Rick McMenamin
Ich wusste nicht, was zuerst kommen würde: Wutausbruch, Heulkrampf oder Ohnmacht. Ich stand da wie ein begossener Pudel und schaffte es nicht, mich zu bewegen. James hatte nur so wenige Sätze gesagt, aber sie zu verarbeiten brauchte lange. Er schien fertig mit mir. Fertig mit seinem alten Leben.
Ich hatte als Baby meinen Vater verloren und das war entsetzlich. Aber jetzt wusste ich, dass es ihn überhaupt nicht mehr gab. Dass ich nirgendwo einen Vater hatte. Und es riss mir die Eingeweide aus. Mein Dad existierte nicht mehr. Ich hätte am liebsten das Schloss in Trümmer geflucht und ihn mit dazu – doch konnte ich ihn dafür hassen? War es seine Schuld?
Plötzlich fragte ich mich, wie es mir ergangen wäre, wäre ich in jener Lage gesteckt, in die er seinerzeit geraten war. Ich brauchte irgendeine Erklärung oder einen plausiblen Gedanken, etwas, das den Schrecken der Situation wenigstens ein wenig erträglicher machen konnte… Wie hätte ich reagiert, wenn meine Frau ermordet worden wäre und ich vor der Entscheidung gestanden wäre, ihr zu folgen oder hoher Auror zu werden – und das alles im Wissen um mein Kind, von dem ich wusste (oder wenigstens davon ausgehen musste), dass ich es nie mehr wiedersehen würde.
Es musste ihn traumatisiert haben … genug, um alles von sich zu schieben? So weit von sich, dass er nichts, aber schon gar nichts, davon wissen wollte? Mit etwas, das ihm sein Leben bedeutet hätte, wäre er doch nicht so verfahren? Er hätte mich doch nicht hängen lassen … uns alle … oder doch?
Konnte man so gutherzig sein und gleichzeitig das eigene Kind vergessen – emotional vergessen? Auch, wenn man es zweifelsohne geliebt hatte? Konnte man so damit abschließen, dass nicht mal nach zwölf Jahren in seiner unmittelbaren Gegenwart (und wenn man es traf) irgendetwas hochkam? Ging das? In hundertsechsundsechzig Jahren? Konnte man es derart aus dem eigenen Leben ausschließen, dass auch Menschen, die man jahrzehntelang kannte und mit denen man engstens zusammenarbeitete, mit denen man teilweise sogar befreundet war (Blake McKean und er waren schließlich kaum umsonst per Jay), nichts wussten? Und nichts wissen durften?
Aber war es James selbst, der um keinen Preis wollte, dass es jemand erfuhr? Oder steckte doch mehr dahinter? Ihm als Senator konnte die Meinung von anderen zu seinem Privatleben schließlich herzlich egal sein – er war ernannt. Er hing von keiner Wählerschaft ab und konnte seines Amtes auch nicht ohne weiteres enthoben werden. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass es einen dienstlichen Grund hatte. Womöglich hing es sogar damit zusammen, dass seine Identität nicht ans Licht kommen sollte. Es musste irgendeinen Widersacher geben, der ihm mit dieser Information ernsthaft auf die Pelle rücken könnte.
Nichts desto trotz (und ich riss mich mit Gewalt aus meinem Anfall von Verständnis) konnte er von Glück reden, nicht als Hirschragout zu enden. Hundertsiebzig Jahre hin, Trauma her – schon aus Prinzip erwartete ich mehr von ihm, als das, was er ablieferte.
Seine Entscheidung (und es konnte kaum eine Diskussion darüber geben, dass er jene vor zwölf Jahren gemeint hatte) tat ihm nicht Leid. Er hatte also nie bereut, mich meinem Schicksal überlassen zu haben und mit dem Gedanken klang sein Vorschlag mit dem Gedächtniszauber plötzlich gar nicht mal so schlecht. Aber so leicht würde ich es ihm nicht machen. So schwer es für mich vielleicht war: Solange ich nicht definitiv wusste, dass es ihm wirklich am Arsch ('tschuldigung!) vorbeiging, würde ich dafür sorgen, dass er mit den Konsequenzen seiner Entscheidung leben musste. Und ich entschied mich für noch etwas (wenn ich es auch nie zugegeben hätte): Solange ich nicht den letzten Beweis hatte, dass ich ihm wirklich am A– gleichgültig war, würde ich alle Hebel in Bewegung setzen, ihn hinter seiner Mauer hervorzulocken. Irgendetwas musste doch hinter seiner Fassade stecken – ich wollte mich nicht damit abfinden. Ich würde es nicht! Nicht mit meinen Babyfotos und seinem strahlenden Gesicht drauf im Kopf.
Aber wie sollte ich ihn aus der Reserve locken?
Mmh … ich hatte es schon mal geschafft. Auch wenn es möglicherweise eine Verkettung von Umständen gewesen war, die dazu geführt hatten, dass ausgerechnet er mich aus der Tinte gezogen hatte (mitunter hätte er McKean geschickt, wäre der nicht mit der anderen Auseinandersetzung beschäftigt gewesen) – egal! Es war einen Versuch wert. Und ich suchte mir den gefährlichsten aus.
Es war nicht leicht, runterzukommen und mich zu konzentrieren. Ich brauchte einige Anstrengung, James rote Augen und Nüstern zu verpassen – es wäre leichter, wäre er hässlich. Ich atmete tief durch … und verließ schließlich meinen Kopf. Meine seit Stunden anhaltenden Kopfschmerzen intensivierten sich noch mehr – ich wusste sofort, diesmal würde es klappen.
Ich kämpfte gegen den Schmerz – gegen den Reflex, mich zurückzuziehen – schließlich formierten sich Bilder vor meinen geschlossenen Lidern. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig, als ich begann, durch die Augen von Voldemorts Untier zu sehen. Mein Herz wummerte – Nagini schlängelte in einem düsteren Raum herum. Ich sah Wasser, Steinwände und Ruder an den Wänden – sie war näher als ich angenommen hatte. Ich erkannte das Bootshaus unten am See. Die Wellen ließen eins der hölzernen Boote an den Stein schlagen, Stimmen waren zu vernehmen – sie wandte den Kopf. Voldemort war da – und gerade huschte jemand aus dem Raum.
Ich schlug die Augen auf. Zögern? Nein.
Rick McMenamin lief in der Bibliothek auf und ab wie ein aufgescheuchtes Huhn. Seine besorgten, ja angstvollen Augen trennten sich kaum von der Karte, von James. Jede Sekunde, die sein Sohn vor ihm stand, machte den Amirauté ruhiger und gleichzeitig nervöser. Denn entweder bedeutete es, dass James die Situation in den Griff bekam, oder aber, dass der Supergau mit jedem Tick der Uhr näher rückte. McMenamin schickte ein Stoßgebet nach dem anderen zum Himmel und nach dem nächsten Richtungswechsel – war James verschwunden.
Plopp –
Der Sicherheitschef wirbelte herum. „Jay – Merlin sei Dank! Was" – erschrocken registrierte er sein weißes Gesicht – „ist passiert?"
„Sie wissen es jetzt", sagte James nur. „Wenn die Wände um Harry im Moment so viele Augen und Ohren haben, wie ich vermute, wissen sie es jetzt!"
Rick sog scharf Luft ein – seine Brust zog sich zusammen und seine Ohren spitzen sich, als gäbe es irgendeine Möglichkeit, sie zu hören, bevor sie apparierten. Und das könnten sie jetzt jeden Moment. „James – ich" –
„Wehe!", knurrte James, er hatte sich mit seinem drohenden Schicksal längst arrangiert. „Keine Abschiedsworte, Rick!"
Einige Augenblicke starrten sich die beiden Freunde an und erst nach einer gefühlten Minute holte der erste Luft.
„Meinst du, die Tatsache allein reicht tatsächlich nicht?", wisperte der Amirauté – es war schon lange genug ruhig, um zu hoffen.
James zuckte die Schultern. „Nachdem sie immer noch nicht hier sind … wage ich, Ja zu sagen", sagte er leise und beide atmeten erst mal tief durch.
„Gott, Jay – du bringst mich noch ins Grab!", schnaufte Rick und schüttelte den Schreck ab. „Also – was war jetzt? Hat er es gesagt?"
James schüttelte den Kopf. „Ich selbst", antwortete er gefasst und Rick riss den Mund auf – verkniff sich aber die Standpauke. Es war raus – und irgendeinen guten Grund hatte James noch immer gehabt. „Ich hab einen Entschluss gefasst, Rick. Schon lange."
Rick nickte nur, atmete angestrengt aus. Es war klar gewesen.
„Du weißt, warum ich ausgerechnet hier und nicht sonstwo Senator geworden bin … weil ich den Kleinen beschützen wollte!", sagte James mit entschlossener Miene. „Das habe ich in den ganzen Jahren … und ich hab viel auf mich genommen, damit es möglich war. Ich hab auf das verzichtet, was ich am meisten wollte. Auf ihn. Und wenn das zu ändern bedeutet, mich mit dem Senat anlegen zu müssen, tue ich es. Ich riskiere den Interrogatio-Prozess! Sobald Voldemort erledigt ist … sobald Harry keinen Schutz mehr braucht… Das Schwert im Körper und womöglich damit zu sterben kann nicht schmerzhafter sein, als ihm nur ein Senator zu sein!"
Rick schloss kurz die Augen, während James mit unergründlicher Miene den Kopf schüttelte und die Hände in die Hosentaschen schob.
„Ich halte es durch, bis Voldemort fällt", verkündete er. „Oder – ich versuche es zumindest! Denn sonst wird sein Tod mit Sicherheit im Prozess eine Bedingung für das Fortsetzen meiner Amtszeit, die wir dann vielleicht nicht mehr erfüllen können! Gesetzt dem Fall, dass ich das Schwert überlebe, können wir bei Gott nicht noch mehr Herausforderungen brauchen, als die, die wir dann ohnehin haben werden."
Rick nickte mit zugeschnürter Kehle.
„Wir wissen jetzt … solange ich auf meiner Linie bleibe und Senator bin – nicht Vater – werden sie den Prozess nicht einleiten. Also" –
„Es ist dir nicht gerade rausgerutscht, oder?", raunte der Amirauté mit einer weit hochgezogenen Braue.
„Es selbst zu verraten, kommt immer noch besser, als darauf zu warten, dass Harry es tut!", antwortete James tonlos. „Er war platt – wie gerädert vor Wut. Ich habe es eingestreut, als es anfing, aus ihm rauszukommen – bevor er geplatzt ist!"
„Und damit bist du disappariert?", verstand Rick und James nickte traurig.
„Ich wusste ja nicht, ob sie auftauchen würden. Und das letzte, was ich will, ist, dass er es mitansieht!"
TBC
