A/N: Happy Times, könnte man sagen. Diese Kommis versüßen mir den Tag definitiv. Zu schade, dass der Rest meines Tages eher bescheiden war. Daher ist das heutige Kapitel etwas... anders ausgefallen, als geplant. Pech gehabt, Johnny-Boy. Viel Spaß beim Lesen. ;3

Zitat: Die Wahrheit ist doch: Wir sind alle nur ein Haufen Kinder, die wissen wollen, was Liebe ist.


Kapitel Sieben_Verschwinden


"Also? Wirst du dir die Sache ansehen?"

Gregory Lestrade ist ein guter Detective Inspector, ein passabler Kollege, ein trinkfester Kumpan, und ja: Er hat seinen Stolz. Nichts von alledem zählt viel in der Welt von Sherlock Holmes. Jetzt gerade nimmt seine Stimme einen flehentlichen Klang an, und er hasst sich selbst ein wenig dafür. Aber wie er einst (und wie lange ist das jetzt schon her, ein halbes Jahr beinahe) zu John sagte: Er ist verzweifelt. Und Sherlock Holmes ist nicht nur ein großer Mann, sondern endlich auch auf dem Weg, sich zu einem guten Menschen zu entwickeln. Also schluckt der D.I. seinen Stolz und bittet.

(Vor knapp sechs Jahren stand er vor einer der größten Entscheidungen seines Lebens: Entweder er lebt sein Leben weiter, tut seinen Job und macht den Sprung nach ganz oben. Oder er lässt sich auf einen brillianten, vereinsamten Junkie ein, riskiert seine Beförderung, und fängt einen Serienmörder. Er hat seither schon oft an seinem Verstand gezweifelt, aber niemals an der Richtigkeit seines Entschlusses.)

Sherlock zupft gedankenverloren an den Saiten seiner Geige und starrt an die Decke. Pling. "Hm?" Seine Augen, eisblau im Licht, wandern langsam an der Tapete entlang bis zu Lestrades Gesicht und bleiben dort hängen. "Oh. Der Fall." Pling. "Langweilig. Aber von mir aus." Pling, pling. "Ich muss verzweifelt sein." (Die Ironie dieser Worte bleibt Lestrade nicht verborgen.) "Kommt darauf an, ob John dieses Wochenende Zeit hat." Pling.

Lestrade denkt an Prellungen und Blutergüsse, an Haut in allen Farben von gelb bis violett. Er denkt an gebrochene Rippen und an weiß entzündete Brandwunden. Und er denkt an einen kleinen Fleck pinker Haut über Johns linkem Schlüsselbein, nicht größer als ein Fingerabdruck- die Eintrittswunde einer Kugel, so unscheinbar, die sich auf der anderen Seite wie eine exotische Blume über sein gesamtes Schulterblatt erstreckt. Er denkt, dass John im Bett liegen sollte mit Tee und einem Buch und Ruhe, und er hasst sich selbst ein kleines bisschen mehr. Aber er weiß, dass er Sherlock braucht. Und Sherlock, so bizarr es klingt, Sherlock braucht John.

Pling. Pling.

"Ich frage ihn." Geschlagen stößt er sich vom Türrahmen ab und wendet sich zur Treppe. Sherlock nickt abwesend, zupft an seiner Geige und übt sich in Schweigen. Mycroft verzieht das Gesicht- ein winziges Zucken nur, das vermutlich etwas bedeutet, aber Lestrade kann diesen dunklen Mann nicht lesen und hat lange aufgehört, es zu versuchen. Mit einem letzten Seufzer betritt er die erste Stufe in den zweiten Stock von Baker Street 221.

Er war noch nie hier oben, nicht einmal während der letzten Drogenrazzia vor einigen Monaten. Es ist seltsam, zu wissen, dass hier jemand wohnt. Wieder einmal wird ihm klar, dass er nur wenig über den Menschen John Watson weiß- ja, er ist Arzt, er ist Sherlocks Mitbewohner, er war Soldat. Vielleicht wüsste er doch schon eine ganze Menge, wenn er sich die Zeit nähme, die Teile zusammenzusetzen. So oder so, John ist ein guter Mann, und er ist gerne bereit, den Abend über einem Bier in einer nahe gelegenene Kneipe ausklingen zu lassen. Man kann gut mit ihm reden. Aber er redet selten über sich selbst.

Die Treppe endet in einem schmalen Flur mit heller Tapete. Über ihm in der Decke befindet sich nur noch die Dachluke zum Speicher; Dachschrägen grenzen den Gang zu beiden Seiten ab. Nach vorne gibt es nur eine einzige Tür, dunkle Maserung, heller Rahmen. Er klopft gegen das gebleichte Holz der Fassung, als sei die Tür selbst ein Schritt zu weit. "John?"

Er bekommt keine Antwort und kommt sich dumm vor, wie er hier auf dem Treppenabsatz wartet. Unter ihm hört er Stimmen lauter werden- streitet sich Sherlock mit seinem Bruder?- und dann abrupt das Sägen einer gepeinigten Geige. Das Geräusch lässt ihn zusammenzucken. Er klopft erneut. "John. Kann ich reinkommen?"

Die Stille hält an, nur unterbrochen vom gequälten Heulen des Instruments aus dem Wohnzimmer. Langsam macht sich Unbehagen der anderen Art in Lestrade breit. Er denkt erneut an Prellungen und Brüche. Was, wenn John zusammengebrochen ist? Aber alle guten Dinge sind drei. Diesmal klopft er an die Tür, hart und schnell. Keine Antwort. "John, ich komme jetzt rein."

Er drückt die Klinke nach unten, und die Tür schwingt lautlos nach innen auf.

Der Raum vor ihm ist klein, offen und penibelst sauber. Vor Lestrades Augen erstreckt sich heller Holzfußboden, umsäumt von zitronengelben Wänden, auf der rechten Seite von einer Dachschräge eingegrenzt. Darunter steht ein schmales Bett. Es ist sorgfältig gemacht, das Kissen ist exakt mittig platziert, wie in einem Hotelzimmer. Dahinter steht eine einfache Kommode aus dunklem Holz, auf der einige gerahmte Fotos platziert sind. Auf der anderen Seite des Raumes geht eine weitere Tür ab, wohl ins Badezimmer; daneben steht ein einfaches Bücherregal mit einigen zerlesenen Taschenbüchern und Alben. Im unteren Regalfach ruht eine dunkle Holzkiste. Unter dem von sachte schwingenden Vorhängen gesäumten Fenster steht ein Schreibtisch mit einigen Schubfächern, und ein rollfähiger Bürostuhl rundet das Mobiliar ab.

Der Raum wirkt karg, beinahe unberührt, und der Anblick stimmt Lestrade seltsam melancholisch. Wenig deutet darauf hin, dass hier tatsächlich jemand wohnt.

Es ist außerdem menschenleer. Mit anderen Worten: Kein John.

Irritiert tritt Lestrade über die Schwelle und sieht sich genauer um. Ein Handtuch ist über das Fußende des Bettes gebreitet; es ist noch feucht von der letzten Dusche. Der Inspektor zögert eine Sekunde, dann klopft er an die Tür zum Badezimmer. Er denkt kurz, dass es wirklich unangenehm wäre, John auf der Toilette zu erwischen, aber als er keine Antwort erhält, öffnet er kurzerhand auch diese Tür. Ein kleineres, milchiges Fenster bricht das Licht und erhellt steril weiße Kacheln, Keramik und ein kleines Wandregal, in dem sich neben ein paar Rollen Toilettenpapier nur eine Kulturtasche, Handseife und ein Becher mit einer zerstrubbelten Zahnbürste befinden. Auch hier gilt: Der Raum enthält nur das Nötigste, alles ist penibel geordnet, kein John.

Er zuckt zusammen wie ertappt, als hinter ihm die Zimmertür zuschlägt. Es dauert einige Sekunden, bis ihm klar wird, dass der Wind sie zugeworfen hat, und für einen Moment schämt er sich seiner Schreckhaftigkeit. Aber dann- Wind. Aus dem offenen Fenster. Warum ist bei diesem Wetter das Fenster offen?

Ein rascher Blick nach draußen zeigt, dass das Zimmer auf einen Hinterhof hinausgeht und nicht auf die Straße. Unter dem Fenster befindet sich ein kleiner Giebel- wahrscheinlich Sherlock's Zimmer, wenn man sich den Schnitt der Wohnung ins Gedächtnis ruft- und darunter liegt ein kleiner gepflasterter Hof mit hohen Steinmauern. Einige Tonnen stehen gegen die rückwärtige Wand, neben einem gusseisernen Törchen, von dem der schwarze Lack blättert. Die Regenwolken hängen schwer am Himmel und ersticken die Sonnenwärme. Hinter der Backsteinmauer, außer Sicht, fährt gerade ein Wagen vorbei. Ansonsten ist niemand zu sehen.

Lestrade lässt das Fenster offen und stolpert die Treppe wieder nach unten, zurück ins Wohnzimmer und hinein in einen wilden personifizierten Sturm mit Namen Sherlock, der danach zu trachten scheint, sämtliche Bücherstapel im Raum in Bücherhaufen zu verwandeln. In der Mitte des Chaos sitzt Mycroft wie Mensch gewordene Langeweile und liest die Polizeiakten. Lestrade starrt fassungslos, eine Sekunde, zwei, dann beschließt er, dass er sich diese Familie jetzt nicht antun kann. Stattdessen wandert er rückwärts wieder aus dem Raum und ins Erdgeschoss hinunter.

Johns schwarze Winterjacke hängt nach wie vor an der Garderobe. Darunter stehen seine Schuhe. Er befindet sich also offensichtlich noch im Haus. Lestrade saugt gerade unschlüssig an seiner Unterlippe, als von oben ein lautes Krachen ertönt. Damit steht sein Entschluss fest.

Mrs. Hudson öffnet nach dem ersten Klopfen, wie immer adrett gekleidet in ein pinkes Kostüm mit passendem Halsschmuck und Makeup. Sie scheint mäßig überrascht über sein Erscheinen. "Inspektor, wie nett. Wie kann ich Ihnen helfen?" Ihre Augen flackern für einen Sekundenbruchteil zur Treppe nach oben, bevor sie zu seinem Gesicht zurückfinden. "Ist etwas passiert?"

Lestrade hält ein vorschnelles Nein zurück. Er will die ältliche Dame nicht beunruhigen, aber im Moment weiß er selbst nicht genau, was eigentlich los ist. "Mrs. Hudson, verzeihen Sie meine Störung, aber haben sie John gesehen?"

Sie sieht ihn erstaunt an. "Natürlich", sagt sie und er will schon aufatmen, da fügt sie hinzu, "vor nicht einmal zwei Stunden. Er hat mir die Einkäufe gebracht, der liebe Junge. Ich wollte später zum Tee nach oben kommen." Sie denkt kurz nach, einen Finger an die Wange gelegt. "Seither ist außer Ihnen niemand mehr hier gewesen. Niemand außer dem Mülldienst. Die netten Jungs holen meine Tonnen immer im Hof ab- in meinem Alter macht die Hüfte leider Probleme, wissen Sie."

Lestrade nickt, in Gedanken schon wieder woanders, und dankt ihr für ihre Hilfe, bevor er wieder nach oben zurückgeht. Sherlock hat sich inzwischen dramatisch vor dem Fenster positioniert; sein langer Schatten fällt genau auf Mycrofts Gesicht, der sich davon aber nicht im Geringsten beim Lesen stören lässt. Wenigstens wirft er keine Bücher mehr durch die Gegend, denkt Lestrade. Bei seinem Eintreten sehen beide Brüder auf, und für einen Moment fühlt der Inspektor sich unheimlich nackt unter der vereinten Kraft von zwei Paar suchender, grauer Augen; dann wendet Mycroft seine Aufmerksamkeit der Zeitung auf dem Sofatisch zu, und die drückende Spannung in der Luft lässt ein wenig nach.

Bis Sherlock in Lestrades Gesicht findet, was er sucht, und sein eigener Gesichtsausdruck entgleist.

"Lestrade", sagt er, und seine Stimme zittert, gespannt wie eine Bogensehne. "Wo ist John?"

Der Inspektor breitet hilflos die Arme aus. "Er ist nicht in seinem Zimmer, aber seine Sachen sind noch hier. Sag du es mir. Gibt es einen Geheimgang durch den Kamin, von dem ich nichts weiß?" Sein Versuch, einen Witz zu machen, fällt wie ein Stein in die folgende Sekunde absoluter Stille. Dann prescht Sherlock an ihm vorbei, drückt ihn in den Türrahmen in seiner Hast, und rennt die Treppe hinauf. Lestrade sieht ihm nach, verwirrt und mehr als nur ein wenig beunruhigt, und überhört beinahe das leise Rascheln von Papier hinter ihm, gefolgt von einem kaum gehauchten: "Ah."

Als er sich wieder umdreht, hat Mycroft sich bereits erhoben und die Zeitung ordentlich gefaltet auf dem Stuhl deponiert. "Wohin-" beginnt er, aber er kommt nicht weit. "Nun", unterbricht ihn der ältere Holmes und geht an ihm vorbei zur Treppe, "ich empfehle mich. Es war nett, Sie einmal wieder zu sehen, Inspektor." Ohne einen weiteren Blick zurück wandert er die Stufen hinunter, nimmt seinen Mantel und seinen Regenschirm von der Garderobe und geht zur Haustür hinaus.

Lestrade hat kaum Zeit, das Ganze zu verarbeiten, als von oben Lärm zu hören ist. Zusammenzuckend erinnert er sich an die penible Ordnung in Johns Zimmer und an Sherlocks Respektlosigkeit, wenn es um Privatsphäre geht, und beschließt, Schadensbegrenzung zu betreiben. Er findet den Detektiv halb auf dem Schreibtisch, waghalsig weit aus dem Fenster gebeugt und vor sich hin murmelnd.

"...Abriss im Moos, auf den Dachziegeln hier und hier... Aber es sind bestimmt fünf Meter, eher sechs, wie haben sie..."

Langsam schwant Lestrade, dass es hier um mehr geht als einen kleinen Abstecher zu den Nachbarn. Es dämmert ihm, dass John möglicherweise unfreiwillig das Gebäude verlassen hat; dass zehn Minuten tatsächlich ausreichen könnten, um einen Menschen verschwinden zu lassen. Und Sherlocks Gesichtsausdruck, als er sich am Fensterrahmen wieder ins Zimmer zurückzieht, spricht Bände.

Mycroft schließt die Tür des Appartmenthauses 221 Baker Street hinter sich und atmet tief die kühle Luft des frühen Nachmittages. Dann richtet er seinen Mantelkragen, schwenkt seinen Schirm und spaziert die Straße hinunter. Er muss nicht weit gehen. Bereits nach wenigen Metern hält ein schwarzer Wagen am Bordstein neben ihm, und die Beifahrertür öffnet sich.

"So ist das", flüstert er, halb amüsiert ob der offenen Dreistigkeit dieser Aktion, halb enttäuscht. Laut fragt er den Fahrer: "Es ist also meine Entscheidung?"

Ein nichts sagendes Gesicht wendet sich ihm zu, die Augen trotz des trüben Wetters hinter einer dunklen Brille verborgen, die Stimme flach und konturlos. "Nun, Sie können dort stehen und spekulieren, Mr. Holmes. Oder Sie steigen ein und finden die Wahrheit selbst heraus."

Mycroft lacht, humorlos und hart. "Wahrheit. Was soll das schon bedeuten?"

Der Mann erwidert nichts. Er starrt bewegungslos durch die Windschutzscheibe nach vorne, die Miene ausdruckslos. Aber als sich die Beifahrertür schließt und der Sicherheitsgurt neben ihm mit leisem Klicken einrastet, erlaubt er sich ein schmales Lächeln. Und der Wagen ordnet sich in die Spur ein und verschwindet um die nächste Straßenecke.

Mycroft faltet die Hände um den Griff seines Schirms und schweigt.