A/N: Mal wieder das liebe Leben. Es tut mir Leid, ihr alle. Danke, dass ihr dabeibleibt. Hier ein anderes längeres Kapitel, mit Fokus auf Mycroft.
ACHTUNG. Nach diesem Sonntag (REICHENBACH) ist es durchaus möglich, dass ich ein paar Tage in der Versenkung verschwinde. Ihr wisst schon- heulen, schreien, weinen, schluchzen, fünfmal anschauen, der ganze Kram... Viel Glück euch allen.

Zitat: Im Alter von achtzehn Jahren haben 71% der Menschen bereits den Einen gefunden, der sie ausnehmen und häuten und am Ende töten wird. (Unbekannt)


Kapitel Vierzehn_Flucht


"Das kann nicht dein Ernst sein", sagt Lestrade, als Sherlock den Raum betritt.

Der Detektiv blickt an sich herab, für einen Moment verwirrt. Er trägt schwarze Hosen und ein cremefarbenes Hemd, und seine Haare stehen nicht mehr wild in alle Richtungen ab. Er sieht beinahe normal aus, beinahe wie immer. Zugegeben schmal im Gesicht und blass um Augen und Mund, wie jemand mit einer Erkältung oder einem schwachen Magen, aber ansonsten addrett und beherrscht. Es ist natürlich nicht seine Kleidung oder generelle äußere Erscheinung, die sein Gegenüber so aus der Fassung gebracht hat, und nach knappen zwei Sekunden übernimmt Sherlocks Verstand die Führung und es klickt.

Lestrade steht vor der rechten Wand, von der Eingangstür aus gesehen, der Wand mit dem aufgesprühten Smiley und den unzähligen Einschusslöchern. Im Moment sieht man jedoch wenig von beidem, ebenso wie von der (mit Verlaub grauenvollen) braun gemusterten Tapete. Jeder freie Zentimeter ist eng beklebt mit Fotos und Akten. Polizeiakten, um genau zu sein. Fallakten.

Raubüberfälle finden sich an dieser Wand, Schmuggel über nationale und internationale Grenzen, Mordfälle verstreut zwischen Bildern von Gassen, Leichenfundorten, Kartenausschnitten. Aber auch viel kleinere Delikte- Drogendeals, unscheinbare Ladendiebstähle, Fälle von Beamtenbeleidigung oder Erregung öffentlichen Ärgernisses. Gleich neben Lestrade flattert ein Bericht über Prostitution im Luftzug des halb geöffneten Fensters. Es fällt dem älteren Mann schwer, die Zusammenhänge zwischen diesen Vorfällen zu sehen- auch wenn Sherlock sich größte Mühe gegeben hat, sie klar dazustellen. Von jedem Bild, jedem Fitzelchen Papier führt eine farbige Schnur - meist über einige Zwischenstationen, in Zickzacklinien und Verstrickungen, aber dennoch unmissverständlich- zu dem einen kleinen Foto in der Mitte. Es ist schwarzweiß unter dem Wirrwar bunter Fäden, verschwommen und verpixelt, aber es zeigt eindeutig Jim Moriarty.

(Für einige Momente war Greg verwirrt, dass Sherlock kein besseres Foto des Mannes für seine Zwecke verwendet hatte. Immerhin schwirrten davon so einige herum- Fotos von einem kleinen, irgendwie unscheinbaren Mann in Anzügen, mit schwarzem Haar und manischen Augen. Dann hatte er genauer hingesehen und die Reflektionen auf dem vermeintlichen Boden erkannt, die Spindtüren auf der linken Seite, hatte die Beleuchtung in Betracht gezogen und den Datumsstempel in der unteren rechten Ecke, und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen: das hier war eine Aufnahme einer der Überwachungskameras aus dem Pool, wie auch immer Sherlock sie in die Finger bekommen hatte. Es war eine Aufnahme jener Nacht. Das gibt der ganzen Sache eine neue, irgendwie intimere Qualität.)

"Was genau meinst du?" fragt Sherlock zerstreut, obwohl er natürlich genau weiß, was Lestrade sagen will. Er bückt sich nach einem Zettel und heftet ihn gedankenverloren an eine leere Stelle an der Wand. Die Fingerspitzen seiner linken Hand verharren nur Millimeter über dem Papier, während seine Augen durch den Raum schweifen. Sie huschen von Punkt zu Punkt und zurück mit heißer, beinahe fiebriger Intensität, und wie zum Ausgleich wird Lestrade plötzlich unnatürlich kalt. Er schließt das Fenster, lässt den Blick wie zufällig über die Straße schweifen, sieht nichts und fühlt sich deswegen kein Stück besser.

"All das." Er streckt den Arm aus und streift einige der Papiere, verharrt mit einem ausgestreckten Zeigefinger in Richtung der gegenüberliegenden Wände, die exakt genau so aussehen, und runzelt die Stirn. "Moriartys Werk. Das alles."

Sherlock wirft ihm einen Blick zu, der den Ex-Inspektor verstummen lässt. Er hebt eine Augenbraue in der beiläufig- verächtlichen Art, die ihm so eigen ist, und schüttelt den Kopf, hilflos und aufgebracht und verständnislos. Ein Knacks in seiner Rüstung.

"Was dachtest du denn, mit was wir es hier zu tun haben?"

Lestrade hat keine Antwort darauf.

Szenenwechsel.

Die Frau, deren Name nicht Anthea ist, sondern Carma (diese Woche jedenfalls), tippt mit dem Zeigefinger gegen den Bildschirm ihres Blackberrys. Sie wartet auf Berichte des Außenministeriums. Natürlich darf offiziell niemand von der ganzen Sache erfahren- es ist ein Fiasko, ein echtes Desaster, diese Regierung braucht Mycroft Holmes, aber die eingeweihten Leute sind ihre Leute. Nun, eigentlich und in erster Linie seine Leute, aber für den Moment hat sie das Oberkommando. Es ist ihr gelungen, die letzten Tage abwechselnd mit einem vollen Terminkalender, technischen Schwierigkeiten und einer plötzlichen Grippeerkrankung zu entschuldigen, aber sie ist nicht sicher, wie lange dieser Plan noch aufgeht.

Es gibt keine Spur von Mycroft Holmes in London, England oder irgendwo im Vereinigten Königreich.

Ihr sorgsam manikürter Fingernagel klickt auf dem Glas des Mobiltelefons im Takt zum Sekundenzeiger der altmodischen Uhr an der Wand. Tick. Tick. Tickticktick. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag wandert ihr Blick zum Schirmständer neben der Eingangstür, in dem Mycrofts Schirme stehen. Dunkelblau, schwarz, mit silbernem Griff oder Mahagonischnitzereien. Er benutzt sie nie, nicht, wenn er ernst macht; wie alles andere an ihm dienen sie in erster Linie dem Schein, der Abschottung. Wie alles in seinem Leben bewahren sie ein Geheimnis.

Er benutzt immer nur einen Schirm, Mycroft Holmes. Einen einfachen, wenn auch eleganten schwarzen Regenschirm mit Holzgriff und einer hauchfeinen, tödlichen Klinge im Griff. Nur einen Schirm. Eine Sentimentalität, wirklich, verzerrt und verbogen in ein Markenzeichen. Einen Schirm, der jetzt auf seinem Schreibtisch wartet, verbogen und gebrochen und unbrauchbar. Carma wendet den Blick ab.

Sie wartet auf Berichte, auf Aussagen, auf Spekulationen. Irgendetwas. Klack klack klack.

Der Raum bleibt still bis auf das leise Prasseln des Regens am Fenster.

Szenenwechsel.

Das erste Mal, als Mycroft entkommt, stellt er sich dumm an. Nicht so dumm, dass man ihn gleich wieder schnappen würde, offensichtlich nicht. Nur gerade ungeschickt genug, dass die eine oder andere Überwachungskamera ihn in den Fluren erwischt. Die ein oder andere Wache einen Blick auf seinen Rücken erhascht, als er um Ecken rast und über Treppen nach oben, in Richtung Luft. Gerade langsam genug, dass der Alarm losgeht, als er durch die Türen am letzten Treppenabsatz sprintet und sich ohne Vorwarnung auf einer Wiese wiederfindet. Die Türen verriegeln automatisch hinter ihm, versperren seinen Verfolgern effizient den Weg, und er starrt sie gerade lange genug an, dass ein eventueller Beobachter seine Miene mit Überraschung verwechseln könnte.

Es sieht aus, als hätte er einen Plan gehabt, aber am Ende durch mehr Glück als Verstand den Sieg errungen.

Er weiß nicht, ob jemand wie Moriarty auf so einen simplen Bluff hereinfällt, aber es ist alles, was nötig ist, um den nächsten Fluchtversuch einfacher zu machen. (Und natürlich wird er es wieder versuchen, wieder und wieder. Er wird nicht zulassen, dass die weiße Farbe ihn um den Verstand bringt. Er wird Luft atmen, hin und wieder, und die Beine strecken und lachen, wenn auch nur für kostbare Stunden, Minuten, Augenblicke.) Oh, Mycroft macht sich keine Illusionen. Er weiß nicht, wo er ist (noch nicht), und so oder so kann er nicht gehen, bevor er nicht weiß, was der Wahnsinnige wirklich vorhat. Nicht ganz, nicht permanent. Noch nicht.

Aber er kann sich zumindest umsehen, vielleicht ein paar Spuren hinterlassen. Moriartys Männer werden ihn schneller finden als seine eigenen, und das bald. Er sollte das Beste aus der Zeit machen, die er hat, denkt er und wendet sich ab.

Das Dorf ist keine hundert Meter entfernt, gleich den Hügel hinunter, die drei mit Büroräumen und Beton gefüllten Stockwerke seines Gefängnisses verborgen unter einem Haufen aus Erde und Gras, und niemand hier schöpft den geringsten Verdacht. Die Türen, die ihn in die Freiheit entlassen haben, sind getarnt als Trafohäuschen. Es ist brilliant, wirklich. Wie frustrierend, wenn auch zu erwarten.

Er joggt den Hügel hinunter, genießt den Schlamm und das feuchte Gras zwischen seinen nackten Zehen und hält nicht inne, bis er an das erste Haus kommt. Alles hier ist so bunt, zusammengewürfelt, individuell. Ein paar tausend Einwohner vielleicht, eher weniger, die Häuser verstreut mit Metern über Metern Platz dazwischen, frei und sauber und so friedlich, dass sich sein Magen zusammenzieht. Ein paar Leute sind unterwegs, und noch schaut niemand in seine Richtung (er bleibt im Schatten, spürt die Herbstsonne zu warm auf seiner Haut), aber er trägt nichts als eine Schicht dünner weißer Baumwolle, er ist barfuß, seine linke Hand ist eingepackt in Mull, und er spürt die oberflächlichen Schnitte und Kratzer und Blutergüsse auf seinem Gesicht und entlang seiner Arme scharf und überdeutlich in der Brise.

Er kann dort nicht hinuntergehen, realisiert er mit milder Enttäuschung und einem Hauch Resignation. Er würde ihrer aller Todesurteil unterschreiben, und noch gehört er zur- nun, nicht direkt zur guten Seite, aber doch zu der, die sich um Menschenleben schert. Noch ist er nicht bereit, zu opfern. Es ist zu früh, und er bleibt im Schatten und atmet den Herbst.

Aber das Haus gleich hier steht leer, die Bewohner sind verreist- nein, es ist ein Ferienhaus, stellt er fest. Er wirft einen schnellen Blick auf die Bauart und das Baujahr der Häuser um ihn herum, die Umgebung, schließlich die Straßenschilder. Österreich. Er befindet sich in irgendeinem österreichischen Kuhdorf, tausende Kilometer und einen Ozean von London, aber das Haus neben ihm steht leer. Er braucht vier Sekunden, um das der Straße abgewandte Küchenfenster aufzubrechen. Als Moriartys Männer das Dorf betreten, angetan mit den Overalls einer imaginären Strom-und Wasserfirma und einem leeren Lächeln, ist er längst verschwunden.

Mycroft findet das Haus vollständig eingerichtet und ausgestattet vor. Das wenige Essen ist von der ewig haltbaren Sorte- eine schnelle Inspektion enthüllt Konserven, eine Packung Nüsse, Trockenfleisch und Wasserflaschen in der Küche und dem kleinen Vorratsschrank. Der Strom ist abgestellt, aber das warme Wasser läuft, und er duscht länger als ursprünglich vorgesehen. Es tut gut, den Schweiß und Dreck und das Blut loszuwerden, auch wenn der Schaum in seinen Wunden sticht und seine zu lange ungenutzten Muskeln protestieren. (Vielleicht sollte er die Zeit nutzen, um Übungen zu machen, Liegestütze, Sit-Ups, wie in den Filmen? Aber nein, er ist gut in Form, und das wäre übertrieben.) Er rasiert sich mit einem guten Einwegrasierer, da der elektrische Rasierer im Drehschränkchen natürlich unbrauchbar ist, und betrachtet sich anschließend im hereinfallenden Sonnenlicht im Spiegel. Bereits nach drei Tagen hat er sichtbar abgenommen. Seine Haare sind etwas zu lang, aber das ist fürs Erste in Ordnung. Er denkt kurz darüber nach, sich die Zähne zu putzen, aber Moriarty hat ihn in seinem winzigen Bad zumindest mit den groben Notwendigkeiten versorgt. Kein Grund, jetzt übermütig zu werden.

Er kocht sich einen starken Kaffee, isst Trockenfleisch und Dosenpfirsiche und versteckt eine einzelne, rostrote Haarsträhne in der leeren Gummibärchendose im oberen Regalfach in der Küche. Das Haus ist nett eingerichtet, hell und freundlich mit viel Glas und Cremefarben und Pastelltönen. Der Boden wechselt zwischen Parkett und dicken, weichen Teppichen im Schlafzimmer, und wer auch immer hier wohnt, hat nicht nur einen guten Geschmack in Sachen Kleidung, sondern auch beinahe seine Größe. Mycroft "leiht" sich eine einfache Jeans und ein schwarzes Shirt. Nicht, dass er sie lange behalten kann, aber es fühlt sich gut an, in Zivilkleidung unterwegs zu sein. Die verhasste Baumwolle faltet er zu exakten Quadraten und drapiert sie auf dem leeren Bettgestell im großen Schlafzimmer.

Der Kaffee belebt auch seine letzten Lebensgeister und erfrischt ihn ungemein. Zwischen den langen Zügen aus der weißen Keramiktasse betupft Mycroft die traurigen Überreste der Fingernägel an seiner linken Hand mit Iod und überklebt sie mit Heftpflastern.

Als er den schwarzen Wagen vor dem Haus vorfahren sieht- dreiundvierzig Minuten und achtzehn Sekunden nach dem ersten Heulen des Bunkeralarms- und er speichert diese Information, notiert sie in mentalen Großbuchstaben und verstaut sie in den akkurat beschrifteten, geordneten Boxen seines Verstandes- stellt er die Tasse mit einem leisen Seufzer in die Spüle und verlässt das Gebäude durch den Vordereingang.

Er sagt kein Wort, als die Wagentür ins Schloss fällt und die Zentralverriegelung leise klickt. Das ist auch nicht nötig. Die Miene seiner drei Beifahrer ist eisern. Im Rückspiegel sieht er eine dunkle Rauchfahne aufsteigen, sieht die ersten Massen zum Brandherd laufen. So viel zu seiner kleinen Nachricht, denkt er, aber es war ohnehin ein Schuss ins Blaue. Es war den Versuch wert.

Sie kehren nicht zurück zum unterirdischen Bunker. Irgendjemand hier wird ihn gesehen haben, die österreichische Polizei ist nicht dümmer als der Rest der Welt, und selbst in den kleinsten Dörfern gibt es heutzutage Überwachungskameras. Es erfüllt Mycroft mit einer stillen Genugtuung, wie lange sie fahren, den Hügel hinab und dann weiter nach unten, vorbei an einem malerischen kleinen Fluss, einem kristallklaren Bergsee, einem stillgelegten Skilift. Der Schnee lässt auf sich warten dieses Jahr, der Tourismus leidet. Der Fluss führt zu viel Wasser. Richtig in allen Punkten.

Selbst, wenn er es mit Gegenwehr versucht hätte: Zwei Männer halten seine Arme, während der dritte die Spritze in seiner Armbeuge ansetzt, und Sekunden später hat ihn die Ohnmacht wieder, die Ohnmacht und wilde Spiralen aus schwarz und rot und Geräusche, die er nicht einordnen kann, und als er aufwacht, ist es, als sei keine Zeit vergangen, nur dass ihn die ewig tickende Uhr in seinem Hinterkopf an das Gegenteil erinnert.

Die Wände sind weiß, und der Fußboden ist poröses Grau, und er sitzt an die Wand gelehnt auf einem einfachen Bett mit rauhen, weißen Laken. Er trägt Baumwolle, und sie kratzt auf seiner hypersensitiven Haut und ist weiß und neu und zu weit.

Es sind neun Stunden vergangen. Er könnte wieder wer-weiß-wo sein. Es ist beinahe zehn Uhr am Abend, und er ist nicht allein im Raum.

Ein paar Schritte vor ihm steht Moran, in Hab-Acht-Stellung, die Hände hinter dem Rücken gefaltet. Der Ausdruck in seinen Augen ist mörderisch, und Mycroft weiß, wenn er so etwas wörtlich zu nehmen hat. Er schluckt, und sein Adamsapfel macht seltsame Dinge an seinem Hals. Alles ist zu scharf, zu fokussiert, und vielleicht liegt es am Kaffee oder am Essen oder am Adrenalin; in jedem Fall hilft es ihm nicht weiter. Mycroft wendet seine Aufmerksamkeit wichtigeren Dingen zu.

Moriarty steht ein Stück weiter links, näher an der Tür (weiß, Metall, schalldicht), und seine Miene spiegelt nichts als Enttäuschung. Nein, das ist nicht richtig- dahinter glitzert etwas anderes in seinen Tintenaugen, flackernd wie eine Kerzenflamme. Wut, erkennt Mycroft. Der Mann ist beinahe außer sich vor Wut. Seine Augen verraten ihn, sind so erschreckend einfach zu lesen, dass Mycroft versucht, nicht so genau hinzusehen, denn er kann sich nicht helfen- er sieht, er erkennt, er katalogisiert und verknüpft und analysiert alles, in jedem wachen und vielen schlafenden Momenten seines Daseins; und Moriartys Gedanken machen ihm Angst.

Selbst die Augen wieder abzuwenden, ist eine körperliche Anstrengung. Das Atmen fällt ihm unnatürlich schwer. Er kann nicht einen Muskel willentlich rühren, nicht einen Finger, ist allein in seinem Kopf mit den zu schnellen Gedanken, die den Raum zum Drehen bringen, und fühlt sich hilfloser als je zuvor.

"Tsk, tsk", macht jemand. Jim. Er hat die Oberlippe leicht hochgezogen, und das Flackern in seinen Augen ist hypnotisch, aber seine Stimme ist vollkommen ruhig und leer und kalt.

"Mr. Holmes- Mycroft. Bitte. Wir wissen beide, dass das Ganze keinen Sinn hat."

Da bin ich anderer Ansicht, will Mycroft erwidern, aber sein Mund gehorcht ihm nicht. Schweiß perlt auf seiner Stirn und sammelt sich auf seiner Oberlippe, und es kostet ihn alles, den Kopf aufrecht und den Fokus auf beiden Männern gleichzeitig zu halten. Es macht keinen Unterschied. Moriarty ist ein Genie, neben allem anderen, und in seinem jetztigen Zustand ist die Maske des emotionslosen Regierungsbeamten keinen Pfifferling wert. Er hätte die Worte genauso gut schreien können.

Die Droge zeigt auch dieses Mal Wirkung, und von einem Moment auf den Nächsten steht Jim direkt vor dem Bett und sein Gesicht ist nur Zentimeter von Mycrofts Nase entfernt. Er kann den Atem seines Feindes über seine Augenlider streichen spüren, wenn er spricht. Er zwingt sich, die Überraschung im Zaum zu halten, aber der Erfolg ist mäßig. Ein Schweißtropfen rinnt an seiner Schläfe hinab und versickert in seinem Hemdkragen.

"Wenn das noch einmal vorkommt", flüstert Jim in sein Ohr, und er zittert unter dem feinen Lufthauch, unter der falschen Liebenswürdigkeit und der echten Bosheit in dieser Stimme, "dann wird Doktor Watson die Konsequenzen tragen müssen, fürchte ich."

Mycroft kann nicht verhindern, dass sich seine Augen bei diesen Worten weiten; noch kann er den Laut vollständig unterdrücken, der ihm entfährt. Gelogen, will er sagen, das kann nicht sein und wir hatten eine Vereinbahrung, aber das hatten sie nicht, oder doch, es war alles nur angedeutet- auf was hat er sich eingelassen? Er hätte es sehen müssen, jetzt ist es beinahe schmerzhaft offensichtlich- die andere weiße Tür unten im Gang, der andere schallisolierte Raum, die beiläufigen Kommentare. Er hatte die Informationen unter der Nase und entschloss sich, sie aktiv zu ignorieren, um seiner geheimen Hoffnung nicht die Nahrung zu nehmen. Alles, was er wollte, ist John sicher zu Hause bei Sherlock- Sherlock, der jetzt allein ist, ganz allein mit sich und seiner Weltansicht und Moriartys Drohungen-

Du Bastard, du falscher Bastard-

Jim lacht nur, ein kleines übermütiges Glucksen, und stellt sich neben Moran an die rückwärtige Wand. Er will mehr sagen, er will den Plan durchgehen und ausbreiten bis ins kleinste Detail, Anekdoten erzählen, Andeutungen machen. Aber seine letzten Andeutungen führten Mycroft Holmes auf seine Spur, auf die Spur von Schmuggel aus China und Ägypten und Prostitition im Libanon, und auf Schwarzarbeit in Spanien, führten seine Wege in Schwarzbrennereien in Frankreich, verwiesen ihn auf organisierten Mord und geplantes Verbrechen und geschmierte Beamte in allen Ländern der Welt und, zu guter Letzt, auf Prag.

Mycroft will nie wieder etwas erleben wie Prag. Aber er ist nicht allein damit, denn er ist nicht der Einzige, der an jenem Tag verlor.

Moriarty liebt es, sich selbst reden zu hören, liebt seine Stimme und die Brillianz seiner Pläne; ja, er wünscht sich Zuhörer- und nicht bloß irgendwen, nein, jemanden der versteht, der sieht, der das unglaubliche Genie hinter all dem zu würdigen weiß. Aber er ist ein Mann, der aus Fehlern lernt. Muss es sein, in seiner Position. Also hält er sich zurück. Mit Mühe, und mit Grimassen, aber er hält sich zurück.

"Zeigen wir unserem lieben Gast doch einen kleinen Vorgeschmack dessen, was den guten Doktor später erwartet", sagt er stattdessen beiläufig und lehnt sich zurück.

Sebastian Moran lächelt ein Grinsen aus zu vielen Zähnen und tritt vor. In seiner Hand befindet sich eine achtzehn Zentimeter lange Klinge, und in seinen Augen steht blanke Vorfreude.

Die Droge betäubt seine Muskeln, behindert seine Bewegungen und mindert seine Sicht. Sie hilft in keinster Weise gegen Schmerz. Vorgeschmack, denkt er, und John, und es tut mir Leid, und dann trifft Metall auf Fleisch und Eisen auf Knochen, und die Welt zerspringt in regenbogenfarbene Sterne und Schlieren aus rot und weiß und Nacht.

Mycroft schließt die Augen. Und schreit.