James

Einen Augenblick stand ich baff hinter meinem Regal und rührte mich nicht.
Wow … wow! James Macaulay. Ein jedenfalls von hinten und seiner Akustik nach höllisch attraktiver, sympathischer, selbstbewusster Mann mit Auftreten und Ausstrahlung und einer freundlichen, warmen – wenn er wollte herzerwärmenden Stimme, die so perfekt zu ihm passte, wie ich es selten bei jemandem erlebt hatte.
Er war mein Idol, seit Binns uns seine Geschichte erzählt hatte. Aber so hatte ich ihn mir trotzdem nicht vorgestellt. Ich hätte nie gedacht, dass er neben jeder beruflichen Genialität auch menschlich und optisch dermaßen den Vogel abschoss. Wie immer er auch von vorn aussehen mochte, allein seine Statur … ich hätte sie selbst gern. Er lag definitiv richtig damit, jeden Zentimeter von sich in Szene zu setzen – er war eine Augenweide.
Ja. So war er. Ein richtig cooler, lässiger Typ. Ein gestandener Kerl mit Charme, Humor, Herz und einem Sinn dafür, seine Leute zu ermutigen. Er schien ein Chef, den man erst mal erst mal das Glück haben musste, vorgesetzt zu kriegen … ein Senator, wie ich es nie erwartet hätte und wie es mich nun doch nur in einem Sinn überraschte. Dahingehend, dass die Rufe, die ihm von Cyprus Hill aus vorausgeeilt waren, offensichtlich keine Übertreibungen waren. Dass er ihnen tatsächlich entsprach. Er war (immer noch) ungewöhnlich jung, souverän, einfallsreich, ratgewandt, kühn und anders als jeder andere seines Standes. Er war nicht kühl und reserviert oder schickte seine Auroren ohne Rücksicht auf Verluste los, im Gegenteil. Er war offen und witzig und hatte sie kaum ohne sich selbst ins Feld ziehen lassen. Auch wenn das vielleicht ein Stück Kühnheit zu viel war – immerhin würden die sieben Amirauté möglicherweise mit ihm sterben – zeigte es zumindest deutlichst, wie motiviert und entschlossen er war und sein Einsatz gab seiner Truppe mit Sicherheit ein gutes Gefühl. Und mir auch.
Er hatte mich in letzter Konsequenz nun auch persönlich beeindruckt – obwohl er arrogant wirkte, immerhin schien er eine Niederlage gar nicht in Betracht zu ziehen. Aber ich hatte nicht nur durch seine Geschichte das Gefühl, dass er Grund genug hatte, so viel auf sich zu halten. Denn er hatte an alles gedacht und sein Stab lag ihm zu Füßen.
Natürlich verhielt er sich als Vorsitzender – als derjenige, der das letzte Wort hatte – doch weil er wirklich der fachlich fundierteste zu sein schien (hatte er doch für alles eine Lösung parat gehabt), war er auch derjenige von dem seine Auroren das letzte Wort tatsächlich hören wollten. Eine Tatsache, die noch verständlicher wirkte im Hinblick darauf, dass er umgekehrt auch sie hören wollte – dass er sich nicht als unfehlbar verehren ließ und Gegenäußerungen nicht als Beleidigung auffasste, sondern sie ernst nahm. Seine Meinung war nicht entgegen jedem Einwand einbetoniert und durchgesetzt hatte er sich ausschließlich mit handfesten Argumenten.
Aber eben weil Macaulay war, wie er war, verstand ich nun auch, warum die älteste Generation im Senat ihn spöttisch als Jungspund bezeichnete – als jungen Tupf. Als Burschen, der zwar unbestreitbar magisch und taktisch überragend war, den der Senatskanzler aber besser noch einige Zeit Amirauté hätte sein lassen sollen – den er noch länger draußen im Feld seine Hörner hätte abstoßen lassen sollen, ehe er ihn den Senat mit seinem politischen Charme beglücken ließ. Zwar stand die Mehrheit des Gremiums mit dieser Ansicht auf relativ einsamem Fuß – die (wenigen) jüngeren Senatoren waren sich mit der breiten Öffentlichkeit einig, dass der stickige Senat am dringendsten jemanden brauchte, der die Fenster aufriss. Doch die (deutlich überzähligen) älteren und viel älteren waren es, die die Fäden in den Händen hatten und letztere waren es auch gewesen, die ihn gegen Voldemort in den Jahren zuvor blockiert hatten. Ich fand es zwar unverständlich, wie man einen Senator boykottieren konnte, der faktisch gesehen nicht weniger angesehen und respektabel war als man selbst – im Gegenteil zum Teil sogar: Die meisten seiner Widersacher hatten an einer Schlacht wie Cyprus Hill nicht mal je teilgenommen, geschweige denn sie selbst geschlagen und hatten keine zwei akademischen Grade, wie er. Dennoch, ich konnte nun zumindest verstehen, warum sie ihm skeptisch gegenüber standen. Allein optisch hätte er noch Jahrzehnte Außendienst vertragen, bis er zu den anderen Senatoren in die Schublade gepasst hätte. Ebenso jung, selbstbewusst, wach, frisch und aufgeweckt wie er klang, schien er zu sein und wenn das seine gewohnte Verfassung war – jene, die er auch im Senat an den Tag legte, lag auf der Hand, warum er aneckte. Das Gremium des Weltsicherheitsrates war bekannt für sein Alter, seine Konservativität und seine Zurückhaltung und von Alter, Konservativität und Zurückhaltung war bei James Macaulay absolut nichts zu spüren.
Nun da ich sein Wesen erlebt hatte, stand zweifelsfrei fest, dass Voldemort letztlich ein rechtliches Hindernis zur Macht verholfen hatte und es war mehr als frustrierend und ärgerlich. In der Hinsicht verstand ich, warum die hohen Auroren nun schon regelrecht erpicht darauf waren, den Kampf aufzunehmen – James Macaulay vorneweg. Mir ginge es wohl nicht anders, wäre ich jahrelang in den Startlöchern gestanden und auf eine gewisse Weise war sein Enthusiasmus tröstlich.
Doch da war noch etwas. Etwas, das mir überhaupt nicht gefiel. Irgendetwas an ihm hatte mir das Gefühl gegeben, dass er nicht das ruhige, ungefährliche Wasser war, das er es seit seinem Antritt nach außen vorgab, zu sein – sondern dass er ein stilles, tiefes Wasser war. Und seine wahre Tiefe sollte sich noch herausstellen.

Ich riss mich aus meiner euphorischen Starre. Die Ruhe trügte – es war nur jene vor dem Sturm. Noch war es ruhig um das Schloss, gespenstisch ruhig, aber das würde nicht so bleiben. Voldemort konnte binnen Minuten hier sein – angreifen und das Schutzschild des Ordens würde nicht lange halten. Es blieb nicht viel Zeit, um noch mit Ron und Hermine zu reden. Turner würde zwar die Erstklässler als erstes in Sicherheit bringen, aber mehr als Minuten hatte ich bestimmt trotzdem nicht, um mich zu verabschieden. Ich wusste nicht, was mir blühte, wie gefährlich das Unterfangen für mich sein würde, das Macaulay vorhatte. Vielleicht würde ich sterben, auch wenn er sagte, dass ich bewacht wurde. Was stand mir bevor? Was stand mir mit Macaulay bevor?
Am Sprint durch die Bibliothek entfaltete ich hektisch die Karte – Ron und Hermine würden höchstwahrscheinlich noch im Raum der Wünsche und daher nicht zu entdecken sein, aber um sicherzugehen... Aber was ich auf der Karte sah, brachte mein Herz zum Stillstand: Todesser – wohin das Auge reichte. Sie waren im Schloss – überall –
Entsetzen brodelte in mir auf, als ich begriff, was der Zauber des Senators über der Bibliothek bewirkte – was er abhielt. Kaum draußen im Korridor spürte ich die Gemäuer beben – sie erzitterten unter gewaltigen Zaubern, Flüchen, Explosionen – ich roch Rauch – der Kampf war längst in vollem Gange – ich rannte los. Nur meine Gedanken rasten schneller als ich – damit hatte ich nicht gerechnet. Dass es so schnell gehen würde – dass die Gegner so zahlreich, die Kämpfe so gewaltig und die Situation so furchteinflößend sein würde. Nichts war so, wie ich es erwartet hatte – am wenigsten, dass mir meine beiden besten Freunde zwei Ecken vor dem Raum der Wünsche in die Arme liefen.

„RON! HERMINE!", rief ich ihnen erschrocken entgegen und riss den Tarnumhang von den Schultern. „Was – warum – seid ihr nicht im Raum der Wünsche?!"
„Harry?! Gott sei Dank – wir haben gebetet, dich unterwegs zu finden!"
„Wir waren drin, aber wir sind irgendwie – rausgeflogen!", blaffte Ron außer Atem. „Keine Ahnung – denkst du – Voldemort?"
„Nein!", sagte ich schnell und stopfte den Tarnumhang in Hermines perlenbesetztes Handtäschchen zurück. „Ich weiß, was los ist! Macaulay – er lässt das Schloss durch den Geheimgang räumen! Er schützt den Raum – bestimmt!"
„Was – Macaulay?! Langsam, Harry – was" –
Er ist hier!", zischte ich und meine gegenüber wurden weiß. „Macaulay ist hier! Er selbst! Und die ganze McKean-Staffel – ich hab grade die Einsatzbesprechung von vorn bis hinten mitgehört – heimlich! Sie übernehmen ab hier!"
„Gott sei Dank!"
„Macaulay kommandiert selbst – er hat die Evakuierung angeordnet!"
„Oh Mann …", hauchte Hermine und warf einen wachsamen Blick über die Schulter. „Das heißt, unser Horror ist vorbei?"
„Naja" –
KNALL – der Blitz eines Fluchs erhellte den Nachthimmel vor dem Fenster – wir sprangen zur Seite.
„Hast du ihn gesehen?"
„Nur von hinten", antwortete ich Ron mit einem Seitenblick, in meiner Brust hämmerte es. „Cyprus Hill war seine Aufwärmrunde – das sage ich euch! Der Kerl ist irre!"
„Im positiven Sinn!?"
„Er hat die Teams auf den Einsatzort eingestellt, Schutzmaßnahmen treffen lassen – er weiß, wen er vor sich hat, aber er war völlig gelassen! Und ich glaub – nicht grundlos! Ein Team schafft die Leute raus, und die anderen – er lässt das Schloss nach dunklen Zaubern abgrasen, stellt Fallen – sämtliche seiner Medimagier hat er anrücken lassen – er hat allesamt quasi aus dem Bett hergeholt und die sind mehr als ausgeschlafen!"
„Hä?!"
„Die Zeitverschiebung", sagte Hermine sofort und ich bewunderte sie dafür, dass sie noch klar denken konnte. „Macaulay hat doch seinen Sitz mit der Staffel in Australien!"
„Aber einige von McKeans Teams haben gefehlt – ich wette, dass er die auf die Horkruxe angesetzt hat!", fuhr ich eilig fort, während ich den Gang hinter den beiden ständig im Auge behielt. „Vielleicht seid ihr auch deshalb aus dem Raum geflogen – Macaulay will nicht, dass sich der Einsatz herumspricht!"
„Du meinst also, er weiß, der Horkrux ist drin?"
Ich nickte. „Bestimmt! Er weiß auch, dass ich einen – besonderen Draht zu Voldemort habe! Deshalb will er mich hier behalten" –
„Was?!"
„Was – heißt das – er will dich hier behalten?!"
„Das, was es heißt!", fauchte ich. „Er will mich als Lockvogel – für Voldemort!"
„Dann bleiben wir auch!"
„Das wird nicht gehen – er hat Zwangsmaßnahmen angeordnet!", sagte ich und Hermines Mund schloss sich nur langsam. „Er meint es ernst – er will niemanden hier haben! Nicht mal in der Nähe!"
„Das gefällt mir nicht, Harry!", knurrte Hermine und sah ängstlich aus – noch mehr als ohnehin schon. „Wir haben es bis hierher zusammen geschafft – ich weiß, du bist nicht allein, wenn wir wegmüssen – aber – es gefällt mir nicht!"
„Mir auch nicht", kopfschüttelte ich und war tatsächlich alles andere als erpicht auf einen Alleingang mit hundert Auroren. „Aber wir haben keine Wahl – sein Wort gilt jetzt! Ob wir wollen oder nicht! Ich bin nur froh, wenn ihr in Sicherheit seid!"
„Aber was ist mit dir?"
Wir kamen nie dazu, dieses Thema fertig zu diskutieren – Turner, im Schlepptau fünf Agenten, bog zwei Flure weiter um die Ecke.
„Oh Gott – sie kommen schon!", entfuhr es mir erschrocken.
Die Luft begann zu vibrieren – kurz starrten wir uns wie gelähmt an, aber wir waren uns schnell einig: Widerstand gegen die stärkste Staatsmacht war zwecklos – es würde passieren.
„Hermine, hör zu – sie werden mich schon nicht gegen Du-weißt-wen antreten lassen!", sagte ich eilig. "Macaulay will nicht mal, dass seine Auroren ihm die Stirn bieten! Er hat sie beschworen, den Amirauté zu rufen, sollten sie auf ihn treffen!"
„Das wundert mich nicht!", sagte Hermine und versuchte sichtlich, sich vom kommenden abzulenken. „Es heißt, Dumbledore hatte etwa Amirauté-Niveau … also…"
„Harry, wie war Macaulay?", sprach Ron plötzlich ebenfalls sichtbar nervös aus, was ihm die ganze Zeit schon durch den Kopf zu gehen schien. „Hast du ein gutes Gefühl?"
Ich überlegte kurz, nickte aber. „Ja", sagte ich und nickte erneut. „Ja – er hat die Lage im Griff – definitiv!"
„Du musst dich doch nicht fürchten, ihn zu treffen, oder?", fragte er weiter und ich steckte auch die Karte in den Beutel. „Den meisten Senatoren will niemand über den Weg laufen…"
„Ich glaube nicht! Also zumindest seinen Leuten gegenüber war er alles andere als furchteinflößend!", antwortete ich und versuchte meine Freunde so gut es ging zu beruhigen. „Er pocht nicht mal auf die Höflichkeitsregeln – sie haben weder salutiert als er gekommen ist, noch ihn im Plural angesprochen – nichts! Sie durften ihn sogar unterbrechen!"
„Tatsächlich?"
„Ihr werdet es nicht glauben, aber – ja – er ist cool! Er ist ein lässiger Typ, wirklich! Charmant, witzig – er hat sie ermutigt. Ich glaube, er hat das Herz am rechten Fleck! Was über ihn gesagt wird, scheint zu stimmen – er ist – ungewöhnlich jung – zumindest von hinten und er klingt so! Er war souverän – er war einfallsreich, ratgewandt. Und er lässt sie kaum ohne sich selbst ins Feld ziehen! Ich schätze, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen!"
Hermine und Ron atmeten auf.
„Ich wünschte, er hätte schon früher übernehmen können", sagte Hermine und darüber waren sich alle einig.
„Ich wünschte, ein Typ wie er wäre Zaubereiminister gewesen!", entgegnete ich. „Er hätte auf den Ratschlag des Senators gehört und den Kampf gegen Voldemort sofort aufgenommen – nicht wie Fudge! Es wäre nie so weit gekommen!"

„Hermine Granger und Ron Weasley?", rief Charles Turner schon von weitem – mir sank das Herz in die Hose.
Langsam wandten sich die beiden um, um die sechs Anzugträger wie eine Wand auf sich zuschreiten zu sehen. „Ja…"
„Appui Charles Turner – Weltsicherheitsrat – Sie sind festgenommen!", verkündete Turner und mir sank das Herz in die Hose – das war wesentlich mehr als nur evakuiert zu werden. „Schutzhaft – angeordnet vom britisch-australischen Vertreter! Er übernimmt die Schlacht ab hier!"
Es brauchte weder Umhang, noch Rangabzeichen und schon gar keinen Ausweis, um ihm zu glauben. Allein, dass er die Worte in den Mund nehmen konnte, war der magische Beweis dafür, wer er war und wer ihn beauftragt hatte.
„Kommen Sie mit!", forderte der Auror neben ihm die beiden auf und wollte mit seinem Kollegen vortreten, als Hermine ihre schauspielerischen Talente rausholte:
„Was ist mit Harry?"
„Amirauté McKean erwartet Sie, Harry", wandte sich Turner mit tiefer Stimme an mich und mir lief ein Schauer über den Rücken. Es wurde von Moment zu Moment realer. „Wollen Sie sich verabschieden?"
Erstaunte Blicke flogen herum. Hermine schniefte heftig, wir schlossen uns in den Arm.
„Pass auf dich auf", flüsterte sie und über ihre Schulter wechselten Ron und ich nur einen Blick, mit dem alles gesagt war. Einen Moment schloss ich die Augen, versank in meiner besten Freundin und es gab mir mehr Mut, als ich zugeben wollte.
„Schnell, die Zeit drängt!", bot der Appui Eile und warf einen Blick zu seinen Leuten. „Ich gehe mit den beiden – begleiten Sie Mr. Potter!"

Ein schreckliches Gefühl beschlich mich, als Turner Ron und Hermine in die Gegenrichtung winkte. Als würde ich sie nie mehr wiedersehen. Die Gegenwart meiner fünf Begleiter machte es nicht besser, denn wofür sollte Turner der Meinung sein, dass ich fünf Bodyguards brauchte, die die Zauberstäbe im Anschlag hatten?
„Mr. Potter – bitte hier entlang!", sprach mich der Älteste der fünf, ein großer Mann mit Stupsnase und braunem Haar, ohne Umschweife an und – als hätte ich es nicht geahnt – wir schlugen den Weg zurück Richtung Bibliothek ein. „Ich bin Soutién Hawkins – ich vermute, Sie können sich zusammenreimen, weshalb Sie hier bleiben sollen?"
Ich nickte nur – ich brachte kein Wort hervor.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen – der Amirauté beißt nicht!", fuhr Hawkins fort. „Es wird Ihnen in unserer Obhut nichts geschehen – es geht lediglich darum, Lord Voldemort bei Laune zu halten, wenn Sie so wollen!"
Ich bebte dennoch vor Aufregung – vor allem, als er mit dem nächsten kam:
„Nachdem Sie freilich noch nie mit dem hohen Senat konfrontiert waren, Mr. Potter – Amirauté McKean ist gewöhnlicherweise sehr umgänglich, aber bleiben Sie dennoch vorsichtig! Seien Sie nicht forsch, geschweige denn unhöflich oder frech und halten Sie sich besser einmal zu oft zurück! Lassen Sie ihn zu sich kommen und wenn es gar nicht anders geht, sprechen Sie ihn mit dem Titel an! Am besten – halten Sie sich danach, wie der Amirauté Ihnen begegnet, dann kann nichts schief laufen!"
Ja. Dem hohen Senat – Amirauté und Senator – stand einiger Respekt zu, allein schon dafür, wie lange sie Ihren Job bereits machten. Macaulay mit seinen hundertsechsundsechzig Jahren hatte schon einiges an Durchhaltevermögen vorgelegt – auch die britisch-australischen sieben Amirauté mit vielleicht hundertdreißig. Aber auch die Auroren um mich, so jung sie waren, erschienen die Professionalität pur. Sie waren Agenten – oder am Weg dahin, aber keine klassischen Auroren mehr. Das war deutlich zu spüren.

Noch nie war mir der Weg durch das Schloss so lang vorgekommen. Ich hatte keine Angst vor dem Amirauté – McKean war mir keinesfalls unsympathisch erschienen. Aber wäre es nach mir gegangen, ich wäre runtergerannt – um denjenigen zu helfen, die Turner und sein Team noch nicht rausgebracht hatten. Obwohl ich ahnte, dass andere der McKean-Gruppen den Kampf sukzessive übernahmen und Schüler und Orden irgendwo im Schloss in Sicherheit brachten, von wo aus Turner sie rausbringen konnte. Gegen meine Natur handeln zu müssen war unerträglich – noch nie hatte ich einem Befehl so widerstandslos folgen müssen, irgendeine Möglichkeit hatte es immer gegeben, meinen Kopf durchzusetzen. Aber gegen Macaulay nicht. Es war eine Straftat – man riskierte Jahre, wenn man in einer Situation wie der jetzigen seinen Anordnungen nicht nachkam. Der Senator verstand sich in Zeiten des ausgesprochenen Notstands nicht nur als Oberbefehlshaber seines eigenen Stabs.
Tief in Gedanken setzte ich einen Fuß vor den anderen, wie in einem Traum, und dachte nur: Es würde bald vorbei sein. Vielleicht schneller als angenommen:

Sechs Köpfe schossen herum – plötzlich schallte ein lautes Knacken von links – aus dem Flur des Verteidigungsklassenzimmers –
„DECKUNG!"
McB!", bellte Hawkins neben mir – stieß mich mit einer Kraft nach vorn, hinter der eigentlich nur Magie stecken konnte – ich flog praktisch an den nächsten drei Rüstungssockeln vorbei. Außer Treffweite der gut zwanzig Todesser, die von links kamen und gegen die nunmehr die fünf Agenten die Stäbe hoben.
„POTTER!"
„ER DARF NICHT ENTKOMMEN!"
„ZUM ZIEL!"
Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Es ging ums nackte Überleben als ich losrannte – hinter mir Knallen, berstendes Mauerwerk, Schreie. Puls pochte in meinen Schläfen – ich schlug mehrere Haken, immer in der Gewissheit, sie würden nicht lange gegen so viele Gegner ankommen. Doch der Lärm wurde nicht leiser – aber meine Schritte erschienen immer lauter, als ich immer weiter von dem Kampf weg, die Treppen hoch und außer Reichweite kam.
Vor Anstrengung fiel ich beinah zu Boden, lehnte mich heftig gegen eine Mauer – rang nach Atem – und versuchte, mich wieder zu orientieren. Meine Füße hatten mich trotz jedem Schreck in die richtige Richtung getragen, die Bibliothek war noch vielleicht hundert Meter entfernt – ich musste weiter.
Doch ich kam nicht weit. Eine Biegung weiter lief ich in die nächste Gruppe und wusste augenblicklich – das war's
„PROTEGO!"
Fenrir Greybacks Fluch prallte von meinem Schild zurück, aber die restlichen sechs holten gerade erst Luft – „Expelliarmus!" – Zumindest einer von ihnen verlor seinen Zauberstab – hechtete ihm hinterher – „Impedimenta!" – ich schwang den Zauberstab – Flüche prallten zusammen – Funken stoben durch den Gang, der Boden erbebte – „BOMBARDA!" –
KNALL – Vincent Crabbes Vater und noch ein zweiter gingen zu Boden, als Trümmer der Decke sie trafen und ich war von dem Gedanken, dass sie womöglich durch meine Hand sterben würden, eine Sekunde zu lange abgelenkt –
AVADA KEDAVRA!"
Ich sah ihn nur aus dem Augenwinkel heransprinten. Chino, Hemd und Gilet wie maßgeschneidert sitzend, darunter in die Breite trainierte Schultern – mein Herz blieb stehen. James Macaulay höchst selbst warf mich hinter einen massigen Sockel und rettete mir so zweifelsfrei das Leben. Ich fuhr herum – einer der perfekt aufgekrempelten Ärmel seines blütenweißen Hemds rauchte, Blut sickerte über seinen sonnengebräunten Unterarm bis ins silberfarbene Band seiner Omega – von Angesicht zu Angesicht blickte ich nun in seine Augen … und erstarrte zu Stein.
Die Todesser und selbst Voldemorts Präsenz verschwanden aus meinen Gedanken. Sprachlos starrte ich in sein Gesicht. Mit einem Mal fühlte ich mich unter seinem warmen Blick wie in einer eigenen kleinen Welt … beschützt, sicher, geborgen … unschuldig und nichts hinterfragend. Ich war völlig von ihm überwältigt.
Er sah unglaublich aus. Er war so jung … sein Blick so wach und offen … nicht mal seine feine Haut sah müde aus. Nicht eine nennenswerte Linie zeichnete sich in seinem charmanten Gesicht ab … erst auf den zweiten Blick zeigten sich einige Lachfältchen rund um seine klaren, sanften Augen, die ihn aber bloß erwachsen – keinesfalls alt aussehen ließen.
Im Herzen hatte ich vom ersten Moment an gewusst, wer er war … doch ich hatte es nicht sehen wollen, es konnte nicht wahr sein. Wie oft hatte mir meine innere Stimme schon einen Streich gespielt… Ich schüttelte den Kopf, um den Gedanken los zu werden, doch mein Blick flehte ihn nahezu an … um die einzige Antwort, die ich ertragen hätte. Und keine andere bekam ich von ihm.
Er nickte stumm und mir versagte der Atem – sein Blick schoss hoch, als weitere Flüche den Gang entlang brausten. Seine zarte Hand drückte mich gen Erde – bedeutete mir, in Deckung zu bleiben, als er an mir vorbei in den Gang hinaus sprang – meine Knöchel knickten weg und ich sank auf den Boden.
Den Krach hinter mir hörte ich wie durch einen dicken Schleier, ich war wie gelähmt. In meinem Kopf tauchte das Bild von James Macaulays V-Rücken aus der Bibliothek auf und außer Stande zu einem klaren Gedanken legte mein Gehirn dieses mit dem jetzigen zusammen. Langsam wandte ich mich um und sah nur wie die verbliebenen Todesser durch die Luft segelten.
Er, die Hand noch erhoben als hätte er sie einfach mit seiner Bewegung weggefegt, hatte keine Miene verzogen. Allein der warme Ausdruck war aus seinen Augen verschwunden, so spurlos, dass ich bezweifelte, ihn je darin gesehen zu haben.
Société, alles in Ordnung!", raunte er, während Voldemorts Schergen leblos von der Wand herunter zu Boden stürzten, und seine Stimme traf meine Trommelfelle – meinen ganzen Körper wie ein Donnerschlag. Sein ruhiger, klarer Bariton ließ mir alle Haare zu Berge stehen – plötzlich war mir klar, wie er geklungen hatte und es gab keinen Raum mehr für Zweifel.
Der Bezwinger von Joce Gray … der Kommandant von Cyprus Hill … der hohe Vertreter von Großbritannien und seinen Kolonien, Irland und Australien … mit der ehrenhalben Befehlsgewalt über Italien, Neuguinea, Indien, die USA und die Karibik … James Nute Kamien Macaulay … war mein Vater.

Was immer ich mir vorgestellt hatte … was immer ich darüber gedacht hatte, wie er ausgesehen hatte … mir war nie klar gewesen wie er wirkte, welche Ausstrahlung er hatte. Allein seine Größe wirkte, nun da er hier stand und mich um fast einen Kopf überragte, wesentlich eindrucksvoller.
„Dreh mir jetzt bloß nicht durch!", sagte er leise und wandte sich um. Mir war als hätte er geschrien, damit hatte er den Schleier über meinem Gehirn durchbrochen; ich erhob mich langsam, blinzelte ungläubig. „Alles in Ordnung?"
Es platzte aus mir heraus: „Du lebst?!"
„Scht!", fauchte er mit einem prüfenden Blick den Korridor hinunter. „Das ist kompliziert! Aber letztlich, ja!", sagte er als wäre er von einer Geschäftsreise zurück. „Es tut mir Leid, Harry – ich krache nur ungern so mit der Tür ins Haus" –
„Ha!" Ich konnte es einfach nicht begreifen und ihn meinen Namen sagen zu hören war fast gleichbedeutend mit einem Schlag in die Zwölf – dass er ihn überhaupt kannte, wie eine persönliche Beleidigung. Ich starrte in seine Augen, als hoffte ich, sie würden noch eine andere Farbe als sein warmes, faszinierendes Braun annehmen. Es musste einfach ein Alptraum sein!
„Ich habe jetzt keine Zeit für irgendwelche Erklärungen! Wir müssen nur eine Sache besprechen, bevor du dir die Schlange vorknöpfst!"
Perplex fuhr ich zurück. „Was?"
James winkte ab. „Niemand weiß von unserer speziellen Beziehung – und es ist überlebenswichtig, dass das so bleibt!"
Er sah nicht im Mindesten angriffslustig aus, trotzdem kochte brodelnder Zorn in mir hoch.
„Jeder Idiot sieht, dass wir verwandt sind und das können sie auch wissen!", fuhr er ruhig aber eindringlich fort und blickte beiläufig auf seinen Ärmel hinunter – der Blutstrom war verschwunden, als wäre er nie da gewesen und die Wunde glomm unheimlich unterm Hemd. „Aber mit der Tatsache, dass wir enger nicht verwandt sein könnten, verhält es sich anders! An der Geheimhaltung dieses Faktes hängt weit mehr als die Entscheidung dieser Schlacht, Harry! Deshalb, um Gottes Willen, nimm den Befehl von mir als hohem Auroren an und halt die Klappe!"
Mir stand der Mund offen. Ich konnte nicht mal denken, ich starrte zu ihm hoch – reichte ihm wohl geradeso bis zur Nase – und wollte etwas erwidern, wollte ich wirklich, doch ich brachte keinen Ton heraus – und schon bevor ich in Verlegenheit kommen konnte, etwas zu sagen, war er disappariert.

TBC