A/N: Hey Leute. Sorry, dass es so lange gedauert hat. Ich hatte einige Schwierigkeiten mit diesem Kapitel, aber besser wird es nicht mehr. Also, ohne weitere Verzögerung: Hier ist Kapitel 11.
Ach ja, ich habe Kapitel 10: Sand umbenannt in Vor Zwei Tagen: John, um die Übersicht einfacher zu machen.
Außerdem habe ich eine wichtige Frage an euch. Am Ersten Ersten 2012 kommt die neue Staffel auf BBC, und wir erfahren, was nach dem Pool wirklich geschah. Macht es dennoch Sinn, diese Geschichte weiterzuschreiben? Oder wird sie dann AU und sinnlos? Ich bitte um Rückmeldung.
PS: Wer erkennt die Droge? :3

Warnung: Mycroft trifft auf meinen Headcanon Sebastian Moran.

Zitat: Am Ende wird alles gut. Wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. (Oscar Wilde)


Kapitel Elf_Luft


Mycroft steigt in den schwarzen, unauffälligen Wagen, und die Überwachungskamera am Gebäude gegenüber schickt die Daten unverzüglich an die Sicherheitsabteilung.

Der Anschnallgurt klickt, als er einrastet, und der Fahrer setzt den Blinker und schert aus der Parkbucht aus, um sich auf die linke Spur einzuordnen. Als sie Minuten später an der Ecke zur Marylebone Road links abbiegen, schrillen im Büro die ersten Alarmsirenen.

Mycroft starrt aus dem Fenster, ohne viel zu sehen. Seine Gedanken rasen. Es geht um Zeit. Zeit ist der essentielle Faktor bei dieser Operation. Und er hatte gerade einmal zwei Komma neun eins Minuten Vorbereitungszeit. Machbar, schaffbar, aber nicht gut genug. Er braucht Zeit.

Sie passieren Allsop Place. Der Fahrer beschleunigt. Die roten Augen von hunderten Überwachungskameras folgen ihm die Marylebone hinab und senden pausenlos Schnappschüsse des Kennzeichens an die Zentrale. Die Überprüfung ergibt, dass besagte Kennzeichen als gestohlen gemeldet sind. Jemand kippt sich Kaffee über die Hose, und ein Team aus Special Agents wird zusammengetrommelt. Die vielen freiwilligen Meldungen überfordern die Bürokraten und kosten wertvolle Minuten.

Feierabendverkehr staut sich vor der Royal Academy of Music. Mycroft fährt sich durchs Haar, scheinbar nervös, und der Fahrer wirft ihm einen Seitenblick zu und schaltet die Zentralverriegelung ein. "Anthea" bekommt eine Eilmeldung auf den Tisch, und die Fotos zeigen fünf gespreizte Finger.

Fünf Minuten, lautet die Nachricht. Sie können ihm fünf Minuten geben, denkt sie, aber auf keinen Fall mehr. Nicht mehr. Es steht zu viel auf dem Spiel.

Park Square. Der Verkehr wird dichter. Der Fahrer flucht, und diesmal ist es Mycroft, der ihn aus den Augenwinkeln beobachtet. Dann zieht er abrupt nach links in eine Busspur und hält. Mycroft wird gegen die Gurte gedrückt, und bis er sich wieder gesammelt hat, wird die Tür neben ihm aufgerissen und der Mann mit der Sonnenbrille zerrt ihn auf die Straße. Ihm wird schwindelig, und er stauchelt in den zu harten Griff um seinen Oberarm. Nur undeutlich erkennt er die blitzende Nadel, als die kleine Spritze in einer dunklen Jackentasche verschwindet. Die Droge wirkt unheimlich schnell, und er stauchelt schon wieder, wird erneut hochgerissen und dann ist ein weiteres Paar Hände an seinen Schultern, und da sind zuckende blaue Lichter und Stimmen- die Polizei, nein, niemals, ein Krankenwagen- jemand drückt ihn auf eine Trage, und in seinem Kopf schrillen sämtliche Alarmglocken, niemand wird ihn finden, wenn er jetzt in diese Ambulanz- er begehrt auf, und dann sind da Gurte- er kann nicht, irgendjemand muss doch-
Er schnellt hoch, kommt irgendwie auf die Beine, spürt Stein unter sich und dann Eis und dann Gummi, und dann fällt er.

Das Licht ist weiß, grell und hart und sein Kopf ist aus kochendem Blei. Es zersetzt seine Gedanken und hämmert gegen seine Schläfen im Takt mit seinem rasenden Herzschlag. Er stöhnt laut auf und wirft sich den Arm über die Augen. Seine Zielgenauigkeit scheint allerdings gelitten zu haben, denn er trifft stattdessen die Matratze über seinem Kopf, und für einen Moment federt alles und quietscht leise und er kneift einfach die Lider zusammen und versucht, sich nicht zu übergeben.

Langsam, quälend langsam kommt sein Denkapparat wieder in Gang.

Tick, tick, sagt seine innere Uhr, rattert hinter seinem rechten Trommelfell, und hält schließlich bei 28.10.2011/23:06 an.

Tick. Tick. Tick.

Fünf Stunden. Er war fünf Stunden außer Gefecht gesetzt. In fünf Stunden kann alles passieren. Er weiß nicht, wie weit der falsche Krankenwagen ihn gefahren hat, oder was danach passiert ist, aber sie könnten überall sein. Überall in London, oder in England. Mit einem Hubschrauber möglicherweise schon in einem anderen Land, irgendwo in Deutschland oder Frankreich oder Polen oder Dänemark, oder weiter südlich, oder. Er stoppt diesen Gedankengang, denn er führt zu nichts.

Das Wesentliche. Was ist das Wesentliche? Wozu das Ganze?

John. Sherlock und John.

Ja. Ja, das klingt gut. Er war in den Wagen gestiegen als Tauschangebot. Bringt John zurück, dann komme ich mit. Lasst Sherlock in Frieden, dann komme ich mit. Sein Leben gegen das seines Bruders, und sein Bruder braucht John zum Leben, und Mycrofts Leben ist nichts ohne seinen Bruder, und so schließt sich der Kreis. Also. Die wichtigen Fragen, die es zu klären gilt, sind diese: Hat Jim Moriarty das Angebot angenommen? Und wo ist er gelandet?

Mycroft öffnet erneut die Augen, vorsichtiger, und blinzelt gegen das weiße Neonlicht. Langsam nimmt seine Umgebung Formen an- schwimmende, undeutliche Formen, aber es gibt ohnehin nicht viel zu sehen. Die Decke über ihm ist weiß getüncht, ebenso alle Wände, die er sehen kann. Er befindet sich in einem Bett mit Metallgestell und weiß gebleichter Leinenbettwäsche. Der Fußboden- Mycroft rollt nach links und schafft es, über die Bettkante zu spähen- der Fußboden besteht aus porösem, grauem Stein, und die Luft riecht nach Zitrone und Desinfektionsmittel und dem muffigen Unterton, den Keller und Dachböden paradoxerweise gemein haben.

Es gibt eine Tür; Mycroft kann die obere Kante über sein Kinn hinweg erspähen. Weiß, vermutlich aus Metall. Er versucht, den Kopf zu heben, um das winzige Zimmer genauer zu betrachten, aber das Blei scheint aus seinem Gehirn in seine Knochen geflossen zu sein. Er kann sich kaum bewegen, und die Anstrengung treibt ihm den Schweiß auf die Stirn. Die ganze Erfahrung ist überaus frustrierend, denn seine Gedanken sind wieder in Schwung und er kann die entsprechenden Befehle genaustens formulieren- seine Gliedmaßen gehorchen ihnen nur einfach nicht.

Keuchend wälzt er sich wieder auf den Rücken und macht gleich noch eine Entdeckung.

Sein achttausend-Pfund-Anzug ist verschwunden, genau wie sein Mantel, seine Socken und seine Schuhe. Und der Regenschirm. Stattdessen trägt er weiße Baumwollhosen, ein einfaches Hemd und ist barfuß.

Der Verlust seiner Kleidungsstücke schmerzt, und ihm behagt die Vorstellung überhaupt nicht, dass ihn jemand aus- und umgezogen hat, während er bewusstlos war. Aber noch mehr fehlt ihm der Schirm. Er war ein Geschenk von Sherlock zu seinem dreißigsten Geburtstag, ein schmales schwarzes Ding komplett mit im Griff verborgener Klinge und absolut wetterfest. Er mochte diesen Schirm. Er ist so etwas wie sein Wahrzeichen geworden, und er will nicht, dass jemand wie Moriarty ihn hat.

Die Tür öffnet sich und unterbricht seinen Gedankengang. Er bekommt den Kopf noch immer nicht hoch, aber er schafft es, sich bis zum Kopfende des Bettes zu schieben und die Metallstreben als Stütze zu benutzen. Was er sieht- oder genauer, wen- hebt nicht gerade seine Laune, aber es bietet immerhin erste Anhaltspunkte.

Zwei Männer stehen im Türrahmen. Der eine ist schwarz gekleidet, geradezu klischeehaft mit seinem versteinerten Gesichtsausdruck und dem Stöpsel im Ohr, die Hände hinter dem Rücken gefaltet. Mycroft prägt sich seine Züge ein, aber ignoriert ihn fürs Erste. Er ist nur ein Handlanger, ein Minion, letztendlich unwichtig und ersetzlich. Nein, es ist der andere Mann, der seine Aufmerksamkeit erregt.

Er ist hoch gewachsen und sehnig, mit kurz geschorenem schwarzen Haar und tief liegenden, hellen Augen. Im Gegensatz zu seinem Begleiter ist er leger, beinahe lässig in ein Muskelshirt und weite Jeans gekleidet. Entlang seiner freien, gebräunten Arme und unter dem Shirt zeichnen sich dicke Muskelstränge ab. Ein leichter Bartschatten liegt auf seinem Gesicht, schwarz wie sein Haar, unterbrochen von einer dünnen silbernen Linie, die sich auf der rechten Seite über seinen Wangenknochen bis zur Oberlippe zieht. Die Linien in seinem Gesicht ähneln denen in Johns, die Furchen eines Allwettergesichtes; sie machen ihn älter als seine Jahre und zeugen von Entbehrungen und Anstrengung und Krieg.

Es ist ein markantes Gesicht, ein Gesicht mit Geschichte, und natürlich kennt Mycroft sowohl das eine als auch die andere.

"Sebastian Moran. Wie nett, Sie mal wieder zu sehen", sagt er langsam. Frustriert bemerkt er, dass er lallt. Er klingt völlig betrunken, und seine Augen sind glasig und erschweren seine Sicht. Überhaupt dreht sich der Raum zu schnell; Räume sollten sich nicht drehen, sie sollten stabil sein, dafür sind sie gebaut, oder nicht? "Was verschafft mir die Ehre?"

Sebastian Moran. Colonel im Afghanistan-Einsatz, entlassen wegen Grausamkeiten im Krieg gegen Untergebene und unerlaubter Folter von Gefangenen. Saß einige Zeit im Gefängnis. Kam vorzeitig frei, angeblich wegen guter Führung, aber das ist Unsinn. Recherchen seiner Abteilung haben ergeben, dass eine große Summe geflossen ist. Siebenstellig. Anschließend tauchte Moran unter, aber nicht tief genug für jemanden, der aktiv nach ihm sucht. Die Verbindungen zu Moriarty waren rasch eindeutig, und er war leichter zu finden als Jim. Sie treffen nicht das erste Mal aufeinander, diese beiden Männer, aber heute trägt Moran eine Sig Sauer P226 in einem Schulterhalfter, und Mycroft liegt auf einem Bett und kann kaum die Augen offen halten. Die Regeln haben sich geändert.

Mycroft hat die Akten gesehen. Sie sind in seinem Büro, fein säuberlich abgeheftet in einem schwarzen Ordner im Regal auf der rechten Seite. Er weiß, was Moran getan hat, weiß warum er in den Krieg gezogen ist. Für diesen Mann sind Gewalt und Blut ein Zeitvertreib, ein Hobby. Er ist ein Meister seines Faches, ein Künstler in dem, was er tut. Und was er tut ist Foltern und Morden und generell Leid verursachen.

Der Tag hat schlecht angefangen, und er wird zum Ende hin nicht besser.

Moran zieht ein Messer aus einem Halfter an seinem Oberschenkel und beginnt, sich die Fingernägel zu säubern. Es ist ein großes Messer, 18 Zentimeter lange Klinge und zweischneidig. Sie glänzt im weißen Neonlicht und wirkt hypnotisierend. Vergeblich versucht Mycroft, nicht an Ron Pebbles zu denken. Ron Pebbles, Agent einer Spezialeinheit- seiner Einheit- der sich zwischen das Messer und seine Kollegen stellte während des spektakulären Showdowns in Prag vor einem Monat. Oh, Mycroft kennt dieses Messer. Er kennt es gut. Er sah die Klinge in den Brustkorb seines Mannes eindringen und am Rücken wieder austreten, die Spitze karmesinrot und dann die gesamte Schneide, als Moran die Waffe aus Pebbles Leichnahm zog und grinsend an seiner Hose abwischte.

Er sieht das Messer, und er sieht das Grinsen, und ihm wird wieder schlecht.

"Mycroft Holmes", sagt Moran langsam. "Überheblich wie eh und je, wie ich sehe." Er hat eine dunkle Stimme und einen scharfen, fremdartigen Akzent, von dem selbst Mycroft nicht weiß, woher er kommt. Seinen Informationen nach stammt Moran aus Brixton. Es ist alles sehr verwirrend, und Moran bewegt sich außerdem viel zu schnell. Wann ist der Mann ans Bett gekommen? Mycroft versucht, langsamer zu atmen und sich zu konzentrieren, aber auf einmal sind da Hände um seine Kehle, und sein Hinterkopf in der Matratze. Er starrt in dunkelgrüne Augen, hart wie Jade, und spürt die Luft in seinen Lungen eng werden. Irgendwie bringt er seine Finger zu Morans Handgelenken, aber er hat nicht die Kraft, sie zu schließen. Er rutscht ab, kratzt hilflos über narbige Haut, und er kann nicht atmen, er braucht LUFT-

Luft. Er atmet, keucht, verschluckt sich und hustet, aber da ist Luft in seinen Lungen und es war noch nie so wundervoll, so befreiend zu atmen.

Moran steht über ihm, spielt mit seinem Messer und grinst in sich hinein.

"Nicht mehr so eine große Klappe, so ganz ohne Bodyguards, was, Holmes", sagt er hämisch. Mycroft antwortet nicht- er könnte nicht, selbst wenn er wollte. Er konzentriert sich auf das Heben und Senken seines eigenen Brustkorbs und darauf, Morans Bewegungen nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Es bringt wenig. Seine Sicht verschwimmt und er fühlt die Dunkelheit an den Rändern seines Bewusstseins, lauernd, wartend. Lockend.

Moran scheint enttäuscht; jedenfalls steckt er das Messer weg und sieht noch ein letztes Mal verächtlich auf Mycroft herab, bevor er sich umdreht und zur Tür geht. "Es ist eine Schande, wie schwach Sie sind", sagt er beiläufig, als er sie erreicht. "Genießen Sie unsere kleine Droge, Holmes. Der Spaß geht morgen los." Er trommelt mit den Fingerspitzen gegen das Metall, den Rücken zum Raum. "Eine Schande. Eine Menge Köpfchen, wenn man Jim glauben kann, aber sonst gar nichts. Und Ihr Köpfchen bringt Ihnen hier herzlich wenig. Tja." Er zuckt die Schultern und tritt in den Flur hinaus. Die Tür schließt sich hinter ihm, lautlos bis auf das sachteste Klicken, als sie einrastet.

Abwarten, denkt Mycroft. Heute atme ich, und morgen schon bin ich draußen.

Abwarten.