A/N: Bitte sehr. So lange musstet ihr doch gar nicht warten. Ich hab mich extra beeilt, als kleine Entschuldigung fürs letzte Mal. Have some Jim. Frohe Weihnachten, und vielen Dank für eure Reviews. Sie bedeuten die Welt für mich. :')
Zitat: Er ist der Napoleon des Verbrechens, Watson, er ist die treibende Kraft hinter der Hälfte des Bösen und nahezu allem Verborgenen in dieser großen Stadt. Ein Genie, ein Philosoph, ein Theoretiker. Er hat ein Gehirn von überragendem Vormat. Bewegungslos sitzt er wie eine Spinne im Netz, doch dieses Netz hat tausend Fäden, und er weiß nur zu gut, was das leiseste Zittern an jeder einzelnen Stelle bedeutet. Er selbst tut wenig, er plant nur. Aber seine Helfer sind zahlreich, und das System funktioniert glänzend. (Das letzte Problem, Sir Arthur Conan Doyle)
Kapitel Zwölf_Schwarz
Jim Moriarty sitzt in seinem Büro an seinem Schreibtisch und spielt mit einer Büroklammer.
Der Raum ist elegant und stilvoll, ohne protzig zu wirken. Jim mag glänzende Oberflächen, schwarzen Lack und silbrigen Chrom und Glas, überall Glas. Kugelsicher, natürlich, und so klar, dass es beinahe unsichtbar ist. Wie sein Schreibtisch, schwarz und glänzend und filigran, und dennoch mit unzähligen Fächern und Schubladen und einer gläsernen Oberfläche, unter die man Akten oder Photografien klemmen kann. Im Moment ist der Zwischenraum leer, aber Jim hat bereits ein paar Motive im Auge. Er freut sich auf das Fotoshooting. Er muss sich nur noch für eine Kamera entscheiden.
Die Schränke sind ebenfalls schwarz, mit Glastüren und Chromfassungen, und der Teppich ist dunkelblau wie seine liebste Krawatte und gerade so dick, dass er den Schall schluckt. Die Tapete ist weiß. Jim mag weiß, mag, was man mit weiß anfangen kann, mag das Licht auf weißen Oberflächen. Aber schwarz passt besser zu ihm, das hat schon seine Mutter gesagt. Schwarz wie seine italienischen Schuhe. Schwarz wie seine flackernden Augen.
Schwarz wie seine Seele, denkt er und kichert leise.
Dann lässt er die Büroklammer in den Papierkorb fallen. Metall trifft hell auf Metall, wie ein Glöckchen, und sein Grinsen weitet sich, als er sich einem seiner Computerbildschirme zuwendet. Sie sind überall, die Bildschirme. An den Wänden. Auf dem Tisch. An der Decke. Die Wand hinter ihm ist ein riesiges Fenster, mit Licht im Überfluss und Blick auf den Flugplatz. Aber die Vorhänge bleiben immer zugezogen. Zu viel Licht spiegelt sich auf den Oberflächen im Raum und erschwert die Sicht. Neonleuchten sind eine sinnvollere Alternative, aber sie lassen ihn blass aussehen, also hat er verstellbare Leuchten anbringen lassen. Neon für ihn. Tageslicht für Besucher. Man muss schließlich einen gewissen Standard halten.
Jim drückt ein paar Tasten auf seiner Tastatur, und ein Video öffnet sich.
Das Bild ist verzerrt, verpixelt und unscharf, aber daran kann man wenig ändern. Überwachungskameras sind selten scharf. Die wichtigen Details sind jedoch gut zu erkennen, und noch viel wichtiger- es gibt Ton.
Ein schwarzer Wagen fährt vor und parkt am Straßenrand. Er ist unscheinbar, aber sauber, und fügt sich ins Bild der gehobenen Mittelschicht auf der Baker Street nahtlos ein. Ganz anders als das auffällige, glänzende Monster, mit dem Mycroft Holmes seinen Terminkalender durchjagt. Jener Wagen ist längst verschwunden, längst auf dem Weg zu einem verlassenen Fabrikparkplatz am Stadtrand. Der unauffällige Fiat bleibt und wartet. Die Kennzeichen sind gestohlen, aber noch fällt das niemandem auf. Noch sucht niemand danach.
Die Türen öffnen sich, und ein Spaziergänger bleibt neben ihnen stehen.
Der Mann ist hoch gewachsen und trägt einen hochwertigen Anzug und darüber einen dunklen Mantel. Er schwingt einen schwarzen Regenschirm, obwohl der Himmel zur Abwechslung klar ist, und sein Haar glänzt rötlich in der Herbstsonne. Er wendet sich in Richtung des Fahrers, mit dem Gesicht zur Kamera, und seine Lippen bewegen sich minimal versetzt zur Tonausgabe, als er schließlich spricht.
"Es ist also meine Entscheidung?"
Jim kichert erneut. Was für eine Frage. Als hätte er jemals die Wahl gehabt. Als hätte er verstanden, um was es geht. Dieser Mann ist brilliant, aber er denkt falsch, denkt von oben nach unten und von links nach rechts und in geordneten Bahnen. Gerade Linien, sortierte Fakten, adrett und penibel wie sein Äußeres. Er ist seinem Bruder kein bisschen ähnlich, denkt Jim nicht ohne eine Spur von Missmut. Aber daran kann man arbeiten.
Als hätte er Jim gehört, lacht der Mann auf dem Video kurz auf. Es klingt freudlos und hart, präzise wie seine perfekte Aussprache, als er erneut spricht. "Wahrheit. Was soll das schon bedeuten?"
Und dann steigt er ein.
Jims Augen weiten sich und glänzen im Licht der Neonlampen wie zwei identische Tropfen schwarzer Tinte. Es scheint, als flackerten sie von innen heraus, und sie stehen niemals still. Sein Blick wandert zur Wand auf seiner linken, an der mehrere kleinere Bildschirme ein großes Quadrat bilden. Die Meisten von ihnen zeigen Straßenausschnitte, Flure, kleinere Büros und die ein oder andere Abstellkammer. Auf den Wenigsten bewegt sich etwas. Aber zwei der Fenster sind anders, sind weiß und klar und belebt. Sehr belebt.
Jim Moriarty beobachtet, wie John Watson den Raum durchschreitet, in dem er seit zwei Tagen sein jämmerliches Dasein fristet. Sein Oberkörper ist frei, und man sieht die dunklen Prellungen und roten Brandwunden auf seiner Londonblassen Haut klar und deutlich. Das Licht lässt seine Narben hervortreten, die markante Blüte auf seinem linken Schulterblatt ebenso wie die Kratzer auf seinem Rücken und seinen Armen und die sechs schmalen Schnitte entlang seiner Rippen. Testimonien eines harten Lebens voller Kämpfe und Gewalt. Sherlock hat ihn nie nach den Narben gefragt, aber Jim weiß, dass sie ihn interessieren. Vielleicht wird er sie katalogisieren, beschreiben und untersuchen und sich ihre Geschichte anhören, und dann den Ordner Sherlock zum Geschenk machen. Er fragt sich, ob das Sherlock gefallen würde, und seine Mundwinkel wandern ein paar Millimeter nach oben.
Es sind vier Schritte zur einen Wand und vier Schritte zurück zur Anderen. John muss dem Stuhl ausweichen, der mitten im Zimmer auf den Boden geschraubt ist. Auf besagtem Stuhl liegt eine Browning L9A1 der britischen Armee. Sie enthält genau eine Kugel, und sie schimmert schwarz im Licht der Neonlampen an der Decke. John starrt gezielt an ihr vorbei, und das ist beinahe offensichtlicher, als wenn er sie direkt ansehen würde. Seine blauen Augen irren zwischen den Namen an den Wänden hin und her, finden keinen geeigneten Fixpunkt, und es treibt ihn offensichtlich in den Wahnsinn. Es wäre bemitleidenswert, wenn es nicht so erbärmlich anzusehen wäre.
Vier Tage, denkt Jim, und er irrt sich nie in solchen Dingen. Vier Tage, und du gehörst mir.
Der andere Bildschirm zeigt einen Raum ganz in weiß- weiße Wände, weiße Decke, weiße Laken, weiße Tür. Der Fußboden ist hellgrau, und das ist beinahe noch besser, denn man sieht alles auf hellgrau. Mycroft Holmes liegt auf dem Bett, vollkommen still, die Augen geschlossen und die Hände über der Brust gefaltet. Auch er selbst ist weiß. Sein Hemd, seine Hose, seine Haut, alles ist weiß und hell und perfekt. Mycroft hat keine Narben, und reine Poren, und manikürte Nägel. Er ist vielleicht ein wenig pummelig, aber das kann Jim ändern. Und sein Haar ist sehr braun, wenn er es nicht glatt anlegt, und seine Bartstoppeln schimmern rötlich und es ist alles außerordentlich brilliant.
Nein, er ähnelt Sherlock bemerkenswert wenig. Sicher, sie haben den gleichen hohen Wuchs und filigranen Körperbau, und eine markante Nase und rötliches Haar. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. In einem gewissen Licht scheinen ihrer beider Augen wie Quecksilber, blassgrau und glänzend, aber Sonnen- und Mondlicht bleichen die Farbe vollkommen aus Sherlocks Augen, während sie Mycrofts in Onyx zu verwandeln scheinen. Sie sind schwarz und weiß, Tag und Nacht. Oh, sie sind beide brilliant, auf ihre Weise. Großartige Strategen, geniale Köpfe. Aber Sherlock ist lebendig, schnell und leichtsinnig. Er fürchtet sich nicht vor Schmerz, und er nimmt die Dinge gern selbst in die Hand. Sein Bruder dagegen ist schwach, schwach und faul und weich, und er hasst körperliche Betätigung. Er fürchtet die Macht des Körpers über den Geist. Mycroft Holmes ist Eis, glatt und hart und linear, aber zerbrechlich unter Druck. Sherlock ist fließendes, biegsames Feuer. Er vergeht nicht, er verbrennt.
Sherlock ist wie Jim. Bis in die letzte Faser seines Ichs. Sie wurden füreinander geschaffen.
Seine Augen wandern über die beiden Bildschirme, sachte wie Fingerspitzen und beinahe liebevoll. Schließlich bleiben sie an Mycrofts Händen hängen. Der Mann bedeckt die linke Hand mit der Rechten- eine unscheinbare Geste nur, aber Jims Grinsen weitet sich in offensichtlicher Genugtuung. Scheinbar gedankenverloren nimmt er eine kleine Glasbox von seinem Schreibtisch, die im Moment als Briefbeschwerer dient, und dreht sie in den Fingern hin und her.
Eingelegt in Konservierungsmittel schwimmen zwei perfekt manikürte Fingernägel in der Box.
Jim ist ein Sammler, und Mycroft Holmes hat es ihm angetan. So ein starker Charakter, und so ein schwacher Mensch. Noch hat er kein Wort mit Jim gesprochen, keine Frage beantwortet und nicht eine Information preisgegeben. Aber geschrien hat er schon, laut und lange. Jim bewahrt die Fingernägel auf, jeden Tag ein weiterer, und eine Haarlocke und wer weiß, als nächstes vielleicht Zähne, oder Ohren, oder kleine Stücke Haut wie ein dreidimensionales Puzzle? Die Vorfreude ist manchmal das Beste am Geschäft. Aber Jim ist nicht selbstsüchtig. Er wird natürlich teilen. Wenn er zehn Nägel hat, dann wird er sie Sherlock schicken. Und vielleicht ein paar Fotos. Nur, damit er weiß, wofür er sich krummarbeitet.
Apropos arbeiten. Mit einem langgezogenen Seufzer wendet sich Jim von den Bildschirmen an der Wand ab und seinem Privatcomputer zu. Er klickt auf ein Excelsymbol auf seinem Schreibtisch und arbeitet sich durch eine Reihe von Passwörtern, bis die Anwendung gestartet wird. Er lehnt sich zurück und spielt wieder mit der kleinen Box, während er darauf wartet, dass die Liste geladen wird.
Schließlich ist es so weit, und schwarz auf weiß reihen sich Namen aneinander. Namen und Geburtstage und Herkünfte und Laufbahnen und Todeszeitpunkte. Es ist eine Liste geradewegs aus den Tiefen der Regierungsdatenbanken. Jim hat sie sich selbst zum Geburtstag geschenkt.
Die obersten vierundzwanzig Namen sind bereits durchgestrichen. Sie haben ihren Zweck erfüllt. Aber es bleiben noch so viele mehr. Er scrollt ein wenig nach unten, bis er am Fuß des Dokuments ankommt, und lächelt in der Stille seines Büros in sich hinein. Oh ja, so viele mehr. Und er hat noch weitere Ideen, einen ganzen Kopf voller Ideen. Und Seb. Seb ist ein Künstler, ein Kenner, ein Phänomen. Seb fällt sicher noch eine ganze Menge ein, die man ausprobieren kann an einem ehemaligen Armee-Kollegen.
Vier Tage, John Watson. Vier Tage, und du bist nichts mehr. Vier Tage, und ich kann mit dir machen, was ich will.
Um ehrlich zu sein, versteht Jim beim besten Willen nicht, warum Sherlock Holmes sein kleines Haustier partout nicht hergeben möchte. John Watson ist nichts besonderes. Er hat keine herausragenden Fähigkeiten, keine versteckten Talente, keinen Regierungshintergrund. Er ist nur ein weiterer Ex-Soldat, ein weiterer Krüppel, den der Krieg ausgespuckt hat. Zugegeben, er ist ein guter Schütze. Aber das sind andere auch. Seb ist ein guter Schütze. Jim ist selbst ganz passabel. Wozu also diesen langweiligen, einfachen Mann aufgabeln und behalten? John Watson ist normal und beschränkt. Ein kleiner Mensch mit verkorkster Kindheit, Identitätskrisen, Fehlentschlüssen und PTSD. Ein Niemand. Er war nie besonders, und er wird es in diesem Leben auch nicht mehr werden.
Es ist ein Rätsel, ein Mysterium.
Wenn Jim etwas in diesem Leben noch mehr liebt, als Rätsel zu konstruieren, dann ist es, sie zu lösen. Er wird diese Beziehung unter die Lupe nehmen und dann auseinander, Stück für Stück, und dann wird er sie verbrennen und auf der Asche tanzen und das wird es dann gewesen sein. Sherlock Holmes gehört ihm, ihm allein, und niemand wird ihm das kaputtmachen. Niemand.
Er öffnet die oberste Schublade seines Schreibtisches und wirft einen Blick hinein. Darin liegen ein paar Dinge, die er sich für besondere Momente aufheben möchte. Ein Packen Briefumschläge, böhmisch, von hoher Qualität. Ein Füllfederhalter mit Iridiumfeder, blaue Tinte. Ein abgegriffenes Lederportmonee mit einer Bankkarte auf den Namen J. H. Watson. Eine kleine kupferne Taschenuhr mit dem Schwarzweißfoto eines kleinen Jungen. Und ein Handy, ein einfaches Modell mit schwergängigen Tasten und Standardklingeltönen, der Ersatz für ein modernes Exemplar mit Gravur, dass den Sturz in einen Pool nicht überstanden hat.
Für einen Moment nur wandert Jims rechte Hand in Richtung der Schublade, dann verzieht er unwillig das Gesicht und lässt das Fach zuschnappen. Alles zu seiner Zeit. Fürs erste hat er zu tun, und wie der Volksmund sagt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, nicht wahr?
Er wendet sich wieder der Liste zu und das Lächeln kriecht zurück in seine Mundwinkel und glänzt in seinen Tintenaugen.
Alles zu seiner Zeit.
