A/N: Japp. Ab hier wird es möglicherweise hässlich. Also, wenn ihr an ein glückliches Ende glaubt, in dem Sherlock durch die Tür bricht, alle rettet und das Leben Jim-frei weitergeht, dann bitte. Schließt dieses Fenster und lest ein bisschen in einem der wundervollen fluffigen Adventskalender, die gerade herumgehen. Alle anderen: Schnallt euch an. Die nächsten Kapitel sind... Nun. Wir haben alle diese dunkle Tür ganz hinten in unserem Kopf, nicht wahr? Zeit, meine aufzuschließen.

Zitat: Zukunft: Die Vergangenheit, die durch eine andere Tür wieder hereinkommt. (Unbekannt)


Kapitel Zehn_Sand


John weiß nicht, wie lange er bewusstlos war, aber als er schließlich zu sich kommt, fühlt er sich grauenhaft.

Chloroform ist nie sein liebstes Betäubungsmittel gewesen. Es trocknet ihn aus und verursacht ihm Schwindel und Übelkeit. Ihm wird schlecht, sobald er die Augen öffnet. Alles dreht sich, ist ein wilder Strudel aus Farben und Formen, die keinen Sinn ergeben. Er kneift die Augen zu und atmet tief durch die Nase, den Kopf so weit zwischen den Knien, wie es seine Position erlaubt. Seine Atemzüge sind zittrig und die Luft kratzt in seinem Hals. Für einen schrecklichen Moment denkt er, er müsse sich übergeben, aber sein Magen ist leer und er würgt nur hilflos und schmerzhaft, bevor er sich keuchend zurücklehnt und gelben Schleim ausspuckt. Dann legt er den Kopf in den Nacken, holt erneut tief Luft und öffnet die Augen ein zweites Mal.

Er weiß sofort, wo er ist.

Der Raum ist klein, geradezu winzig, vielleicht drei mal drei Meter im Quadrat. Unregelmäßiger, grauer Stein erstreckt sich unter seinen Füßen; in den Ritzen hat sich Sand festgesetzt. Die Wände sind gekachelt bis an die Decke, die einzelnen Kacheln ehemals weiß und jetzt schmuddelig und fleckig. Rost kriecht aus den Ecken und Fugen, oder vielleicht ist es Blut, unterbrochen von schwarzem Schimmel, der sich in Streifen über die Decke zieht. Alles zusammengenommen ist es schäbig und verdreckt und ein besseres Loch, und die Luft ist dick und schwer und heiß und schmeckt nach Metall. Es ist, als würde er Blut atmen.

Es ist genau so wie damals.

John sitzt auf einem Metallstuhl, dessen Beine an den Boden geschraubt sind. Seine Arme und Beine sind mit dünnen Eisenketten an die Streben gefesselt, was seine Bewegungsmöglichkeiten auf ein Minimum reduziert, aber er muss sich nicht umsehen, um zu wissen, dass sich die einzige Tür in seinem Rücken befindet- ehemals weiß, halb durchgerostet, ohne Türgriff auf dieser Seite. Seine bloßen Füße schaben nutzlos über den Sand, als er sich gegen das Metall stemmt. Zwecklos. Die Schrauben quietschen leise, aber die Konstruktion rührt sich keinen Millimeter.

Für einen schrecklichen, finsteren Moment überkommt ihn Panik, und sie ist wie fallen, wie Abgründe und Schluchten und das Herz herausgerissen zu haben und wie ein physischer Schlag, die Angst. Was, wenn all das nur ein Traum war, nur eine weitere Drogenillusion wenn er nie entkommen ist aus diesem Loch wenn es nie echt war was wenn was, denn die schwarze Flut kennt keine Satzzeichen. Dann meldet sich sein rationaler Verstand, weist ihn auf seinen heiß entzündeten Rücken hin, auf die protestierenden Rippen, nicht genug? Sieh nach links. Sieh auf die Narbe auf seiner linken Schulter. Für einen Mann wie Sherlock Holmes fehlt dir die Fantasie. Es ist real. Er ist echt. ER IST ECHT.

Das hier ist ebenfalls echt.

Das bedeutet, er ist zurück.

Beinahe ist dieser Gedanke schlimmer als der Vorherige. Beinahe. Aber. Er ist einmal entkommen; er weiß, wie es geht. Er wird es ein zweites Mal schaffen. Damals im Park sagte er zu Mike, er sei nicht mehr der John Watson, und das ist wahr. Er ist jetzt ein Anderer, aber er ist nicht weniger stark, nicht weniger tödlich. Er wird nicht sterben in diesem Drecksloch, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft und ganz sicher nicht heute.

Irgendjemand muss doch aufpassen, dass Sherlock sich nicht in die Luft sprengt in seiner hoffnungslos nachlässigen Genialität.

Er muss nicht mehr lange warten, bis sich die Tür hinter ihm öffnet. Er hört den Schlüssel im Schloss klicken und spannt die Schultern an in banger Erwartung, aber die Scharniere drehen sich lautlos, und das ist neu- die Tür in seiner Erinnerung hat kein Schloss, und sie quietscht wie Fingernägel auf einer Schiefertafel, und was bedeutet das? Kein Traum. Zurück. Nicht die gleiche Tür. Er versucht, einen Blick zu erhaschen, aber wer auch immer gerade hereinkommt, befindet sich in seinem toten Winkel. Clever. John zählt die Schritte, erahnt zwei Paar Füße- nein, drei, und auch das ist falsch, in seinen Albträumen sind es immer nur zwei, waren es immer zwei. Er leckt sich die Lippen, plötzlich nervös, aber sein Mund ist zu trocken. Das bisschen Speichel, das er hat, brennt auf gesprungener Haut und er hört wieder auf, spart das bisschen Flüssigkeit, das er hat. Was geht hier vor?

"Halli-hallo, Johnny-boy!"

Der Singsang und der sanfte, irische Akzent sind unverwechselbar. John durchlebt eine Reihe von äußerst widersprüchlichen Emotionen zur gleichen Zeit- die Wut in seinem Bauch ist heiß und brodelnd wie Sodbrennen, aber der Schweiß auf seiner Stirn ist kalt, ist Angstschweiß. Er wünscht sich ein Mauseloch, und er wünscht sich seine Waffe, und er wünscht sich eine Bombe und den Zünder in seiner Hand. Es erfordert all seine Willenskraft, ruhig sitzen zu bleiben und zu warten. Seine Finger zittern, und er krallt sie in die Armlehnen des Stuhls und beißt die Zähne zusammen.

Er hört wieder Schritte, diesmal von rechts, als Jim Moriarty in sein Blickfeld tritt. Der Mann ist wie immer tadellos gekleidet- diesmal in einen dunkelgrauen Dreiteiler und eine blutrote Krawatte. Westwood, denkt John, auch wenn er sich nicht erklären kann, woher er das weiß. Er kennt sich kaum aus mit Kleidung über dem Discounter-Standard, aber Jim Moriarty trägt Westwood. Ein Bild flackert vor seinen Augen auf, eine winzige Erinnerung- blaues Licht, eine dunkle Stimme, SHERLOCK- dann ist er zurück in der Gegenwart und sein Atem geht zu schnell.

"Was denn. Keine Begrüßung? Wie ungezogen." Moriarty lacht, sorgenfrei und ausgelassen. Das Ganze macht ihm wirklich Spaß. Er ist in seinem Element. Und jetzt baut er sich direkt vor Johns Stuhl auf, nur Zentimeter von ihm entfernt, selbstsicher und arrogant, als könne ihn nichts erreichen, und es schmerzt um so mehr, schmerzt wie Splitter unter den Nägeln, weil es stimmt.

"Was wollen Sie?"

Johns Stimme kratzt in seinem Hals, rauh und trocken und so hasserfüllt, dass er die Worte schmecken kann wie Säure auf der Zunge. Der Mann vor ihm scheint davon völlig unbeeindruckt. Er grinst nur, zeigt Reihen strahlender Zähne und Augen wie schwarze Löcher in seinem Gesicht. "Bitte. Du kannst ruhig du zu mir sagen, Johnny. Nach allem, was wir durchgemacht haben."

John hat keine Ahnung, von was Moriarty redet, aber ihn beschleicht das ungute Gefühl, dass er sollte. Er beißt sich auf die Zunge, ballt die Hände zu Fäusten und erwidert den leeren Blick so lange er kann. Augen wie glühende Kohle, schwarz und brennend und so anders als Sherlocks oder Mycrofts, denn diese beiden sind immer noch Menschen, und Moriarty ist das schon lange nicht mehr. Ja, John erwidert den Blick. Aber er antwortet nicht. Was auch immer hier gespielt wird, er muss die Regeln herausfinden, bevor er handelt. Er kennt diesen Raum, kennt den Aufbau, aber Jim Moriarty ist falsch, ist die Lösung zu einem Suchbild, dessen Fragestellung er nicht kannte, ein schrilles Warnsignal in Neon und Samt.

falschfalschfalsch

Jim Moriarty schnalzt enttäuscht mit der Zunge und stellt sich gerader hin. Er wedelt abwesend mit der Hand, entlässt die Leute, die noch in der Tür stehen, den Blick weiter starr auf John gerichtet. "Sollte ich-" beginnt jemand zu sagen- dunkle Stimme, hart und abgehackt, und John kennt diesen Akzent, woher aber Moriartys Augen weiten sich in plötzlichem Unmut und er blickt über Johns Kopf hinweg zur Tür.

"Nein. Kümmere dich um unseren anderen Gast. Ich bin gleich da." Sein Grinsen ist zurück, zu breit und zu strahlend und Unheil verkündend. Ein Raubtiergrinsen. "Ich will mich nur noch ein wenig mit Johnny unterhalten."

Niemand hat ihn mehr Johnny genannt, seit sein Vater starb. John beißt sich auf die Unterlippe. Er hört, wie sich die anderen paar Füße entfernen, aber die Tür schließt sich nicht ganz, sie klickt nur leise. Noch immer kein Griff auf dieser Seite, denkt er. Sie wollen ihn nicht mit mir allein lassen. Der Gedanke wäre befriedigender, wenn er tatsächlich etwas tun könnte.

Er bleibt stumm.

Moriarty mustert ihn jetzt wie eine interessante Art Insekt, die er unter einem Stein im Garten entdeckt hat. John versucht, sich den Mann in Gartenkleidung vorzustellen, und schafft es nicht. Er sieht aus, als sei er in Anzügen geboren worden. Hat John ihn jemals in Anzügen gesehen? Muss wohl. Muss. Aber das stimmt nicht, er ist doch Jim vom I.T.-Büro, er ist der schwule Exfreund, denkt er plötzlich und muss tatsächlich an sich halten, um nicht hysterisch zu kichern. Muss das Chloroform sein, Verwirrung, der Durst. Seine jetztige Lage ist alles andere als amüsant. Er beißt sich auf die Wange und schmeckt Blut, und das Lachen erstirbt in seiner Kehle.

Jetzt legt Jim Moriarty den Kopf schief und geht einige Schritte hin und her, scheinbar in Gedanken. "Hmm, hmm", summt er abwesend vor sich hin. "Wo sollen wir nur anfangen. Weißt du, warum du hier bist, Johnny-boy?"

Nenn mich nicht so, du Abschaum. John kocht regelrecht vor unterdrückter Wut, brennt mit einer weißen Flamme, die ihm die Sicht zu nehmen droht. Blinde Wut. Ihm würden spontan hunderte Antworten auf diese Frage einfallen, und es bedarf all seiner Selbstkontrolle, sie zu schlucken. Seine Stimme zittert kaum, als er spricht, und er ist verdammt stolz darauf. Kleine Siege. "Um mich zu töten, nehme ich an", sagt er leise. Seine Füße schaben erneut über den sandigen Stein, als er sich bewegt. Die Ketten sind unnachgiebig, und sein Rücken pulsiert entlang der Brandwunde wie ein Phantomdraht, als würde er diese Stimme noch immer hören in seinem Kopf wann soll das gewesen sein? Ihm wird wieder schwindelig.

Moriarty bleibt erneut vor ihm stehen und runzelt die Stirn. "Aber aber, nicht doch", sagt er, und da ist wieder dieser glückselige Singsang in seiner Stimme, als er sich langsam vorbeugt. John überlegt, ob es die Kopfschmerzen wert wäre, jetzt zuzustoßen. Vermutlich nicht, aber der Gedanke hat etwas reizvolles. Der Mann ist jetzt nahe genug, dass John sein Rasierwasser riechen kann, teuer und kalt und scharf auf seiner Zunge, als er einatmet. "Ich will nur mit dir reden. Und dann tötest du dich vermutlich selbst."

Mit einem blitzartigen Zucken schreitet er wieder hin und her, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, den Blick zur Decke gerichtet. "Wir haben Wetten laufen, Johnny", sagt er heiter. "Ich gebe dir vier Tage. Ich bin sehr optimistisch. Aber auf der anderen Seite habe ich das Geld übrig, falls ich falsch liegen sollte. Seb sagt, du schaffst keine zwei." Und wer ist Seb? Später. Alles zu seiner Zeit. Lebe den Moment, John, überlebe den Moment.

"Wollen wir uns also unterhalten, Johnny?"

Er kann nicht an sich halten; er antwortet schneller, als sein Verstand eingreifen kann. "Unterhalten über was? Über Sherlock? Sie sollten wissen, dass ich nichts sagen werde." Es klingt sicherer, als er sich fühlt. Menschen sagen alles unter Folter. Irgendwann bricht jeder, egal, was die rührseligen Geschichten sagen, und John weiß, dass er keine Ausnahme darstellt. Hat es gesehen. Hat sich gehasst. Sagt es trotzdem.

Jim Moriarty schnaubt lediglich herablassend. "Bitte", sagt er, als sei die bloße Idee, über Sherlock zu sprechen, eine Beleidigung für ihn. "Nein. Hier geht es nur um dich, John. Dich und deine kollosale, phänomenale, unglaubliche Nichtsnutzigkeit." Johns Augen weiten sich, und er fletscht unwillkürlich die Zähne, aber Moriarty lässt sich nicht unterbrechen. "Du weißt, dass es stimmt", sagt er, plötzlich nüchtern. "Du behauptest, du seist Armeearzt, gut noch dazu, du wüsstest was du tust- aber wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Du bist ein Nichts, Johnny-boy, ein jämmerlicher Wurm, und du weißt es genau so gut wie ich."

Er macht eine kleine Pause, den Mund verzerrt in einem schiefen Halb-Grinsen, als würde es ihm Leid tun, dass John so ein Versager ist. Als hätte er das Recht. Da ist wieder Galle in seinem Mund, bitter und schal und John sieht rot. Moriarty beugt sich lediglich weiter vor.

"Reden wir", flüstert er kaum hörbar, und sämtliche Haare auf Johns Nacken und Armen stellen sich auf. "Reden wir über Matty. Reden wir über Carlo, und Renata, und Mike. Wir brauchen Sherlock Holmes nicht, Johnny. Dein Leben reicht vollkommen aus."