A/N: Dieses Kapitel. Ich meine. Uh. Es ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber ich denke, es ist gut so. Irgendwie. Gut, was heißt gut? Egal. Viel Vergnügen.
Warnung: Ich weiß nicht genau wovor, aber es klingt irgendwie richtig, eine Warnung auszusprechen...
Zitat: Ich frage mich, wie viel Spuk und Heimsuchung ungemeldet bleibt, weil Kettenrasseln und Heulen noch immer besser sind als ein leeres Haus. (A Soft World)
Kapitel Acht_Fallen
"Die von Ihnen gewählte Rufnummer ist zur Zeit nicht vergeben. Tüüüt. Die von Ihnen gewählte..."
Sherlock lässt das Blackberry aus seiner Hand auf den Boden gleiten. Ihn wundert gerade nichts mehr. Er hat nicht einmal mehr die Kraft, sich aufzuregen. Seine Augen wandern langsam an der Wand entlang, hangeln sich von Schnörkel zu Schnörkel über die Tapete, bis sie die weiß getünchte Decke erreichen. Er folgt den spinnwebenartigen Rissen im Putz, wie sie an den unmöglichsten Stellen abknicken und brechen, jeder feine Sprung vertraut wie die Linien seiner Hand. Sein Blick verschwimmt- schon wieder, aber auch darüber kann er sich nicht mehr brüskieren, ihm fehlt die Energie. Er hat die Bedürfnisse seines Körpers zu lange aus seinem Bewusstsein verbannt, und jetzt zahlt er den Preis.
Sein Kopf rutscht tiefer in die Sofakissen, als die Spannung in seinen Muskeln nachlässt. Von allen Seiten kriecht die Schwärze näher, langsam und unbarmherzig, wie Fäden aus Teer im starken Kontrast zum hellen Stoff unter ihm. Wie sein Haar im Schein der Straßenlaternen, denkt er, wenn das weiße Neonlicht die Farbe aus allem bleicht. Die flüssige Dunkelheit malt Zeichen in den Stickmustern der Kissen, Buchstaben, ein Wort, JohnJohnJohnJohn und er liest es wieder und wieder auf seinem unaufhaltsamen Weg in die Ohnmacht, wie ein stummes Gebet, auf ewig eingebrannt in seine Augenlider.
"Mrs. Hudson! Ist es nicht Zeit für Ihre Medizin? Unten? In Ihrer Wohnung?"
Martha Hudson lässt die Fernbedienung aus ihrer Hand auf den Boden gleiten. Das Gerät verstummt, flackerndes Licht macht elektrisch summender Dunkelheit Platz. Sie ist müde. Sie ist es müde, das Warten, das Nichts-tun-können, das Zusehen-müssen. Aber sie bleibt wach. Nur noch eine Weile. Eine Stunde. Zwei. Lauscht auf ein Geräusch aus der Wohnung über ihr, irgendeinen Hinweis auf Leben in 221b. Lauscht auf das leise Knarren von Treppenstufen unter müden Füßen, das nicht kommt. Sie dachte, der Lärm, die Schreie, das Zerbrechen von Porzellan wären der schlimme Part gewesen. Sie hat sich geirrt. Dieses Schweigen ist schlimmer, denn es erinnert sie an vorher.
Es ist vor John, nach nur zwei Tagen ist es bereits vor John, aber schlimmer, dunkler, kälter. Und John, und Sherlock- ihre Jungs, die ihr ans Herz gewachsen sind wie ihr eigener Sohn, den sie nicht mehr oft zu Gesicht bekommt- John ist fort, und er hat Sherlock mitgenommen. Sie wollte mit ihm reden, aber er wies sie ab, die Stimme wie Säure und der Blick wie Eis. Jetzt denkt sie, sie hätte beharrlicher bleiben sollen. Aber. Ist sie die Richtige dafür? Ist die ganze Sache nicht ihre Schuld, so einfach getäuscht von den Uniformen des Mülldienstes? Sherlock war nie gut darin, sich selbst auszuhalten, nein, das war er nie. Sie steht auf, die weichen Sohlen ihrer Hausschuhe rascheln auf den Holzdielen, und geht in ihr Schlafzimmer. Sie bleibt wach, nur noch eine Weile, eine Stunde, zwei. Und sie betet.
"...Schande, aber unter den gegebenen Umständen sehen wir uns leider dazu gezwungen..."
Gregory lässt die leere Dose aus seiner Hand auf den Boden gleiten. Es klappert blechern, als sie auf andere ihresgleichen trifft, und er zuckt gepeinigt zusammen, bewegt sich jedoch ansonsten nicht. Seine Augen wandern ziellos über die fadenscheinige Tapete, über Wellen und Streifen und abgewetzte Flecken wie Jahresringe, aber er sieht sie nicht wirklich. Seine Gedanken sind woanders, in einem anderen Raum, auf einer anderen Tapete. Für einen Moment meint er, abgegriffenes Leder und feuchte Tinte riechen zu können, aber der Augenblick verfliegt und hinterlässt nur den sauren Gestank schalen Bieres auf dem billigen Polyester des Sofabezuges.
Das Möbelstück ist nicht groß genug, um bequem darauf zu liegen. Aber das ist in Ordnung. Ihm ist nicht nach Bequemlichkeit. Ihm ist überhaupt nicht nach viel im Moment. Der Fernseher malt Flecken unsteten Lichts auf den verblichenen Teppich und das Chaos in der Wohnung, rast durch lautlose Bilder eines Lebens, das auch ohne ihn weitergeht. Zischend öffnet sich eine weitere Dose, und mit jedem Schluck verliert die Realität ein wenig mehr an Fokus, an Schärfe, entgleitet ihm und macht kalter Schwärze Platz. Er ist beinahe froh über das scharfe Stechen in seinen gegen die Enge protestierenden Beinen. Der Schmerz ist seine letzte Erinnerung daran, dass er noch hier ist.
"Kein Signal gefunden. Ändern Sie Ihre Suchanfrage oder versuchen Sie..."
Die Frau, deren Name nicht Anthea ist, lässt den Kugelschreiber aus ihrer Hand auf den Boden gleiten. Sie ist erschöpft- mehr noch, sie ist ausgelaugt. Ihre Augen wandern über den flirrenden Bildschirm vor ihr. Sie hat alle ihr bekannten Quellen konsultiert, alle Ressourcen genutzt. Das Signal des Chips aus Mycroft Holmes' Schuhen führte zu einem Glasmüllcontainer in einem Wohngebiet nahe der Themse. Sie befinden sich noch in der Analyse, bisher ohne Ergebnis. Der schwarze Regenschirm, sein Erkennungszeichen, ist bereits wieder zurück aus dem Labor. Ihr Blick fällt auf das verbogene Metall und den zerfetzten Stoff im Schirmständer neben der Tür, und eine neue Welle der Hoffnungslosigkeit überfällt sie.
Es sollte einen dritten Chip geben, vergraben in einem Backenzahn bei der letzten Wurzelbehandlung, und auf diesen konzentrieren sich die aktuellen Bemühungen. Aber das Signal ist schwach, flackernd, und bislang kann sie den Standort nur auf irgendwo im Vereinigten Königreich eingrenzen. Die Kameradatenauswertung über den schwarzen Wagen auf der Baker Street läuft, ebenso die Gesichtserkennung für Jim Moriarty und sieben seiner als hochrangig identifizierten, noch lebenden Untergebenen. Nichts. Und sie sitzt hier und kritzelt Strichmännchen auf ihren Notizblock, weil sie absolut nichts tun kann außer warten.
"Es steht Ihnen nicht zu, diese Fragen zu stellen. Sehen Sie lieber zu..."
Sally lässt ihre Tasche aus ihrer Hand auf den Boden gleiten. Sie sollte gehen, wirklich, das sollte sie- es ist beinahe zehn, die Büroräume des Yard sind leer. Aber sie kann sich noch nicht überwinden, aufzustehen. Sie hat schon oft Überstunden gemacht, endlose Nächte in diesem Stuhl an diesem Tisch verbracht. Warum sollte es heute anders sein? Sie scheut vor der Frage zurück, denn sie kennt die Antwort. All ihre Überstunden waren das Produkt der Verbissenheit ihres Chefs. Lestrades Verbissenheit, die ihn wachgehalten hat über alten Akten und frischer Druckerschwärze; das und der schwarze Kaffee, den sie regelmäßig vom Cafe an der Straßenecke holte.
Beinahe gegen ihren Willen legt sie den Kopf zurück, bis sie kopfüber in das Büro sehen kann. Sein Büro. Fast erwartet sie, den schwachen Schein des Computermonitors durch das Milchglas schimmern zu sehen, das Quietschen des Ledersofas zu hören, wenn er die Beine hochlegt, oder das Rascheln von Akten. Aber alles, was sie sieht, ist ihre eigene Reflektion in der Scheibe, mit müden Augen und einem bitteren Zug um den Mund. Es ist nicht fair, denkt sie, aber ist es das denn jemals? Was nützt all die harte Arbeit, was nützen hunderte gefasste Mörder und Verbrecher, wenn man am Ende selbst vor dem Recht in die Knie gehen muss? Ihre Finger angeln erneut nach dem Griff ihrer Tasche, aber sie steht noch nicht auf. Für ein paar gestohlene Minuten nur schließt sie die Augen und denkt an vergangene Zeiten.
"Ich verliere langsam die Geduld, Mr. Holmes. Das Angebot..."
Mycroft lässt die Plastikflasche aus seiner Hand auf den Boden gleiten. Sie rollt über den leicht abschüssigen Stein bis zur Rinne in der Mitte des Raumes und malt eine dunkle Spur aus feinen Tropfen auf das poröse Material. Er hat nicht die Muße, sich damit zu beschäftigen. Seine Augen sind geschlossen, aber seine Lider flackern im Takt zu seinen rasenden Gedanken. Messen, lesen, verstehen, auswerten. Jede Information wird gesondert untersucht und betrachtet wie unter einem Mikroskop. Sein Körper ist müde, aber sein Verstand ist schärfer denn je, und der Kopf obsiegt über den Körper. Seine Schmerzen verblassen unter dem psychischen Ansturm zu unwichtigem Hintergrundrauschen.
Vor exakt zwei Tagen, sieben Stunden, vierunddreißig Minuten und neun, zehn, elf Sekunden stieg er auf der Baker Street in den schwarzen Wagen. Ein Teil seines Gehirns kennt die genaue Zeit, immer, unablässig zählend, und während er sich den gelegentlichen Blick auf das Handgelenk antrainiert hat, hat er doch nie in seinem Leben wirklich eine Uhr gebraucht. Es ist praktisch in Zeiten wie diesen. Überaus nützlich. Und frustrierend. Der Raum enthält nichts außer der Pritsche, nichts als weiße Wände und grauen Stein und einen Lüftungsschacht in der Größe seines Kopfes über dem Schlafplatz. Zweiundvierzig, dreiundvierzig. Er kann mühelos lange Zeiten ohne Schlaf auskommen, aber vor der Entführung stand die Vorbereitung der Wahlen in Papua, und er hat sein Limit ausgereizt. Sechzig. Eins. Zwei. In einer Stunde werden sie ihm einen Teller unter der Tür durchschieben, und dann beginnt der Abend. Dann kann er in Ruhe schlafen. Fünfzehn, sechzehn. Bis dahin sammelt er Daten und plant seine Rache.
"Aber reden wir nicht über mich, Johnny-Boy. Reden wir über Dylan Moor..."
John lässt den Revolver aus seiner Hand auf den Boden gleiten. Mit hellem Klirren trifft Metall auf Stein, und es klingt wie schriller Spott, wie Hohn. Ich bin hier, heb mich auf, benutz mich. Er weicht zurück, einen Schritt, zwei, dann trifft sein Rücken auf Widerstand. Wunde, entzündete Haut protestiert mit sengender Vehemenz gegen die grobe Behandlung, aber er hat keine Kraft mehr, sich umzusetzen. Erschöpfung zieht ihn nach unten, und er gibt ihr nach, ausgelaugt von Stunden über Stunden des Widerstandes, von Hunger und Durst und von Angst.
Seine Augen wandern über die schmutzig weißen Kacheln an den Wänden, über roten Rost und Sand in den Fugen. Und über Worte. Sie sind überall, die Worte. Die Namen. Präzise Strichführung Carlo Santes in schwarzem Marker Louis Matthew, klar und sauber und gerade Miles Norrington, und er kann sie nicht nicht sehen. Da ist kein Platz für seine Augen ohne Worte. Renata Orland. Sie stehen still und fordernd und anklagend, an der Decke Fred Ians, auf dem Boden James Scott, auf seiner Haut. Seine Arme, seine Beine, seine Brust, Mahnmale und Brandzeichen und Selbsthass. Er schließt die Augen, kneift sie zu, bis es schmerzt. Dann legt er sich hin, lang auf die Seite- seine Rippen und sein verbrannter Rücken lassen wenig Spielraum für eine bequemere Position. Dylan Moor. Er wartet auf den Schlaf. Wartet und versucht zu vergessen, dass nur Zentimeter von ihm entfernt eine Kugel auf ihn wartet.
