A/N: Dieses Kapitel ist lang. Und irgendwie passiert nicht viel, aber ich denke, es ist berechtigt, zu sagen, dass es der Charakterentwicklung dient. Wie auch immer. Lest einfach und lasst mich wissen, was ihr denkt. Bitte-dankeschön. Ich bin ganz zufrieden damit, aber es ist halb zwei am Morgen, und vermutlich werde ich mich nach einer Mütze Schlaf dafür schlagen wollen. He.
Und ja, ich schwöre auf Pferdesalbe. NICHTS hilft besser gegen Prellungen und Stauchungen und generelles Aua.
Zitat: Den sicheren Freund erkennt man in der unsicheren Sache. (Unbekannt)
Song: Ich gebe euch den ultimativen Sherlock-Song: unwell von Matchbox 20 Die von mir frei übersetzten Lyrics findet ihr im nächsten Zwischenteil.
Kapitel Neun_Engel
Tag Eins war laut. Laut und schnell und wild, ein Sturm aus überstürzten Handlungen und unüberlegten Worten und zu viel von allem. Und es ist alles in seinem Kopf, wie ein Film in High Definition und 3D in der Endlosschleife. Rückblickend hätte vieles anders laufen können. Rückblickend war es vermutlich keine gute Idee, den Spuren auf den Dachschindeln in persona zu folgen, ohne jede Vorbereitung und Absicherung. Er sieht Lestrades Gesicht vor sich- wie sich die dunkelbraunen Augen in seinem verhärmten Gesicht weiten, als Sherlock den Halt verliert und rudernd nach hinten kippt, und dann ist sein Kopf verschwunden und man hört seine Schritte bis nach draußen auf der Treppe poltern. Zu diesem Zeitpunkt ging der stechende Schmerz in seinem Handgelenk unter in rasenden Gedanken und schwarzer Furcht, und Sherlock war bereits wieder auf den Beinen, als Lestrade ihn erreichte.
Er erinnert sich genau daran, wie er den Fährten in gefallenem Herbstlaub bis zum Hoftor folgte, und in die kleine Gasse dahinter, und sie dort verlor. An das Hämmern in seinem Kopf, an nein das kann doch nicht jemand hätte doch warum hat niemand wie konnte und an jeden einzelnen Schlag seiner geballten Fäuste gegen Mrs. Hudsons Tür. An ihren Gesichtsausdruck, an das Kratzen seiner zu lauten Stimme in seinem Hals, in seinen Ohren, als er sie fragte wann warum wieso wie und sie etwas flüsterte von Mülldiensten und Uniformen, Angst in der Stimme. Er erinnert sich an all die Ignoranz, all die Unschuld, all die Blicke, und dann das Vibrieren eines Handys.
Nicht seins. Lestrades.
Ein Anruf aus dem Yard, seine Vorgesetzten, schien wichtig zu sein, er würde bald zurückkommen, er würde jemanden schicken, er würde die Mülldienstfirma untersuchen, sie würden ihn finden, Sherlock, tu nichts Unüberlegtes.
Zünde nichts an, bis ich zurück bin.
Und Sherlocks Kopf, und seine Hand, und sein Herz...
Lestrade kam nicht zurück, weder dann noch später. Sherlock bemerkte es erst nach Stunden, nach ewig scheindenden Stunden in feucht-fauligem Laub und knietief in Müll und rennend, und es gibt so viele mögliche Routen von dieser kleinen Seitengasse hinter der Baker Street. Er würde sie alle ablaufen, laufen bis er sie gefunden hat, die Dreckskerle, die Verbrecher, und sie bezahlen lassen mit Tränen und Galle und Blut, ein Tropfen für jede Sekunde, ein Liter für jeden Moment. Aber er ist nur ein Mensch (John hat ihn dazu gemacht, und jetzt muss John darunter leiden) und irgendwann sind auch seine Kräfte am Ende, irgendwann geben auch seine Knie nach, irgendwann muss auch er aufhören.
Aufgeben.
John aufgeben.
Und er kam nach Hause, irgendwie (Taxi, denkt er, vielleicht, er weiß nicht genau) und fiel auf das Sofa und dann erst bemerkte er ihn, den Mangel an Detective Inspector in der Wohnung und auf seiner Mailbox. Müde, mit zitternden Fingern, wählte er die Nummer- keine Kraft für SMS, keine Kraft zum Atmen, und dann die von Ihnen gewählte Rufnummer ist zur Zeit nicht vergeben.
Er erinnert sich daran, Mrs. Hudson vertrieben zu haben, mit kalten und berechnenden Worten wie geworfene Messer, tödliche Präzision, bis sie vor ihm floh und die Tür hinter sich schloss. Und das war Tag eins.
Tag zwei war... leer.
Er lag bewegungslos auf dem Sofa, Stunde über Stunde, eine Nacht lang, bis die Sonne wieder aufging und ihm in die Augen stach und ihn verhöhnte mit all der vertanen Zeit und dem vergeudeten Licht. Und die Welt war immer noch die gleiche, aber anders, seine Welt war anders... Es war wie das Erwachen nach dem Kokainrausch, wie ein Schlag in die Magengrube, wie ein Blick in den Abyss. Tag eins war laut gewesen. Zu laut, zu schnell, zu wild, zu bunt. Alle Farben waren zu scharf gewesen, blendend in ihrer Intensität, jedes Wort wie dissonante Noten in seinen Ohren, jede Bewegung wie atemloses Fliegen. Und jetzt war all das fort, und was blieb war mattes Grau und Knochen wie Blei und Stille.
Oh, die Stille.
Die Stille war nicht grau. Sie war weiß, weiß und absolut und rein und zu grell. Das war kein steriles weiß, keine beruhigende Leere. Es war die Leinwand, unberührt, und er wusste nichts mit ihr anzufangen, die Pinsel verbrannt und die Asche verstreut. Da war nichts, absolut nichts, und es rief ihn und bat darum, gefüllt zu werden, und er wusste nicht, wie er das tun sollte. Die Farben waren weg. Die Worte, verschwunden. Und all seine Kraft war in der Nacht durch das Sofa geflossen, durch die Holzdielen und durch den Flur unter ihm und dann in den Boden und fortgewaschen mit dem Regenwasser in der Kanalisation.
Fort.
Der Tag verstrich und die Leinwand färbte sich schwarz.
War sein Leben vorher immer schon so gewesen? Nein. Nein, er erinnert sich doch an vorher. Er erinnert sich an zu viel, nicht an zu wenig. Er hat immer schon alles gesehen, jedes Detail in brillianter Schärfe, jeden kleinen Punkt und alle Verbindungen dazwischen, wie eine Karte in seinem Kopf (nein, keine Karte, woher hat er das nun wieder, mehr wie Pixel auf einem Foto, winzig und bunt und ein riesiges Bild und überall). Es war immer zu viel. Zu viel Licht, zu viel Lärm, zu viele Gerüche, zu viele Informationen von allen Seiten, und der Dämon in seinem Kopf musste analysieren, musste wissen, und herausfinden, und es aussprechen bevor er daran erstickte. Zu viel. Immer zu viel.
Er hatte immer geglaubt, es sei einfacher ohne all das. Hatte sich immer schon Ruhe gewünscht, und nur für einen Augenblick abschalten zu können, hatte gelechzt nach einem Moment der Stille und des Nichts. Es stand auf seinem Wunschzettel für sein siebentes Weihnachten, obwohl er lange nicht mehr an den Weihnachtsmann geglaubt hatte. Es stand trotzdem dort, schwarz auf weiß, lass es aufhören, nur für einen Moment. Er bekam keine Ruhe. Er bekam einen Therapeuten, Sitzungen und leere Worte und Medikamente, die ihm Bauchschmerzen machten und Wahnvorstellungen und tiefe Müdigkeit. Aber der Wunsch blieb.
Die Stille ist nicht besser. Und das Nichts erstickt ihn im Schlaf.
Tag drei beginnt um zehn Uhr morgens, als Martha Hudson ihn entdeckt und ihm im Stillen eine Stunde Chance gibt, bevor sie den Krankenwagen rufen will. Sie kocht Tee, stark und süß, und der Duft nach Pfefferminze und Ingwer weckt seine Lebensgeister. Er steht, wackelig und unsicher, und schafft zwei Schritte in Richtung der Küche, bevor er sie sieht und einfach zusammenfällt.
Es ist Morgen, und er hat auf der Couch geschlafen, und die Luft riecht nach Tee, und sie ist nicht John.
Er weiß nicht, wie es von hier aus weitergeht, also hilft sie ihm auf und geleitet ihn zurück zum Sofa. Sie drückt ihm eine Tasse in die Hand, und er trinkt mechanisch. Der Tee hilft gegen die Kälte in seinen Fingern, aber er ändert nichts an der Kälte in ihm, und der Zucker hinterlässt einen schalen Nachgeschmack auf seinem Gaumen. Aber er trinkt. Er ist auf Autopilot, fixiert auf den leeren Sessel vor dem Kamin, auf den verlassenen Laptop unter dem Tisch am Fenster, als könne er ihren Besitzer herbeibefehlen, wenn er es nur genug versucht. Mrs. Hudson weiß, dass das nicht gut ist, und sie wird etwas daran ändern müssen, aber fürs Erste nutzt sie die Gunst der Stunde und kocht eine Suppe und backt Brötchen auf. Er isst mit der gleichen Mechanik, die er dem Tee entgegenbrachte. Aber er isst, und langsam (ganz allmählich, Schritt für Schritt, Löffel für Löffel) kommt er zurück.
Er starrt auf sein linkes Handgelenk, bedeckt vom Ärmel seines Jacketts und heiß und pochend und er krempelt den Stoff hoch, irgendwie. Der Bluterguss ist beinahe schwarz, das Gelenk auf eine lächerliche Größe angeschwollen, wie konnte er das bisher ignorieren? Nun, da er seinen Ursprung klar vor sich hat, ist der Schmerz beinahe unerträglich. Er starrt wieder auf den leeren Sessel und merkt, dass er nicht mehr von seiner Verletzung spricht. Mrs Hudson bringt ein Kühlakku aus dem Gefrierfach und sagt nichts über den angetauten Schimmel auf dem Küchentisch, und er denkt, dass sie möglicherweise ein Engel ist und wie verschwendet ihr Wesen ist in Gesellschaft wie seiner.
Sie bekommt ihn irgendwie aus seiner Anzugsjacke und knotet das Kühlpad mit einem Küchentuch an seinen Arm. Setzt sich auf das Sofa neben ihm und wartet. Er weiß noch immer nicht, wie es weitergehen soll. Alles ist Blei, und die Welt ist Blei, und er kann sich der Ironie darin nicht verschließen, denn wenn die Welt Blei wäre, dann wäre sie giftig (wirklich, stofflich giftig, nicht nur in seinem Kopf) und dann hätte er nicht mehr lange unter ihr zu leiden.
Er leidet?
Es ist wahr, und warum erschreckt ihn das so? Er hat oft unter der Gesellschaft von Menschen gelitten. Ihm war nie so klar bewusst, dass man auch unter ihrer Abwesenheit leiden kann. Aber jetzt sitzt er hier, und er trinkt Tee den John nicht gekocht hat, und die Nummer von Lestrades Handy ist nicht vergeben, und Mycroft hockt vermutlich in seinem Ferienhaus in Spanien und feiert den perfekten Verlauf von Plan 573. Und Sherlock ist allein und es schmerzt wie Feuer. Aber das stimmt nicht.
Mrs. Hudson wartet noch immer darauf, dass er etwas sagt. Und er weiß noch immer nicht, wie er eine leere Leinwand und gestohlene Farben in Worte fassen soll für einen Menschen, der nicht verrückt ist und nicht süchtig und nicht er und nicht John. Also hebt er die Teetasse auf, ein kleines Ding mit grünen Streifen, ein Geschenk von irgendjemandem für irgendwen, und er wirft sie mit all seiner Kraft. Sie segelt durch die gefrorene Luft, es ist eine perfekte Parabel, und zerschellt auf dem Kaminsims in einer Fontäne aus Porzellanklingen und Zucker.
Und vielleicht ist sie doch verrückt, seine Vermieterin-nicht-Haushälterin, denn sie hat ihren Mann angezeigt, und sie hat für seinen Tod gesorgt, und sie erlaubt Augen in ihrer Mikrowelle und Polizisten in ihrem Flur und Kameras in ihrem Rücken, und vertraut Sherlock Holmes. Sie betrachtet die Teetasse gedankenverloren, die messerscharfen Splitter aus grünem Keramik und teebrauner Zuckermasse wie trocknendes Blut, und liest die Nachricht darin mit der gleichen Mühelosigkeit wie die Zeitung.
"Dann solltest du besser dein Gehirn einschalten und ihn finden," sagt sie. "Und davor gehst du duschen, junger Mann. Du riechst wie eine Müllkippe. Ich besorge dir ein paar Reißzwecken." Sprachs und verschwand nach unten, geschäftig vor sich hin murmelnd.
Sherlock löst das Küchentuch von seinem Handgelenk und legt es sorgfältig auf den Sofatisch, ein perfektes Quadrat in weiß und rot. Er platziert das Kühlakku mittig, zieht sein Hemd aus und faltet es präzise an den Kanten auf dem Kissen neben ihm. Dann schlüpft er aus seiner Hose, betrachtet versonnen die Schlammspritzer an den Säumen und faltet auch sie. Zuletzt entledigt er sich seiner Boxershorts und seiner Socken. Splitternackt geht er durch die Küche, vorbei an seinem Alltagsleben, durch sein Schlafzimmer (immer exakt und penibelst geordnet, denn er ist ein Perfektionist, wenigstens seine Schlafräume betreffend) und geradewegs bis in die Dusche.
Er dreht das warme Wasser auf und lauscht dem Knacken des Boilers im Flur. Es ist zu heiß, verbrennt sein Gesicht und seinen Nacken und verursacht ihm Gänsehaut. Warum ist ihm so kalt? Vielleicht hilft das Wasser, vielleicht brennt es sich durch bis in seine Knochen und haucht ihm ein wenig Wärme ein. Er schaut seltsam distanziert zu, wie sich seine Haut fleckig rot verfärbt. Die Dämpfe umhüllen ihn und tragen den Geruch von Schlamm und Fäulniss und Abfall in seine Nase. Er verzieht das Gesicht und ändert die Temperatur des Strahls auf Kalt. Es fühlt sich an wie Eisnadeln, brennt beinahe schlimmer als die Hitze zuvor, und er zittert bald am ganzen Körper. Aber das ist nicht schlimm. Ihm ist kalt, aber kalt ist berechnend und effizient, kalt lässt ihn funktionieren, kalt härtet ab. Er spült den Dreck aus seinen Locken und steht da, bis seine Lippen und Fingerspitzen blau sind und der Schmerz nichts weiter ist als eine leise pochende Warnung in der Ferne. Der Schmerz in seinem Handgelenk. Der Schmerz in seiner Brust. Achtung Achtung Achtung ich bin noch da. Es reicht fürs Erste. Muss ausreichen.
Als er zurück ins Wohnzimmer kommt, eingewickelt in einen Frottee-Bademantel, sind die Scherben der Teetasse verschwunden. Ebenso der feuchte Zuckerklumpen auf dem Teppich. Der Sofatisch ist freigeräumt, seine Kleider wahrscheinlich bereits in der Wäsche- und tatsächlich kann er die Maschine unten rumpeln hören, ratatatumm, ssssst, ratatatumm. Auf dem Tisch liegen jetzt eine Tube Pferdesalbe (wirklich? Pferdesalbe?), eine Rolle dicken Stützverbands, mehrere A3-Bögen Zeichenpapier, Eddings in verschiedenen Farben, eine Schachtel Reißzwecken und eine neue, dampfende Tasse Tee. Und das Telefon.
Ein Engel, denkt Sherlock, dass sie sich mit mir abgibt. Ein Engel und völlig verrückt.
Ihm fällt spontan nur noch eine weitere Person mit ähnlichen Qualitäten ein. Der Schmerz kommt zurück, bricht durch seine Eisschicht mit der Wucht eines jagenden Wales, und er lässt den Gedanken John fallen.
Er wühlt im Bücherregal nach seiner Karte von London und Umgebung, den linken Arm dick eingecremt mit blau schimmernder Pferdesalbe und stranguliert von zu viel Verband, als er die Akten wiederfindet.
Lestrades Akten. Der Fall. Gelöst nach einem kurzen Blick auf die Fotos. Er hatte den Mann nur zappeln lassen wollen, und vielleicht ein wenig strafen, denn das war beileibe kein interessanter Fall gewesen. Er war langweilig und vorhersebar und bewies ihm nur wieder einmal, dass alle Menschen sich gleichen in ihren kranken Fantasien und dunklen Geheimnissen, die keine sind. Öde. Gelöst.
Sein Blick flackert von den Akten zur Karte im dritten Regalfach und zurück. JohnFallJohnFall aber eigentlich AlleinHilfeAlleinHilfe. Er hat sich noch nicht zu einer Entscheidung durchgerungen, als Mrs. Hudson hinter ihm an die offene Tür klopft, aber das muss er auch nicht. Sie war schneller als er.
"Er hat gesagt, er ist in zwanzig Minuten hier. Gib ihm eine halbe Stunde im Vormittagsverkehr. Und er klang schrecklich, also sei nett zu ihm," sagt sie wie selbstverständlich und beginnt damit, Bücherstapel zu verrücken und einen leeren Stuhl auszugraben. Sie klopft eine Staubwolke aus den Kissen und öffnet eines der Fenster auf Kipp und sagt "trink deinen Tee" und verschwindet wieder nach unten.
Sherlock starrt ihr nach, fasziniert von dieser neuen Frau, dieser Kriegerin, die er schon lange nicht mehr zu Gesicht bekommen hat. Die starke, ungebrochene Frau, die sich an den mittellosen Junkie wandte, um ihr Leben zu ändern und seines gleich mit. Und jetzt gibt sie ihm, was er braucht, um zu arbeiten- Ruhe, aber nicht die lähmende weiße zischende Stille von vorher, sondern Ruhe mit Tee und dem Klappern von Geschirr aus ihrer Wohnung und den Geräuschen der Straße durch das Fenster.
Sherlock breitet seine Karte auf einem freien Fleck Boden aus, zückt einen schwarzen Edding und beginnt mit der Arbeit.
