Frohes neues Jahr, alle miteinander. :)
Entschuldigt die Verzögerung, aber manchmal kommt das reale Leben vorbei und tritt dir in den Hintern.
Hier bitte sehr. Ein extralanges Kapitel.

Warnung: Ab hier gehören Blut, Schimpfwörter und eine Menge fieser Sachen zur alltäglichen Story. Seid gewarnt.

Zitat: "Was sehen Sie?" - "Alles. Das ist mein Fluch." (Sherlock Holmes, A Game of Shadows)


Kapitel Dreizehn_Planung


Greg Lestrade erreicht 221 Baker Street zwanzig Minuten nach Mrs. Hudsons Anruf.

"Es geht ihm nicht gut, Inspektor. Er braucht jetzt jemanden an seiner Seite, dem er vertrauen kann. Sie sind so eine Person. Und wenn ich so offen sein darf, Sie klingen selbst so, als könnten Sie ein bisschen Gesellschaft gebrauchen."

Er hatte es nicht übers Herz gebracht, es ihr am Telefon zu sagen. Er hatte ursprünglich auch gar nicht kommen wollen. Aber es ging um Sherlock. Alles dreht sich um Sherlock, denkt er und ist selbst überrascht, wie bitter die Worte auf seiner Zunge schmecken. Aber so liegen die Dinge nun einmal. Sherlock Holmes ist ein ganz besonderes Individuum, und er hält sie alle in seinem Umfeld gefangen wie ein Planet seine Monde. Ohne ihn würden sie alle hilflos durch den luftleeren Raum trudeln, und er weiß es. Der Bastard.

Greg stellt das Motorrad auf dem Bürgersteig unter den Fenstern von 221 ab, zieht den Schlüssel ab und erklimmt die drei Stufen zur Vordertür. Die wenigen Schritte sollten nicht so anstrengend sein, wie sie sind. Durst, Müdigkeit (knochentiefe Erschöpfung) und ein fürchterlicher Kater erschweren ihm die Sicht und verwandeln seine Füße in Bleiklumpen. Seine Arme dagegen scheinen aus Gummi zu sein; er bekommt sie kaum hoch genug, um die Klingel zu betätigen. Das Geräusch der Türglocke schneidet ihm in die Ohren, und er stöhnt leise und lehnt die Stirn nach vorne gegen das grün lackierte Holz.

Er hört Schritte auf der anderen Seite der Tür und spürt die Vibrationen in seinem Schädel wiederhallen, als die kleine Metallleiste vor dem Spion zur Seite gezogen wird. Widerwillig hebt er den Kopf und verzieht den Mund zu etwas, von dem er hofft, dass es einem Lächeln ähnelt. "Lieber Himmel", sagt eine dumpfe Stimme auf der anderen Seite. Also war er nicht besonders erfolgreich. Die Tür öffnet sich und er sieht sich Mrs. Hudson gegenüber, die ihn besorgt anschaut und ihn mit raschen Bewegungen nach innen scheucht. "Inspektor. Danke, dass Sie da sind."

Hallo, will er sagen und wie geht es Ihnen und ich bin nicht aber seine Zunge klebt an seinem Gaumen, und sein Kopf schmerzt, und alles, was er herausbekommt, ist ein undefinierbares Grunzen und ein vorsichtiges Nicken. Die ältliche Frau schnalzt missbilligend mit der Zunge und hilft ihm, sich aus der Motorradjacke zu schälen.

"Ein Mann in Ihrer Position. Wirklich. Und es ist noch nicht einmal Mittag." Sie hängt das schwere Lederteil mit einiger Mühe an einen freien Haken an der Garderobe. Greg bemerkt, dass Johns schwarze, geflickte Jacke noch immer an ihrem angestammten Platz hängt. Seine Schuhe warten darunter geduldig darauf, sich in die glitschigen Massen gefallenen Laubes zu stürzen, die die Gehsteige blockieren und das Laufen zum Drahtseilakt werden lassen. Nichts ist verändert, als sei John oben in der Küche mit einem Tee, oder schriebe seinen Blog, oder läge in seinem Bett. Als sei alles in schönster Ordnung. Lestrade wendet den Blick von den Kleidungsstücken ab und der Treppe zu.

Siebzehn Stufen.

Er ist kurz davor, sich umzudrehen und wieder zu gehen. Aber Mrs. Hudson legt ihm eine bestimmte Hand auf den Rücken und schiebt ihn vorwärts. Sie riecht sanft nach Lavendel und auf die subtile Weise nach Keksen, auf der alle älteren Damen nach Keksen riechen, und sein Kopf klärt sich lange genug, dass er den Fuß auf die erste Stufe setzen kann. Dann auf die nächste, und noch eine, und eine vierte. Stück für Stück arbeitet er sich nach oben vor, und irgendwann steht er auf dem Treppenabsatz vor der Tür zu Apartment b. Sie ist geschlossen. Sie ist nie geschlossen.

Sein Blick wandert zum nächsten Treppenabschnitt, den schmalen dunklen Stufen, die in den zweiten Stock führen, bis hoch zu einer einzelnen weiteren Tür, helles Holz, dunkler Rahmen, ein kleines leeres Zimmer...

Gregs Finger finden das Messing der Klinke und er betritt ohne weitere Verzögerung das Wohnzimmer.

Er kommt genau drei Schritte weit, bevor ihn die Realität dessen, was er sieht, einholt und er erneut stehen bleiben muss. Sein Kopf meldet sich zuerst, dann seine Beine, und er lässt sich dort wo er ist auf den verblassenden roten Teppich fallen und presst die Handballen in die Augen.

Der Raum ist ein Chaos. Überall liegen einzelne Blätter herum, manche eng bedruckt mit Fakten, mit Informationen, Graphen und Statistiken, andere beklebt mit einzelnen Zeitungsartikeln oder bekritzelt in unzähligen Reihen spinnenfeiner Handschrift, die er als Sherlocks erkennt. Dazwischen sind Fotografien ausgebreitet oder Buchseiten oder Haufen, die aussehen wie Polizeiakten. Auf einigen der Din A4-Bögen stehen nur einzelne Worte, dick mit schwarzem oder rotem Edding umrandet, Schlagworte, Stichworte, Memos, Flüche, Ausrufezeichen. Was nicht auf dem Boden liegt, ist an die Wände gepappt. Greg sieht Pins und Reißzwecken und Nägel und Tesafilm und vermutlich auch Kaugummi, das gleiche Arsenal wie auf dem Teppich, und dazwischen mehrere Karten von London und Umgebung und den U-Bahn-Netzen und ganz eindeutig ein ausgedrucktes Fliegeralphabet und eine Seite mit dem Morsecode. Und Garn. Rotes Garn, blaues Garn, Paketschnur und Wollfasern spannen sich zwischen den einzelnen Bildern und den Stühlen hin und her, auf denen aufgeschlagene Bücher liegen und ein aufgeklapper Laptop und der Schädel.

Der Schädel starrt ihn an, als er zwischen seinen Fingern hindurchlugt, und grinst sein totes Lächeln, als wolle er ihn provozieren.

Mit einem erneuten Stöhnen bedeckt Lestrade erneut seine Augen und wünscht sich mit der Macht der Verzweiflung zurück in seine eigene kleine, gammelige Wohnung auf seine eigene abgewetzte Couch zu seinen eigenen zahlreichen, eiskalten Dosen Bier. Gut, seinen nun limitierten Dosen Bier. Und seinem Fernseher und Fertigpizza.

Und so weit weg wie möglich von Sherlock, der momentan auf seinem Lieblingssessel... nun, das Wort sitzt scheint nicht ganz angebracht. Vielmehr liegt er verkehrherum darauf, die langen Beine über die Rückenlehne drapiert und den Kopf über die Sitzfläche baumelnd, so dass seine Haare beinahe den Boden streifen. Er trägt nichts außer einem verwaschenen, weißen Frotteebademantel. Absolut nichts. Greg ist sich deshalb so sicher, weil sich dieses Kleidungsstück nicht besonders gut mit der Pose des Detektivs vereinbaren lässt.

Ich wollte das wirklich, wirklich nicht sehen, denkt er und dann hol mich doch jemand hier raus, das kann nicht euer Ernst sein.

Mrs. Hudson betritt hinter ihm den Raum und hält ihm eine Tasse vor die Nase. Sie dampft und verströmt das unverwechselbare Aroma von frischem, schwarzem Kaffee. Das Angebot ist verlockend genug, also wagt er es, eine Hand vom Gesicht und nimmt die Tasse entgegen zu nehmen. Vorsichtig nippt er daran und atmet erleichtert auf, als das schwarze, heiße Getränk den schalen Geschmack von seiner Zunge spült und seinen Kopf klarmacht.

Ich werde alt, denkt er ernüchtert und trinkt noch einen Schluck. Früher hätte ich niemals einen Kater bekommen von ein paar Dosen Bier. Die Erinnerung kommt in Bruchstücken zurück, gnadenlos ehrlich, und er verzieht das Gesicht. Ein paar Dutzend Dosen Bier, zugegeben, aber dennoch. Ich werde alt.

"Sherlock, runter von dem Sessel. Wie siehst du überhaupt aus? Das ist alles andere als anständig, junger Mann. Zieh dir was an."

Sherlock öffnet mit einiger Mühe ein einzelnes, graues Auge und sieht zu seiner Vermieterin hoch, die sich vor ihm aufgebaut hat. Seine Wangen sind tiefrot angelaufen, und das Blut pocht schmerzhaft in seinen Ohren. Er fühlt sich grauenhaft. Er verdient jede Sekunde davon.

"Ich komme nicht weiter", krächzt er leise, und es klingt verloren und deprimiert und armselig. "Ich komme nicht weiter, ich komme nicht dahinter, ich weiß nicht, was ich tun soll." Das Auge schließt sich weiter, und sein Adamsapfel wandert an seinem Hals auf und ab, als er schluckt. Schlucken schmerzt, und sein Rücken schmerzt, und sein Kopf schmerzt, und sein Handgelenk schmerzt, aber das Pochen in seiner Brust ist immer noch schlimmer. Immer noch. Er denkt an das Schnappmesser, mit dem er vor Minuten noch einige Akten ans Kaminsims genagelt hat, und wünscht sich plötzlich, etwas anderes damit getan zu haben. Etwas resolutes. Etwas endgültiges, nützliches, effektives. Ohne ihn wäre nichts davon passiert.

Das mag sein, meldet sich die gnadenlos ehrliche Stimme in seinem Hinterkopf zu Wort, aber ohne dich wäre dein Mitbewohner vermutlich tot, und deine Vermieterin wäre die Frau eines Massenmörders.

"Fürs Erste könntest du dir Unterwäsche anziehen. Du hast Besuch." Mrs. Hudson gibt ihm im Vorbeigehen einen Klaps aufs Knie und beginnt, einzelne Seiten aufzuheben und zu Stapeln zu ordnen. Lestrade beobachtet sie von seinem Platz auf dem Teppich aus, und Sherlock beobachtet Lestrade. Es ist schwer zu sagen, wenn ihm das Wasser in die Augen schießt und seine Gedanken sich durch Massen von Blut wälzen müssen, aber etwas ist passiert. Sherlock dreht sich langsam um und lässt die Beine über die rechte Armlehne fallen, während er verkrümmt wie ein Fragezeichen auf dem Bauch liegt. Lestrade schaut mit voller Absicht nicht in seine Richtung, aber das muss er auch nicht.

Die Uhr tickt eins, zwei, drei und Mrs. Hudson raschelt mit Papier und draußen vor dem Fenster fährt ein Auto durch den Schlick und die Ampel an der Kreuzung schaltet auf grün und unten im Speedy's gibt es Pasta Quattro Fromagi zu Mittag und Sherlock sieht alles.

(Lestrade in Zivilkleidung anstelle seines obligatorischen Anzugs. Bequem, zweckmäßig, nicht schick. Er hatte nicht geplant, irgendwo hin zu gehen. Dreitagebart- nein, zwei Tage, dennoch ungewöhnlich, unter normalen Umständen ein Zeichen von Überarbeitung. Hängende Schultern. Ringe unter den Augen. Der Geruch von schalem Bier in der Luft, obwohl er geduscht hat, seine Haare sind noch feucht. Er ist mit dem Motorrad gekommen; Schlammspritzer an seinen Hosenbeinen machen es eindeutig, und der Helm hat ihm die nassen Haare platt an seinen Kopf gepresst. Zusammenfassung: Billiges Bier, wenig und schlechter Schlaf, Zivilkleidung. Dienstwagen und Diensttelefon nicht mehr vorhanden. Was folgern wir daraus?

Ah.)

"Man hat dich entlassen", sagt Sherlock langsam. Lestrade sieht nicht einmal auf. Es überrascht ihn nicht, dass Sherlock es herausgefunden hat. Vermutlich sieht man es ihm auf zehn Meter Entfernung an. Unehrenhaft aus den Diensten entlassen, er, Gregory Lestrade. Er ist noch nicht bereit, den Gedanken mit all seinen Konsequenzen zu Ende zu führen. Zum Beispiel, dass er nie wieder-

Sherlock steht auf, schließt den Frottee-Bademantel enger um seine Hüften und streicht ihn glatt. Dann vergräbt er die Hände in den Taschen. Lestrade bleibt sitzen und leert die Tasse mit langsamen, tiefen Zügen. Er bemerkt die Blicke, die Mrs. Hudson ihm zuwirft- Neugierde, Mitleid, Entrüstung?- und schaut rasch in eine andere Richtung. Papier, Akten, Fotos. Ein Kloß in seinem Hals.

"Was also willst du hier, Lestrade?" fragt Sherlock langsam. Er runzelt die Stirn und überfliegt noch einmal die Fakten. Wenn Lestrade aus dem Yard raus ist, was genau bindet ihn dann noch an Sherlock Holmes? Es gibt keine Fälle mehr zu lösen, keine Akten mehr abzuliefern, keinen Rat mehr einzuholen. Diese Zeiten sind jetzt vorbei, so schnell, wie sie einst kamen. Der Gedanke sticht. Was ist er schon ohne seine Fälle? Aber er wird weiter arbeiten können. Er ist jetzt so etwas wie eine Berühmtheit. Er braucht Lestrade nicht für Arbeit, und Lestrade braucht ihn nicht mehr. Er sollte den Mann einfach vor die Tür setzen, damit er sein Leben in den Griff bekommen kann. Aber das tut er nicht. Er steht nur da und betrachtet den ehemaligen D.I., wie er auf dem Boden sitzt und die Hände um eine Kaffeetasse gelegt hat. Sie brauchen einander nicht mehr.

Sherlock ist zu sehr ein Mann der Logik, als dass er eine so offensichtliche Lüge akzeptieren könnte. Selbst wenn sie von ihm selbst stammt.

Ja, was will ich hier? fragt sich Greg. Langsam erhebt er sich, eine Hand Halt suchend an der Wand, und stellt die Tasse auf einem wackeligen Bücherstapel zu seiner Rechten ab. Seine Beine sind taub und prickeln wie winzige Nadelstiche, und er verzieht das Gesicht. Er hätte es wissen müssen- hat es geahnt, wirklich, in dem Moment, in dem er das Büro seiner Vorgesetzten verlassen hat. Sherlock hat ihn in sein Leben gelassen, sein Leben aus wilder Energie und wahnwitzigen Schlussfolgerungen und Aktivität, weil er einen Nutzen hatte. Er als D.I. hatte Zugang zu Orten, zu denen Sherlock Zugang haben wollte. Das war es, was sie hatten, eine geschäftliche, logische, kalte Geschäftsbeziehung. Nichts weiter. Jetzt hat er seinen Nutzen eingebüßt, und er sollte gehen, bevor er sich noch weiter blamieren kann.

Greg hat zu lange mit Sherlock zusammengearbeitet, als dass er das Chaos um ihn herum nicht lesen könnte. Selbst, wenn Sherlock etwas anderes sagt.

"Dir helfen, schätze ich", sagt er und stellt sich gerader hin. "Unter der Voraussetzung, dass du dir endlich etwas Ordentliches anziehst."

Ihre Augen treffen sich in der Mitte des Raumes und bleiben dort. Sie liefern sich ein Blickduell, und die Uhr zählt mit. Tick, tick, tick, und Mrs. Hudson raschelt mit Papier.

Sherlock sieht als Erster zur Seite.

"Gut", sagt er mürrisch und stapft durch die Küche in Richtung seines Zimmers. Greg atmet auf und beginnt, die Notizen an den Wänden abzugehen.

Mrs. Hudson lächelt und bringt die leere Kaffeetasse nach unten.

Standortwechsel.

John findet sich mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert, einer, die möglicherweise sein Leben verändern wird.

Das Problem ist, er muss dringend auf die Toilette. Aber solchen Luxus hat er in diesem Loch nicht. Die Frage ist also- lässt er sich so weit erniedrigen, in die Ecke seines eigenen Gefängnisses zu pinkeln? Und wenn ja- zielt er dann auf die Kamera, die in den Boden in der rechten hinteren Ecke eingelassen ist?

Schwierig, schwierig.

Er hört das leise Zischen zu spät. Als er es bemerkt, wird ihm bereits schwindelig. Sie benutzen Gas, um ihn zu betäuben, wenn sie ihn an den Stuhl schnallen. Weil sie ihm eine Waffe gegeben haben, eine Waffe mit einer Kugel, mit der er sein Leben beenden kann, wenn ihm danach ist. Bisher war ihm nicht danach, meistens jedenfalls, aber auch mit einer Kugel kann man eine ganze Menge anstellen, wenn man so ein guter Schütze ist wie er. Selbst mit Prellungen und schmerzenden Rippen und vernebelter Sicht über einem leeren Magen und einer vollen Blase.

Seine Knie geben unter ihm nach, und die Wände um ihn herum verschwimmen. Die schwarzen Namen fließen ineinander und bilden eine graue Schmierschicht, während sein Geist immer weiter in die Ohnmacht absinkt. Es macht keinen Unterschied, ob er sie lesen kann oder nicht. Er kennt sie alle auswendig. Sie waren eingebrannt in sein Unterbewusstsein, schon lange bevor ein gewisser Jim Moriarty beschloss, Spielchen mit ihm zu spielen.

Er schließt die Augen und konzentriert sich mit all seiner Macht auf die wenigen Namen, die etwas bedeuten und nicht an der Wand stehen.

Perspektivenwechsel.

Mycroft betrachtet nachdenklich den Verband um seine linke Hand.

Das Blut ist an einigen Stellen durch das weiße Leinen gesickert und hat es rostbraun gefärbt. Die offene Haut darunter brennt und pulsiert minimal versetzt zu seinem Herzschlag, und die kleine Verzögerung irritiert ihn ungemein. Er konzentriert sich auf etwas anderes. Weiß weiß weiß, schreit der sich drehende Raum. Er hat Hunger, er hat Durst. Tick tick tick, und die Uhr in seinem Hinterkopf läuft weiter. Es ist beinahe zwölf Uhr mittags, Londoner Zeit. Die Bartstoppeln auf seinem Kinn sind ungewohnt und kratzen. Sein Haar ist zu lang; er hat seinen Friseurtermin verpasst. Er hat den Termin mit dem Premier verpasst. Ob es jemandem auffällt? Aber er vertraut Anthea. Sie wird alles umarrangieren, da ist er sich sicher. Es kann Wochen dauern, bis jemand merkt, dass er fehlt.

Wochen.

Tick tick tick.

Es ist beinahe zwölf Uhr mittags. In knapp vier Stunden wird Sebastian Moran die Tür öffnen und ihn abholen zur Befragung. Passwörter. Insiderwissen. Namen. Termine. Sherlock. Moriarty ist besessen von seinem kleinen Bruder, und es jagt ihm kalte Schauer über den Rücken und verwandelt seinen Magen in einen festen Knoten aus Hass und Abscheu. Oberflächliche Wunden, sagte Moran am ersten Tag, wir wollen ihn doch nicht verunstalten. Man muss ihn schließlich wiedererkennen können. Wann wiedererkennen? Er braucht mehr Informationen über diesen Ort.

Um zwölf Uhr mittags und um zwölf Uhr nachts öffnet die Wache die Tür und geleitet ihn einen Raum weiter nach links in eine winzige Toilette. An zwei Tagen waren es zwei Männer. Einer am Tag, einer in der Nacht. Moriarty kontrolliert ein gigantisches, weltweites Imperium, aber hier in diesem engsten Kreis kann er sich zu viele Gesichter nicht erlauben. Die Wache ist professionell, schnell und effizient. Und bewaffnet- ein Revolver, zwei Messer, hervorragender Schütze. Nicht so gut wie Moran, aber mehr als ausreichend für den Job.

Denk schnell, Holmes.

Das Bad befindet sich links den Flur hinunter. Nach rechts gibt es ebenfalls eine Tür, in einiger Entfernung. Weiß bepinselter Edelstahl, schalldicht. Mycroft weiß nicht, was sich dahinter befindet, und jetzt ist nicht die Zeit, es herauszufinden.

Hinter der weißen Tür endet der Gang. Das bedeutet, der Ausgang ist links herunter. Eine gerade Strecke von vielleicht zehn Metern, auf der die Wache freie Schussbahn hätte. Dann eine scharfe Kurve. Dahinter? Schwer zu sagen. Wo auch immer sie sich befinden, der Boden draußen ist schlammig. Es hat viel geregnet. In der Nähe befindet sich ein Fluss oder ein See, in jedem Fall Süßwasser. Sie befinden sich in beträchtlicher Höhe über dem Meeresspiegel, zu hoch für London, aber nicht hoch genug für ein ernst zu nehmendes Gebirge.

Und sie sind noch immer in Europa.

(Schweiz Deutschland Niederlande Österreich Polen Tschechien Spanien Portugal Frankreich Italien Dänemark Skandinavien Türkei Belgien Bulgarien Estland Lettland Litauen Zypern Finnland Griechenland Ungarn Luxemburg Malta Irland ...)

Zwölf Uhr. Mycroft erhebt sich langsam und atmet tief durch. Eigentlich ist ihm gar nicht nach der Toilette. Aber eine Dusche wäre jetzt nett.

Der Schlüssel klickt im Schloss.