking Holmes. (Ich habe den 2009-Film geliebt, davor habe ich nie mit ACD zu tun gehabt. Downey war erfrischend und brilliant. Aber Cumberbatch und Freeman bringen das ganze auf eine völlig neue Ebene. GOTT.) Jedenfalls gibt es eine geniale ff gleich hier: THERE BUT FOR THE GRACE OF JOHN WATSON. Der Schreibstil ist recht gut, es gibt wenig Rechtschreibfehler und Wiederholungen, und der wilde Gebrauch von italics und bold print macht das ganze dynamisch. Aber was ich euch empfehlen kann, ist Kapitel 5. Denn. Diese Geschichte ist. Die beste. Charakterstudie. Die ich bisher hier gefunden habe. Ich werde vermutlich eine Menge davon zitieren müssen. Alle Ehre gebührt skyfullofstars.

Zitat: He does not know that his drivers draw lots to see who has the privilege of driving him that day to the next meeting; he is unaware that his personal bodyguards vie with each other to see who will be posted outside his home that night. He probably is totally unaware that his people would sacrifice their very existence for him, this man who is England, that they would make that sacrifice in a heartbeat, and count it as the greatest honor life could possibly bestow. This, then, is the type of respect he is afforded and this, the loyalty he has engendered. (skyfullofstars: There But For The Grace Of John Watson)


Kapitel Vier_Drohung


Mycroft Holmes steht vor einem Problem.

Er sieht seinen kleinen Bruder (das Leben, das zu beschützen er geschworen hat; den Grundstein seiner Ambitionen)- sieht seinen kleinen Bruder, wie er sich in Dinge einmischt, die zu groß für ihn sind, und weiß nicht, was er dagegen tun kann.

Sherlock hört nicht auf seinen Bruder. Sherlock hört auf niemanden. Er hat seinen eigenen Kopf- er ist die lebende Definition dieser Tatsache- und er hasst es, wenn man ihm sagt, was er tun soll. Und am allerwenigsten will er, dass sich Mycroft in seine Angelegenheiten einmischt.

(Sherlock weiß viele Dinge über Mycroft. Und er vermutet stark- und ganz richtig- dass Mycrofts Position in der Regierung mit ihm zu tun hat. Es ärgert ihn wahnsinnig, dass sie beide mit so ähnlichen Gaben ausgestattet wurden und sich in so verschiedene Richtungen entwickelt haben. Aber das schlimmste an der ganzen Sache, der Ursprung allen Übels ist dies: Mycroft Holmes ist der einzige ihnen beiden bekannte Mensch, dessen Intellekt Sherlocks über ist.)

Doktor John Hamish Watson, Kriegsveterinär, hat Veränderungen in ihre festgefahrene Beziehung gebracht. Wandel ist gut, so sagt der Volksmund, und in diesem Fall ist Mycroft gerne gewillt, dem zuzustimmen. Dr. Watson- John- wirft ein wachsames Auge auf Sherlock, und er wird nicht wegen ungünstiger Umstände wie Blutsverwandtschaft oder seines IQs oder einer gemeinsamen Kindheit von Sherlock abgelehnt. Dank ihm ist der jüngere Holmes zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht mehr auf sich allein gestellt, und das betrifft lange nicht mehr nur simple Notwendigkeiten.

John sorgt nicht nur für warme Mahlzeiten, sondern bringt Sherlock auch zum Essen. Er bringt Sherlock nicht nur ins Bett, sondern wartet auch, bis er eingeschlafen ist. Er folgt Sherlock nicht nur, sondern hält ihm den Rücken frei. Und er lässt Sherlock nicht nur reden, sondern er hört ihm zu.

Sherlock Holmes hat in seinem Leben viele Rollen gespielt. Er war der Junge, der das Periodensystem der Elemente auswendig kannte, bevor er sich die Mühe machte, Division zu verstehen. Er war dieser Typ an der Universität, der nachts in die Labore schlich und Reagenzgläser in die Luft jagte. Er war unheimlich, verrückt und seltsam. Eine für alle Beteiligten schmerzhafte Ära lang war er der Junkie, abwechselnd himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt, qualvoll und destruktiv. Und für viele Jahre- viel zu lang, siebenundzwanzig Jahre zu lang- war er der Freak und der Psychopath.

John Watson ist die erste Person seit seinem Zerwürfnis mit Mycroft, der ihn Mensch sein lässt, und Sherlock weiß nicht mehr genau, wie das geht. Aber er versucht es. Er redet immer noch nicht mit anderen, aber er redet mit John. Er spielt die Geige um vier Uhr morgens, aber er spielt eine Melodie. Er bringt Dinge zur Explosion, aber er räumt danach auf.

Natürlich ändern sich Menschen nicht über Nacht. Manchmal vergisst er Experimente in der Duschwanne. Manchmal sagt er etwas taktloses, harsches, und John erklärt ihm flüsternd, dass das ein bisschen ungut war, und er lacht nur. Manchmal kriecht er in Johns Bett um sich zu wärmen, ohne einen Gedanken an gesellschaftlichen Anstand zu verschwenden, aber er sucht Nähe. Wenn ihm langweilig ist, dann schießt er auf die Wände des Appartments, aber er nimmt keine Drogen mehr. Und immer häufiger kommen sie an den Schauplatz eines Verbrechens- John ein Stück links hinter Sherlock, mit freier Sicht nach vorn und in perfekter Position für einen Schuss- und Sherlock teilt.

(Ob John die Signifikanz dieser Tatsache versteht, kann Mycroft schwer einschätzen, und das fasziniert ihn besonders an 'Sherlocks Doktor'. Aber so ist es. Sherlock Holmes ist ein Mensch, der besitzt- Wissen oder Gegenstände, es spielt keine Rolle. Dass er zur Seite tritt und John nach seiner Meinung fragt, sich Zeit nimmt, zuhört- das ist etwas großes, und Mycroft wundert sich manchmal... aber nein, das gehört nicht hierher.)

Er erinnert Sherlock an seine menschliche Seite. Und das ist gut. Das ist ganz außergewöhnlich und mehr, als sich Mycroft je erhofft hatte. Er ist sich darüber im Klaren, dass diese Beziehung weit mehr als nur ein Leben gerettet hat (nach seinen Berechnungen war John zum Zeitpunkt ihres Zusammentreffens exakt dreiungsechzig Stunden von seinem zweiten Selbstmordversuch entfernt). Und er ist unendlich dankbar für diese Möglichkeit.

Aber.

Wie alles andere im Leben hat auch dies zwei Seiten.

Sherlock hat erkannt, dass er nicht alleine sein muss. Aber darüber muss er zweifellos vergessen, wie es ist, alleine sein zu müssen. Und daraus entwickelt sich eine Angst- eine Angst so mächtig und profund und essentiell, dass sie alles um sich herum in die Tiefe zu reißen droht, bis man glaubt zu ersticken und alle Gedanken ausgewischt werden wie Buchstaben an einer Tafel. (Mycroft Holmes kennt diese Angst. Oh, er kennt sie gut.) Aber dennoch kann man nicht aufgeben, denn das wäre noch schlimmer, als mit ihr zu leben.

John Watson hat Sherlock Holmes etwas gegeben, das man verlieren kann.

Und Sherlock hat genug Mörder gefasst und genug Schrecken gesehen, um zu wissen, dass es nur weniger Sekunden bedarf, um ein Leben zu zerstören. Diese Information war nur bisher nicht wichtig für ihn. Jetzt ist sie es. Und bedingt durch einen simplen Zufall, der seiner Mutter nicht einen, sondern zwei Söhne geschenkt hat, ist sie nun auch wichtig für Mycroft.

Der Ringfinger seiner rechten Hand tippt ein abruptes Stakkato auf der Mahagoniplatte seines Schreibtisches. (Es ist die einzige sichtbare nervöse Angewohnheit, die Mycroft Holmes hat. Er hat sie sich selbst beigebracht, als er nach Oxford ging. Pausenloses Stillsitzen erregt zu viel Aufmerksamkeit. Jetzt ist sie habituell, und es fasziniert ihn, wie sie sich in sein Leben einschleicht, also lässt er seine Finger machen.) Anthea blickt von ihrem Platz neben der Bürotür auf und wirft ihm einen fragenden Blick zu, den er mit einem leisen Heben der Mundwinkel erwidert. Beruhigt wendet sie sich wieder ihrem Computer zu.

(Heute ist ihr Geburtstag, aber natürlich behält sie ihre gewohnte Routine bei. Die Tatsache, unter diesem Mann arbeiten zu dürfen- sein Vertrauen zu besitzen- reicht ihr vollkommen, auch wenn sie ihr früheres Leben dafür aufgeben musste. Mycroft weiß natürlich Bescheid über das heutige Datum, aber er sagt nichts. Auch er wahrt seine Professionalität. Und wenn sich heute Nacht ein Stück gedeckten Apfelkuchens und eine schlichte silberne Halskette auf ihrem Küchentisch finden- nun, es passieren seltsamere Dinge zwischen Himmel und Erde.)

Das helle Klingeln seines iPhone 6 durchbricht das Klappern ihrer Tastatur und kündigt eine neue Kurznachricht an. Das Gerät befindet sich noch in der Testphase, und Mycroft liebt sein Blackberry heiß und innig, aber er respektiert einen Entwicklungsfortschritt, wenn er ihn sieht. "Nummer überprüfen", sagt er in die folgende Stille und öffnet das Mailprogramm auf seinem Computer. Anthea ist für seine Termine zuständig, aber es schadet nie, einen eigenen Blick auf alles zu werfen.

"Nummer unbekannt", meldet eine synthetische Frauenstimme. Er runzelt die Stirn- diese Nummer haben nur seine engsten Kontakte- aber einige der E-Mails fordern seine Aufmerksamkeit. Der Innenminister bittet um die Bestätigung der aktuellen Budgetpläne, und der Premierminister läd ihn zum Tee in seinem Landhäuschen ein. Ein netter Nachmittag mit der Familie, heißt es. Mycroft nippt an seinem Kaffee (frisch gebrüht, Süßstoff statt Zucker, fettarme Milch- er muss der Küche danken) und wendet seine Aufmerksamkeit dem iPhone zu.

"Frag doch bitte Henson nach den Budgetplänen. Und streiche meine Termine am nächsten Samstag, ich bin beim Tee." Er öffnet das Nachrichtenmenu und seine entspannte Miene macht unwilligem Stirnrunzeln Platz, dann blankem Erstaunen, und schließlich stahlharter, kontrollierter Wut.

Er erhebt sich aus seinem Bürostuhl, und Anthea folgt automatisch seinem Beispiel, bevor sie überhaupt aufgesehen hat.

"Gehen wir aus, Sir?" fragt sie und blickt von ihrem Blackberry auf. Er atmet tief durch und erlaubt ihr, ihm in seinen Mantel zu helfen. (Ihre Beziehung ist seit vielen Jahren nicht mehr platonisch. In der Welt mag er die englische Regierung repräsentieren, aber hier in diesem Büro sind sie beide nur zwei Freunde, die versuchen, sich gegenseitig den Tag ein wenig schöner zu machen. In diesem Büro sind sie einfach nur Menschen.) "Nein, unglücklicherweise erfordert etwas meine direkte Aufmerksamkeit. Ich habe eine neue Drohung erhalten." Er knöpft den Mantel zu und nimmt seinen Regenschirm aus dem Schirmständer.

Anthea hält inne. Sie will etwas sagen, aber ist sich nicht sicher, ob sie sollte. Mycroft bleibt in der Tür stehen und sieht sie abwartend an, bis sie lächelt, aber ihr Gesichtsausdruck bleibt besorgt. "Sir. Wie werden Sie sich entscheiden?"

"Richtig, hoffe ich", sagt er und erlaubt einem kleinen Seufzer, sich in seine Stimme zu schleichen. Sie drückt seinen Arm, eine simple Geste der Zuneigung (ich bin mir sicher), und er hebt leise die Mundwinkel. Dann nickt er ihr ein letztes Mal zu und verlässt das Büro.

Richtig für England oder richtig für Sherlock? fragt sich die Frau, deren Name nicht Anthea ist, unwillkürlich. Aber der Gedanke bleibt nur für einen Moment. Sie hat vollstes Vertrauen darauf, dass Mycroft Holmes in der Lage ist, seine beiden Lebensaufgaben unter einen Hut zu bringen. Sie wendet sich wieder den Terminen zu, arrangiert den Samstag um und sagt das Treffen mit der russischen Delegation am heutigen Abend vorsorglich ab. Dann ruft sie Agent Louis Henson an, um nach den geforderten Plänen für den Minister zu fragen.

Doch in der unteren Ecke ihres Computerbildschirms befindet sich ein Fenster. Es zeigt Ausschnitte einer Stadtkarte von London, und in seiner Mitte blinkt ein kleines rotes Licht, dass sich langsam nach Norden bewegt.
Anthea mag nicht in jeder Sekunde ihres Lebens bei Mycroft sein können, aber sie wird einen Teufel tun, ihn deswegen aus den Augen zu verlieren.