A/N: Ich denke über ff(.)de nach, okay? Danke für all eure Reviews. Ich war nicht mehr sicher, ob ich diese Geschichte noch wollte. Aber hallo, da kam ein Inspirationsschub um die Ecke! Und endlich kommt die Story in Fahrt! Ab jetzt wird nicht mehr ausgestiegen. Alle gut festhalten. Und macht euch nicht die Mühe, die Schauplätze ab jetzt nachzuschlagen. Künstlerische Freiheit ftw. See you on the next stop.

Zitat: Engel und Dämonen, Darsteller im Theater des Universums, bis zum großen Sieg der Engel (daran glauben wir). -Unbekannt


Kapitel Fünfzehn_Soldat


"Hallo, Johnny-boy", sagt Jim.

John sitzt mit dem Rücken zur Tür, die Augen geschlossen. Beim Klang von Jims Stimme dreht er sich langsam um und starrt auf die blank polierten schwarzen Schuhe vor ihm. Dies ist der Weg des geringsten Widerstands. Es ist der Weg, bei dem er pausenlos bittere Galle schmeckt und der Weg, der dafür sorgt, dass er morgen Rache nehmen kann.

Er denkt daran, wie leicht es wäre, diesem Mann vor ihm das Genick zu brechen. Lachhaft leicht. Ein Schritt, eine schnelle Bewegung, und er müsste nie wieder dieses reptilienhafte Grinsen sehen. Niemand müsste das mehr. Eine Menge Menschen würden am Leben bleiben, wenn Jim Moriarty tot wäre.

Aber neben den schwarzen, italienischen Designerschuhen steht ein zweites Paar. Ein paar Turnschuhe, um genau zu sein. Nike, nicht mehr neu, unverhältnismäßig stark abgenutzt. Schlammspritzer zieren die weiße Oberfläche, Schlamm und rostfarbene Flecken, und John wendet den Blick nicht ab, denn er kennt diese Schuhe. Sein Geist fokussiert auf die Details in einer Art Tunnelblick, und er kennt die Geschichte hinter jedem einzelnen Flecken auf dem ehemals weißen Leder. Ein Teil seines Gehirns fragt sich, ob Sherlock sich so die ganze Zeit fühlt. John hat seine Zweifel. Sherlock liest viel, aber manche Dinge muss man geschehen gesehen haben, um sie zu wissen.

Sebastian Moran grinst nicht, und er reizt nicht, und die meiste Zeit spricht er nicht. Sebastian Moran beobachtet Jims Umgebung- seine Umgebung, die Umgebung- wie ein Wachhund. Ein ein Meter neunzig großer, einhundert Kilo schwerer Wachhund mit einem Jagdmesser in der Hand und der tödlichsten Zielgenauigkeit mit Schusswaffen in ganz Europa.

Nun ja.

Es ist nicht einfach, einen Knochen zu brechen, selbst einen so fragilen wie die Wirbelsäule am Nackenansatz. Leichter, als viele realisieren. Nicht so leicht, wie John es jetzt gerne hätte. Und es wird noch um einiges schwieriger, wenn man davor durch eine Wand aus Muskeln rennen muss. John hat seit Tagen nichts gegessen und kaum getrunken, und die Entzündung in seinem Rücken frisst sich langsam und stetig durch seinen Körper. Er kann förmlich dabei zusehen, wie seine Muskeln abbauen. Oder er könnte es, wenn seine Sicht nicht behindert wäre durch weiße Flecken und schwarze Flecken und jetzt Flecken in der Farbe von Rost.

Kein Rost. Ihm wird übel. Da ist noch Sand in den Falten der Turnschuhe. Kein Rost. Kein Rost. Kein Rost.

"Ich verstehe es nicht", hört er Jim über das Rauschen in seinen Ohren jammern. "Ich verstehe es einfach nicht. Was findet Sherlock an ihm?"

Er braucht Moran nicht ins Gesicht zu blicken, um den Ausdruck darauf vor sich zu sehen. Oh, Sebastian Moran kennt ihn, kennt Johns ganz eigene Genauigkeit mit Schusswaffen und seine viel gerühmte Selbstkontrolle. Er weiß, wie John in einem Schützengraben aussieht, mit Sand im Haar und Blut an den Händen, bis zu den Ellenbogen in den Eingeweiden irgendeines Kindes, während ihm Schrot um die Ohren pfeift. Und er kennt den Horror, der auf Johns Gesicht zu finden war, als sie ihn holten, ihn und Marco, und sie in den Raum mit der Rinne im Boden zerrten und an die Wand stellten und-

Adrenalin pocht in seinen Ohren und übertönt das weiße Rauschen der Müdigkeit. Er hasst diesen Mann. Oh, wie er ihn verabscheut.

Er darf diese Männer nicht in die Nähe von Sherlock lassen, denkt er plötzlich und mit unvermittelter Vehemenz. Nicht noch einmal. Er denkt an einen roten Laserpunkt auf schwarzem Locken, das Gesicht darunter blau in der Reflektion des Poolwassers. Das Blut in seinen Ohren reicht nicht aus, um alle Geräusche auszublenden, aber es hilft.

"So gewöhnlich", jammert Jim. Sie haben das gleiche Problem, Jim und Sherlock und Mycroft. Sie setzen "gewöhnlich" mit "uns unterlegen" gleich. Aber ein gewöhnlicher Mensch weiß, wie man in einer Welt voller anderer gewöhnlicher Menschen zurechtkommt. Wichtiger noch- er weiß, wie man sie überlebt.

Und John ist kein gewöhnlicher Mensch. John ist ein Soldat. Er hat Menschen getötet und er hat Menschen gerettet und er ist durch die Hölle gegangen und wieder hinausgekrochen. Er ist müde, so müde, aber er war früher schon einmal müde, und er hat überlebt.

Er kann Moriartys Zähne knirschen hören. Es ist nicht einmal schwer, ein neutrales Gesicht zu wahren. Er ist so müde, dass er förmlich spüren kann, wie seine Haut ihn nach unten zieht. Mimik ist anstrengend. Das hier ist einfach. Sherlock sagt ihm manchmal, dass sein Gesicht zu ausdrucksstark ist, und dass er nicht verbergen kann, was er fühlt und denkt. Im Moment fühlt John nichts als Erschöpfung. Ja, das hier ist einfach.

"Seb", sagt Jim leise. Er nörgelt nicht mehr, er zischt. Multiple Persönlichkeitsstörung, denkt John, vielleicht, vielleicht auch nicht. Nicht wichtig. Es klingt unheilvoll. Sogar die Haare auf Johns Armen sind zu müde, um sich aufzustellen. Sogar eine Gänsehaut ist zu anstrengend. Das hier ist einfach. "Mach, dass er mich ansieht, wenn ich mit ihm rede."

Die schlammbespritzten Schuhe bewegen sich. Minimal richten sie sich in Johns Richtung aus, als Moran seine Aufmerksamkeit von Jim auf John umlenkt. Diesmal zuckt der Gefangene, nur ein wenig, gerade genug, und Jim gluckst freudig. Es ist nur Show, natürlich ist es nur Show. Aber John kennt Leute wie Jim. Leute, die für verrückt gehalten werden und für wahnsinnig, von jedem und sich selbst.

Aber das stimmt nicht. In gewisser Weise sind sie die vernünftigsten Menschen überhaupt. Die Welt ist ein schmutziger, dunkler Ort, und letztendlich ist auch ein Polizist nur ein sterblicher Mensch in einer hübschen Jacke. Das weiß jeder, irgendwo. Jeder Mensch kennt das Biest in seinem Inneren, aber man lernt, es zu kontrollieren, es einzuschließen und den Regeln zu folgen. Jim lässt sich von niemandem einsperren. Er sieht die Welt, wie sie ist, und sie hält eine Lücke in seiner Größe bereit, in seiner vollen Größe, der von ihm und dem Biest.

Ja, Jim ist menschlicher als die meisten Menschen jemals wagen zu sein. Und Menschen sehen immer, was sie sehen wollen.

Die Turnschuhe bewegen sich auf ihn zu, und John lehnt sich zurück, gerade genug, um Furcht zu signalisieren. Jim kichert, aber John hält seinen Blick starr auf den Boden gerichtet. Sebastian Moran kennt ihn, und er kennt die zivilisierte Gesellschaft, und er kennt die Regeln. Lächle und halt dein Messer bereit, das sind die Regeln, und John und Sebastian waren dabei, als sie geschrieben wurden.

Sebastian Moran hat Schlamm auf seinen Schuhen und trägt die Zähne eines Tigers um den Hals. Sebastian Moran grinst nicht.

Die Luft steht. Kein Handyklingeln durchbricht die Stille. Dies ist nicht die Zukunft, in der alle nach Hause gehen. Dies ist nicht die Zukunft. John schließt die Augen.

Szenenwechsel.

"Sherlock", sagt Lestrade leise.

Der junge Detektiv sitzt zusammengesunken auf dem Sofa, den Kopf in den Händen vergraben. Er rührt sich nicht, als Lestrade seinen Namen sagt. Seine Augen sind geschlossen, aber Lestrade sieht sie hinter den blau-weißen Lidern hin- und herhuschen. Sherlock denkt, und dafür taucht er in seine eigene kleine Welt ab. Lestrade hat diesen Ausdruck schon oft gesehen in den letzten fünf Jahren. Jetzt gerade kann er ihn nicht gebrauchen.

"Sherlock", sagt er erneut, schärfer diesmal. Und dann durchquert er in drei langen Schritten den Raum bis zum Sofa, packt den jüngeren Mann bei den Schultern und schüttelt ihn.

Sherlock reißt die Augen auf und fährt zurück, den Rücken in die Kissen gepresst. Seine Augen sind weit aufgerissen, und sein Mund steht halb offen, als wolle er etwas sagen, aber habe die Worte vergessen; in diesem Moment wirkt er so jung, so verängstigt, dass sich tief in Lestrades Brust etwas schmerzhaft zusammenzieht. Das hier ist Sherlock zu Hause, überrascht, und Lestrade ist nicht der Mensch, den er zu sehen erwartet hätte. Das hier ist Sherlock ohne Maske.

Das hier ist Sherlock.

Lestrade lässt ihn los und geht einen Schritt zurück. Seine Versen stoßen gegen den Couchtisch und er verharrt dort, gefangen zwischen einem Blick und einem Laut. Stille senkt sich über den Raum, plötzlich und hinterhältig. Er unterdrückt das absurde Bedürfnis, sich zu räuspern.

"Sherlock", sagt er. "Dein Handy." Und er reicht das Gerät herüber.

Sherlock nimmt es entgegen. Seine Finger sind sehr lang, sehr schmal und sehr weiß auf dem schwarzen Plastik. Er starrt auf den Bildschirm, und Lestrade kann den Puls in seinem Hals hämmern sehen.

"Moriarty", sagt Sherlock.

"Ja", sagt Lestrade.

Die Stille ist jetzt anders. Plötzlich ist alles zu scharf, zu genau. Er spürt die Kante des Couchtisches an seinem Bein wie Schmerz. Er spürt seine Kleidung auf seiner Haut und den Schweiß an seinem Haaransatz und Sherlocks Atem ist zu laut.

"Hast du erwartet, dass das passiert?", fragt Lestrade. Es ist eine logische Frage. Sherlock weiß immer, was passiert. Er ist Sherlock. Aber Lestrade denkt an das zu junge Gesicht vor ihm und die weißen Finger, weißer noch an den Stellen, an denen sie das Handy umklammern. Und als Sherlock den Kopf hebt und ihn ansieht, nur für einen Moment, erinnert sich Lestrade, warum er nie Kinder wollte.

"Nein", sagt Sherlock und steht auf. Er drückt Lestrade das Handy in die Hand, geht an ihm vorbei zur Tür und hinaus in den Flur. Lestrade starrt ihm nach, bis die polternden Schritte den Fuß der Treppe erreicht haben. Erst dann erwacht er aus seiner Starre und blickt hinunter auf den kleinen Bildschirm des Handys.

1 Neue Nachricht von: John
Hi, Sexy. Dein Spielzeug ist langweilig. Ich würde es gerne umtauschen. Euston Street. Komm spielen. xxx Jim

Lestrades Beine sind im Flur, bevor sein Kopf aufholen kann. Er hört den Schlüssel unten im Schloss. Siebzehn Stufen waren nie eine größere Entfernung als jetzt.

"Sherlock", sagt er. Seine Hand wandert in seine Hosentasche, dann die andere. Jackentaschen. Nichts. Der Bastard hat seine Motorradschlüssel gestohlen. "Sherlock!" Diesmal schreit er, und es macht absolut keinen Unterschied.

Die Tür fällt ins Schloss.

Als Lestrade sie aufreißt und auf die Straße sprintet, windet sich sein Motorrad bereits durch den dichten Verkehr und verschwindet im Stau.

"Bastard", murmeld Lestrade und lehnt sich gegen die Wand. Nur für einen Moment erlaubt er seinen Knien Schwäche. Nur für einen Moment. Er hält noch immer Sherlocks Handy in der Hand. Sein eigenes Handy gehört dem Yard. Aber das macht nichts. Er kennt die Nummer auswendig.

"Don- Sally", sagt er und stellt sich gerader hin. Die Schwäche ist in Ordnung, sie ist erlaubt, aber danach muss man sich auch wieder fangen können. Er ist Polizist. War Polizist. Es macht keinen Unterschied. Das ist nichts, was man einfach ablegen kann. Zivilist, Zivilist, Zivilist. "Sally", sagt er erneut, und er klingt wie ihr Boss, und sie antwortet: "Greg", und sie klingt wie eine Freundin.

"Ich brauche deine Hilfe", sagt er und rennt schon. "Es geht um Sher- um John. Euston Street. Bitte beeil dich." Er ist mehrere Blocks entfernt und er ist kein Polizist mehr und Sherlock ist ein Bastard und es macht keinen Unterschied.

Es. Macht. Keinen. Unterschied.

Er rennt schneller.