A/N: Ich vernachlässige alle meine anderen Stories wegen dieser. Und ich kann nichts dagegen tun. Es ist SUCHT.
Und GOTT. Gerade blättere ich durch Stories und sehe, dass ich einen Kommi habe. Ich habe fast geweint. Dankedankedanke. Ich dachte vorher nicht, dass es so wichtig ist, aber es hilft wirklich zu wissen, dass jemand da draußen die Story liest und mag. :)
Dieses Kapitel bereitet mir Kopfschmerzen. Feedback wäre der Hammer. *Wink mit dem Zaunpfahl*
Zitat: Alle deine Probleme beginnen an dem Tag, an dem du die Menschen an deiner Seite für eine Selbstverständlichkeit hältst.
Kapitel Sechs_Feuer
Zu Beginn war Sherlock ganz ruhig geblieben. Gut, er hatte vehement den Kopf geschüttelt und die Stirn gerunzelt, als sei die Idee nichts weiter als das- eine dumme kleine Idee von einem dummen kleinen Menschen. Er hatte die Augen gerollt und mit der Zunge geschnalzt und versucht, das Ganze abzutun. Aber weil sein Gegenüber Mycroft war, und nicht irgendwer, blieb er unbeeindruckt, und das regte Sherlock auf. Und dann wurde es laut.
Sherlock hatte protestiert, zunächst irritiert, dann wütend. Er hatte versucht, zu verhandeln, dann eine Diskussion gestartet, beides ohne ein Wort aus dem älteren Holmes herauszulocken. Er hatte sich geweigert, bei Plan 573 mitzumachen, und war energisch gescholten worden; er hatte aufbegehrt, auf beinahe kindische Weise, und wurde wie ein Kind zurechtgewiesen. Er flüsterte, knurrte und schrie, tobte, fluchte und warf Bücher und Sofakissen gegen Wände- ohne jeden Erfolg. Zu guter Letzt hatte er Mycroft gebeten, es sich zu überlegen, und das war der Punkt, an dem John den Raum verlassen hatte. Sherlock flehend, das war ein Anblick, der nicht für seine Augen bestimmt war. Mycrofts Mundwinkel zuckten erneut nach unten, aber er blieb eisern. Die Entscheidung stand, sagte er fest, und er war nicht für eine Debatte gekommen, sondern für eine Ankündigung.
Jetzt herrscht Stille im Wohnzimmer, und John riskiert einen Blick.
Die Brüder stehen sich mit einigen Metern Abstand gegenüber. Sherlocks Hand ist halb ausgestreckt, als habe er sich mitten im Satz befunden, als ihn die Starre überfiel. Mycroft hat beide Hände in den Taschen seiner Anzugsjacke vergraben, sein Rücken ist kerzengerade. Sie sind völlig still, unbeweglich wie Statuen, wie das eingefrorene Porträt eines Streits aus vergangenen Zeiten, ohne jedes Wort. Sie sind Katzen, lautlos und tödlich, die völlig aufgehen in einem Wettbewerb des simplen Starrens, gefangen in einem rudimentären, atemlosen Kampf um Dominanz.
Das Licht, das hinter ihnen durch die hohen Glasfenster fällt, verleiht der Szene einen unwirklichen Schein. Es verwandelt das Haar der Brüder in Flammen aus rot und braun, streckt ihre Schatten lang und gibt ihren Silhouetten eine scharfe Kante. Mit Interesse beobachtet John, was die Sonne aus ihren Gesichtern macht: Sherlocks Haut wirkt durchscheinend, das Licht bleicht die Farbe aus seinen Augen und verwandelt sie in Kristall. Mycrofts Ausdruck liegt im Schatten, seine sonst stählernen Augen sind bodenlos und schwarzglänzend wie fließende Tinte.
Nicht zum ersten Mal wird ihm der größte Unterschied zwischen den Holmes-Brüdern bewusst. Sherlock ist wie flüssiges Feuer, immer in Bewegung, in Aktion; er braucht Geschwindigkeit, er sucht danach. Für ihn ist das Leben ein großer Witz, ein Spiel, und er setzt alles oder nichts, wenn etwas es schafft, sein Interesse zu wecken. Er sucht nicht nach Kontrolle- er will die Prozesse verstehen, die Impulse, die Chemie, die alles laufen lässt, und hat wenig Interesse daran, sie selbst zu lenken. Er saugt Informationen auf wie ein Schwamm, wird niemals müde, hat niemals genug. Er brennt mit einer weißglühenden Flamme, die alles in ihrer Umgebung anstecken muss, immer auf der Suche nach neuer Nahrung. Wenn sie keine findet, dann verzehrt sie sich selbst.
Mycroft, denkt John nicht ohne Faszination, Mycroft ist in mentaler Hinsicht ähnlich, aber seine daraus resultierende Lebensweise ist ganz anders.
Wo Sherlock sich für das Kleinste interessiert, die Mikroskopie, die winzigsten Bausteine, da liegt das Interesse seines Bruders im Großen. Mycroft sieht das Entstehen und den Verfall ganzer Gesellschaften, und was darunter liegt, ist für ihn uninteressant. Er sucht nach Ruhe, nach Beständigkeit, nach bleibenden Werten in einer Welt die fließt und sich im Kreis dreht und in der sich alles wiederholt. Wenn es einen gemeinsamen Nenner gibt, dann hat Mycroft ihn bereits gefunden, analysiert und in seinen Plänen eingerechnet. Er sieht alles, dieser Mann, sieht die Zusammenhänge aller Ebenen und versteht- wenn er einen Unterschied machen will, dann geht das nur von oben. So funktioniert die heutige Welt, so funktioniert der Mensch: Oben werden die Gesetze gemacht. Und unten, unten werden sie erkauft, und der Preis ist Blut.
Wenn Sherlock Feuer ist, schnell und wild und explosiv, dann ist Mycroft das leise Gift des Attentäters, das bereits durch die Adern der Stadt pulsiert- unerkannt, lautlos, einzigartig und absolut tödlich.
Ist es dir nie in den Sinn gekommen, dass wir auf der gleichen Seite stehen?
John schüttelt den Kopf und versucht, die verstörenden Gedanken loszuwerden. Er sieht sich die Szene noch einen Augenblick lang an- nichts bewegt sich außer den tanzenden Staubflocken im Sonnenlicht, und die Stille ist absolut- und dann, nach einem letzten, tiefen Seufzer, geht er duschen.
Er braucht nur wenige Minuten- es ist Katzenwäsche, präzise und effizient, wie es ihm die glühende afghanische Sonne und das Gewehrfeuer beigebracht haben. Seine Brandwunden reagieren empfindlich auf Wasser, aber John ist Arzt, er weiß, was er tut. Das redet er sich zumindest ein, während er in wilden Verrenkungen Salbe auf seinen Rücken aufträgt. (Normalerweise würde Sherlock ihm helfen, aber Mycroft ist da, und John will nur ungern stören. Ehrlich gesagt hat er ein wenig Angst vor der Konfrontation.) Schließlich gibt er resigniert auf. Er schlüpft in ein frisches Paar Jeans (und er hat abgenommen, der Stoff ist zu weit, aber seine Verletzungen sind ihm dankbar) und Socken und trottet die Treppe hinunter, zurück ins Wohnzimmer, die Tube mit der Salbe in der Hand.
"Entschuldigt die Störung, aber es dauert nicht lange. Sherlock, würdest du..."
Sein Blick trifft den von Gregory Lestrade, und es wird still im Raum.
Die Szene vor ihm hat sich denkbar geändert in den letzten zehn Minuten. Mycroft sitzt in einem der wild zusammengewürfelten Sessel und hat die Beine überschlagen. Er sieht gelangweilt aus, aber eine Spur Amusement glitzert gerade in seinen Augen. Sherlock sitzt ihm gegenüber, in ähnlicher Pose, ein Buch auf den Knien. Gerade streckt er die Hand aus, um ein paar Akten von Greg entgegenzunehmen. Der Inspektor ist mitten im Raum eingefroren, die Hand mit den Akten ausgestreckt vor sich. Seine Augen flackern über Johns freien Oberkörper und zurück zu seinem Gesicht, und John wird mit einem Mal bewusst, wie er aussehen muss, und er senkt den Blick und kämpft einen verlorenen Kampf gegen das Blut, dass ihm in die Wangen schießt.
Sherlocks Schnauben bricht die plötzliche Stille. "Man sollte meinen, du hättest in deinem Leben schon einmal einen Mann nackt gesehen, Lestrade." Er springt aus dem Sessel auf und schnappt sich die Akten, blättert, scannt. Das Buch poltert zu Boden und Lestrade zuckt zusammen und wendet seine Aufmerksamkeit dem Detektiv vor ihm zu. "Das hier klingt langweilig", kündigt besagter Mann gerade an und lässt die Mappen neben sich auf den überladenen Tisch fallen, "aber ich werde es mir ansehen. John?"
John, beschäftigt damit, im Boden zu versinken, blickt auf. "Hm? Oh. Ja. Würdest du- ich komme nicht dran, und ich wusste nicht- ich kann später-" Er bricht ab, beschämt und verlegen, und erwidert Sherlocks Blick nur mit viel Willensstärke und noch mehr Trotz.
"Ja. Ja, natürlich. Komm, setz dich hier hin." Er zieht einen Stuh heran und fegt die darauf befindlichen Papiere mit Schwung zu Boden. John zuckt zusammen, und dann gleich nochmal, als seine Rippen protestieren, aber er durchquert folgsam den Raum und lässt sich auf den Stuhl fallen, Lehne zwischen den Beinen und Rücken frei.
"Soll ich- ich kann später wiederkommen." Lestrade verlagert das Gewicht auf das andere Bein. Sherlock sieht nicht einmal auf. "Sei nicht albern. Setz dich aufs Sofa. Oder besser- koch Tee. Erzähl mir von dem Fall. Ich höre zu." Er desinfiziert seine Finger- John hat keine Ahnung, wo der Mann jetzt Desinfektionsspray her hat, aber er hört das Zischen des Zerstäubers und riecht das Mittel, das sich in feinen Tröpfchen auf seinem Rücken ablagert. Der Deckel der Tube kratzt, als Sherlock sie öffnet und es gibt ein sattes Geräusch, als er etwas von der Salbe auf seine Finger drückt. Dann wird es kühl auf Johns Rücken, und er seufzt erleichtert und stützt den Kopf gegen die Stuhllehne, bedacht, seinen linken Arm nicht zu sehr zu belasten.
John Watson erinnert sich nicht mehr an den Abend am Pool. Er weiß noch, dass er das Haus verlassen hat, um zu Sarah zu gehen. Die folgenden sechs Stunden fehlen ihm, und Sherlock hat noch keine Anstalten gemacht, sie ihm zu erklären. John kennt den Grund dafür nicht, aber manchmal in der Nacht überfallen ihn dunkle Bilder aus Feuer und Angst, und dann ist er froh, nicht alles wissen zu müssen.
Sherlock Holmes erinnert sich mit glasklarer Genauigkeit an den Abend am Pool. Er kann sich jeden Atemzug mühelos ins Gedächtnis rufen, jedes gesprochene Wort, jeden Gedanken. Jeden einzelnen Moment. Er weiß genau, wie er zu seinen Verletzungen gekommen ist- es sind nicht viele, nur oberflächliche Kratzer, eine geprellte Rippe, ein Streifschuss an der rechten Hüfte. Aber er hat John im Tumult aus den Augen verloren, und er gibt sich insgeheim die Schuld für den weiteren Verlauf der Ereignisse. Er spricht es nicht aus. Das ist nicht für fremde Ohren bestimmt.
Gregory Lestrade weiß fast nichts über den Abend am Pool. Er hat den seltsamen Eintrag auf Sherlocks Website gesehen und den in Frage kommenden Treffpunkt kurz nach Mitternacht umstellt. Er kam gerade rechtzeitig, um das Gebäude in Flammen aufgehen zu sehen. Die Bilder verfolgen ihn jede Nacht, vage Umrisse und der Geschmack nach Blut und Asche. Er hat Fragen gestellt, aber keine Antwort erhalten. Irgendwann hat er aufgegeben.
Mycroft Holmes hat Videoaufnahmen jener Nacht. Er hat das Geständnis eines der Scharfschützen, die den Vorfall überlebt haben. Er hat Tonbänder, und er hat Beweisstücke. Es waren seine Männer, die Sherlock aus den Trümmern gegraben haben. Seine Ärzte, die das gebrochene Etwas, das von John übrig war, wieder zusammensetzten. Er war da, von Anfang bis Ende, in der einen oder anderen Form, und es war nicht genug.
(Er weiß, dass John seinen linken Arm auskugelte, als er sich gegen Sherlock warf und die Wucht der Explosion beide zu Boden riss. Er weiß, dass John durch den Schutt und die Glassplitter bis zum Pool gerutscht ist und sich die linke Seite und besagten Arm aufscheuerte, während er das Gewicht von Sherlocks Körper abfing. Er weiß, dass eine der umherfliegenden Gewehrkugeln den Kopf des Doktors nur um Zentimeter verfehlte und als Querschläger das Deckenlicht traf. Er weiß, dass Johns Gehirnerschütterung und seine geprellten Rippen von der Hallendecke stammen, die in Trümmern um sie herum niederging und beide Männer in den Pool katapultierte, wo sie John unter Wasser gegen den Boden drückte. Er weiß auch, dass die wütend pulsierende, weiß entzündete Verbrennungslinie auf Johns Rücken vom Kabel des Transponders stammt, über den Moriarty mit ihm kommunizierte. Er hat die Aufnahmen. Sie sind sein Memorandum.
Und Mycroft weiß, dass einige der Verletzungen von John Watson erst nach der Explosion entstanden, als ein verzweifelter Sherlock ihn aus dem aufgewühlten Wasser zog und inmitten einstürzender Wände und Flammen eine Herz-Lungen-Wiederbelebungsmassage durchführte. Zwei gebrochene Rippen, eine angebrochen. Es sind diese Bilder jener Nacht, die ihn wirklich aufwühlen.
Nichts davon ist wichtig für den Moment, also behält er es für sich. Aber er weiß es. Das Einzige, das er nach wie vor nicht versteht, ist das warum.)
Lestrade kommt zurück ins Wohnzimmer und reicht Mycroft eine Tasse Tee. Er sieht geschockt aus- so weit John es zwischen seinen Armen und der Stuhllehne sehen kann- und das tut ihm Leid, aber er weiß nicht, wie er sich dafür entschuldigen kann. (Tut mir Leid, dass mich ein Verrückter in die Luft gesprengt hat?) Stattdessen nickt er, als der Mann ihm ebenfalls eine Tasse hinstellt, und lässt Sherlock seine Arbeit machen. Er spürt den kühlen Druck der Gelkissen, die die Verbrennung davon abhalten sollen, mit seiner Kleidung zu verwachsen, und dann verschwinden die Finger von seinem Rücken.
"So. Alles fertig. Lestrade? Informationen?"
John verlässt das Zimmer mit schnellem Schritt und geht zurück nach oben, um ein sauberes Shirt anzuziehen. Aus dem Wohnzimmer dringen bereits die ersten Fetzen einer Diskussion, untermalt von Mycrofts leisem Lachen, als er die Tür erreicht. Zu spät, viel zu spät stellt sich ihm die Frage, warum besagte Tür geschlossen war- er hatte sie offen stehen lassen, er ist sich ganz sicher, und wieso-
Das leise Flüstern von Füßen hinter ihm ist kaum hörbar, aber seine Nackenhaare stellen sich auf und er wirbelt herum, den warnenden Aufschrei bereits auf den Lippen-
Dunkelheit.
