A/N: Okay, ich bemühe mich um häufigere Updates! BusyBusy, aber ich möchte euch noch sagen: Ihr alle rockt. Phänomenal. Ihr versüßt mir jeden Tag. Danke. *schnief*
Zitat: Nichts ist, wie es scheint, so scheint es. (Unbekannt)
Kapitel 16_Feuer
Lestrade hört die Sirenen schon von weitem, aber er hofft bis zum letzten Moment, dass sie nicht das gleiche Ziel haben wie er.
Er zwingt sich, in Etappen zu denken. Ein Schritt nach dem anderen. Ein Fuß vor den nächsten. Seine Beine fühlen sich an wie Blei und sein Atem geht in kurzen, hektischen Stößen. Es ist eine Schande, wirklich; noch vor wenigen Jahren war er Stunden um Stunden durch die Stadt gerannt, ohne außer Atem zu geraten. Seine Kenntnis von Londons Straßen und Gassen hätte Sherlock Konkurrenz gemacht. Aber drei Jahre Schreibtischarbeit, drei Jahre Dienstwagen und Donuts und Zigaretten, und er kommt nicht einmal mehr ein paar Straßenblocks weit.
Egal. Ein Schritt nach dem anderen. Laufen. Ankommen. Die Lage überblicken. Weitermachen.
Er biegt um die letzte Ecke und die Euston Street liegt vor ihm: Neubauten und halb fertiger Straßenbelag. Seine Befürchtungen bewahrheiten sich in Form von Blaulicht und den Anfängen einer Menschenmenge. Mehr als einer der Wagen gehört dem Yard, unterbrochen von einem Löschzug und einem Krankenwagen. Das ist unter den gegebenen Umständen schlecht. Bei dem herrschenden Verkehr kann Donovan unmöglich so weit vor ihm hier gewesen sein, dass sie eine Straßensperre errichten konnte.
Was wiederum bedeutet, dass die Polizei bereits hier war, als er anrief.
Rufe werden laut. Durch den Schleier der Erschöpfung und das Raunen der versammelten Menge hört Lestrade die Feuerwehrleute fluchen. Offenbar ist der nächste Feuerlöscher sabotiert. Aus einem der oberen Stockwerke des abgesperrten Gebäudes dringen Rauchschwaden ins Freie. Schwarz und hässlich hängen sie vor dem grauen Himmel.
Vielleicht regnet es noch, denkt Lestrade. Vielleicht aber auch nicht.
Sein Motorrad steht einige Meter neben dem äußersten Ring der Absperrung an einer Hauswand. Der Schlüssel steckt. Wie in Trance geht Lestrade hinüber und zieht ihn ab. Das kalte Metall wirkt fehl am Platz in der trockenen Hitze, die ihn selbst auf die Entfernung trifft wie eine Wand.
Er erreicht die erste Absperrung. Das gelb-schwarze Absperrband des NSY flattert in der aufkommenden Brise; das Knattern übertönt die Gespräche in der näheren Umgebung und verstärkt die Illusion einer Barriere. Er duckt sich, wie er es Sherlock unzählige Male hat tun sehen, und dann steht er neben den schwarz-weißen Pandas und den blauen Sirenen und bleibt schließlich und endgültig stehen.
Sein Atem geht schwer und das Blut glüht heiß in seinem verschwitzten Gesicht. Glücklicherweise muss er gar nichts sagen, denn er wird erkannt.
"Sir", sagt Detective Inspector Dimmock. Er ist ein guter Polizist, wenn auch unerfahren. Lestrade ist froh, dass er noch dabei ist. Eine Welle von plötzlicher Wehmut überkommt ihn. (Mach nicht meine Fehler. Es gibt noch mehr als die Arbeit.) Aber vielleicht ist das nur der Restalkohol. "Lestrade. Was tun Sie hier?"
Die gleiche Frage könnte Lestrade auch dem jungen Beamten stellen. Schließlich handelt es sich hier wohl kaum um einen Homizid. "Dimmock." Er räuspert sich und nimmt Haltung an, und automatisch tut sein ehemaliger Kollege es ihm gleich. Jahrelange Konditionierung ist schwer abzuschütteln, und in seinem Wesen ist Lestrade noch immer Inspector, noch immer eine Autorität. "Was ist hier vorgefallen?"
Dimmock tritt nervös von einem Fuß auf den anderen. "Es ist nur ein Brand, Sir. Ein Kabelbrand, vermuten die Kollegen von der Feuerwehr. Ein anonymer Anrufer hat uns darauf aufmerksam gemacht, sonst wären wir noch gar nicht hier. Das Haus steht leer, Sir", fügt er hinzu, und Lestrade sieht die Überreste einiger Baustellenzäune an der Wand des Gebäudes stehen, halb demontiert und rostig. Sein Blick fällt auf das Skelett eines Baustellengerüstes in einer Gasse neben dem Haus, bevor seine Augen den Weg zurück zu Dimmock finden, der einfach weiterplappert. "Hat noch nicht mal Strom, das Ding. Übernächste Woche sollten die ersten Mieter rein. Reichlich voreilig, möchte ich sagen." Der Mann lacht nervös; das Geräusch erstirbt in dem sie umgebenden Lärm, und er verstummt und blickt zu Boden.
"Ah", sagt Lestrade. Von einem Moment auf den anderen fühlt er sich sehr ruhig. Die Brillianz aus Sherlocks Wohnzimmer kehrt zurück, und er erinnert sich plötzlich und vehement an seine Anfangszeit- die Zeit, bevor er sich auf einen selbsternannten Soziopathen verließ. Die Zeit, in der er sich bis zum Detective Sergeant hocharbeitete, einfach, weil er gut war.
"Und wie", fragt er leise, und Dimmock beugt sich näher zu ihm vor, "kann es einen Kabelbrand in einem Gebäude geben, in dem es noch keinen Strom gibt?"
Im dritten Stock sprengt das Feuer ein Fenster und Scherben regnen auf den Platz. Dimmock leckt sich nervös die Lippen, aber Lestrade sieht immer noch alles sehr klar. Die Straße springt zurück in den Fokus, als ein weiterer Polizeiwagen mit quietschenden Reifen vorfährt.
Klack-klack-klack-klack machen Donovans Absätze auf dem Kopfsteinpflaster, und Lestrade lässt Dimmock stehen und geht in großen Schritten auf das Gebäude zu.
Perspektivenwechsel.
Es ist warm. Mehr als das, es ist trocken. Johns Zunge ist schwer und sein Mund voller Staub. Wenn er einatmet, schmeckt er Metall in der Luft.
Er fühlt sich abrupt erinnert an den Angriff auf B'akhar, eines der zahllosen Dörfer in den felsigen Klippen der afghanischen Wüste. Damals hing ein Sturm über dem Berg, und die Luft vibrierte mit Elektrizität. Der Blitz schlug in der Nähe des eilig errichteten Camps ein, in eine Gruppe verkrüppelter Bäume auf einem Vorsprung über den Zelten. Das trockene Holz verbrannte in Minuten, aber die Asche schwelte noch für Stunden, und der Geruch hing in den Kleidern wie frisches Blut.
Natürlich war an dem Tag eine Menge Blut vergossen worden, also war der Rest vielleicht nur Einbildung.
John fragt sich vage, ob er immer noch in seinem Zelt ist. Wenn dem so sein sollte, dann muss er jetzt aufstehen. Es regnete Steine auf das Camp, und einige Soldaten wurden verletzt. Er nicht, auch wenn er sich so fühlt; sein ganzer Körper schmerzt, und der Rauch beißt in seiner Nase. Er erinnert sich, dass eines der Zelte Feuer fing. Nicht sein Zelt. Aber vielleicht irrt er sich, denn der Rauch ist dick und stechend und bringt ihn zum Husten.
Das ist alles mehr als seltsam. Er ist sich sicher, dass er nicht mehr in der Wüste ist. Beinahe sicher. Obwohl die Luft genauso riecht und er sich fühlt, als sei er unter dem Steinschlag begraben worden. Aber etwas an dem Bild stört ihn. Irgendetwas über einen Taxifahrer. In der Wüste gibt es keine Taxis, nur verbeulte Trucks und Sand. Vielleicht war das nur eine Geschichte, die Sache mit dem Taxi. So wie die Geschichte von Carlos Schwester und die Fotos von Florida, wo jedes Haus einen Pool hat und Sand etwas wünschenswertes ist.
Jemand ruft seinen Namen. Nein. Sherlock ruft seinen Namen. Seltsam. Er ist sich beinahe sicher, dass Sherlock nicht da war, damals, in diesem Sturm. Zivilisten waren nicht erlaubt im Camp. Das Dorf, das war etwas anderes. Dort gab es sehr viele Zivilisten. Aber nicht Sherlock. Sherlock ist ein britischer Staatsbürger.
Was für ein seltsamer Name, Sherlock Holmes.
"Sherlock", flüstert er, mehr zu sich selbst, und reibt sich die Augen. Oder vielmehr, er versucht es. Irgendetwas behindert seine Hände, etwas Scharfkantiges und Warmes. Keine Steine. Er kann nichts sehen.
"Sherlock", sagt er, lauter diesmal, und der Rauch kratzt in seinem Hals und bringt ihn zum Husten. Zu viel Rauch. Er erinnert sich an eine schmale Säule, schwarz gegen den blauen Himmel und dann verschwunden. Selbst das brennende Zelt wurde schnell mit Sand erstickt. Hier ist viel zu viel Rauch. Vielleicht brennt es gar nicht. Vielleicht ist er schon weiter. Die Waffen der Einheimischen senden Wolken aus Pulver in die Luft. Wer auch immer sie ausgestattet hat, er hat sie zur Schlachtbank geführt. Aber das hier ist kein Schwarzpulver. Es riecht falsch. Wo sind seine Hände?
Ich muss Sherlock finden, denkt er. Zivilisten haben hier nichts verloren. Niemand schießt auf Zivilisten, außer, sie stehen im Weg. Und er weiß nicht mehr genau wo oben und unten ist, aber er weiß, dass irgendetwas hier fundamental falsch läuft. Irgendetwas mit einem Taxifahrer und einer schwarzen Blume und einem Pool.
Der Gedanke an die Wüste lässt ihn erschauern, aber es ist der Gedanke an Wasser, der ihn auf die Füße bringt. Im gleichen Moment reißt er die Augen auf.
Drei weiße Wände, vollgeschrieben mit Namen in dickem schwarzem Edding. Adrenalin steigt ihm zu Kopf und ihm wird für einen Augenblick schwindelig. Die Wand zu seiner Rechten ist eigentlich keine Wand. Sie ist aus gelb glänzendem Metall gefertigt und erinnert ihn an eine Aufzugtür.
Und da, auf dem Boden, liegt seine Waffe, keinen Meter von ihm entfernt.
Die Puzzlestücke fügen sich zu einem Bild zusammen. James Moriarty und Sebastian Moran. Der schwarze Wagen und der weiße Raum. Sein Revolver, und die Handschellen um seine wunden Handgelenke. Er erinnert sich an ein Zimmer, ähnlich wie dieses, aber es war größer, die Tür war weiß, und es gab definitiv nicht so viel Rauch.
"John!"
Schwach dringt Sherlocks Stimme durch die Tür, gefolgt von hektischem Hämmern. Er wird sich noch verletzen, denkt John abwesend, den Blick auf der Waffe neben ihm. Jetzt kratzt es an der Tür, und Sherlock kann unmöglich versuchen, sich durch das Metall zu graben- oder kann er? Es ist Sherlock. Vielleicht hat er einen Plan, aber darauf kann John sich nicht verlassen. Nicht in einer Situation wie dieser. Ein schneller Rundumblick bestätigt Johns vage Befürchtung, dass er sich in einem Aufzug oder einem ähnlichen Behältnis befindet, das sich rapide mit Rauch füllt. Ein brennendes Gebäude also.
Die Frage ist: Welches Stockwerk?
Nun, eins nach dem anderen. Zunächst muss er aus diesen Handschellen raus, und dann muss er sie beide- wie so oft- irgendwie aus der Gefahrenzone bringen.
Mit beiden Händen greift er nach der Waffe. Es handelt sich um eine britische L9A1. Sie liegt gut in der Hand und ist recht leicht zu bedienen, auch für einen gebürtigen Linkshänder wie John. Mit einem geübten Handgriff überprüft er das Magazin. Eine Patrone, wie er sich gedacht hat. Nun, es hilft nichts. Er hat lange genug an der Munition gespart.
John richtet die Waffe sorgfältig aus, legt den Finger auf den Abzug und feuert.
Szenenwechsel.
"Greg", sagt Sally sanft und legt ihm die Hand auf die Schulter.
Lestrade dreht sich nicht um. Sein Blick bleibt starr auf die Eingangstür des Gebäudes gerichtet. Oder vielmehr, auf die Überreste der Eingangstür. Euston Street 221 (und ist das nicht eine Ironie) öffnet seine zersplitterte Glaspforte weit- und zwar ziemlich genau zwei Meter weit, wo der Weg plötzlich und endgültig versperrt ist mit Schrott und den verbogenen Überresten der Metalljalousie.
Es ist völlig unmöglich, dass das Feuer das getan hat, denkt Greg. Völlig unmöglich. Das war Absicht.
"In diesem Gebäude ist niemand." Vielleicht bildet er es sich nur ein, aber da schwingt ein gewisser Unterton in Sallys Stimme mit, der zeigt, dass sie nicht recht an ihre eigenen Worte glauben kann. Oh, sie will es glauben, sicher. Und er würde sich zu gerne auf die Illusion von Sicherheit einlassen, die sie ihm verspricht. Aber das Motorrad ist hier, und Sherlock ist es nicht.
Etwas nagt an ihm, hartnäckig und irritierend. Ein wichtiges Detail. Das hier ist Sherlock. Was hätte Sherlock getan, wenn er die Tür versperrt vorgefunden hätte? Und mehr noch. Die Tür versperrt, der Platz abgesichert, und Dimmock am Tatort.
Du schaust hin, aber du siehst nicht.
"Das Baugerüst", sagt er leise. Für einen Augenblick starrt Sally ihn beinahe verzweifelt an, dann kann auch sie sich nicht mehr gegen die Möglichkeit sperren. "Das Baugerüst", wiederholt sie. "Und du bist sicher, dass die beiden da drin sind?"
Lestrades Hand umklammert das schwarze Handy in seiner Tasche. "Ich bin sicher, Sally."
Donovan nickt, wie zu sich selbst, und dreht sich um. Klack-klack-klack-klack machen ihre Absätze auf den Pflaster. "Alle mal herhören", sagt sie und übertönt mühelos den Lärm auf der Straße. Nicht zum ersten Mal kann Lestrade nicht umhin, sie zu bewundern. Als junge farbige Frau im NSY hat sie es so viel schwerer als anderswo, und es muss sie unglaublich viel Kraft kosten.
Er betrachtet ihre schmale Form gegen die Scheinwerfer der Autos vor ihm. Auf einmal ist er sehr froh, Sally Donovan auf seiner Seite zu haben. Aber das reicht nicht. Jetzt, in diesem Moment, reicht das nicht.
Mit einem letzten Blick entlang der sich langsam schwärzenden Fassade des Gebäudes weicht Lestrade aus dem Licht zurück und passiert die Absperrung. Er bewegt sich zielstrebig in Richtung der schmalen Gasse zwischen 221 und 223.
Szenenwechsel.
Als sich die Tür vor ihm stückweise öffnet, ist Sherlock schwindelig.
Seine Gedanken drehen sich im Kreis (aber das liegt an den vielen Eindrücken um ihn herum) und seine Augen sind feucht (aber das ist der Rauch), und sein Atem geht schnell (eine automatische Reaktion, wer weiß, woher der Schuss kam) und seine Fingernägel sind blutig (hierfür gibt es keine rationale Erklärung; nichts am Kratzen an einer Metalltür ist rational, nichts an dieser Situation ist logisch, und hier steht er nichtsdestotrotz und die Tür geht auf).
In der Tür erscheinen Finger, dann eine Schulter, und dann ein John (sein John, sein John), ein schmales Stück Metall in der Hand.
John trägt die gleiche Jeans wie am Tag seiner Entführung, und sein Oberkörper ist frei, und Sherlock wird nicht auf die Schnitte und Prellungen starren und nicht den dünnen Film aus Schweiß und Schmutz, der den Körper seines Mitbewohners überzient. Er wird nicht hängen bleiben an diesem glasigen Blick, denn was zählt, ist das Gesicht dahinter. Er wird nicht stolpern über die eingefallenen Wangen und hervorstehenden Rippen, denn was zählt, sind das Gehirn und das Herz hinter diesen Knochen.
"John", flüstert Sherlock. Es ist kaum mehr als ein Ausatmen, beinahe völlig übertönt vom Splittern und Krachen ringsum, und John hebt den Kopf und sieht ihn an.
Für einen Moment (und von einem rationalen Zeitpunkt aus sind es 1,52 Sekunden, aber nichts an John ist rational, und eine Ewigkeit könnte kaum länger sein, warum ist das so?) ist Johns Gesicht vollkommen leer. Er starrt Sherlock an und durch ihn hindurch, als würde er gar nichts sehen- als sei hinter dieser Maske aus Fleisch und Knochen kein Geist mehr. Es verunsichert Sherlock, und er steht wie festgefroren auf dem nackten Betonboden inmitten von Rauch und halb gestrichenen Wänden und schweigt und wartet. Johns Rücken ist sehr gerade und seine Miene sehr ernst, und Sherlock wird klar, dass er hier nicht mit seinem John spricht.
Das hier ist nicht John, der haferfarbene Pullover trägt, weil sie ein Geschenk sind, und der Tee kocht und dafür sorgt, dass Sherlock isst und nett zu anderen Menschen ist.
Das hier ist John, Captain der 5. Northumberland Fusiliers. Er trägt haferfarbene Pullover, weil sie ihn in der Wüste vor Entdeckung durch feindliche Augen schützen. Er kocht keinen Tee, er bekommt ihn gebracht. Und er isst zusammen mit den anderen Soldaten aus einem Überlebenspaket, und wer nicht isst, der isst eben nichts. Dieser John ist nicht nett zu anderen Leuten. Er ist nicht einmal besonders nett zu John, denkt Sherlock, denn dafür ist er nicht gedacht. Dieser John hier konzentriert sich auf das Überleben und nichts anderes. Dieser John ist Soldat.
"John", wiederholt Sherlock (als sei dies das einzige Wort, das er noch kennt; das einzige wichtige Wort; das einzige Wort, das noch zählt, und die Welt bekommt wieder Farbe) und macht einen zögerlichen Schritt nach vorne.
John sieht ihn an und lächelt, und dann bricht er zusammen.
