Ian Barrymore
Ich hatte nicht mal mehr Worte dafür.
Er wirkte wirklich – und es war der schmerzhafteste Gedanke seit ich denken konnte – wie der liebevollste Mensch, der mir je begegnet war. Was war das? War es er als bloßer Chef – als Taktiker? Warum sonst nur zu allen anderen?
Ich zitterte vor Zorn – ich wollte nicht mal mehr heißen wie er. Aber an James konnte ich ihn nicht auslassen. Seine Bodyguards hätten bestimmt einiges dagegen, wenn ich ihm den Schädel einschlagen würde. Also besann ich mich auf den Ursprung des gesamten Schlamassels: Voldemort.
Beim ersten Gedanken daran, dass James die Schlange erwähnt hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Sie war der letzte Horkrux. Ich hatte durch ihre Augen gesehen, als sie Arthur Weasley attackiert hatte – ebenso wie schon durch Voldemorts. Sie musste es sein und es war ebenso genial von Voldemort wie fatal für seine Gegner. In meiner Jackentasche spürte ich den Basiliskenzahn, den Hermine mir im letzten Moment zugesteckt hatte und beschloss, meine Anwesenheit inn James´ Reichweite so kurz wie möglich zu halten. Nicht, dass er den Eindruck erweckt hätte, er würde sie sich längerfristig wünschen. Also lehnte ich mich gegen die Wand und ließ den Geist ausschweifen.
Kaum eine Viertelstunde nachdem sie Clay Harman auf die Notfallaufnahme verfrachtet hatten, war der junge Auror im OP. Er wurde versorgt vom Gefäßspezialisten Roger Leaf, der ihm provisorisch den Arm annähen und ihn anschließend festheilen würde. Nicht alle Arten von Gewebe reagierten auf die Heilkraft der hohen Auroren gleich und mussten daher auf andere Weise vorher präpariert werden, ehe die Heilung klappte. Nur der Amirauté, Lex Agnew, und der Senator waren im Stande (wenn es auch unverhältnismäßig kräfteraubend war), jede Art von Verletzung ohne Vorarbeit zu kitten. Und der Senator apparierte soeben zurück in die Bibliothek.
„Schick!", kommentierte der dort anwesende Sicherheitschef.
„Ich werde mich hüten, meine Amtszeit nicht stilgerecht zu beenden!", entgegnete James, obwohl er in der Zwischenzeit wieder mehr Mut gefasst hatte und fing sich einen mordlüsternen Blick ein. Tatsächlich hatte er sich umgezogen und steckte jetzt in einer neuen lässig-eleganten Kombination aus tief sitzender Slim-Chino in schwarz, dazugehörigem Gilet und camelfarbenem, schwerem Gehrock, und seinen Seidenschal von vorhin hatte er gegen eine Krawatte mit fingerbreiten, schrägen, schwarzen und weißen Streifen getauscht.
„Hast du dich beruhigt?", fragte Rick leise als James sich in seinen Chefsessel am Kopf des Tisches fallen ließ.
„Nein", antwortete er tonlos und sein Sicherheitschef hätte ihm auch nichts anderes geglaubt. James warf einen besorgten Blick über die Karte. „Alles in Ordnung?"
Rick nickte. „Die Todesser machen sich ziemlich schlecht. Und er ist immer noch auf seinem Spaziergang", sagte er und sah auf. „Er hat dir bei der Heilung über die Schulter gesehen. Wir sollten ihn besser zu Blake schaffen lassen…"
James erwiderte den Blick angespannt und atmete ein. „Er kocht", stellte er knapp fest und schüttelte seine Uhr unter der weißen Manschette hervor. „Es hätte keinen Sinn, ihn dazuzuholen, bevor er sich nicht abgeregt hat – er ist mit Abstand zu stur!"
Rick knackte mit den Fingerknöcheln. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm …", murmelte er in seinen Spitzbart.
„Allerdings, seine Mutter war diesbezüglich unmöglich!", raunte James mit einer gehörigen Portion Sarkasmus – natürlich hatte er den (durchaus nicht böse gemeinten) Seitenhieb verstanden. Doch sein leichtes Lächeln erstarb schnell wieder; er atmete durch. „Ich weiß, er flippt. Aber ich muss mit ihm reden – auch auf die Gefahr hin, dass er vielleicht etwas einschlägiges ausspricht! Sonst" –
„Bist du wahnsinnig?" Rick fuhr auf. „Noch gibt es weit und breit keinen Beweis – willst du einen liefern?!"
„Nein", antwortete James ruhig. „Nur, ich fürchte, dass sie in der Lage auch dann einen Beweis finden werden, wenn ich sie belasse, wie sie ist! Der Junge dreht durch, Rick – es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie spannen, weshalb!"
Die moosfarbenen Augen des Amirauté wurden dunkler.
„Vielleicht liefert er einen Beweis – vielleicht auch nicht! Feststeht jedenfalls, dass wir ihn runterholen müssen. Und ein Wort mit ihm zu wechseln ist immer noch risikoloser, als ihm eine Ausgabe der Senatsverfassung vor die Füße zu werfen und zu hoffen, dass er die Seite mit dem Lesezeichen aufschlägt!", fuhr James entschlossen fort. „Wer weiß – womöglich geht es auch gar nicht um ihn oder darum, was die Tatsachen sind! Womöglich geht es ihnen ausschließlich um mich – und darum, ob ich meinen Job machen kann. Und den mache ich definitiv falsch, wenn ich nicht dafür Sorge trage, dass er als Schlüssel gegen Voldemort kooperiert!"
Ich konnte mir nicht erklären warum, aber ich war nicht im Stande Voldemort zu finden. Es war schlecht, mehr als schlecht. Schlimmstenfalls war er hinter die Verbindung gekommen und hatte sich hinter einiger Okklumentik verschanzt. Oder war es James? Er hatte bestimmt einige Zauber um das Schloss ziehen lassen… War es Absicht gewesen, Voldemort von mir abzuschirmen? Aber welchen Sinn sollte das haben? Vorhin hatte er gesagt, er stünde vor den Toren … vielleicht wollte er ihn erst über der Schwelle und innerhalb der Appariersperre haben, ehe jemand auf Konfrontationskurs gehen konnte. Wenn ja, wäre das ziemlich genial. Und ich hasste mich für den Gedanken – ich hasste ihndafür.
Dann würde eben das Diadem meine Raserei abkriegen. Es existierte noch, ich hatte nichts gespürt, das mich vom Gegenteil überzeugen würde. Entschlossen machte ich kehrt, erneut mit einem altbekannten Ziel: Dem Raum der Wünsche.
Ich verfluchte mich dafür, dass ich die Karte in Hermines Tasche gesteckt hatte – was hatte mich nur geritten?! Doch ich begegnete keiner Seele, im Gegenteil: Je näher ich dem siebten Stock kam, desto leiser wurden die stetigen Geräusche des Kampfes tiefer unten im Schloss. Es sah schwer danach aus, dass die hohen Auroren den Auftrag hatten, jegliche Feinde von hier oben fernzuhalten. Ich verdrängte die Vorstellung – ich wollte nicht finden, dass er gut war – sonst würde ich auch noch stolz auf ihn – ich wollte jede gutaussehende Zelle von ihm verabsch–
Ich konnte nicht mal mehr hinter den Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten hechten, obwohl ich es vorgehabt hatte – aber es war zu spät dafür. Direkt vor dem Da-und-Fort-Raum, neben einem einzelnen Auror stand derjenige, den ich am wenigsten und am meisten von allen treffen wollte: James. Und er hatte meinen Blick schon aufgefangen. Gerade hatte er noch seinem (leicht) verletzten Schützling gut zugeredet, aber seine sympathische Miene versteinerte sich als er mich sah. Just in dem Moment verschwand der tiefe Schnitt am Unterarm des Agenten und zu seinen dankenden Worten kam er nicht.
„Vergessen Sie es, Ian", sagte James nur und als der Auror sich auf den Weg machte, fühlte ich mich mit Hut plötzlich drei Zentimeter groß.
James sah ihm kurz nach und das Herz schlug mir bis zum Hals. Er hatte sich umgezogen – es war die Hölle für mich, er sah klasse aus – offenbar kommandierte er ungern mit Blutflecken und das neue (ebenso perfekte) Outfit saß mindestens so gut wie das alte.
„Sollen wir reden?", riss er mich aus meinem Schock und beförderte mich geradewegs in den nächsten.
Ich starrte ihn kurz einfach an. Es war wie ein Traum und es wurde nicht wahrer. Mein Vater… Er war mein Vater. Ich war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten … aber er wirkte so völlig anders als ich. Er trug keine Brille. Seine Wangen waren voller, rosiger. Seine Mundwinkel höher. Seine schmale Nase länger und beinah unmerklich gerader. Die Züge männlicher – natürlich. Das rabenschwarze Haar in leichten Wellen, kaum störrisch. Die einzelnen Unterschiede waren klein, aber sie machten einen großen aus. Er war restlos attraktiver als ich. Zweifelsohne, wenn ich in meinen Körper die gleiche Arbeit reinstecken und noch eine Zeit auf einen höheren Testosteronspiegel warten würde, hätte ich dieselben Schultern und den Waschbrettbauch auch, schließlich steckte unter seiner trainierten Muskulatur derselbe Körperbau. Aber daran, dass ich kaum eins siebzig war und er über eins fünfundachtzig sein musste, änderte auch das nichts. Genauso wenig wie daran, dass sein Auftreten (ob schick angezogen oder nicht) unglaublich, er selbstbewusst und selbstsicher war – dass selbst seine Frisur saß!
Nichts änderte irgendetwas.
„Ich wüsste nicht, worüber", hörte ich mich sagen und sein neutraler Blick, der meinem traurigen ohne zu zucken standhielt, fühlte sich an wie ein Nagel auf Schiefer.
„Darüber, warum wir hier sind. Wenn schon nicht über dich und mich", entgegnete er ruhig und ich war froh, dass er sich nicht vom Fleck rührte. Allein seine Gegenwart und seine Stimme taten weh genug. Auch ohne dass er einen Schritt auf mich zumachte.
„Voldemort?" Ich klang höher als sonst. „Du brauchst mich für ihn", stellte ich fest und er nickte.
„Harry …", kurz überlegte er und die Spannung in meiner Brust wurde noch größer. „Ich brauche dir die Umstände zwischen dir und Voldemort nicht zu erklären. Du kennst sie besser als ich. In letzter Konsequenz wird er nur deinetwegen aus seinem Versteck kommen … wo er es sich auch immer einrichten wird. Und bis dahin… Du spürst die Horkruxe am zuverlässigsten auf. Auch wenn wir das Diadem mittlerweile haben … Voldemorts Schlange fehlt noch."
„Warum sagst du mir das?", fragte ich und war in seiner Gegenwart schlicht nicht fähig, meinen Zorn rauszukehren. Ich war zu überwältigt, er war ... Wahnsinn.
„Es ist dein Kampf", antwortete er als wäre es selbstverständlich. „Ich bin nicht hier, um dich davon abzuhalten, zu beenden, was du angefangen hast. Ich bin hier, um zu helfen."
„Ausgerechnet jetzt?", raunte ich und hätte ich über meinen Körper die kleinste Kontrolle gehabt, hätte ich ihn angebrüllt.
„Die Autorisierung kam nicht eher", meinte er und sein Bedauern war echt. „Ich hätte mich eher eingeschaltet. Viel eher."
Die Autorisierung… „Natürlich", knurrte ich. Darum ging es also.
„Hör zu, ich hab nichts dagegen, wenn du mich vergessen willst – den Gedächtniszauber kannst du haben!", sagte er plötzlich energischer. „Aber es hätte keinen Sinn, ihn auszusprechen, bevor die Geschichte mit Voldemort nicht erledigt ist. Und sie ist umso schneller vorbei, wenn du mit mir arbeitest – wir kommen uns so oder so in die Quere!"
„Ich soll also alles vergessen?", sagte ich so dumpf wie möglich, um das Zittern meiner Stimme zu unterdrücken. „Einen Job machen? Ein Held und ein Kerl sein? Es dir nachtun sozusagen?" Mein Ton war spöttisch, langsam taute ich auf. „Du stößt mich vor den Kopf – tauchst hier auf, als wäre es das normalste der Welt und erwartest noch, dass ich mitarbeite?!"
Viele Reaktionen hätte ich erwartet. Seine nicht.
„Ich nehme jeden Vorwurf zur Kenntnis. Sohnemann. Aber wenn du eine Entschuldigung von mir erwartest, muss ich dich enttäuschen. Mein Entschluss tut mir nicht Leid!", stellte er klar und – Plopp – ließ mich einfach stehen.
TBC
