Ich schätze, es ist Zeit für eine Haftungsausschlussklausel. (Japp. Das bedeutet Disclamer auf deutsch. Mh-hm.) Also bitte: Sherlock, John, Mycroft, Lestrade, Moriarty und der ganze Rest sind geistiges Eigentum von Arthur Conan Doyle. Ihre modernen Erben sind Eigentum von BBC (Moffat/Gatiss). Aber ich habe mir gestern Abend die DVD-Box bestellt. BALD SIND SIE MEIN. Ähemm. Ich nix verdienen mit dieses Geschicht. Dankeviel.
Uiuiui. Endlich mal ein längeres Kapitel. :) Die Handlung kommt in Schwung!

Zitat: "I'm the closest thing to a friend that Sherlock Holmes is capable of having." - "What's that?" - "An enemy." (A Study In Pink)


Kapitel Fünf_Mycroft


John starrt ungläubig in den Kühlschrank, unfähig, zu verstehen, was er sieht. Für ein paar lange Augenblicke steht er einfach nur da und atmet, tief und kontrolliert, durch die Nase ein und aus. Dann schließt er den Kühlschrank, kneift die Augen zu und wartet. Vielleicht irrt er sich. Vielleicht schaut er nicht genau genug. Vielleicht wird er nicht verrückt. Nach exakt fünf Sekunden hat er sich wieder weit genug unter Kontrolle, um die Metalltür erneut zu öffnen.

Mit dem gleichen Ergebnis.

Im Kühlschrank finden sich zum gegebenen Zeitpunkt: Eine halb volle Flasche Orangensaft; eine Flasche Apfelsaft; eine Flasche Champagner; ein Glas saure Gurken; eine Packung Käse in Scheiben; zwei Dosen helles Bier; eine angebrochene Dose ungezuckerter Ananas; eine geöffnete Tüte Aufbackbrötchen; eine rote Paprika; eine Packung Margarine (Inhalt fragwürdig); und ein Glas Kirschen (Inhalt leider eindeutig).

Im Kühlschrank findet sich zum gegebenen Zeitpunkt nicht: Milch.

Johns Blick fällt auf die halb volle Teetasse in seiner Hand, aber er sieht sie nicht. In Gedanken geht er die letzten Tage noch einmal durch: am Mittwoch, vor fast zwei Tagen, ging er auf dem Heimweg nach seiner Schicht im St. Bart's noch zu Tesco und brachte neben diversen anderen Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen auch fünf Flaschen Milch mit. Er weiß, dass vier dieser fünf Flaschen Milch gestern Abend noch da waren. Er weiß es. Und jetzt, nur wenige Stunden später, sind sie verschwunden. Nicht einmal leere Flaschen sind zu sehen. Als hätte es sie nie gegeben.

Er ruft nicht nach Sherlock. Er weiß es mittlerweile besser. Es ist schließlich nicht dass erste Mal, dass die Milch auf mysteriöse Weise ihr Ende findet. (John weiß bislang nicht, ob sein Mitbewohner sie für Experimente benutzt oder ob er tatsächlich ein Milch-Junkie ist. Eines Tages wird er der Sache auf den Grund gehen müssen, aber er fühlt sich noch nicht bereit dafür. Alles ist möglich. Es kann sein, dass Sherlock die Milch einfach in den Ausguss schüttet, um John zu ärgern. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann er keine Möglichkeit ausschließen, und der Gedanke stimmt ihn seltsam melancholisch. Resigniert, entscheidet er.)

Der gegebene Sachverhalt bleibt allerdings bestehen, und John muss sich jetzt entscheiden: Entweder trinkt er seinen Tee heute ohne Milch, oder er tut, was ein Mann tun muss.

"Sherlock, ich gehe zu Tesco. Brauchst du irgendwas?"

Sherlock erscheint in der Tür, lautlos wie ein Geist. Er bewegt sich wie eine Katze, wenn ihm danach ist, ohne Spuren zu hinterlassen und ohne jedes Geräusch. Jetzt wirft er John einen Blick zu- es ist einer dieser Momente, in denen er versucht scheint, etwas bestimmtes zu sagen, etwas spontanes, nicht logisches, Etwas- und dann blinzeln beide, und der Augenblick ist vorüber. (Augenblicke wie dieser häufen sich in letzter Zeit, und ehrlich gesagt machen sie John Angst.) Aber er grinst ein echtes, freundschaftliches Grinsen, und das an sich ist ein Zugeständnis, das John nicht entgeht. "Oh ja. Einiges. Aber das könntest du dir ohnehin nicht merken."

John runzelt irritiert die Stirn, aber ignoriert den Seitenhieb auf seine Intelligenz mit der Haltung eines Mannes, der Schlimmeres gewohnt ist. "Du könntest es aufschreiben, weißt du."

Und Sherlock wedelt ungeduldig mit der Hand und rollt die Augen, als gäbe es wenig Absurderes als diesen Vorschlag. "John. Bitte. Es ist um einiges einfacher, und auf lange Sicht logischer, wenn ich dich selbst begleite."

Nun ist John Watson kein Genie wie Sherlock Holmes oder Jim Moriarty. Aber er war für lange Jahre Soldat (und hat überlebt), und er ist bis heute ein guter Doktor (und hat durchgehalten), und er hätte beides kaum schaffen können, wenn er nicht eine schnelle Auffassungsgabe hätte. Er hat viele Gaben, aber vor allen anderen Menschenkenntnis, unser Doktor. Und darum sieht er auf einen Blick, was Sherlock (in all seiner Brillianz ist er auf manchen Themengebieten hoffnungslos verloren) nicht in tausend Worten sagen könnte: Du allein da draußen, und ich allein hier drinnen, das macht mir Angst, John.

"Gut", sagt er leise. "Gehen wir zusammen."

Der Weg zu Tesco würde absolut ereignislos und langweilig verlaufen, wenn nicht genau diese Tatsache John nervös machte. Er hat ein unbestimmtes, aber ungutes Gefühl, und normalerweise kann er sich auf sein Gefühl verlassen. Immer wieder sieht er sich über die Schulter um, und es geht sogar so weit, dass Sherlock ihn ermahnt, sich weniger auffällig zu verhalten. John kann selber nicht sagen, wo das Problem liegt- er sieht absolut nichts. Ihnen begegnen an einem gewöhnlichen Freitag Vormittag nur wenige Menschen, und niemand sieht auch nur im Ansatz verdächtig, gefährlich oder gar ihnen bekannt aus. Es dauert eine ganze Weile- sie stehen in Tesco an der Kasse, beladen mit Massen an Tüten, und Sherlock zahlt tatsächlich für die Einkäufe- bis ihm plötzlich klar wird, wo der Fehler liegt. Wo er die ganze Zeit lag. Es ist nicht so, als wäre jemand hier, der hier nicht sein sollte. Ganz im Gegenteil. Jemand fehlt, den sie sehen sollten.

Mycrofts Leute sind von der Straße verschwunden.

Sherlock sagt nichts, aber natürlich hatte er den Sachverhalt schon nach drei Schritten vollständig analysiert (der Bastard). Sie beeilen sich auf dem Rückweg, balancieren irgendwie vier Tüten und zwei kleine Kartons von zum Teil äußerst fragwürdigem Inhalt zwischen sich und geben sich vertieft in eine Diskussion über den möglichen Nutzen eines Handstaubsaugers (Sherlock ist fest vom Sinn einer solchen Investition überzeugt, und das allein gibt John schon sehr zu denken), als ein Taxi neben ihnen hält. Beide Männer halten sofort inne, alle Sinne auf Hochtouren, und Johns linke Hand bewegt sich instinktiv in Richtung seiner Waffe, die unter dem Pullover in seinem Gürtel steckt. Seit ihrem ersten gemeinsamen Fall stehen sie auffälligen Taxifahrern mit mehr als nur einem Hauch Misstrauen gegenüber, und sie machen sich keinerlei Illusionen über Moriartys Ressourcen. Johns Blick rast die Gehwege entlang, während er mögliche Fluchtwege analysiert, und Sherlock hält instinktiv den Atem an, als sich die Fahrgasttür öffnet-

und Mycroft heraustritt.

Das an sich verleiht dem Tag eine neue Note auf der Skala von Eins bis Unglaublich. Aber dass Mycroft John eine Einkaufstüte abnimmt, vorangeht und über die Schulter ruft: "Also, wo waren wir?", das hat noch eine ganz andere Qualität. Das ist neu und auf eine subtile Art falsch, so wie es falsch ist, einen Rockstar im Supermarkt zu treffen. Manche Menschen gehören einfach nicht an normale, öffentliche Orte, wo sie normale, öffentliche Dinge tun. Manche Menschen sollten einen Regenschirm halten oder eine Waffe oder eine Gitarre, aber keine Einkaufstüten. Aber wir haben ja bereits geklärt, dass John Menschenkenntnis hat- gerade genug, und darum kann er eins und eins zusammenzählen und spielt das Spiel mit. (Ihm ist außerdem nicht entgangen, dass er dank Mycroft jetzt seine Schusshand frei hat.) Sherlock wiederum ist zwar brilliant und daher geistig schon drei Schritte weiter, hat aber die soziale Grazie eines Elefanten, und darum spricht er das kritische Thema offen mitten auf der Straße an. Er senkt nicht einmal die Stimme.

"Etwas ist vorgefallen. Etwas unerwartetes."

Mycroft nickt, gedankenverloren lächelnd, als redeten sie über das für Oktober ungewöhnlich schöne Wetter. Aber da ist ein harter Zug um seinen Mund, der auch John nicht entgeht. "Jemand hat meinen Fahrer umgebracht", sagt er in beschwingt. "Ich musste ein Taxi nehmen. Sehr unpraktisch. Wirklich, außerordentlich unpraktisch zum gegebenen Zeitpunkt."

Eine seltsame Kälte scheint von ihnen allen Besitz zu ergreifen, und sie hat nichts zu tun mit dem auffrischenden Oktoberwind. Ohne weitere Worte zu wechseln, beschleunigen sie ihre Schritte, bis sie vor der Tür zu Hausnummer 221 stehen. John schließt die Tür auf und scheucht alle nach drinnen, bevor er selbst hineingeht. Er schließt dreimal ab und legt die Kette vor, bevor er sich umdreht.

"Mrs. Hudson?" ruft er in Richtung von 221a, während er die siebzehn Stufen zu Appartment b erklimmt und seine Jacke an die Garderobe hängt. Sherlock hat bereits die Tür zu ihrer Wohnung aufgeschlossen und bringt gerade seine Einkäufe in die Küche, gefolgt von einem ungewöhnlich schweigsamen Mycroft. Die Schuhe der beiden Brüder stehen bereits unter den Garderobenhaken- Sherlocks halb übereinander, Mycrofts sorgsam geordnet und blank, der berühmte schwarze Regenschirm neben ihnen an die Wand gelehnt. Erst jetzt schwant John, wie ernst die Situation sein muss. Mycroft zieht seine Schuhe niemals aus, wenn er kommt, weil er niemals lange bleibt. Und er legt seinen Regenschirm nicht aus der Hand. Es ist eine Art Naturgesetz, wie funktionierende Photosynthese und die Tatsache, dass Regen nach unten fällt. Ein Bruch dieser Gesetzmäßigkeiten hat möglicherweise fatale Folgen für die Welt, wie er sie kennt. Schon wieder. John weiß nicht, ob er jetzt schon wieder damit umgehen kann.

Er wird aus seinen Gedanken gerissen, als sich unter ihm eine Tür öffnet. Mrs. Hudson erscheint am Fuß der Treppe, eine blütenweiße Schürze umgeschlungen und das Haar in einem wirren Knoten zurückgebunden.

"John, mein Junge, schön, dass ihr zurück seid!" Sie winkt ihm mit einem hölzernen Kochlöffel zu und er kommt ihr die Treppe hinunter entgegen. Die Einkäufe in dieser Tüte sind für sie. Bereits gestern haben er und Sherlock einvernehmlich darum gebeten, dass sie das Haus nur noch in Notfällen verlässt und Fremden nicht mehr die Tür öffnet. Die ältliche Frau schalt sie beide für ihre "Überfürsorglichkeit", aber bisher hat sie sich daran gehalten. Sherlock bittet selten genug um etwas, und ob er es mag oder nicht- jeder Blinde kann sehen, dass ihn mehr mit seiner Haushälterin verbindet als nur die Miete. Sie ist wie eine Mutter für ihn, und sie geht in ihrer Rolle geradezu auf.

Moriarty ist nicht blind.

"Ach, danke dir, Liebes." Sie nimmt ihm die Tüte ab, unbeeindruckt von seinen Protesten, und schenkt ihm stattdessen ein warmes Lächeln. (Aus irgendeinem Grund klingt es weder abwertend noch unangenehm, wenn Mrs. Hudson ihn Junge oder Liebes nennt. Es klingt nur liebevoll. John fragt sich im Stillen oft, ob es so ist, eine lebende Großmutter zu haben. Oder eine sich kümmernde Mutter. An diesem Punkt bricht er den Gedanken jedes Mal ab und beißt sich auf die Zunge.) "Das ist so lieb von euch. Ich habe viel zu viel Suppe gekocht, wollt ihr mir nicht beim Essen helfen?" Sie zwinkert ihm zu, als er ihr den Gang hinunter in ihre kleine, sortierte Wohnung folgt. "Nur dieses eine Mal, natürlich. Ich bin eure Vermieterin, nicht eure Haushaltshilfe."

Er lacht pflichtschuldig und bezieht in der Küchentür Aufstellung, während sie dampfende Suppe in eine große Terrine füllt. 221a ist ähnlich geschnitten wie 221b, aber diese Wohnung ist voller Holzelemente und heller Tapeten und alter Möbel, die tatsächlich zusammenpassen. Es ist sehr aufgeräumt und hell, und John fühlt sich trotz des Londoner Wetters vor den Fenstern jedes Mal aufs Neue an seine Zeit in der Armee erinnert, an die spartanischen Räumlichkeiten, denen die Soldaten Leben eingehaucht haben. Der Geruch ist natürlich anders, statt Sand und Metall riecht es hier nach Politur und Essen und ein wenig nach Staub (und er nimmt sich vor, dieser besonderen Lady in der nahen Zukunft beim Staubwischen zur Hand zu gehen). Dennoch ist er absurderweise erleichtert, als sie ihm die Terrine in die Hand drückt und ihn hinausscheucht.

Er würde ihr danken, aber davon will sie nichts wissen. "Wollen Sie später zum Tee nach oben kommen?" fragt er stattdessen, schon halb auf der Treppe. "Mycroft ist hier. Es wäre sicher nett." (Mrs. Hudson hat einen regelrechten Narren an Mycroft gefressen. Sherlock behauptet, es hinge mit seinen feinen britischen Manieren zusammen und er solle sich nicht so anbiedern. Die ältere Dame selbst sagte John einmal im Vertrauen, dass Mycroft immer aussieht, als müsste ihn jemand aufheitern. Der Gedanke stimmt John regelmäßig traurig, und er versucht verschämt, nicht so genau hinzusehen.)

Ihr Gesicht leuchtet augenblicklich auf. "Oh, das wäre reizend. Wenn ich alte Frau euch Jungspunden nicht zur Last falle." Sie zwinkert ihm erneut zu, und kleine Grübchen um ihre Mundwinkel verraten ihr verstecktes Lachen und lassen sie jünger aussehen. Er grinst nur, diesmal ehrlich und seltsam befreit, und geht nach oben. Mrs. Hudson hat diese Wirkung auf Menschen.

Die Tür steht noch offen, und er schließt sie mit dem Fuß, bevor er die Terrine in die Küche bringt. Die Boxen sind irgendwo in den Untiefen von Sherlocks Zimmer verschwunden, aber alle drei Einkaufstüten stehen auf der Küchentheke aufgereiht und warten darauf, von ihm ausgepackt zu werden. Mit einem Seufzer lässt er sie stehen. Das kann bis später warten.

Sherlock und Mycroft sitzen im Wohnzimmer, aber keiner von beiden spricht. Sherlock poliert scheinbar gedankenverloren seinen Geigenbogen, aber sein Blick flackert von Zeit zu Zeit zum Gesicht seines Bruders. Es ist der ältere Holmes, der regungslos aus dem Fenster starrt. Für einen Moment ist sich John nicht einmal sicher, ob er noch atmet, so statuengleich und still ist er. Dann, als hätte er seine Gedanken gelesen, holt Mycroft tief Luft und wendet sein Gesicht von seiner Spiegelung in der Scheibe ab.

"Du bleibst", sagt John. Es ist nicht, was er sagen wollte. Es ist keine Begrüßung und keine Feststellung und keine Frage, und es ist auch kein Befehl; es ist nicht einmal ein anständiger Satz. Aber er sagt es trotzdem. Mycroft sieht ihn jetzt direkt an, eine Augenbraue gehoben, und Sherlocks Gesicht ist ein Spiegelbild dessen, und sie sind sich in diesem Moment so ähnlich, dass John sie packen und kräftig schütteln möchte- seht ihr das nicht? Ihr gehört nebeneinander, ihr sturen Kindsköpfe. Stattdessen seufzt er und lässt sich schwer in seinen Sessel fallen. "Sherlock schläft ohnehin nur auf dem Sofa, also kannst du genauso gut sein Bett haben. Wenn du überhaupt schläfst. Schläft in eurer Famile irgendjemand? Ist das genetisch bedingt? Gott." Er fährt sich durch die Haare und lehnt den Kopf zurück. Weder Sherlock noch Mycroft antworten ihm, aber beide heben simultan ihre andere Augenbraue, und John muss an sich halten, um nicht in hysterisches Gelächter auszubrechen. "Später", presst er heraus. "Reden wir über wichtigere Dinge. Dein Fahrer wurde umgebracht."

Ein Schatten fliegt über Mycrofts Gesicht, für einen Sekundenbruchteil nur zucken seine Mundwinkel nach unten, dann ist seine gleichgültige Miene zurück. Es ehrt John, dass es ihm gestattet ist, kleine Blicke hinter diese so sorgsam aufgebauten Fassaden zu werfen- dass diese der Welt verschlossenen Männer ausgerechnet ihm genug vertrauen, um ihre Masken in seiner Gegenwart fallen zu lassen. Es jagt ihm außerdem eine Heidenangst ein.

Was Mycroft Holmes schließlich sagt, ist Folgendes: "Das sind die Fakten, ja. Ich nahm ein Taxi, um so schnell wie möglich herzukommen. Ich habe eine Drohung erhalten."

(Was Mycroft Holmes denkt, ist Folgendes: "Ich kam aus dem Bürogebäude, und der Wagen wartete schon vor der Tür. Natürlich wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Zum einen stand er genau außerhalb der Reichweite der Überwachungskamera; zum anderen war mir der Mann, der die Tür aufhielt, völlig fremd. Für mich arbeiten keine Fremden. Dann ist da noch die Tatsache, dass jener Mann Blutspritzer auf dem Mantel hatte; offenbar verließ er sich darauf, dass sie auf dem schwarzen Stoff nicht auffallen würden. Der Kofferraum war vor Kurzem aufgebrochen und wieder geschlossen worden, und der Mann stank geradezu nach Chloroform. Ich habe ihn keines Blickes gewürdigt und mir sofort ein Taxi gerufen, den Fahrer bestochen und bin auf direktem Wege hierhergefahren. Der Wagen ist mir gefolgt. Er steht unten vor dem Haus, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Drohung von heute morgen ist nicht die Erste, aber ich werde euch weder von den anderen Nachrichten erzählen, noch euch den genauen Wortlaut dieser SMS verraten. Es ist zu eurem eigenen Besten, auch wenn ihr das nicht versteht."

Was Mycroft Holmes niemals sagen wird, ist Folgendes: "Heute war Linus Meyers als mein Chauffeur eingetragen. Ich kenne ihn gut. Er arbeitet seit fünf Jahren und sieben Monaten für mich, und er hat gerade seinen dreiundvierzigsten Geburtstag gefeiert. Seine Frau, Rita, und seine beiden Zwillinge glauben, er arbeite als Fahrer irgendeines langweiligen, namenlosen Politikers, und er lässt sie in diesem Glauben, weil er loyal ist. Man wird ihnen erzählen, dass er in einem Verkehrsunfall umgekommen ist. Wir haben noch keine Leiche, aber es ist nur eine Frage der Zeit, und wenn es so weit ist, werde ich sie identifizieren. Das bin ich ihm schuldig. Er war ein guter Mitarbeiter, und er war ein guter Mensch, und ich fühle mich für seinen Tod verantwortlich. Der Wortlaut der letzten SMS, die ich bekommen habe, ist erschreckend ähnlich dem Wortlaut in der Nachricht, die du bekommen hast, Sherlock- und es irritiert mich, dass ich nicht weiß, wer von uns beiden in größerer Gefahr ist. Aber Meyers ist tot, und Watson lebt, und was sagt uns das? Ja, ich weiß, du hast deinen eigenen Kopf. Wenn ich könnte, würde ich dich einschließen und dich nie mehr nach draußen lassen in diese Welt, die gute Menschen zermalmt und ausspuckt wie Dreck. Aber das kann ich nicht. Und eines Tages werde ich deinen toten Körper identifizieren müssen, und es wird so sein, als wäre ich selbst gestorben, und davor habe ich Angst.")

Was John Watson hört, ist Folgendes: "Mein Tag war schrecklich, und er ist im Begriff, noch schlimmer zu werden. Ich bin hier, weil ich sonst nirgendwo hinkann, und weil ich mich um meinen Bruder sorge, aber das werde ich euch nicht sagen. Und eigentlich bräuchte ich jetzt ein paar Minuten für mich. Aber ich bin ein Holmes, und ich bin die Britische Regierung, und ich werde mich zusammenreißen." Was er sagt, ist: "Ich mache uns erst einmal einen Tee, und dann sehen wir weiter."

Was Sherlock Holmes hört, ist Folgendes: "Das sind die paar Fakten, die ich euch im Moment zu geben gewillt bin. Der Tod meines Untergebenen geht mir nahe, und ich habe auf Impuls gehandelt und spontan ein Taxi genommen, was leicht böse hätte ausgehen können, denn die Ressourcen Moriartys reichen weit. Warum also das Risiko eingehen? Ich mache mir Sorgen um dich, Sherlock, und darum bin ich gekommen, um nach dir zu sehen. Außerdem habe ich zum wiederholten Male Drohungen erhalten, und es wird Zeit, dass du davon erfährst und verstehst, warum ich auf deine Nachrichten der vergangenen Tage nicht reagiert habe. Übrigens, du bist ein Idiot und benimmst dich wie ein kleines Kind. Reiß dich zusammen. Wir stehen auf der selben Seite, und ich brauche dich jetzt." Was er sagt, ist: "Schön und gut, aber was genau willst du von uns?"

Sein Bruder lehnt sich zurück und legt die Fingerspitzen unter dem Kinn zusammen, während er nach oben starrt, als sei die Antwort auf all seiner Fragen an der Decke niedergeschrieben. Er atmet tief ein und langsam wieder aus. Dann senkt er den Blick, bis seine grauen Augen auf die Sherlocks treffen, und lächelt eines seiner berühmten, schiefen So ist das Leben- Lächeln.

"Ich bin hier, um dir mitzuteilen, dass ich mich gezwungen sehe, Plan Fünf Sieben Drei zu aktivieren. Ich bin hier, um Auf Wiedersehen zu sagen, Sherlock."